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Rezensionen: Das Buch der Unruhe
Rezensionen Anonymous schreibt "

Das Buch der Unruhe
Fernando Pessoa
674 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Büchergilde – Aus 2007
ISBN: 3-7632-5858-1
24,90 Euro
Antiquarisch billiger

Pro:
Beunruhigend unruhig, berührend ereignislos, faszinierend unbestimmt
Kontra:
Ohne Kenntnis der portugiesischen Mentalität schwer zu verstehen


Der Steinbruch der Unbestimmtheit


Unbestimmtheit. Ob in der Natur, unserem Miteinander oder einem gut komponierten Kunstwerk: Es herrscht eine stetige Auseinandersetzung zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit. Fragt man Menschen, wie sie zur der Bestimmtheit oder der Unbestimmtheit stehen, werden die meisten der Bestimmtheit den Vorzug geben; ja einen solchen Zustand für normal oder gar erstrebenswert ansehen. Denn in einer Ordnung kann man es sich bequem machen; selbst wenn diese Ordnung nicht unseren Interessen entspricht.
Viele mögen es bedauern, man muss allerdings annehmen, dass in der uns umgebenden Welt aber ausgerechnet die ungeordneten Zustände der Normalfall sind; die Unbestimmtheit also. Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Je mehr Kraft wir aufbieten, um diese vertrackte Unbestimmtheit auszuschließen, desto mehr stellen wir fest, wie wenig dies zuweilen nützt. Mehr noch, in dem wir all diese Anstrengungen unternehmen, desto mehr Bedeutung messen wir dieser ungeliebten Unbestimmtheit bei; eigentlich herrscht sie aus dem Nichts heraus.
Lange hat man das wissenschaftlich nicht verstanden (allgemein versteht man das offenbar immer noch nicht) und so konnte der Mythos einer dominierenden Ordnung entstehen, die es dann erlaubt Voraussagen, Prognosen zu treffen. Doch auch die modernen Wissenschaften können sich von der Unbestimmtheit nicht frei machen und müssen sich oft mit der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten begnügen, obwohl doch in technischen, berechenbaren Systemen eine klare Kausalität von Ursache und Wirkung als Grundlage für Regeln und Ordnungen vorherrschen sollte; ganz davon zu schweigen, dass das in sozialen Gebilden eher die Ausnahme ist.
Menschen verursachen oft – bewusst oder unbewusst, durch tun oder nicht tun – Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen von Ursache und Wirkung das Kreuz brechen; es entsteht in der ach so geliebten Ordnung der Zufall, die bekannteste Form der Unbestimmtheit. Wir sollten endlich einsehen, dass die Unbestimmtheit weder aus unserem Leben, geschweige denn aus der Natur getilgt werden kann; im Gegenteil: Unbestimmtheit ist die ureigene, unzerstörbare Natur des Universums und somit auch unserer Welt. Über so einleuchtende Begriffe wie Angst, aber auch weniger klare Begrifflichkeiten wie Freiheit oder Zukunft, wirkt sich Unbestimmtheit auf unseren Alltag aus. So erkannt, kann man mit etwas mehr Selbstbestimmtheit einen gewissen Teil der Unbestimmtheit ohne weiteres eliminieren; das erfordert allerdings einen geschickten Umgang mit der Unbestimmtheit – Erkenntnis der eigenen Interessen.
* * *
Ein weites Feld der Unbestimmtheit ist die Kunst. Für Künstler ist die Unbestimmtheit sogar Voraussetzung und Gegenstand ihrer Arbeit; weswegen es gerade hier ein verbrieftes Recht auf Freiheit gibt. So wie der Lauf der Dinge niemals vollständig bestimmt sein wird, ist auch jenes Irritierende, Poetische, Undeutliche, mit dem uns ein Kunstwerk berührt, oft kaum zu benennen. Was man benennen kann ist das Beispiel. Meine Leserinnen und Leser werden vermuten, dass an dieser Stelle die Erwähnung eines Werkes der lateinamerikanischen Literatur folgt… dem ist aber in diesem Falle nicht so. Ich habe mit dem Begriff dieser Einleitung einen Autoren im Sinn, der schon zu Lebzeiten – und erst recht in den Jahren nach seinem Tod – selbst zu etwas Unbestimmtem geworden, der aber gleichzeitig auch seine eigene Bestimmung gewesen ist; den zu Lebzeiten niemand mochte und dem nach seinem Tode viele folgten; der sich selbst erfand und selbst zerstörte: Der portugiesische Dichter, Essayist, Prosaist, Rezensent, Übersetzer, Esoteriker und philosophische Schriftsteller Fernando Pessoa (FP).
Selbst sehr vielen an Literatur wirklich interessierten Leserinnen und Lesern wird dieser Name nichts sagen, vielen an portugiesischer Literatur interessierten Leserinnen und Lesern wird dieser Mann zwar, zumindest dem Namen nach, bekannt sein, wenige aber haben sein berühmtestes Werk gelesen, um das es im Folgenden gehen soll: „Das Buch der Unruhe“. Das ist recht seltsam, handelt es sich doch bei diesem Autor um einen der einflussreichsten Schriftsteller der modernen Literatur (er ist nicht nur der Begründer der modernen Dichtung seines Landes, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der gesamtem zeitgenössischen Literatur überhaupt), und seltsam auch deshalb, weil es sich bei diesem Buch schon um so etwas wie ein Kultobjekt handelt.
Diesen Schriftsteller hier im Rahmen einer Besprechung vorzustellen ist unmöglich und ich weise vorsorglich schon mal auf das Buch „Algebra der Geheimnisse“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) hin, in dem das Schaffen des Autors von sehr sachverständigen Menschen (z.B. dem Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz) in mehreren fundierten Aufsätzen erläutert wird. Dennoch möchte ich kein Buch von FP besprechen, ohne wenigstens den Versuch eines Überblicks auf seine Biographie und seine Persönlichkeit zu wagen; für viele Menschen liegt gerade in der schillernden Persönlichkeit des Schriftstellers die Faszination für die Vielfältigkeit seines Werkes und die selbe Vielfältigkeit ist auch so etwas wie die Tragik seines Lebens, das sich schon sehr früh in einer Leberzirrhose auflöste. Dazu zitiere ich mich selbst:
* * *
FP wurde am 13.6.1888 in Lissabon/Portugal geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater. Seine Mutter heiratete erneut und zog mit ihrem Mann, der als portugiesischer Konsul im diplomatischen Dienst tätig war, nach Durban/Süd Afrika. Hier wuchs FP wohlbehütet und – was für sein zukünftiges Schaffen von größter Bedeutung sein sollte – zweisprachig (englisch und portugiesisch) auf; er hatte sozusagen zwei Muttersprachen. 1905 kehrte FP nach Portugal zurück und lebte fortan bis zu seinem Lebensende ausschließlich in Lissabon. In dieser Stadt ging FP unauffällig in der Masse auf, sein Habitus und sein Auftreten waren so unauffällig, als versuche er sich unentwegt aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit herauszulösen. Doch das ist nur die Vorderseite der berühmten Medaille, dass er unentwegt schrieb ist der Beleg dafür, dass er dem Thema Nachruhm keineswegs gleichgültig gegenüber stand.
Wer nun war dieser FP wirklich? Eine einfach daherkommende Frage… aber wie einfach daherkommenden Fragen oft einen Kosmos von Antworten erzeugen können, ist es auch in diesem Falle, da sich – auch wenn sich das eigenartig anhören sollte – allein schon der Mensch FP nicht auf eine einzelne Person reduzieren lässt. Dieser unscheinbarer kleine Mann, der Jahrzehnte ein unauffälliges Leben als Übersetzer von Handelspapieren in Lissabon zubrachte, war gleichzeitig ein Gigant des Denkens, der das intellektuelle Klima in Portugal mit seinem Denken beeinflusste. Natürlich wusste man, dass er schrieb; er veröffentlichte Beiträge über viele Themengebiete in wichtigen zeitgenössischen Zeitschriften. Dennoch war er nur einem kleinen Kreis von Leuten (z.B. Literaturkritikern) als Schriftsteller bekannt, da er außer einem Band Gedichte zu Lebzeiten nichts veröffentlichte.
Wenn je die Schriftsteller-Floskeln „Er schrieb für die Schublade“ stimmte, dann stimmt sie, weil das für FP zutrifft. Er schrieb über dreißig Jahre lang überaus fleißig und produktiv…für die berühmteste Wäschetruhe der Welt. Rein schon vom Umfang her gesehen, ist sein Werk, das er sorgfältig in der eben erwähnten Truhe aufbewahrte, erstaunlich und umfasst über 28.000 Manuskripte, die lange Zeit unveröffentlicht blieben. Erst Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, erlangte man eine Ahnung davon, was, wer und wie wichtig er war und hat in Portugal nach und nach seine Werke herausgebracht; nur ein kleiner Teil davon liegt in Deutsch vor. Und immer noch mühen sich sehr kluge Leute mit der Wäschetruhe ab, die nicht leer zu werden scheint… und immer noch fördern sie Erstaunliches aus dieser Truhe heraus; das ist auch der Grund für diese Besprechung.
FP erstaunt (oder verwirrt) nicht nur ob seines vielfältigen und komplexen Schaffens, sondern auch wegen der „Vielfältigkeit“ seiner eigenen Persönlichkeit. Es will uns vorkommen, dass sein Familienname Pessoa so etwas wie Programm für ihn wurde, denn Pessoa ist auch das portugiesische Wort für Person, Maske, Fiktion, Jemand oder Niemand. Es leitet sich von 'persona' ab, der Maske der römischen Schauspieler – und FP machte sozusagen diesem Namen alle Ehre. Er dichtete, schrieb, dachte und philosophierte nicht nur als FP, sondern die Person Pessoa spaltet sich in verschiedene Persönlichkeiten auf, die er seine Heteronyme nannte. Aus seiner Korrespondenz geht hervor, dass er der Überzeugung war, diese Heteronyme seien in seinem Inneren aufgetaucht und führten ein Eigenleben; teilweise hatten sie auch eigene Biographien (siehe auch „Das Todesjahr von Ricardo Reis“ – auch hier bei Ciao vorgestellt). Das Wichtigste aber, diese Heteronyme schrieben – jedes für sich – grundverschiedene Arten von Literatur, die sich wiederum teilweise durchaus völlig widersprechen konnte. Wie er in „Algebra der Geheimnisse“ selber sagt, war er des Literaturbetrieb überdrüssig und meinte, dass wenn man Neues lesen wolle, müsse man sich seine Literatur selbst schreiben.
Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, ob FP in sich selbst wirklich so labyrinthisch verschlungenen war (was sehr ernst zu nehmende Leute für durchaus wahrscheinlich halten), oder ob die Wahrheit über seine Heteronyme eher in seinem überbordenden Erfindungsreichtum liegt und eher ein Spiel war (was viele annehmen, die sich multiple Persönlichkeiten nicht recht vorstellen können oder vorstellen mögen). Wie dem auch sei, fest steht, dass von dieser – für uns – befremdlichen Vielfältigkeit bis heute eine große Faszination ausgeht. Um einen kleinen Überblick zu geben: Dem wohl bekanntesten (Teil-) Heteronym, dem fiktiven Autor von „Das Buch der Unruhe“, Bernardo Soares, folgen die ebenfalls bekannten Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos, die formal und thematisch völlig verschiedenartige Lyrik schrieben. Etwas im Hintergrund blieben etwa António Mora, Raphael Baldaya und Pero Botelho, die sozusagen die Philosophen dieses FP-Universums waren. Last but not least sollen auch die weithin unbekannten, und selbst auch im Universum Pessoa etwas blass gebliebenen Heteronyme zur Nennung kommen: Alexander Search, Charles Robert Anon und Dr. Abilio Fernandes Quaresma (siehe auch „Die Stunde des Teufels“ – hier bei Ciao vorgestellt).
Betrachten wir uns nur die literarischen Verkörperungen oder Heteronymen von FP, so haben sie (also hat FP…) fast im Alleingang die ganze moderne portugiesische Literatur geschaffen. Obendrein kommen zu diesen sozusagen fest gefügten Heteronymen noch einige andere, meist flüchtig in Erscheinung tretende Gestalten, die sich zudem teilweise metamorphosengleich in andere Verkörperungen verwandeln. Da alle diese Heteronyme, Pseudonyme und FP unter eigenem Namen noch dazu fortwährend essayistisch in Zeitschriften tätig waren und zu philosophischen, historischen, politische und vielen anderen Themen Stellung nahmen und außerdem noch Beiträge in die englische und französische Literatur einbrachten, kann man getrost behaupten, dass FP der unbekannteste der einflussreichsten europäischen Schriftsteller war… und immer noch ist.
* * *
Ursprünglich wurden die Texte für „Das Buch der Unruhe“ in jener berüchtigten Truhe gefunden, die als Nachlass des Dichters in der Portugiesischen Nationalbibliothek die Jahrzehnte überdauert hat: 1935 hinterließ FP das Werk als lose Fragment-Sammlung und es fanden sich lediglich ein paar Notizen und Hinweise auf die endgültige Zusammenstellung des künftigen Inhaltes. In deutscher Sprache liegt das Buch seit 1985 vor; veröffentlicht vom, nicht nur in Sachen FP, äußerst verdienstvollen Amman-Verlag. Lange Zeit galt dieser Text als vollständig und das Werk somit als abgeschlossen.
Wie schon angedeutet, möchte ich diese Besprechung des wohl bekanntesten und gleichzeitig auch umfangreichsten Buchs von FP, der berühmteste Wäschetruhe der Welt widmen; Grund: Erst kürzlich aufgefundene Texte ergänzen die bereits bekannten Fragmente um 280 Seiten (!). Meine sehr geschätzte Büchergilde eröffnet uns mit einem preisgünstigen Nachdruck der Amman-Ausgabe in der Reihe „Büchergilde Klassik“ nun die Chance, das Buch in einer auf den neuesten Stand der Forschung gebrachten Ausgabe – ergänzt um die zusätzlichen Texte – lesend kennen zu lernen.
Wie es für Büchergilde-Ausgaben üblich ist, wird darauf geachtet, dass nicht die kleinste Kleinigkeit der Originale verloren geht; was in diesem Fall auch fürchterlich wäre. Ich verweise an dieser Stelle schon einmal vorsorglich auf die beiden Nachworte im Anhang des Werkes: Zum einen schreibt die Übersetzerin Inés Koebel darüber, wie sie ihre Aufgabe bewältigt hat und bemerkt: „Hätte Pessoa sein Buch der Unruhe selbst veröffentlicht, wäre dies vielleicht in einer anderen als der uns vorliegenden Form geschehen. So aber gibt es Einblick in Größe und Delirium eines vielfältigen Ichs, einer beunruhigend unruhigen, faszinierenden Existenz.“. Zum anderen schreibt Egon Amman persönlich einen kurzen Essay über FP und die Geschichte des vorliegenden Buches „Das Drama im Menschen“ und sorgt so für ein besseres Verstehen der Fragment-Sammlung.
Neben den schon erwähnten 280 neu entdeckten Seiten, wurden in weiteren Anhängen zwei erhellende Briefe abgedruckt, in denen FP das Werk „Das Buch der Unruhe“ erwähnt und darlegt wie er es sich vorstellt. Obendrein werden uns weitere Texte zur Kenntnis gebracht, die FP zum Thema Buchveröffentlichung geschrieben hat; auch das vertieft das Verständnis des Werkes. Schließlich werden uns als Anhang Textfragmente zugänglich gemacht, die nicht in die Textausgabe von „Das Buch der Unruhe“ aufgenommen wurden; wohl weil sie wissenschaftlich nicht eindeutig zuordenbar sind.
Bevor ich mich nun um „Das Buch der Unruhe“ kümmern kann, muss ich natürlich noch etwas zu seinem Autor sagen. Wie, etwas zum Autor sagen? Die biographischen Anmerkungen über FP haben wir doch schon gelesen. Ja, die biographischen Daten von FP haben wir schon gehabt, aber der Autor dieses Buches ist nicht FP, sondern ein gewisser Bernardo Soares… so erklärt es uns jedenfalls das Vorwort zur aktuellen Auflage, in dem FP uns diesen Mann vorstellt. Wie ich oben schon einschränkend schrieb ist Bernardo Soares kein „echtes Heteronym“, sondern es handelt sich eher um eine literarische Persönlichkeit, welche im Wesentlichen die Züge von FP persönlich trägt. Nun könnte man – eingedenk des Einsatzes eines Alter Ego bei anderen Autoren – allgemein von einem Pseudonym sprechen, doch FP besteht darauf, dass er persönlich das Werk „Das Buch der Unruhe“ NICHT geschrieben hat.
* * *
„Das Buch der Unruhe“ beginnt mit der ersten Seite… will sagen, dass wir den ersten Seiten unsere ganze Aufmerksamkeit widmen müssen, denn in einer unglaublichen Selbstbeschreibung stellt sich der Hilfsbuchhalters Bernardo Soares selbst vor. Diese gesellschaftliche Randfigur, diese gänzlich unbeachtete Existenz zieht einen sofort in Bann und sie ist gleichzeitig mehr als nur eine literarische Köstlichkeit dieses Buches. Was folgt ist sozusagen ein fiktives Tagebuch (allesamt kürzere oder längere Textfragmente) das nachdenklich macht. So kurz diese Texte auch sein mögen (und manchmal auch so widersprüchlich), sie sind brunnentief und zwingen uns fast zum Innehalten; so wird „Das Buch der Unruhe“ zu einem „Buch des ruhigen Überlegens“. Allerdings weise ich auf eine Weisheit der alten Arbeiterbewegung hin: Es gibt Gedanken, die man nicht denken kann, ohne sein Leben zu ändern; das macht wieder unruhig…
Natürlich wird man sich dieses Tagebuch anders vorstellen müssen, als man es gemeinhin bei Tagebüchern tut; nur sehr selten schreibt der Autor von seinen Verrichtungen im beruflichen oder privaten Alltag. So wie er sich und seine kümmerliche Existenz schonungslos bissig und mit unverhohlener Verachtung beschreibt, setzt er sich auch mit der ihn umgebenden Gesellschaft auseinander. Doch so bitter er sich seine Nichtigkeit auch vorhalten mag (er schreibt, er sei ein Nichts, eine leere Geste… untauglich für alles, was das Leben von ihm verlangt), es schwingt immer auch ein gewisser Stolz auf die Unverwechselbarkeit seiner Person; er ist eben gerade kein Mensch des Alltäglichen (wie alle anderen), sondern etwas Besonderes: eine empfindsame Seele.

Bernardo Soares führt sein Leben so, dass man präzise die Uhr nach ihm stellen könnte. Tag für Tag erhebt sich im Morgengrauen, verlässt sein bescheidenes Untermieter-Quartier, geht gemessenen Schrittes durch die Straßen der Lissabonner Unterstadt, hin zum Kontor in dem er geknechtet wird; das Kontor von Vasques & Co. in der Rua dos Douradores, die Strasse der Vergolder. Bei meinen Waderungen durch Lissabon habe ich natürlich die Strasse der Vergolder besucht, bedauerlicherweise weist keine Erinnerungstafel oä. auf FP hin. Wenn man allerdings mit den Beschreibungen des Bernardo Soares durch Lissabons Unterstadt geht ist es, würde man ihm jeden Moment begegnen. Bernardo Soares, ein äußerst korrekt gekleideter Herr mittleren Alters, klein (1,70 m) und hager (61 kg) von Statur, die runde Nickelbrille vor den Augen, den breitkrempigen Hut leicht auf dem Hinterkopf, verdient sein kümmerliches Gehalt als Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft; aber seine Leidenschaft gehört der Literatur. Hier wird die Ähnlichkeit der literarischen Person des Bernardo Soares mit seinem Schöpfer FP überdeutlich; ganz so hat man sich FP vorzustellen.
Das gilt umso mehr, als FP der typische portugiesische Hauptstädter ist; für sie besteht Portugal aus Lissabon mit etwas Land drum herum. Dementsprechend finden wir wunderbar eindringliche Passagen, fast Liebeserklärungen zu Lissabon, den Tejo, die Stimmungen der Tageszeiten in der Stadt. Aber diese Stellen, diese Tagebucheinträge sind eher die Ausnahme, denn Bernardo Soares schaut eigentlich überwiegend nicht nach außen, auf die Welt, auf die Gesellschaft, auf die Menschen, sondern er schaut nach innen; an einer Stelle schreibt er: „... ich bin stets hier, im Inneren, umschlossen von den hohen Mauern des Hofs meines Bewusstseins, meiner selbst.“ Und obendrein – quasi so, als würde ihm dieser Hof nicht genügen – treibt er eine Verinnerlichung des Außen; Landschaften werden zu Seelenzuständen, jeder noch so kleine Kontakt mit der Welt, wird Anlass zu einem Tauchgang in die Tiefe des eigenen Ichs; das er auch „glitschiger Brunnen ohne Wände“ nennt. Dieser Bernardo Soares tut sich sehr schwer mit dem Leben; er bezeichnet es als „unheilbare Krankheit“.
Bernardo Soares empfindet quasi körperlich die Unbestimmtheit, die uns – wie ich oben schrieb – aus allen Winkeln der Welt entgegentritt. Angesichts seiner Haltung zum Leben, resultiert daraus eine Art Überdruss am Leben. Er notiert: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem der Überdruss Person geworden ist, die fiktive Verkörperung meines Seins mit mir.“ So schreibt Bernardo Soares, freilich ohne Fakten zu nennen, eine Biographie des FP, welche das Drama seines Lebens aufs Genaueste widerspiegelt; was einem Bekenntnis gleichkommt.
* * *
Zwar schreibt Bernardo Soares: „Es sind Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so, weil ich nichts zu sagen habe.“ Da kommt nun wieder die Eitelkeit des Stolzes zum Vorschein, wenn er mit solchen Aussagen kokettiert; er hat nämlich sehr viel zu sagen. Er schreibt über das Bewusste und Unbewusste, über die Natur absichtsloser Empfindungen, die ihm widerwärtige Gesellschaft und über die Religionen… und den daraus entstehenden andauernden Überdruss. Und nicht zuletzt – wie könnte es auch anders sein – schreibt er auch über die Macht der Literatur, die uns das miese Leben vergessen zu lässt. Denn: "Wir alle, die wir träumen und denken, sind Hilfsbuchhalter in irgendeinem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir zählen zusammen und gehen weiter; wir ziehen Bilanz und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns."
„Das Buch der Unruhe“ ist – meiner Lesart zufolge – auch ein politisches Buch. Zwar ist Bernardo Soares kein Demokrat, so wenig wie FP selbst, aber was wir hier erkennen können, ist auch eine Reaktion auf die innenpolitischen Verhältnisse Portugals an Anfang des 20. Jahrhunderts, als das einstige weltumspannende Kolonialreich bereits dem Untergang geweiht war und die Monarchie (der FP anhing) einem chaotischen Wechselspiel demokratischer und diktatorischer Kräfte Platz gemacht hatte und Salazar anschickt, seinen autoritären und letztlich faschistischen "Estado Novo" errichtete, der schließlich 54 Jahre Bestand haben sollte.
Es ist durchaus erhellend, wenn ein Nichtdemokrat über politische Reformen und Revolution schreibt; sowohl in Hinsicht auf die Ausdeutung der Begriffe selbst, als auch zur Selbstreflexion derer, die Reformen oder Revolutionen anstreben. Aus diesen Reflexionen kann man als Demokrat oder Revolutionär durchaus lernen: "Revolutionär oder Reformer - sie erliegen dem gleichen Irrtum. Unfähig, die eigene Haltung zum Leben, das alles ist, oder zum eigenen Sein, das fast alles ist, zu beherrschen oder zu ändern, ergreift der Mensch die Flucht nach vorn, indem er versucht, die anderen und die Außenwelt zu verändern. Jeder Revolutionär, jeder Reformer ist ein Flüchtiger. Kämpfen heißt außerstande sein, sich selbst zu bekämpfen. Reformieren heißt, selbst nicht verbesserungsfähig sein."
Aus der im Werk enthaltenen Beschreibung der politischen Haltung des Autors, die wir verallgemeinernd auf alle Gesellschaften beziehen können, können wir lernen, warum autoritäre Regime entstehen können. Bernardo Soares verwendet einen Gedanken von Ernst Haeckel, wonach der Abstand vom überlegenen zum gewöhnlichen Menschen viel größer sei als der von diesem zum Affen, und verlängert ihn sogar: "Doch zwischen mir und dem Bauern gibt es einen Qualitätsunterschied, zurückzuführen auf die Existenz abstrakten Denkens in mir und uneigennütziger Gefühle; zwischen ihm und der Katze hingegen besteht in geistiger Hinsicht nur ein gradueller Unterschied." Es sind diese Dünkel, diese Übermensch-Phantasien, diese Überlegenheits-Rhetorik (wenn sie im Volk verankert ist), die den Aufstieg von Faschismus möglich macht.
Aber natürlich wäre es unsinnig auf diese Seite des Werkes mehr Gewicht als nötig zu legen; es ist halt nur ein Aspekt. Hauptsächlich beschreibt Bernardo Soares in 481 Fragmenten fortwährend sein eigenes Ich: seine seelische Befindlichkeit in all ihren Abstufungen, die Bedeutung des Traums, der eine wahrhaftigere Existenzform zu versprechen scheint als das Leben, und den Wunsch, sich in verschiedene Personen aufzusplittern. Es ist kein Handlungsstrang zu erkennen, es wird uns keine Geschichte erzählt, nicht einmal eine Bündelung der Themen ist in der Fragmentierung auszumachen.
Daraus ergibt sich auch die Handhabung dieses Buch, das man schlechterdings nicht als Ganzheit aufnehmen kann; was auch der Intention des Autors entspricht, der absichtlich auf erzählerische oder philosophische Zusammenhänge verzichtet. Dieses Werk wirkt quasi als Fundgrube – und ob der Schwere könnte man auch Steinbruch sagen – von Beobachtungsfragmenten, Gedankensplittern und Aphorismen. Wir stoßen auf poetische Betrachtungen von Gefühlen bis hin zu Ausführungen über die Natur des Schmerzes, aber man kann den Eindruck gewinnen, als beobachtete Soares einen anderen (in diesem Falle bestimmt FP persönlich).
* * *
Für mich ist dieses exemplarisch beschriebene Dasein des Angestellten in einer Lissabonner Stoffhandlung, zum Gleichnis der modernen Existenz geworden, die bei vielen Menschen den Eindruck völliger Sinnlosigkeit erzeugt. Das Werk ist für mich wie ein Almanach, den ich über Jahre hinweg mit mir herum tragen und jederzeit aufschlagen kann… um mich mit jedem gelesenen Abschnitt, über die Merkwürdigkeiten des Lebens belehren lassen.
Ich erinnere mich an meine ersten Leseversuche des Jahres 1985; über mehrere Jahre hinweg wollte es mir nicht gelingen, dieses berühmte Werk lesend für mich nutzbar zu machen. Damals hatte ich schon längst Portugal als Urlaubsland für mich entdeckt, es aber ebenso wenig verstanden wie das Buch. Erst als ich entdeckte, dass es eine Seelenverwandtschaft zwischen mir und der Portugiesischen Mentalität gibt UND das Buch in Portugal las, konnte ich begreifen, wie mich diese in „Das Buch der Unruhe“ zum Ausdruck gebrachte, die Seele umspannende, sehnsüchtige Traurigkeit dennoch nicht verzweifeln lässt.
Im Gegenteil. FP offenbart die Erkenntnis, dass man sich von Hektik und Konsumdenken befreien kann, indem man zu einer besseren Innerlichkeit gelangt. Aus der Einsicht um die vorherrschende Unbestimmtheit des Lebens und der Welt, entstand die portugiesische Bescheidenheit, entstand das Gefühl der Saudade; welches das Alleinsein, die Einsamkeit und jede mögliche daraus entspringende Sehnsucht beschreibt. Die Bescheidenheit drängt nicht zum Ruhm und Triumph; FP schreibt dazu: „Weiß ich denn wonach es schmeckt? Vielleicht schmeckt Ruhm nach Tod und Nichtigkeit und riecht Triumph nach Fäulnis.“
Das dunkle, brennende Auge der Saudade sieht den Wurm im Apfel, das Gerippe als Kern der menschlichen Schönheit. Das Durchdringen alles Seienden mit diesem Wissen von Vergänglichkeit bringt uns das was den Menschen auszeichnet – eine besondere Humanität (ich bezeichne mich in diesem Sinne als Humanist...) und daraus erwächst eine eigentümliche, hochmütige Lebenslust; die Sehnsucht aber ist eine starke Triebfeder des Lebens.
Alle die von dem „Apfel der Saudade“ gegessen haben, wollen diesen Geschmack nicht mehr loswerden, denn es hieße auch eine unterscheidende Menschlichkeit verlieren, es hieße dem Schein zum Opfer fallen und dem Vorläufigen vertrauen. Aus diesem Hochmut kommt „o gusto de ser triste“, der schmerzliche Genuss an der Traurigkeit. So sollte „Das Buch der Unruhe“ gelesen werden, dann wird es ein tiefgreifendes Leseerlebnis; eines der tiefgreifendsten Leseerlebnisse, das ich je hatte. Obwohl ich „Das Buch der Unruhe“ schon kannte, kann ich mit Fug und Recht sagen, dass ich die Neuausgabe für ein literarisches Ereignis halte. Außerdem ist das was vorliegt, ein – wie man es von der Büchergilde erwarten darf – sorgfältig schön gemachtes Buch; was seinem Rang als eines der Schlüsselwerke der europäischen Literatur Ehre macht.
Wilfried John

Weitere Ausgaben:

Die Amman-Ausgabe:
574 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag: Ammann – Aus Februar 2006
ISBN: 3-2501-0450-7
58,- Euro

In Vorbereitung bei Amman:
600 Seiten – Gebundene Ausgabe:
Verlag: Ammann – Auflage: 1 (11. März 2010)
ISBN: 3-2501-0807-3
16,95 Euro

Leseproben Deutsch/Portugiesisch
http://www.arlindo-correia.com/060104.html


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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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Rezensionen: Buch der Chroniken
Rezensionen Anonymous schreibt "
Buch der Chroniken
Antonio Lobo Antunes
384 Seiten – Englische Broschur
Verlag: Luchterhand – Aus 2006
ISBN-10: 3-6306-2086-8
10,00 €uro
Antiquarisch billiger


Pro:
Ein Buch wie ein Aufatmen, ein Lächeln, ein Augenzwinkern
Kontra:
Ich hätte es mir als luxusausgestattetes gebundenes Buch gewünscht


Die Weite der Nähe und das Äußere des Inneren


Alltag Für die meisten Leute hierzulande ist dieses Wort ein Begriff, der nicht sehr hoch im Kurse steht; steht er doch für alles Gewöhnliche, für eingefahrene Gleise, für Langeweile und sogar für das Ungemach alltäglicher Last und Gezänk. Natürlich, all das kommt im Alltag auf uns zu, doch von Nahem gesehen, sind das doch lediglich Indizien, Symptome des menschlichen Umgangs mit der Situation des Alltags und nicht um Merkmale des Alltags selbst.

Dieser weit verbreitete, Gewöhnlichkeit und Gezänk zulassende, Umgang mit dem Alltäglichen, ist ein Missverständnis, das zu den genannten Symptomen führt. Das, meiner Meinung, größte Missverständnis ist es, eben diesem Alltag jedwede Außergewöhnlichkeit abzusprechen und sie stattdessen in Situationen wie Ferien, Urlaub oder Feste zu vermuten… ja sogar zu meinen, dass Außergewöhnlichkeit nur in diesen Situationen vorkommen könnten.
Ein weiteres, gelinde ausgedrückt, Missverständnis ist es, dass es die Haltung des „Größer-Schneller-Weiter“ augenscheinlich in die Köpfe vieler Menschen geschafft hat (besser gesagt – haben das diejenigen geschafft, die an dieser Haltung profitieren). Es ist die Suche nach immer neuen Thrills, Hypes und Extravaganzen der Spaßgesellschaft, die jene Menschen, welche sich an ihr beteiligen, hindert, den Wert kleiner alltäglicher Geschichten und Vorkommnisse im rechten Licht zu sehen.
Dies jedoch zu tun und den kleinen Dingen des Alltags den rechten Wert beizumessen, würde auch den Begriff als solchen wieder entstauben und neu bestimmen. Das Leben findet nämlich nicht in Sondersituationen statt, sondern im Alltag… und wie interessant es sein kann sich mit Alltäglichem zu beschäftigen, dem normalen Leben seinen Reiz abzugewinnen, ja sogar eine ganz alltägliche Zufriedenheit zu leben, wird demjenigen eine neue Lebensqualität vermitteln, der sich einmal auf diesen Gedanken einlässt.

Es gibt einen Schriftsteller, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, sich mit den kleinen Geschichten der Alltäglichkeiten zu beschäftigen, sondern der eher die ganz großen Geschichten in wunderbaren Romanen erzählt. In dem hier vorzustellenden Buch jedoch, hat er sich auf den Gedanken aus dem Vorwort eingelassen und beschreibt in diesem Buch etwas, das sein Alltag sein – oder gewesen sein – könnte. Vielleicht liegt es an seiner Herkunft, oder vielleicht in der Zeit begründet, in der er das Leben begann oder an den Verhältnissen unter denen er aufwuchs, dass ihm auch diese kleinen Geschichten wichtig sind; wahrscheinlich liegt es – jeweils zu einem gewissen Teil – an allen drei Gründen zusammen. Es entspricht übrigens meiner Überzeugung, dass es zum Verständnis seines Werkes unabdingbar ist, jeweils diese drei biographischen Aspekte des Lebens eines Autoren in Augenschein zu nehmen, der das Werk schuf: Antonio Lobo Antunes.

Antonio Lobo Antunes (kurz ALA) wurde am 1. September 1942 in Lissabon/Portugal geboren. In Europa und der Welt tobte der Krieg, in Portugal herrschten die Faschisten und die Geschäfte mit dem Krieg liefen glänzend. ALA wurde in eine Familie hineingeboren, die als Teil der portugiesischen Groß-Bourgeoisie in diese Geschäfte verstrickt war. Seine Kindheit verlief, soweit man annehmen kann und man es auf materielles bezieht, sorgenfrei. Schon früh entdeckte ALA die Literatur und es wird kolportiert, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren "entschlossen" hatte Schriftsteller zu werden; was nicht im Interesse seines Vaters war. Es wird berichtet, dass ALA im Alter von 16 von seinem Vater zum Medizinstudium "geschickt" wurde. ALA studierte zwar fleißig, aber offenbar befasste er sich schon während seines Studiums intensiv mit Literatur und schrieb auch selbst.
Sein Medizinstudium machte Fortschritte und er spezialisierte sich in der Psychiatrie. An der Universität politisierte sich ALA und während der Salazar-Diktatur war er Mitglied der KP im Untergrund. Nach seiner Ausbildung musste er die "militaristische Tradition" seiner Familie fortsetzen und musste in die Armee, was ihn zur Teilnahme am Krieg in Angola zwang; ALA verrichtete seinen Militärdienst in einem Militärhospital, was sich nachhaltig auf sein Leben auswirken sollte, da er hier seine Sicht auf den Tod und seine Sicht auf die Verhältnisse des afrikanischen Lebens prägte. 1973 kam er aus Afrika zurück und nahm seine berufliche Arbeit als Mediziner auf; zunächst arbeitete er einige Monate in Deutschland und Belgien, dann wurde er für mehrere Jahre Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Lissabon. Die Diktatur in Portugal lag in den letzten Zügen und 1974 beendete die sog. Nelkenrevolution die 52 Jahre andauernde Herrschaft der portugiesischen Faschisten.
1976 veröffentlichte ALA seinen ersten Roman "Elefantengedächtnis", in dem er seine Scheidung verarbeitete und 1979 erfolgte dann, mit der Veröffentlichung von "Der Judaskuss" der erste Paukenschlag: Seine damals unverhohlene Kritik an bürgerlichen Intellektuellen und politischen Mitstreitern, sein unkonventioneller Gebrauch von Umgangssprache, brachte ALA massive Ablehnung von Seiten der portugiesischen Kulturelite ein. Wohingegen die Vertreter der dogmatischen Linken den unqualifizierten Vorwurf erhoben, seine Romane seien unpolitisch und eine kleinbürgerliche Nabelschau; offensichtlich fühlten sich beide Seiten vorgeführt. Durch den Erfolg seiner ersten Romane beschloss ALA, seinen medizinischen Beruf teilweise aufgeben und zu schreiben. Mittlerweile liegen über 20 Romane vor, die in alle wichtigen Sprachen übersetzt wurden.
Dabei handelte es sich um psychologisch fundierte Studien, die von tragischen Biographien, von Tod und Krankheit, Trennungen und unerfülltem Leben erzählen. In seinen besten Romanen thematisiert er die gesellschaftlichen Verhältnisse Portugals während der Diktatur und vor allem die unselige Rolle Portugals in Afrika; was ihm bis heute in Portugal verübelt wird. Auch setzt er sich intensiv und kritisch mit der gegenwärtigen portugiesischen Gesellschaft auseinander und vermeidet weder "heilige" Themen wie Familie, noch das glorifizierte Geschichtsbild der Portugiesen; er ist deshalb daheim unbeliebt und gilt als Nestbeschmutzer. Sein Werk gilt als Weltliteratur und mehrfach wurde er schon mit dem Literatur-Nobelpreis in Verbindung gebracht. ALA zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Heute lebt er als Schriftsteller in Lissabon.
Das hier zu besprechende Buch ist der erste Band einer Sammlung von meisterlichen literarischen Miniaturen, die der Autor zwischen 1993 und 1998 (in 14-tägigem Turnus) für die Wochenendausgabe der portugiesischen Zeitung “Publico” geschrieben hat. Es wird sicher unbestritten sein, dass die Literatur des Autors ALA zur sog. Weltliteratur zu zählen ist… wiewohl er hierzulande dennoch nur einem kleinen Teil der Lesenden tatsächlich bekannt ist. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die großen Romane des Autors umfangreiche, mehrstimmige, vielschichtige Kunstwerke sind, welche außerdem mit meist verwirrenden Romanzeiten, nicht eben von der puren Lebensfreude künden, sondern eher – typisch portugiesisch – von melancholischer Art sind und die obendrein in einer Weise erzählt werden, die eher nicht den normalen Lesegewohnheiten entspricht.

Oft hörte ich die Kritik, dass ALA eigentlich nicht flüssig lesbar sei – und es wohl daran liegen wird, dass die Fan-Gemeinde hierzulande eher klein ist. Nun, einerseits ist ALA wirklich nicht einfach zu lesen, doch andererseits klingt das einem wahren Literaturliebhaber doch wie eine Ausrede für geistige Bequemlichkeit. So! Mit dem Titel “Buch der Chroniken“ ist jetzt diesen Ausreden jeglicher Boden entzogen, denn in den darin enthaltenen 108 (!) wundervollen meisterhaft erzählten kleinen Erzählungen, die längstens 4 Buchseiten füllen, gilt es einen Autor zu entdecken… ganz so, als sei das ein Newcomer.

Aber natürlich ist es nach wie vor ALA der sich da äußert. Viele seiner Motive, beschriebenen Lebenslagen, Orte und Figuren kommen Kennenden von ihm bekannt vor; wenn sie auch nicht ausdrücklich in anderen Werken auftraten. Aber die damit verbundene Stimmung ist eine andere: Lockerheit, Gelassenheit, sogar Witz kommen zum Vorschein. Ich bin mir sicher, dass das natürlich auch am Veröffentlichungsort liegen mag: der Sonntagsbeilage der o.g. Lissaboner Zeitung. Doch sollte man nicht erwarten, dass die Geschichten vom Autor mal eben nebenbei verfasst wurden; im Gegenteil, in ihnen fließt dieselbe Energie wie in seinen großen Romanen.
Ich bin davon überzeugt, dass ein Künstler vom Range des hier vorgestellten Autors, selbst mit `Fingerübungen` noch um einiges besser zu schreiben imstande ist, als viele andere. Doch sollte man nicht verkennen, dass ALA sich auch an ein – ihm nicht immer wohlgesonnenes – portugiesisches Publikum wendet. Schon allein darum wird er sich – auch wenn´s „nur“ für die Zeitung ist – sicher keine Blöße geben und nicht auch in diesen Miniaturen sein ganze Meisterschaft entfalten.
Buch der Chroniken versammelt geistreiche, brillant formulierte Stücke, kleine literarische Schätze, die sich sprachlich-stilistisch im Einflussbereich der Glossen oder der Aphorismen bewegen; es wäre sicher auch möglich – wegen ihrer regelmäßigen Veröffentlichung in einer Tageszeitung – sie in die Nähe einer Kolumne stellen (ganz ähnlich: Dornröschens Flugzeug von Gabriel Garcia Marquez – auch hier bei Ciao vorgestellt). Aber während Marquez (gesellschafts-)politische Themen verarbeitete, richtet ALA einen sehr persönlichen Blick auf seine eigene Vergangenheit, erzählt er von den Helden seiner Kindheit, erzählt von seiner Familie und seinen Kindern, von Freunden und von flüchtigen Erlebnissen mit Unbekannten. Er erzählt aus seinem Leben.
Insofern gibt er uns mit Leichtigkeit – neben dem Vergnügen beim Lesen seiner Geschichten – auch all jene Einblicke in sein Leben, seine Vorstellungen davon oder Erklärungen darüber, die (wenn überhaupt) in seinen großen Romanen schwer zu finden sind. Dazu nimmt ALA die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens her, verzichtet auf die große (Welt-)Politik, schreibt – typisch Kolumne eben – über die sprichwörtlichen Themen „Gott und die Welt“. Ganz wie im Alltag zuhause am Küchentisch, reihen sich die Themen aus Beruf, Gehörtem, im Vertrauen Geflüstertem und Freizeitbeschäftigung aneinander. Es sind Geschichten über Fußball, die Buchmesse, Karneval und die Erfahrungen des Autors mit der Psychiatrie.
Die kleinen Texte scheinen sich auf den ersten Blick völlig vom großen, gewaltigen, reißenden Fluss seiner Romane zu unterscheiden; aber eben nur auf den ersten Blick. ALA gelingt es aber meisterlich, dass sich aus irgendeiner – fast beiläufig erzählten – Nebensächlichkeit, ebenso wie in seinen Romanen, ein ganzer Kosmos aus Gedanken und Empfindungen in uns erschließt; obwohl wir doch oft von den beschriebenen Leuten, Orten oder Verhältnissen keine persönliche Erfahrung haben.
Die erste Geschichte des Bandes "Lob der Vorstadt", die im Lissaboner Stadtteil Benfica zur Zeit der Kindheit des Autors spielt, ist schon quasi eine programmatische Einstimmung ins Folgende: ALA beschreibt die gegensätzlichen Welten von wohlhabenden Familien (aus einer von ihnen stammt er) und den armen Leuten, er beschreibt uns riesige Anwesen zwischen Armensiedlungen und kleinen Werkstätten, und er träumt sich zurück in die kindliche Naivität, während er gleichzeitig die Veränderungen von damals zu heute registriert. Diese Gleichzeitigkeit von Erinnerung und Gegenwart kann natürlich nur als geistige Substanz bestehen und das Verblüffende: ALA gelingt es, uns darin einzubeziehen… wie es scheint.
Natürlich spielen die persönlichen Traumata des Autors in diesen Geschichten auch eine Rolle; z.B. das Kriegs-Trauma aus dem Angola-Einsatz oder das kritische soziale Gewissen der Oberschicht sich selbst gegenüber. Aber das Ganze kommt – wie man sich denken wird – nicht einfach nur als formale, eindimensionale, grobschlächtige Gesellschaftskritik daher, sondern in einer Art, welche die Vielschichtigkeit eines schicksalhaften Zusammenlebens von Individuen in einer Gesellschaft nicht außer Acht lässt.

Meine persönliche Meinung müsste ich – glaube ich – eigentlich nicht mehr extra zu Protokoll geben: Ich bin von den „Chroniken“ begeistert. Diese literarischen Miniaturen, über das Ambiente von Lissabons Häusern und Gärten, über Zeiten und Jahreszeiten, über eigene Gedanken und Gedanken anderer, über Fremde und Familie sind manchmal komisch und ironisch, immer liebevoll und von einer eminenten Zärtlichkeit…
Natürlich musste ich davon ausgehen, dass der Autor die Stilmittel von Groteske, Ironie und Sarkasmus ebenso meisterhaft beherrscht, wie Tragödie und Drama. Aber das so perfekt vor Augen geführt zu bekommen, ist wahrlich ein großartiges Erlebnis. Klar, auch der klassische Portugiese, der mit seiner ambivalenten Melancholie, die selbst im rotesten Apfel der nagenden Wurm schon sieht, der sich am Schmerz beglücken kann und inmitten seines Glückes den Schmerz des Vergehens spürt, auch dieser Portugiese kommt in den Geschichten vor.
ALA, der mit seinen großen Romanen oftmals sehr verklausuliert, fast hermetisch, sehr distanziert, die Abgründe der menschlichen Seele untersucht (und damit kein großes Publikum erreicht), schreibt in den „Chroniken“ über ganz ähnliche Themen sehr zugänglich, sehr vergnüglich und obendrein sehr persönlich… was mir dazu geeignet erscheint, dass ein größeres Publikum Zugang zu einem der größten Schriftsteller unserer Zeit zu bekommen kann.
Aber Vorsicht… „Buch der Chroniken“ ist sozusagen eine Einstiegsdroge… die wohl den geschätzten Kollegen Albert Ostermaier dermaßen stimulierte, dass er seiner Begeisterung mit folgenden Worten (und weil ich keine besseren finde zitiere ich sie) Ausdruck verleih: „Das ist ein Buch wie ein tiefes Luftholen vor dem nächsten Höllenkreis… wie das Licht, bevor man in den Schatten tritt, und das man nicht vergisst, auf der Haut, in den Augen. Es zeigt das Lächeln vor den Zornesfalten, das Augenzwinkern vor dem sich verdüsternden Blick, das Glauben an den Menschen vor der Ungläubigkeit und der späteren Gewissheit, wozu er fähig ist.“


Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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Rezensionen: Wandelnde Worte
Rezensionen Anonymous schreibt "
Wandelnde Worte
Eduardo Galeano
331 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Limes Verlag – aus April 1999
ISBN-10: 3-8090-2417-1
24,80 €uro
Antiquarisch billiger

Pro:
Ein bezauberndes, anregendes und wunderschön gestaltetes Buch .
Kontra:
Die Holzschnitte von José F .  Borges wurden vom Verlag kaum gewürdigt…


Fenster nach Süden…


Fenster. Die Lesenden dieser Zeilen (wahrscheinlich allesamt Mitteleuropäerinnen und Mitteleuropäer), werden intuitiv wissen, was darunter zu verstehen ist. Etliche weniger, werden vielleicht sogar die Definition des so bezeichneten Gebäudeelements kennen, nach der ein Fenster eine spezielle Vorrichtung in Gebäuden ist, die reproduzierbar geschlossen und wieder geöffnet werden kann, um Licht ins Gebäude zu lassen und dessen Räume zu belüften. Und noch weniger wissen, dass dieses einfache Wort wahrscheinlich etruskische Wurzeln hat (was eigentlich auch bedeutungslos wäre, wenn wir uns nicht immer als “der Nabel der Welt“ sehen würden und nicht registrieren, dass andere Kulturen viel für uns getan haben).

Darüber hinaus steht die Bezeichnung „Fenster“ für Gegenstände, Gebilde oder abstrakte Begriffe, die an die primäre Bedeutung des Wortes in irgendeiner Weise angelehnt sind und wiederum den hier Lesenden sehr bekannt sein werden, ohne dass sich die meisten darüber wundern. In weiten Teilen der Welt und bei Milliarden von Menschen, ist der Begriff Fenster – im Zusammenhang mit einem Computer – völlig unbekannt, da diese Menschen weder im Besitz eines solchen Gerätes sind, noch über die entsprechende Bildung verfügen. Man kann ihnen noch nicht einmal, z.B. in einem Schreiben, unser Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, da man im „Fenster“ eines Briefkuverts keine Adresse eintragen kann, da diese Menschen keine Adresse haben.
In den verschiedensten naturwissenschaftlichen Disziplinen wird dieser Begriff natürlich auch verwendet… was nur nebensächlich und der Vollständigkeit halber erwähnt werden und nicht als Geringschätzung eben jener Disziplinen (z.B. Physik, Geologie oder Medizin) verstanden werden soll. Ich persönlich finde Fenster einfach toll… weil sie nicht nur Licht und Luft herein, sondern auch Blicke heraus lassen; Ausblicke eben. Fenster dienen somit auch der Befriedigung unseres Bedürfnisses nach Erkenntnis, die eben nun mal Wahrnehmung voraus setzt. Somit steht für mich das Fenster für Möglichkeiten, für Ermunterung, für Aufforderung zur geistigen Auseinandersetzung mit meiner Umwelt.
Ein weiterer Begriff, der an die Primärbedeutung des Wortes angelehnt ist, lautet Zeit-Fenster. Diesen Begriff kann man in drei Dimensionen verwenden: Als Fenster, in die Zeit von weit zurück liegenden Ereignissen; als ein bestimmter Zeitraum, in dem bestimmte Aktionen möglich sind oder als ein bestimmter Zeitraum, in dem Utopien verwirklicht werden könnten. Aber ganz gleich wie auch immer wir den Begriff deuten wollen… die Deutungen stehen immer in Verbindung mit Geschichte; im historischen oder persönlichen Sinne. An dieser Stelle meiner Überlegungen angekommen, wird es Zeit, an einen Mann und sein Werk zu erinnern, dessen Zeitfenster für immer geschlossen ist: Eduardo Galeano.

Ich möchte mit der Besprechung seines Buch „Wandelnde Worte“ jenem großartigen Journalisten, Schriftsteller, Historiker, Kulturkritiker, Sozialisten, Aktivisten… an jenen wunderbaren Menschen gedenken, der nun nur noch in seinen Werken, und unseren Erinnerungen an ihn, bei uns sein kann. Er erlag am 13. April 2015, im Alter von 74 Jahren, in Montevideo einem Krebsleiden. Mit ihm verliert (nicht nur) Lateinamerika einen seiner bedeutendsten Autoren und Publizisten, sondern es verlieren die weltweit aktiven Globalisierungskritiker eine ihrer prominentesten und deutlichsten Stimmen. Mithin verliert die internationale Linke einen bedeutenden Mitstreiter. Während sein Tod hierzulande (fast) unbemerkt blieb, erschütterte er ganz Lateinamerika. Er war das Fenster nach Süden…

In seiner Heimat Montevideo/Uruguay hat man ihn mit einer Trauerfeier im Parlament (!) gewürdigt. Uruguays Präsident Tabare Vazquez lobte Galeano mit den Worten: „Er hat ausdrücklich Dinge angesprochen, die im vielseitigen Lateinamerika schief laufen. Er war ein Gladiator, der denen eine Stimme gegeben hat, die nichts zu sagen haben.” Und die kolumbianische Menschenrechtsaktivistin Piedad Córdoba fügte hinzu: "Die Armen der Welt haben einen ihrer großen Verteidiger verloren." Und ich möchte persönlich betonen, dass ich einen Menschen verloren habe, der mir – wie kaum ein anderer – viele Perspektiven eröffnete, der mir half mich zu entwickeln… mit dem ich – wie mit kaum einem anderen – übereinstimmte.
Ich möchte diese Besprechung als Nachruf auf einen Menschen verstanden wissen, der als Poet klarer sprach als viele Politiker, der als Schriftsteller präziser schrieb als sehr viele Historiker, der als Publizist immer mit dem Herzen veröffentlichte. Eduardo Galeano sagte zu dem Buch, um das es hier gehen soll: "Ich erzähle Geschichten voll Schrecken und Staunen, ... von rauschhaft Erlebtem und erlebtem Rausch, von wandelnden Worten, die ich gefunden – oder die mich gefunden haben. Ich erzähle, was man mir erzählt hat, und dieses Buch wird geboren." Mit diesen Worten wird für dieses Buch geworben, aber sie könnten auch für den Großteil des Gesamtwerkes Galeanos stehen.
Zu einer Würdigung gehören natürlich ein paar biographische Bemerkungen. Eduardo Germán María Hughes Galeano wurde am 3. September 1940 in Montevideo/Uruguay in eine streng katholischen Einwandererfamilie (mit italienischen, spanischen, deutschen und walisischen Wurzeln) hinein geboren. Seine Familie gehörte der (damals noch existierenden) Mittelschicht an. Sein Vater war Edward Hughes Roosen und seine Mutter war Esther Galeano Licia Muñoz, deren Namen er für seinen Künstlernamen Eduaerdo Galeano (kurz EG) verwendete.
Seine Kindheit muss nicht einfach gewesen sein, zumal er scheinbar schon immer ein kritischer Geist gewesen ist und die Verhältnisse (Einwanderer, 2.Weltkrieg…) auch nicht nur positiv gewesen sind. In seiner Jugend war er zunächst ein Suchender der sich mit Gelegenheitsjobs seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Er jobbte als Fabrikarbeiter, Kleinhändler, Schreibkraft und Zeichner und mit 14 Jahren verkaufte er seine ersten politischen Karikaturen an die Wochenzeitung der Sozialistischen Partei „El Sol“. Das stellte offensichtlich seine berufliche Laufbahn in Richtung Journalismus.
EG begann dann in den 1960er-Jahren als Journalist und Herausgeber der Zeitschrift "Marcha" und schließlich als Direktor der Tageszeitung „Epoca“ zu arbeiten. Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe „Tupamaros“, mit denen EG sympathisierte, putschte in Uruguay 1973 das Militär; EG wurde zwar verhaftet, konnte aber das Land verlassen. Zunächst lebte er in Argentinien, wo er ein Kulturmagazin namens "Crisis" herausbrachte… und wieder wurde er dadurch zur Zielscheibe der Mächtigen. Als sich die Militärs um General Rafael Videla 1976 an die Macht putschten und EG auf der "schwarzen Liste" der Todesschwadronen stand, floh er weiter nach Spanien.
Fast 10 Jahre musste EG in Spanien bleiben; in der ganzen Zeit aber, erarbeitete er sich den Ruf eines unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet und ihm, im Gegenteil dazu, unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhielt. Nach dem Ende der Diktatur in seiner Heimat, kehrte EG 1985 nach Uruguay zurück und gründete gemeinsam mit Mario Benedetti (auch hier bei Ciao vorgestellt), Hugo Alvaro und anderen Kollegen die Wochenzeitung "Brecha", wo er zuletzt noch im Beraterkreis mitarbeitete. In den folgenden Jahren engagierte er sich in der Nationalen Kommission für ein Referendum zur Abschaffung des 1986 verabschiedeten Gesetzes, mit dem die Verbrechen der Diktatur in Uruguay weitgehend straffrei bleiben sollten. EG unterstützte das Mitte-links-Bündnis Frente Amplio in den Wahlkämpfen seit 2004.
Das Werk von EG, das in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, umfasst zahlreiche weltberühmte Titel. International bekannt wurde er zweifellos mit "Die offenen Adern Lateinamerikas: die Geschichte eines Kontinents" aus 1971 (auch hier bei Ciao vorgestellt). Dieses Buch überreichte der damalige Präsident Venezuelas, Hugo Chávez (1954-2013), beim Amerika-Gipfel 2009 in Trinidad an US-Präsident Barack Obama, damit dieser die Geschichte der Ausplünderung Lateinamerikas durch Europa und die USA seit der Kolonisierung begreife. Das bereits antiquarische Buch stieg daraufhin in einem bis dahin einmaligen Vorgang erneut in die internationalen Bestsellerlisten auf.
Sein zweites Hauptwerk ist der, im Original als Trilogie erschiene, Titel "Erinnerung an das Feuer" (1982−1986); EG schrieb das Werk während seines Exils in Spanien. Erst kürzlich wurde es vom Unionsverlag, zusammengefasst in einem 1200 Seiten-Band, erneut heraus gebracht (auch hier bei Ciao vorgestellt). Weitere, hier bei Ciao besprochene, berühmte Titel sind: „Die Zeit spricht“, „Das Buch der Umarmungen“, „Kinder der Tage“ oder „Die Füße nach oben“. Alle diese Bücher behandeln die historische Geschichte der Ausbeutung der Menschen durch einen seit Jahrhunderten entfesselten Kapitalismus. Mithin handelt es sich hier um Geschichtsschreibung „von unten“, mittels Geschichten der „kleinen Leute“. Die etwas unbekanntere Seite des Autors bildet seine Leidenschaft für den Fußball. Dieser Leidenschaft huldigt er in seinem Werk „Der Ball ist rund und Tore lauern überall“.
EG wurde in einzelnen Titeln und für sein Gesamtwerk vielfach ausgezeichnet; 2010 erhielt er den Award Stig Dagerman, einer der renommiertesten Literaturpreise Schwedens, der für Verdienste um die Meinungsfreiheit, durch die Förderung des interkulturellen Verständnisses, vergeben wird. EG wurde gewürdigt, weil er „unerschütterlich die Lage der Verdammten“ mit den Mitteln der Poesie, des Journalismus, der Prosa und des Aktivismus vertrat. 2011 erhielt er für sein Lebenswerk den international bedeutsamen Casa de las Américas-Preis. EG erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten von Havanna, El Salador, Veracruz/Mexiko, Guadalajara/Mexiko, sowie die Ehrendoktorwürde der Universidad Nacional de Córdoba /Argentinien. Er starb am 13. April 2015 um 8:20 (GMT -3).

Der Untertitel von „Wandelnde Worte“ lautet „von Träumen, Maismenschen und Erzengeln“. Das deutet an, dass es sich inhaltlich von den oben erwähnten Titeln abhebt. Hier ist nicht der kritische Geschichtsschreiber am Werk, sondern der Geschichtenerzähler, der uns ein Buch voller Mythen und Märchen schenkt, der die Phantasie der Lesenden anregt. Zudem ist dieses Buch kunstvoll illustriert… mit Holzschnitten des Brasilianers José Francisco Borges, der die aussterbende Kunst des "Cordel", eine alte Tradition der Volksbücher, noch beherrscht und die ihn als Holzschnitzer und Poeten berühmt machte. Von der ersten bis zur letzten Seite begleiten seine Bilder ergänzend und bereichernd die Geschichten und lockern das Buch optisch auf. Schon allein das äußere Erscheinungsbild verleiht den Lesenden das Gefühl, etwas Besonderes und liebevoll Gestaltetes in den Händen zu halten.

Mit dem Buch hat EG ein Werk geschaffen, das seine kreative und eloquente Ausdruckskraft in wunderbarer Weise darstellt und das seines Gleichen sucht; was nicht zuletzt auch an den graphischen Vignetten liegt, die nicht genug gewürdigt werden können. In diesem Werk verarbeitet EG (zugegebenermaßen in bekannter Manier) sowohl die überlieferten farbenreichen und phantasievollen Geschichten und Mythen der Indigenen Völker einerseits, als auch seine eigenen Erfahrungen und Gedanken andererseits; in diesen Bereichen ist er mir sehr vertraut… insofern er sich sehr persönlich einbringt.
Das Buch, mithin all die darin enthaltenen Geschichten, deren Handlungsorte in allen Landschaften des lateinamerikanischen Kontinents liegen mögen, greift die einfachsten und wahrscheinlich ältesten Themen der Menschheit auf: Liebe und Hass, Himmel und Hölle, Glaube und Gewissheit und – natürlich – das Leben all der anderen Menschen, ohne die wir – so oder so – nicht sein können. Einfache Parabeln wechseln sich mit Fabeln ab, schlichte Märchen mit hintergründigen Gedankenspielen. EG entfaltet in seinen symbolhaften und bilderreichen Beschreibungen, eine grenzenlose, phantasievolle Welt.
Im Wesentlichen finden wir in diesem Buch zwei Ebenen, die sich – wie selbstverständlich nebeneinander existierend – wundervoll ergänzen; ganz so, als sei die Rezeption des Werkes schon eine Botschaft: Realität und Phantasie machen zusammen diese Welt. Schon allein die 34 Kurzgeschichten für sich genommen sind sehr unterhaltsam und lesenswert. In ihnen schimmert die Klugheit einfacher Leute, die Erfahrung alter Kulturen und der Lebenswitz jener Menschen durch, die sich – um zu überleben – immer gegen Stärkere haben behaupten müssen.
Aber erst durch die, oft nur wenige Zeilen umfassenden, Texte der sog. „Fenster“, wird das Buch zum literarischen Kunstwerk. Diese "Fenster" eröffnen den Lesenden Ausblicke und Ansichten zu Dingen, Wesen oder Begrifen; freilich durch die Augen des Autors gesehen und durch sein Denken gefiltert. Formuliert aber wurden diese Texte jedoch von Indigenen, Kariben oder irgendwelchen Leuten eben – oft vom Autor selbst. Um ein Beispiel zu geben: „Das Fenster zu den Verboten. In einer Kneipe von Madrid hängt ein Schild an der Wand, und darauf steht: Singen verboten. Am Flughafen von Rio de Janeiro hängt ein Schild, auf dem steht: Das Spielen mit Gepäckwagen ist verboten. Das heißt: Es gibt noch Menschen, die singen, es gibt noch Menschen, die spielen.“
Ich persönlich bin sehr froh, dass ich vor über 40Jahren EG habe kennen lernen können. Seit dieser Zeit begleitet er mich mit seinen Büchern, seinen Analysen, seinem unverwechselbaren Blick auf die Geschichte. Ich kann mit Fug und Recht davon sprechen, dass ich diesem Mann aus Montevideo viel zu verdanken habe und in meinem Leben kaum ein anderer Mensch so viel für meine persönliche, politische und intellektuelle Entwicklung beigetragen hat. Und so war die Nachricht von seinem Tod in ersten Moment sehr schmerzlich, so dass ich ein wenig Zeit vergehen lassen musste, bis ich diese Würdigung schreiben konnte.
Nun freut es mich irgendwie, dass ich eine Besprechung der „Wandelnden Worte“ – zugunsten seiner politischen und kulturkritischen Werke – immer zurück gestellt habe. Das eröffnet mir nun die Möglichkeit, den Lesenden dieses wunderbare Buch vorstellen zu können, das seinen Autor von einer viel persönlicheren Seite zeigt und uns damit die Gelegenheit gibt, den Menschen hinter den Buchstaben zu erkennen. Darüber hinaus (ganz ohne persönliche Bezüge zu EG), ist dieses Buch auch für jene Menschen bemerkenswert, die einfach gerne Unterhaltsames lesen mögen.
Wer sich phantasievoll, klug und kurzweilig anspruchsvoll unterhalten möchte, hält mit dieser Ausgabe obendrein auch noch ein wunderschön gemachtes Buch in Händen. Ich möchte dem verantwortlichen Verlag (was ich selten machen) ein großes Lob aussprechen, denn der Verlag Limes hat das Buch der Bedeutung gemäß ausgestattet…besonders, dass man nicht auf die Illustrationen des brasilianischen Künstlers José F. Borges verzichtet hat, macht aus dieser Ausgabe ein bibliophiles Schmuckstück.
Diese Sammlung von Erzählungen kommt so leicht und locker daher, dass man den Eindruck von unbändiger Lebensfreude gewinnt. Die Texte sind leicht, humoristisch-ironische und manchmal (typisch lateinamerikanisch) surrealistisch, dass es auch eine Lesefreude ist, in ihnen zu schwelgen. Die Mischung aus augenzwinkernder Ernsthaftigkeit und tiefempfundener Lebenslust, kombiniert mit meinst kurzen Texten, lässt mich immer wieder einmal zu diesem Buch greifen; auch wenn einmal nur wenig Zeit ist. Wenn ich meiner Phantasie mal wieder Ausgang gebe und ihr freien Lauf lassen will, nehme ich dieses Buch zur Hand… es verschafft mir Genuss und ist ein außergewöhnliches Stück Literatur.
Eduardo Galeano war, neben all dem was ich weiter oben aufzählte, auch ein Utopist und ich bin sicher, dass es ihm gefallen hätte, dass ich diese Besprechung schließe, in dem ich ein Fenster aus seinem Buch öffne: Das Fenster zur Utopie. „Sie ist am Horizont', sagt Fernando Birri. „Ich mache zwei Schritte auf sie zu, sie entfernt sich zwei Schritte. Ich gehe zehn Schritte, und der Horizont rückt zehn Schritte von mir ab. Und wenn ich noch so weit gehe, ich werde sie nie erreichen. Wozu taugt die Utopie? Dazu taugt sie: damit wir gehen.“

Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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Rezensionen: Kinder der Tage
Rezensionen Anonymous schreibt "
Kinder der Tage
Eduardo Galeano
420 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag:Hammer – Aus 2013
ISBN-10: 3779504359
ISBN-13: 978-3779504351
24,00 €
Antiquarisch billiger

Pro:
Erzählerische Leichtigkeit, feiner Humor und dennoch politische Schärfe
Kontra:
Erzählerische Leichtigkeit, feiner Humor und dennoch politische Schärfe


Jeden Tag eine Geschichte - Geschichte jeden Tag

Meinungsfreiheit. Kaum ein anderes Wort – und die dahinter stehende Haltung – ist für ein demokratisches Gemeinwesen so wichtig, wie die Meinungsfreiheit und kaum ein anderes Datum als der 10. Mai erscheint mir geeigneter, um - einmal mehr - über dieses Thema zu schreiben. Nun, ich hätte ja auch am 23. April, dem am 1995 von der UNESCO ausgerufenen Internationalen Tag des Buches (dem Todestag von Shakespeare und Cervantes) über das Thema schreiben können, doch hierzulande ist schon seit 1947 der 10. Mai als Tag des Buches ein Gedenktag; aber (vielleicht aus guten Gründen?) ist dieser Tag in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sonderlich bekannt. Aber dieses Datum kennzeichnet einen Übergriff auf die Meinungsfreiheit, wie er in der Weltgeschichte zwar (leider) nicht einmalig ist, wie er allerdings sozusagen als Synonym - wie kaum ein anderer - für die Unterdrückung von Meinung steht: Am 10. Mai 1933 fanden in Deutschland – initiiert von der SA und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes – Bücherverbrennungen statt.
Das was man Freiheit und Demokratie nennt, basiert auf der Meinungs- und Gedankenfreiheit, also auf die Freiheit des geschriebenen oder gesprochenen Wortes. Dazu gehört - und ist damit untrennbar verbunden - eine demokratische Bildung, denn erst die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens schaffen eine unabdingbare Voraussetzung, damit die Bürgerinnen und Bürger an der gesellschaftlichen Entwicklung teilnehmen und sie beeinflussen können. So stehen von je her Schreibende, Intellektuelle und Philosophen, als Denker die das geistige und literarische Material liefern, mit dem Bürger politische und gesellschaftliche Freiräume denken und sich erkämpfen können, im Fadenkreuz der staatlichen Stellen; oft genug ist dabei das Wort Fadenkreuz sehr wörtlich zu nehmen.
Für mich als Mitglied der schreibenden Zunft ist also dieses Datum 10. Mai nicht nur deshalb von herausragender Bedeutung weil es mit dem Gedenken an eine lange zurückliegende Vergangenheit zusammenhängt, sondern auch deshalb, weil das wofür es steht eben nicht nur Vergangenheit ist: Gängelung, Bespitzelung und Verfolgung von Schreibenden, die - suchen sie nicht rechtzeitig das Weite oder finden sie kein sicheres Exil - sogar bis zur physischen Vernichtung geht, sind an der Tagesordnung (siehe auch Alfred Döblin / November 1918 - hier bei Ciao vorgestellt). Die internationale Schriftstellerorganisation P.E.N. sieht sich deshalb gezwungen, regelmäßig auf das Schicksal von verfolgten Schriftstellern aufmerksam zu machen und versucht mit der Aktion "Writers-in-Prison" (die jeder/jede unterstützen kann - siehe auch Nachsatz *1) gefährdeten oder bereits verfolgten Kolleginnen und Kollegen zu helfen, oder wenigstens an ihnen begangene Verbrechen aufzuklären.
Offenbar sind Worte, ganz gleich ob in Printmedien gedruckter, ins WWW gestellter, verfilmter oder gesprochener Form, eine mächtige Waffe. Machthaber und Machthaberinnen in derzeit etwa 100 Ländern auf der Erde halten Worte offenbar für so mächtig, dass sie deren Urheber/Urheberinnen - Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Autorinnen und Autoren und natürlich Journalistinnen und Journalisten verfolgen. Üblich dabei ist, die Verfolgten als Kriminelle abzustempeln - manche werden verhaftet, strafrechtlich verfolgt oder unter Hausarrest gestellt. Andere "verschwinden", wieder andere werden ermordet (aktuellster Fall, die Pressefotografin, die in Afghanistan ermordet wurde).
Karin Clark vom "Writers-in-Prison-Komitee" erklärt, dass seit dem 11. September 2001 Terrorverdacht ein sehr beliebtes Argument für Übergriffe auf Kolleginnen und Kollegen ist und die Zahl der Fälle von Verhaftung oder Verfolgung oppositioneller Schreiberinnen und Schreiber ist drastisch gestiegen; leider auch in Lateinamerika setzen viele Staaten wieder Einschüchterung, Bedrohung,
Verfolgung und Inhaftierung als Waffe gegen Oppositionelle ein und besonders die Regierungen in Kolumbien, Chile und Peru sind hier zu nennen - allesamt Länder, aus denen hervorragende Vertreter der lateinamerikanischen Literatur und Träger des Literatur-Nobelpreises stammen ( Gabriel Garcia Marquez, Pablo Neruda oder Mario Vargas Llosa - alle hier bei Ciao vorgestellt).

Nun, man könnte ja auf die Idee kommen, dass das weit weg passiert… und mit uns doch nichts zu tun hat. Aber grade auch hier ist die Freiheit des Wortes gefährdet, natürlich weniger durch physische Gewalt, aber es genügt als Repression und Zensur schon, wenn man mit Berufsverbot, Einschränkung von Veröffentlichungsmöglichkeiten oder teuren Gerichtsprozessen droht. Seit einiger Zeit - auch mit dem Argument Terrorgefahr - werden die Freiräume für Kolleginnen und Kollegen auch in den westlichen Demokratien enger, denn nach den Anschlägen vom 9/11 ist eine schleichende Zunahme autoritärer Strukturen (nicht nur in den USA) zu beobachten. Dabei werden allerdings nicht nur die Täter verfolgt, es zeigt sich, dass man mit dem Instrumentarium der staatlichen Zensur auch sehr gut alle sonstigen unliebsamen Meinungen bekämpfen kann.
Caesar soll am Morgen jenes Tages an dem er ermordet wurde, einen zusammengefalteten Zettel mit einer Warnung erhalten haben. Als man ihm den Zettel zusteckte, soll er gesagt haben: "Cras legam" - Morgen werde ich es lesen. Nun, was dann geschah, steht in den Geschichtsbüchern. Es könnte sein, dass sich Geschichte in dem Sinne wiederholt, dass wir ebenfalls "cras legam" nicht mehr können… diesmal aber, weil heute durch Zensur verhindert wurde, dass jemand etwas aufschreibt und die Folgen könnten für die Gesellschaft ähnlich fatal sein, wie sie für Caesar persönlich gewesen sind. Wir sollten wahrhaftige Verfassungsbürgerinnen und -bürger sein und den Artikel 5 unseres Grundgesetzes verteidigen, nach dem Zensur in diesem Land in keiner Weise stattfinden darf. Aber wie bei so vielen Rechten die nur auf dem Papier stehen, aber nicht von einer aufmerksamen Bevölkerung gelebt werden, wird dieser Artikel schon seit langer Zeit mehr und mehr ausgehöhlt (siehe auch Nachsatz *2).
***
Da es sich hier um eine Buchbesprechung handelt, bin ich spätestens mit diesem Gedankengang bei an einem Punkt angelangt, an dem ich sozusagen das Wort an einen anderen weitergeben muss; an jemanden, der sich mit der Materie bestens auskennt, weil er sie größtenteils selbst erleiden musste. Dieser Jemand ist Eduardo Galeano (kurz EG)… und er hat, passend zum Thema, ein Buch vorgelegt, das alle die Gedanken des Vorworts in seinem zur Meisterschaft entwickelten eigenen Stil unterhaltsam und nachdenklich, überzeugt und lächelnd, mit Ernsthaftigkeit und großer Poesie zum Ausdruck bringt: "Kinder der Tage“
Es ist schon eine gewisse Zeit vergangen, seit ich diesen Autor zuletzt besprochen habe und so erscheint es mir bei der Vorstellung jenes Mannes statthaft, mich selbst aus meinen früheren Besprechungen zu zitieren. Um diesen Mann zu skizzieren, schrieb ich Sätze wie diesen: „Wenn EG zur Feder greift, dann hat das Ergebnis seines Schreibens immer etwas mit Geschichte zu tun… mit Geschichten über Geschichte zumeist… und sie sind aus einer Sicht heraus geschrieben, welche nicht die Sicht der Sieger ist.“ Bei dem Buch „Kinder der Taget“ ist das ganz genau passend.
Spätestens seit „Die offenen Adern Lateinamerikas“ von 1971 ist EG international bekannt, wenn auch nicht überall geachtet. Der 1940 in Montevideo/Uruguay geborene EG war scheinbar immer schon ein kritischer Mensch... denn nicht umsonst, arbeitete er schon im Alter von fünfzehn Jahren als Karikaturist für die Zeitung „El Sol“ und setzte dann seine journalistische Laufbahn weiter fort, wurde Chefredakteur der „Marcha“ und schließlich Direktor der Tageszeitung „Epoca“. Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe „Tupamaros“, mit denen EG sympathisierte, musste er dann aus politischen Gründen Uruguay verlassen... und fand in Argentinien Exil.
Sofort begann er erneut zu arbeiten und gründete die bekannte Zeitschrift „Crisis“... und wieder wurde er Zielscheibe der Mächtigen. 1976 putschte das Militär in Argentinien und errichtete eines der schlimmsten Regime auf lateinamerikanischem Boden. EG konnte nach Spanien entkommen, wo er bis 1985 bleiben musste, ehe er nach Uruguay, das zur Demokratie zurückgekehrt war, zurück konnte. In der ganzen Zeit seines Exils aber, erarbeitete sich EG den Ruf eines unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen, Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet und ihm im Gegenteil dazu, unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhält. Galeano arbeitet nach wie vor politisch und engagiert sich vor allem mit attac (als Beispiel siehe auch Nachsatz *3)
***
Für mich gehören Bücher einfach zum Alltag und das nicht nur weil ich beruflich viel lesen muss, sondern weil lesen bei mir auch der Unterhaltung und Entspannung dient. Noch besser, wenn lesen der angeregten Unterhaltung dient und es mir entspannt Erkenntnis vermittelt. Viele werden einwenden, dass sie doch keine Zeit fürs lesen hätten und, dass der Fernseher für diesen Zweck dem Buch vorzuziehen wäre. Natürlich weiß ich, dass lesen auch ein gewisses Maß an Arbeit erfordert und man nach einem anstrengenden Arbeitstag, einer stressigen Schicht oder langen Autofahrten als Pendler keine rechte Lust hat, dicke Bücher in die Hand zu nehmen.
Hier kommt nun die frohe Botschaft: Das hier zu besprechende Buch „Kinder der Tage“ von Eduardo Galeano (EG) schafft Abhilfe! Bei "Kinder der Tage" handelt es sich nämlich um ein Jahresbuch, das – gleich der berüchtigten Kalender, mit einer Spruchweisheit für jeden Tag - mit 365 kleinen Stücken Literatur aufwartet. Da diese literarischen Kleinode höchstens eine Seite lang sind, eignet sich das immerhin 420 Seiten dicke Buch dennoch, um es alle Tage – vielleicht zum entsprechenden Tag – zur Hand zu nehmen. Für jeden Tag des Jahres gibt es mal ein Zitat von berühmten oder weniger berühmten Personen, mal ein kleines poetisches Werk von diversen Autoren oder einen kleinen eigenen Text von EG.
EG versammelt die Texte in seinem ganz eigenen, mittlerweile zur Perfektion gereiften Stil, den wir aus Werken wie „Die Zeit spricht“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) kennen. Das Buch beginnt wie jedes neue Jahr (im westlichen Kulturraum) mit dem 1. Januar und endet mit dem 31. Dezember, die Texte die den einzelnen Tagen zugeordnet sind, beziehen sich auf Ereignisse, welche an einem solchen Tag im Kalender geschehen sind; darüber hinaus haben sie allerdings keinen unmittelbaren chronologischen, historischen oder inhaltliche Zusammenhang. Es wäre natürlich absurd zu behaupten, EG hätte mit dem kleinen Besen und der Schaufel alles irgendwie Übriggebliebene von seinem Schreibtisch gefegt und in die Seiten gefüllt. Wer EG kennt wird wissen, dass es einen übergeordneten Zusammenhang dennoch gibt: Alles in diesem Buch, gibt jenen eine Stimme, die unbeachtet blieben, mundtot gemacht wurden oder die als Verlierer der Geschichte gelten.
Was dabei heraus kam, ist ein Springen kreuz und quer durch die Menschheitsgeschichte, über Kontinente hinweg und in wechselnden Gestalten. Typisch EG, und ganz nach dem Credo vieler lateinamerikanischen Autoren, die sich den Leser als Komplizen wünschen, fordert er die Lesenden dazu auf dem scheinbar Unbedeutenden mehr Beachtung zu schenken, denn in diesem Unbedeutenden finden wir Normalos unser Leben… und nicht etwa in den Hochglanz-Berichten über die Prominenten oder im Hofschranzen-Journalismus über die Mächtigen. Dabei scheint es auch diesmal die Intention des Autors zu sein, uns zu überraschen und selbst mich – der für sich in Anspruch nimmt – ganz ähnlich zu ticken wie EG (immerhin ist er mir seit vielen Jahren literarisches Vorbild) erwischt er ein ums andere Mal.
Bevor ich den Lesenden mit meinen beschreibenden Worten weiter die Zeit stehle, nenne ich ein Textbeispiel. Was liegt näher als den Text für den Tag hier einzufügen, mit dem ich diesen Beitrag begonnen habe? Eben. Also unter 10. Mai steht zu lesen:
„Der Unverzeihliche“
Der Dichter Roque Dalton war frech und aufmüpfig. Niemals lernte er den Mund zu halten und zu gehorchen, und er legte einen herausfordernden Sinn für Launiges und Liebe an den Tag. In der heutigen Nacht des Jahres 1975 töteten ihn seine Kameraden aus der Guerilla in El Salvador mit einer Kugel, während er schlief. Verbrecher: Die Freiheitskämpfer, die töten, um den Meinungsunterschied zu bestrafen, sind ebensolche Verbrecher wie die Kämpfer des Militärs, die töten, um die Ungerechtigkeit aufrecht zu erhalten.“
***
EG scheint besessen von dem Wunsch, Geschichte zu erinnern. Aber der Schein trügt, er ist nicht besessen, sondern hat gelernt, dass es nur über die Kenntnis seiner Geschichte möglich ist, die eigene Zukunft zu gestalten. Denn in dieser Geschichte finden wir all die nützlichen Ideen, hilfreichen Zusammenhänge und auch diejenigen, die schon uns schon immer dabei behinderten, die eigene Zukunft in unserem Sinne zu schaffen. Wie ich schon sagte, hat EG eine besondere Art dies zu tun: In sprachlich eleganten Miniaturen, kaum mehr als eine halbe Seite lang, erzählt er von kuriosen, empörenden, bemerkenswerten Begebenheiten.
Für mich ist es die Kunst des Autors, bei all der Unterschiedlichkeit der Texte, die durchaus sehr humorvoll sein können, diese Miniaturen immer zu einer Art Anklage all derer geraten zu lassen, welche die Welt in ihrem Sinne und nur zu ihrem eigenen Vorteil zu lenken wussten. Ich bekenne, dass ich nach dem lesen des täglichen Textschnipsels hin und wieder auch beschämt zurück blieb, weil EG mir aufzeigte, was er unter tiefempfundener Solidarität mit den Unterdrückten dieser Welt versteht. Dabei fühle ich mich allerdings niemals ermahnt, belehrt oder gar mit der moralischen Keule geschlagen.
Ich habe das Experiment gemacht und von September 2012 bis August 2013 am jedem Morgen den entsprechenden Eintrag gelesen. Oft ist es mir so gegangen, dass mir dieser Text im Laufe des Tages immer wieder in den Sinn kam und so begleitete mich EG durch den Tag. Es war mir mit der Zeit ein wirkliches Vergnügen, jeden Tag mit „Kinder der Tage“ zu beginnen, denn Leichtigkeit und feiner Humor nehmen den Geschichten zwar nie die Schärfe, machen sie aber auch zum großen Lesevergnügen... sogar am frühen oder nicht so frühen Morgen.
In der Kontrazeile schrieb ich, dass ich mir ein Vorwort wünschte, denn stattdessen stehen ein da paar Zeilen aus dem Schöpfungsmythos der Maya:
Und die Tage begannen zu schreiten
Und sie, die Tage, schufen uns
Und so wurden wir geboren
die Kinder der Tage
die Erforscher
die Sucher des Lebens.
Diese Zeilen stellt EG diesem ungewöhnlichen Buch also voraus und jetzt, da ich mich nochmal intensiv mit dem Werk beschäftigt habe, könnte ich meine Meinung anders formulieren: Ein erläuterndes, ausführliches Vorwort hätte uns bevormundet und wir wären eben nicht mehr die Suchenden des Lebens… wäre wirklich schade gewesen, denn ich bin es nach wie vor gern.


Wilfried John

Nachsatz *1
Wer WIP unterstützen will, findet Kontakt unter: http://www.pen-deutschland.de/de/themen/writers-in-prison/

Nachsatz *2
Wer sich über Zensur in Deutschland ein informieren möchte: http://www.cras-legam.de

Nachsatz *3
Als Beispiel einer Zusammenarbeit http://www.staytuned.at/sig/0020/32890.html

"
Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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Rezensionen: 2666
Rezensionen Anonymous schreibt "
2666
Roberto Bolaño
1096 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Hanser – Aus September 2009
ISBN: 3-4462-3396-2
29,90 €uro
Antiquarisch billiger

Pro:
Erschütternd, traurig, zornig, ratlos machend  -  trotzdem begeisternd
Kontra:
Weit über 1000 Seiten wollen gelesen und verstanden werden


Der Wahnsinn alltäglicher Wirklichkeit

Verbrechen. Unter einem Verbrechen wird gemeinhin ein schwerwiegender Verstoß gegen die Rechtsordnung einer Gesellschaft oder die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens verstanden. Allgemein gesprochen handelt es sich um eine von der Gemeinschaft als Unrecht angesehene und von ihrem Gesetzgeber als kriminell qualifizierte und mit Strafe bedrohte Verletzung eines Rechtsgutes durch den von einem oder mehreren Tätern schuldhaft gesetzten, verbrecherischen Akt. So versteht denn auch die Rechtswissenschaft unter einem Verbrechen in erster Linie die strafbare Handlung (Straftat) als solche.
Das Wissen um den Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft ist mittlerweile so zum Allgemeingut geworden, dass man sich darüber wundern muss, warum sich Gesellschaften eine Politik einfach gefallen lassen, die offensichtlich gegen sie gerichtet ist. Offensichtlich ist es den interessierten Kreisen durch jahrelanges mediales Abrichten gelungen, solche Krisen als Naturereignis zu betrachten, gegen das man schließlich auch nichts machen kann. Vielleicht trifft das auch zu… wenn man am System nichts ändern will.

Nun, es ist allgemein bekannt: die Wirtschaft ist (wieder einmal) in einer Krise. Großunternehmen, Banken und Versicherungen erpressen Regierungen zur Zahlungen von Hunderten von Milliarden Euro. Mit Täuschung und Erpressung zwingen Konzerne ganze Belegschaften zum Verzicht auf tarifliche Leistungen. Regierungen betreiben Sozialabbau – der neoliberalen Ideologie verpflichtet – und begründen diesen mit Einnahmeverlusten beim Steueraufkommen; die nicht zuletzt auch durch Steuerhinterziehung und –flucht zustande kommen.
Meine Verwendung von eindeutig besetzten Begriffen wie Täuschung und Erpressung, deutet an, dass hier nicht nur „Naturgewalten“ am Werke sind. Viele der wirklichen Ursachen dieser und anderer Krisen sind auf kriminelle Handlungen zurückzuführen; was aber öffentlich eher selten erwähnt wird. Man ist sich gewiss sicher, dass das (noch) nicht auf den Gleichmut des Volkes treffen würde. So kommt es zustande, dass faktisch nichts gegen die Verursacher der Wirtschaftskrise getan wird, jedoch den Opfern der Wirtschaftskrise die Sanierung der Staatshaushalte aufgebürdet werden. Mehr und mehr Menschen (weltweit und in unserem Lande) fallen in persönliche Not und familiäres Elend; mit vorhersehbaren Folgen für den Sozialen Frieden. Die Entsolidarisierung – ohnehin schon schlimm – wird noch weiter verschärft (Zweiklassen-Medizin etc.).
Verbrechen. Nun, offenbar werden – auch in einem Rechtsstaat, in dem wir ja laut Verfassung leben – beträchtliche Unterschiede gemacht. Denn wie es die Definition schon sagt, obliegt es dem Gesetzgeber zu qualifizieren was denn bitteschön kriminell ist und das dann mit einer entsprechenden Strafe zu belegen; respektive überhaupt erst einmal zu verfolgen. Und die Medien? Na ja, ich wünschte mir, dass gewisse auflagenstarke Blätter und einschlägige Nachrichtensender auch mal tagelang über die Finanz-Abzocker-Bande so berichten würden, wie sie unlängst hinter ein paar entflohenen Sträflingen her waren. Das würde vielleicht das Unrechtsbewusstsein der Bevölkerung schärfen…
* * *
Anlass für diese Einleitung ist – wie sich meine Leserinnen und Leser sicher schon denken werden – ein Buch; das stimmt. Natürlich ist es kein Buch über Kriminaltheorie, sondern einen (um es vorweg zu nehmen) großartigen Roman eines chilenischen Schriftstellers; wiewohl man es dennoch nicht als ein normales Werk der Lateinamerikanischen Literatur bezeichnen kann. Das hat sowohl damit zu tun, dass der Autor seine Romane in Spanien schrieb, als auch damit, dass das Werk nichts mit dem – mit der Lateinamerikanischen Literatur im Allgemein in Zusammenhang gebrachten – Magischen Realismus zu tun hat. Nach der Meinung prominenter Sachverständiger, stellt das vorliegende Werk die endgültige Überwindung des Magischen Realismus in der Lateinamerikanischen Literatur dar.
Damit halten wir ein besonderes Stück moderner Literatur in Händen, für das noch eine Bezeichnung gefunden werden muss. Dieses Werk ist obendrein auch nicht eindeutig einer bestimmten Literatur-Gattung zuzuordnen und die Sachverständigen sind sich nicht einig, ob es denn nun überhaupt ein Roman ist. Nun, ich meine, wir sollten uns der Bezeichnung anvertrauen, welche der Autor selbst für sein Werk verwendete und Roman dazu sagen. Ich füge allerdings an, dass es sich bei dem Werk in der Tat nicht um EINEN Roman handelt, sondern um fünf Romane; denn so hat Roberto Bolaño (RB) sein Werk „2666“ ursprünglich veröffentlichen wollen.
Angesichts der Möglichkeit seines nahen Todes hatte RB Anweisung gegeben, die fünf Teile seines Romans als fünf Einzelbände zu veröffentlichen, schrieben die Erben des Autors in einer Vorbemerkung zur Erstausgabe; die auch der Deutschen Erstausgabe vorangestellt ist. Kurz vor seinem Tod habe RB diese Entscheidung auch seinem Verleger mitgeteilt und geglaubt, so die beste Lösung für die finanzielle Sicherheit seiner Kinder gefunden zu haben. Doch diese haben posthum den Entschluss des Autors revidiert und entschieden, das Werk sei in voller Länge in einem einzigen Band zu veröffentlichen, so wie RB selbst es getan hätte, wäre seiner Krankheit nicht der schlimmstmögliche Verlauf beschieden gewesen. Dementsprechend liegt uns nun ein sich über 1000 Seiten ausbreitendes Mammutwerk vor.
Ich möchte den Versuch wagen, dieses Werk zu besprechen, oder besser gesagt, zu würdigen; dies ist das Wort, das mir beim lesen des Romans immer in den Sinn kam, wenn ich in Nebengedanken an eine zu schreibenden Rezension dachte. Würdigung ist auch der Begriff, den ich auf den Autor und sein Gesamtwerk anwenden muss, da RB mit der Arbeit an „2666“ begann, als ihm schon seine tödliche Lebererkrankung diagnostiziert worden war und er somit seine letzten Jahre mit diesem Werk zubrachte. Aber RB beschäftigte sich, wie sein Freund Ignacio Echevarria in einem erhellenden Nachwort schrieb, sehr viel länger mit diesem Roman und so reichen Konzeption und Entwurf weit im Gesamtwerk zurück. Somit könnte man sagen: Mit der Würdigung dieses Buches, ist eine Würdigung des Gesamtwerkes und seines Autors verbunden.
* * *
Nicht nur weil ich den mittlerweile verstorbenen Autor mit dieser Besprechung würdigen möchte erscheint es geraten, dass wir uns seine biographischen Daten genauer ansehen, sondern auch deswegen, weil in seinen Aufzeichnungen zwei kleine Notizen gefunden wurden. Erste Bemerkung: „Der Erzähler von „2666“ ist Arturo Belano“; es handelt sich dabei um eine Romanfigur eines seiner früheren Romane, dem starke autobiographische Züge zugeschrieben werden. Zweite Bemerkung (mit dem Zusatz „für den Schluss von „2666“): „Und das ist alles, Freunde. Ich habe alles getan. Ich habe alles erlebt. Wenn ich die Kraft dazu hätte, würde ich weinen. Lebewohl sagt Euch Arturo Belano.“ Wer Augen hat zu lesen, wird erkennen, dass Roberto Bolaño und Arturo Belano sich in einer gewissermaßen „intellektuellen Verwandtschaft“ befinden; ein erneuter Hinweis darauf, dass zum Verständnis eines Werkes, die biographischen Daten des Autors wichtig sind. Deswegen also hier die Biographie des Autors:
Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile als Sohn einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers (der auch sich aber auch als Boxer betätigte) geboren. Er verbrachte seine Kindheit südlich der Hauptstadt in der Provinz. In Santiago de Chile ging er zur Schule... als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen. Im jugendlichen Alter von 15 sollte er lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko-City gingen. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Außenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. In Mexiko waren unruhige Zeiten angebrochen und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von seiner Politisierung geprägt.
RB bezeichnete sich damals selbst als Trotzkisten und selbstverständlich war er Anhänger von Salvador Allende.1972 kehrt er nach Chile zurück – durchquert halb Lateinamerika per Bus und Autostopp, von der Hoffnung getrieben, die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. RB hatte den Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus, dem er immer treu bleiben sollte. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte, entgeht RB nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Pinochet-Gegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schließlich in einem Massengrab verscharrt zu werden.
RB wurde zwar verhaftet (nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war), im Gefängnis war er aber „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschten noch die Faschisten unter Franko.
Nach einem kurzen Intermezzo bei linksradikalen Guerilleros in El Salvador (die später eine seiner Freunde ermordeten) kehrte er wieder nach Mexiko zurück und ging dann über Italien nach Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war. 1975, nach Francos Tod, gelangte RB schließlich nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.
RB beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher "Die Naziliteratur in Amerika", "Stern in der Ferne", "Telefongespräche", "Die wilden Detektive" und "Amuleto".
RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er, nur 50 Jahre alt, an einem Leberversagen in einem Krankenhaus in Barcelona; vergeblich hatte er auf ein passendes Transplantat gewartet. Aber er hinterließ zwei weitere fertige Bücher. Zum einen war das „Der unerträgliche Gaucho“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) und zum anderen das Buch um das es im Folgenden gehen soll: Sein Hauptwerk „2666“, das im vergangenen September endlich in Deutscher Übersetzung erschien.
* * *
Das hier zu besprechende Buch wird in der Kritik allseits als des Autors Meisterwerk bezeichnet, auch wenn er es nicht ganz zu vollenden vermochte. Wir haben es also eigentlich mit einem Romanfragment zu tun und es sei – durchaus auch kritisch – angemerkt, dass es die Frage ist ob die einzelnen Romane auch als einzelne selbständige Publikationen gewirkt hätten, oder ob RB wirklich nur finanzielle Interessen mit dieser Aufteilung verfolgte. Da die Verleger anscheinend mit Aufzeichnungen und losen Manuskriptteilen gearbeitet haben, ist zudem die Frage berechtigt, inwiefern noch an den einzelnen Teilen nachgearbeitet, in eine andere Reihenfolge gebracht oder weggelassen wurde, bis die Version fertig gestellt wurde, mit der wir uns nun befassen. Nun, wie dem auch sei, heraus gekommen ist ein großartiges, komplexes Werk, das die Bezeichnung Weltliteratur wahrlich verdient.
Wie schon gesagt, besteht der Roman aus fünf Teilen und ich möchte hier einen inhaltlichen Überblick versuchen. Dabei ist es natürlich zweckmäßig, dass ich mich an die vorgegebene Reihenfolge der einzelnen Romanteile halte, wiewohl das auch irgendwie vergebliche Mühe ist, da so die Verzahnung der einzelnen Abschnitte (oder der einzelnen Romane?) nicht recht in Szene zu setzen ist:
1. Teil: Der Teil der Kritiker
Im ersten Teil verfallen, unabhängig voneinander, vier Akademiker – ein Franzose, ein Spanier, ein Italiener und eine Engländerin – dem Werk und der Person eines (fiktiven) Schriftstellers namens Benno von Archimboldi. Sie lernen sich auf Literaturkongressen kennen, befreunden sich und haben keinen Zweifel: Der vom Publikum weitgehend ignorierte über achtzigjährige Deutsche ist der bedeutendste lebende Autor überhaupt. Im gleichen Maß wie die vier auf den Kongressen ihre Ansicht verfechten, in dem sie sich immer wieder gegenseitig bestätigen und ihre Ansichten gegen die Zweifel anderer Kritiker verteidigen, im gleichen Maß wird ihre Beziehung zueinander intensiver.
Aus der zunächst beruflichen Beziehung der Vier, entwickelt sich (vorhersehbar) eine komplizierte Liebesgeschichte; drei Männer und eine Frau, wobei sich die Geschichte vordergründig zunächst zwischen dem Franzosen, dem Spanier und der Britin abspielte. Der Italiener, durch seine Behinderung in der Gruppe eher der ruhende Pol, blieb dabei im Hintergrund. Die Arbeit der Gruppe allerdings ging weiter wie eh und je und wurde von Erfolg gekrönt: In Fachkreisen begann man „ihren“ Schriftsteller zu bewundern und schließlich wurde er für den Nobelpreis nominiert.
Aber der Autor war ein Verschwundener. Niemand scheint seine Biographie zu kennen, niemand kennt seinen Aufenthaltsort, niemand kennt die wahre Identität, denn eins scheint sicher: Benno von Archimboldi ist ein Pseudonym. Die Vier beschließen, das Rätsel seiner Identität zulösen und machen sich wie Detektive an die Arbeit. Sie finden Spuren, die sich aber stets verlieren. Die Witwe des Verlegers tut geheimnisvoll, aber verrät nichts… das Schicksal des Schriftstellers bleibt undurchdringlich.
Irgendwann erfahren die selbst ernannten Archimboldi-Detektive, dass der Gesuchte angeblich in die nordmexikanische Stadt Santa Teresa gereist sei. Hinter dem fiktiven Namen verbirgt sich das reale Ciudad Juárez, die Stadt am Rande der Sonora-Wüste, in deren Umgebung die Mordserie an hunderten von Frauen wütet. Drei der vier Literaten reisen nach Mexiko, wo ihre Energie inmitten flimmernder Wüstenhitze allmählich verdunstet. Und Archimboldi bleibt unauffindbar – ein Autor auf der Flucht vor der eigenen Bedeutung, ein Künstler, der sich der Sucht nach Personalisierung und massenmedialer Ausschlachtung entzieht, indem er im Nirgendwo verschwindet.
Der erste Teil des Romans ist nicht nur eine hinreißende Parodie auf den akademischen Literaturbetrieb (RB setzt hier quasi seinen anderen Großroman „Die wilden Detektive“ fort, in dem oben erwähnter Arturo Belano auftritt), sondern zeigt auch eine von des Meisters großen Stärken: die Schilderung tragik-komischer Liebesbeziehungen und bisweilen skurriler Sex-Szenen. RB führt quasi hinterrücks seine Auffassung von Literatur aus, die nicht losgelöst von der Wirklichkeit sein soll, in dem er die Literaturprofessoren als Loser charakterisiert. Dieser, fast 200 Seiten umfassende, erste Teil des Werkes ist köstlich und unterhaltsam zu lesen
2. Teil: Der Teil von Amalfitano
Das zweite Kapitel erzählt von einem in Santa Teresa lebenden und an der dortigen Universität arbeiteten chilenischen Literaturprofessor Amalfitano, der aus Santiago de Chile flüchten musste und in Barcelona/Spanien Unterschlupf fand, bevor er von der mexikanischen Universität angeworben wurde. RB setzt hier seine Kritik am Literaturbetrieb fort; diesmal allerdings nicht aus der Sicht eines Menschen der mitmischt (wie die vier Literaturprofessoren), sondern aus der Sicht von jemandem, der unter der Inkompetenz, den Machenschaften und der Ignoranz leidet.
RB erzählt eindringlich einen Teil der Lebens- und Leidensgeschichte dieses Mannes und dessen Tochter Rosa, die in diesem Teil zwar eine eher nebensächliche – aber dennoch nicht unwesentliche – Figur ist, welche des Professors universitäres Leben mit der Lebenswirklichkeit junger Leute verbindet; im weiteren Verlauf des Romans noch eine wichtige Rolle spielen wird. Am Ende dieses Kapitels geht es RB offenbar darum, auch die geistige Zerrüttung einer intellektuellen Persönlichkeit mit hohen Idealen zu zeigen, denn Amalfitano beginnt Stimmen zu hören, besser gesagt, die Stimme seines Großvaters.
Auf den knapp 80 Seiten dieses Teils, zeigt RB die Lebensgeschichte eines Lateinamerikanischen Intellektuellen, welche die Enttäuschungen der linken lateinamerikanischen Intelligenzija widerspiegelt, deren politische Ideale unter dem Ansturm von Diktaturen, Gewaltexzessen und Korruptionsskandalen in sich zusammengebrochen sind und die zu gebrochenen Persönlichkeiten werden. Offenbar floss in dieses Kapitel viel Autobiographisches ein.
3. Teil: Der Teil von Fate
Das dritte Kapitel, mit etwas mehr als 40 Seiten das kürzeste, dreht sich um einen schwarzen Journalisten namens Fate. Er schreibt für eine in Harlem/New York erscheinende Zeitung, die wohl vorwiegend für ein Schwarzes Publikum publiziert wird. Fate ist eigentlich zuständig für politische und soziale Themen und vertritt sozialkritische Ansichten; geprägt vom Minderheitenproblem als Schwarzer in den immer noch weiß beherrschten USA. Er hat eben einen Artikel über Barry Seaman, einen der Gründer der Black Panther, beendet, als ihn sein Chef beauftragt, ohne Umweg über NY, direkt von Chicago nach Mexiko zu reisen.
Da der Sportreporter der Zeitung ermordet wurde und niemand anders zur Verfügung steht, soll Fate von einem Boxkampf zu berichten, den ein New Yorker Boxer gegen einen Mexikaner in Santa Teresa austragen soll. Schon auf dem Weg, kurz vor der Mexikanischen Grenze, erfährt er beiläufig von den unaufgeklärten Frauenmorden; die ihn eigentlich mehr interessieren als der schnöde Boxkampf. Später taucht er ein in die Szene von Santa Teresa und erlebt, dass es in der sog. modernen (auch in der mexikanischen) Gesellschaft nur um Ablenkung geht; Ablenkung mit allen Mitteln. Auch Rosa, die Tochter des Literaturprofessors Amalfitano, ist in dieses Fahrwasser geraten.
Fate lernt im Hotel der Sportjournalisten eine mexikanische Journalistin kennen, die eigentlich über die Frauenmorde recherchieren will… und das Sportereignis sozusagen als Deckung nimmt; der Kollege, der das Thema vor ihr bearbeitete, wurde in Mexiko City offenbar gezielt liquidiert. Sie erzählt ihm von einem inhaftierten Hauptverdächtigten, den sie im Gefängnis interviewen will und bittet ihn, sie zu ihrem Schutz zu begleiten. Fate willigt ein, denn er möchte viel lieber über die Morde an den Frauen aus den Maquiladoras berichten. Doch er wird von seinem – nur auf die Spesen und die Auflage schielenden – Chefredakteur nach New York zurück befohlen.
Dieser Teil ist als eine Abrechnung mit den Medien zu lesen. Auf wenigen Seiten demontiert RB den Mythos von journalistischer Aufklärung (lohnenswert zu lesen). Wie ich in der Einleitung schon schrieb, sind gewisse auflagenstarke Blätter und einschlägige Nachrichtensender nicht an Aufklärung interessiert, sondern die kommerziellen Medien – oder besser die Kapitalisten, die sie besitzen – stützen das System und schonen Ihresgleichen. Nur nicht zu viel Information für die Massen; sie könnten ihre Schlüsse daraus ziehen…
4. Teil: Der Teil von den Verbrechen
In diesem, ca. 350 Seiten umfassenden, Teil des Romans geht es natürlich um die reale Mordserie. Am 23. Januar 1993 wird im realen Ciudad Juárez auf einem unbebauten Grundstück die Leiche von Alma Chavira Farel gefunden. Die Dreizehnjährige ist vergewaltigt, gefoltert und erwürgt worden. Offiziell ist dies der Auftakt zu der wohl unheimlichsten Mordserie in der Kriminalgeschichte. Sie ist deswegen der Auftakt, weil diese Leiche quasi zur Leiche Nr. 1 erklärt wird; niemand kann wissen, wann die Serie wirklich begonnen hat und wie viele ungezählte Leichen es vorher schon gab (außer vielleicht der Mörder... wenn die Morde von einem Einzeltäter begangen wurden).
Während der folgenden Jahre findet man Hunderte misshandelter und ermordeter Frauen, fast alle aus der Unterschicht; hauptsächlich Arbeiterinnen aus den Maquiladoras – so werden in Mexiko die sog. Exportproduktionszonen genannt, in denen keinerlei Arbeitsrecht gilt und in denen von meist us-amerikanischen Firmen aus rechtlosen Menschen die Arbeitskraft bis zum bloßen Mensch-Sein herausgepresst wird (Anhang1). Über die Frauenmorde in Ciudad Juárez sind mittlerweile mehrere Romane (z.B. „Tijuana Blues“ von Gabriel Trujillo Muñoz – auch hier bei Ciao vorgestellt), Sachbücher und Filme entstanden, doch mir scheint, nichts davon ist an Eindringlichkeit mit den Beschreibungen der Mordserie in „2666“ (in diesem Roman Santa Teresa) vergleichbar (siehe auch Anhang2).
RB beschreibt in diesem Kapitel, minutiös und nüchtern wie in einer Polizeireportage, die ersten 95 Morde der Jahre 1993 bis 1997 – und mir will es so vorkommen, dass RB damit den Opfern, deren Menschsein in der Realität als ungelöste Fälle lediglich zwischen Aktendeckeln verschwanden, Identität und Würde zurück gibt; für sie war es mit der Würde zu Lebzeiten in den Maquiladoras und den Armenvierteln der Stadt schon nicht weit her.
So wie in der Realität 1995 die Polizei den angeblichen Hauptverdächtigen verhaftet, wird auch in „2666“ ein Mann namens Klaus Reiter ohne Beweise und Geständnis ins Gefängnis gesteckt. Man feiert in den Medien den Erfolg… doch, ach, die Morde gehen weiter. Stecken Nachahmungstäter dahinter? Oder gelangweilte Oberschichtzöglinge, die ein adrenalinreiches Hobby betreiben? Oder vielleicht Hersteller kommerzieller Snuff-Filme? Nun, so wie offenbar in der Realität auch, werden die Fälle nicht aufgeklärt… RB schreibt das der Interesselosigkeit der Polizeiführung, der Einflussnahme von Wirtschaftsvertretern, der Inkompetenz von Beamten oder der Unzulänglichkeit des staatlichen Apparats zu (immer wieder verschwinden z.B. Gen-Proben auf dem Weg zum Labor).
Sehr gut gefällt mir, dass RB auch die überforderten (auch zu wenigen) Ermittler zeigt, die obendrein auch ihre persönlichen Probleme nicht auf die Reihe kriegen, ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen oder resignierten. Natürlich kommt auch das Thema Korruption nicht zu kurz – Drogenbarone herrschen (teils aus dem Gefängnis heraus) mit Geld und Gewalt; notfalls „verschwindet“ auch ein zu forscher Journalist. Letztlich ist auch die Zentralregierung machtlos gegen die Vetternwirtschaft in der Provinz…
5. Teil: Der Teil von Archimboldi
Der fünfte Teil des Buches schließlich, schildert auf den restlichen knapp 300 Seiten die Lebensgeschichte des ominösen Benno von Archimboldi, dessen Klarname Hans Reiter lautet. 1920 in Preußen als Sohn eines WK1-Veteranen geboren und ohne Schulbildung aufgewachsen, schlägt er sich als Knecht eines Barons durch. Er wird zwar offenbar kein Nazi, aber im Zweiten Weltkrieg kämpft er als Soldat an der Ostfront. Er entkommt der Roten Armee durch Desertieren, stellt sich der US-Army und wird in ein Gefangenen-Lager inhaftiert. Hier ermordet er einen Kriegsverbrecher, der sich unter den normalen gefangenen Soldaten versteckt.
Reiter, ein wahrer Riese von Gestalt, gelingt die Flucht aus dem Lager und er schlägt sich durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland nach Köln durch, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Hier trifft er eine junge Frau aus Berlin wieder, mit der schließlich zusammen lebt. Sein Leben stabilisiert sich und er beginnt zu schreiben. Sein erster Roman findet einen, aus dem englischen Exil zurückgekehrten, jüdischen Verleger, der von den Werken des unbekannten Autors begeistert ist; obwohl der kommerzielle Erfolg ausbleibt.
Nachdem seine Frau an einer Lungenkrankheit gestorben ist, lässt Archimboldi die Spuren seiner Existenz im Nichts verschwinden. Er hält jedoch losen Kontakt zu der Frau des Verlegers. Der Sohn der Schwester des Autors ist jener Klaus Reiter, der in Mexiko als Hauptverdächtiger der Mordserie im Gefängnis sitzt. Auf dem Flug nach Mexiko liest die Mutter einen autobiographischen Roman ihres verschwundenen Bruders (von dem sie nie wieder gehört hatte, geschweige denn wusste, dass er lebt und schreibt). Sie erkennt im unbekannten Autor den Bruder.
Schließlich setzt sich die verzweifelte Mutter mit der Verlegerin in Verbindung; so erfährt Archimboldi, dass sein Neffe Klaus Reiter, des Massenmordes angeklagt, in Mexiko einsitzt. Verzweifelt und vom Gefängnisalltag verroht, beschwört Klaus ständig eine Vision: Ein Riese wird in Mexiko erscheinen, ihn retten und die Erlittenen Kränkungen rächen. Archimboldi macht sich schließlich auf den Weg nach Mexiko…
* * *
Wie ich bereits vermutet habe, erschließt sich aus der Beschreibung der Inhalte der innere Zusammenhang der fünf Bestandteile von "2666" nicht eindeutig, Doch zusammenfassend kann ich sagen, dass sie vielfältig innig ineinander verschränkt sind. So wie sie aufeinander verweisen und sich gegenseitig reflektieren, war es offensichtlich doch sinnvoll, dass das Werk nicht in Teilen erschien; auch wenn 1084 Seiten gelesen werden wollen.
RB spannt in „2666“ einen Bogen zwischen zwei Zeiten und zwei Kontinenten mit ihrer jeweils erbarmungslosen Wirklichkeit, stellt einen Zusammenhang her zwischen dem mit perverser Rationalität und moderner Technologie begangenen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs und den sinnlosen Verbrechen in der Wüstenstadt Santa Teresa – Barbarei als Selbstzweck, verübt von anonymen Mächten im Schutze öffentlicher Gleichgültigkeit und staatlicher Ineffizienz, begünstigt durch Armut und einer aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung sowie einer, für die Täter einkalkulierbaren, meist umfassenden Straffreiheit (siehe auch „Die Füße nach oben“ von Eduardo Galeano – hier bei Ciao vorgestellt).
Zwar bilden die Morde ohne Zweifel den Kern dieses Werkes, über das Jonathan Lethem in einer Kritik für die "New York Times" schrieb, es sei ein gewaltiger "Resonanzkörper, ein Behälter für das menschliche Leid", das er (RB) zu bewahren suche“, aber das Buch darauf zu reduzieren wäre sicher zu wenig. Für mich beschreibt RB in der ihm eigenen Art nichts weniger – auch wenn sich das gewagt anhören mag – als den aktuellen Zustand der menschlichen Zivilisation. Und wie um selbst ein besseres Beispiel zu geben, nähert sich RB dem Martyrium der Opfer von Ciudad Juárez; vielleicht stellvertretend für alle verstümmelten, vergewaltigten, gefolterten und ermordeten Frauen der Welt und vielleicht für alle Opfer von körperlicher, seelischer und wirtschaftlicher Gewalt.
RB markiert mit seinem gesamten Werk, und erstrecht mit „2666“, den Bruch zu einer älteren Generation von Lateinamerikanischen Schriftstellern. Anders als bei dem Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez oder dem Peruaner Mario Vargas Llosa kann man ihn geografisch nicht mehr genau einordnen; was sicherlich nicht nur mit seinem verworrenen Lebensweg zusammenhängen mag. RB ist weder ganz Chilene noch Mexikaner, weder El Salvadorianer noch ganz Spanier; ich halte ihn für multikulturell oder, besser gesagt, für ein positives Beispiel dessen, was Edouard Glissant in seinem Werk „Traktat über die Welt“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) mit Kreolisierung beschrieb.
* * *
Wahrscheinlich muss ich es nicht erst formulieren, dass mich dieses Werk erschüttert, traurig, zornig und ratlos gemacht hat… es mich aber trotzdem begeisterte. Das liegt für mich – der ich mich mit der politischen Haltung des Autor identifiziere – auch an der Botschaft des Buches, die allerdings nicht wie bei manchem Lateinamerikanischen Autor als Politpredigt daher kommt, sondern an der kompromisslosen Menschlichkeit, die jede Zeile einfach ausstrahlt. Zudem stimme ich mit meiner Auffassung von Literatur völlig mit RB überein; auch er weigert sich, eine klare Linie zwischen politischen Meinungsäußerungen und Literatur zu ziehen.
Ich werde mich sehr davor hüten „2666“ hier als politisches Buch verkaufen zu wollen; ein Werk solchen Umfangs muss auch unterhaltend sein, damit es gelesen wird. Das trifft – im allerbesten Sinn – auf dieses Buch uneingeschränkt zu. Trotz all seiner aberwitzigen Inhalte, strahlt der Roman eine abgründige Witzigkeit aus, die ihn insgesamt lesbar halten; wiewohl man sowieso über RB allgemein sagen muss, dass Ironie und Selbstironie zu seinen großen Stärken zählen; an denen er umso kompromissloser festhielt, je mehr er zum Kultautor wurde. RB ist für mich eine Art Lichtkuppel eines Literaturgebäudes, auf das allerdings mit „2666“ leider der Schlussstein gesetzt wurde.
Irgendwie ist das auch typisch für RB. Schon wie er aussah: dürr und mit gewaltiger Nase, stets eine Zigarette zwischen den Fingern, die langfädigen Haare ungekämmt – er gab sich nicht die mindeste Mühe attraktiv zu wirken. Er schonte sich nicht und auch niemanden anders; vor allem nicht diejenigen, denen alle anderen gerne schmeicheln: den Machern im Literaturbetrieb. Trotzdem galt RB am Ende seines Lebens als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis, und dennoch lobte die Kritik sein Gesamtwerk mit dem Ausdruck „Planet Bolaño“. Darauf angesprochen, sagte er gegenüber einem Journalisten: „Das klingt lustig. Aber mein Werk ist kein Planet, sondern höchstens ein Meteorit, und zwar ein harmloser. Einer jener Meteoriten, die auf die Erde fallen, ohne dass es jemand bemerkt. Es sei denn, sie zertrümmern den Schädel einer Kuh, dann bemerkt es wenigstens deren Besitzer.“
Nun, ich habe ihn bemerkt ohne der Besitzer einer Kuh zu sein… und für mich wurde er zum einem Stern an meinem Himmel; leider nun weiter entfernt, als dass er wärmen könnte, aber immerhin so sichtbar, dass man sich daran orientieren kann.

Wilfried John

Anhang1: Unter www.sozialismus.info/?sid=79 ist eine Rezension der Buches „No Logo“ der Journalistin Naomi Klein, in dem die skandalösen Zustände in den Exportproduktionszonen beschrieben werden, die weltweit von neoliberal orientierten Regierungen von sog. Schwellenländern für die sog. Global-Player der Unterhaltungselektronik und vor allem der Textil-Industrie eingerichtet wurden und immer noch eingerichtet werden.
Selbst der traditionell eher konservativen und neoliberal tendierenden Zeitung „Die Zeit“ ist das ein Dorn im Auge. Unter www.zeit.de/1998/21/tijuana.txt.19980514.xml?page=1 kann man einen aussagekräftigen Artikel zum Thema lesen.
Anhang2: Ein sehr aufschlussreicher Artikel über diese Mordfälle, die zum großen Teil sexuelle Hintergründe haben, ist von Amnesty International unter der Adresse: www2.amnesty.de/internet/deall.usf/0/5ff4331dce71d4cac1256e47003ba0f2?OpenDocument nachlesbar.

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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Rezensionen: Die wilden Detektive
Rezensionen Anonymous schreibt "

Die wilden Detektive
Roberto Bolaño
688 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Hanser – Aus 3/2002
ISBN: 3-4462-0125-5
29,90 €uro

784 Seiten – Taschenbuch
Verlag: DTB – Aus 3/2004
ISBN: 3-4231-3182-9
12,90 €uro

Antiquarisch billiger

Pro:
Ein humor -  und fantasievolles Werk voller literarischer Raffinesse
Kontra:
Fast 700 Seiten wollen gelesen (und verstanden) werden


Detektive zu entdecken

Erinnerungen. Es gibt kaum ein anderes Wort, dessen Bedeutung jeder Mensch so genau zu kennen glaubt. Doch schon dieser erste Satz wird genügen, damit bei den Lesenden der Verdacht aufkeimt, dass klammheimlich gehegte Befürchtungen richtig sein könnten und wir doch nicht so ganz genau wissen, was es bedeutet sich zu erinnern; zu oft haben wir uns schon beim Erinnern geirrt. Das ist natürlich ein Problem, denn unser gesamtes Menschsein hängt an der Erinnerungs-Fähigkeit… oder etwas kleiner gewechselt, ich werde doch genau wissen, was ich in meinem Leben erlebt habe.

Sicher, alle Erlebnisse innerhalb eines menschlichen Lebens machen die Erinnerungen aus; aber eben nicht nur. Einige Erinnerungen – und ich spreche nicht von den großen Erinnerungen, die man gemeinhin Geschichte nennt – stammen nicht von uns persönlich, sondern wurden uns von anderen Menschen gemacht; z.B. Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Und tatsächlich gibt es einen Bereich der Gedächtnisforschung, der sich mit dem Thema Erinnerungs(ver)fälschung beschäftigt und der das unabsichtliche Verfälschen eigener Gedächtnisinhalte untersucht.
Natürlich sind hier keine bewussten Falschaussagen (also Lügen) gemeint, sondern Aussagen die wir selbst für richtig halten. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Pseudoerinnerungen. Hiermit handelt es sich um Ereignisse, die uns eingeredet wurden, die aber nicht selbst erlebt haben. Das wurde sogar mit psychologischen Experimenten nachgewiesen: z.B. erzählte man Probanden, dass Verwandte von ihnen berichten hätten, dass sie sich in der Kindheit in einem Einkaufszentrum verlaufen hätten und schließlich gänzlich verängstigt gerettet wurden. Eine signifikante Zahl der Probanden behauptete, sich daran erinnern zu können, obwohl dieses Ereignis nie stattgefunden hatte.
Seit mir diese Dinge bekannt geworden sind, habe ich mich schon oft gefragt, wie viele meiner Erinnerungen eigentlich Illusionen sind. Ja, und ich bin auch etwas misstrauiger gegenüber Menschen geworden, die allzu forsch auf mich zukommen und mich mit den Worten „weißt du noch… damals“ überfallen. Schlimmer allerdings sind jene Vergangenheits-Fanatikern, die mir einreden möchten, dass früher alles besser gewesen ist. Wie dem auch sei, seit vielen Jahren glaubte ich fest, dass ich den Roman „Die wilden Detektive“ von Roberto Bolaño schon rezensiert hätte. Nun, wenn man sich wieder richtig erinnert, kann man wenigstens solche Dinge berichtigen…

"Die wilden Detektive" ist kein Roman wie viele andere, sondern ist eine Geschichte aus Geschichten, ein Kaleidoskop unterschiedlicher Genres; je nachdem, wie man das Buch lesen möchte. Schon viel ist darüber gesagt worden und ich habe nicht die Absicht, das alles hier zu Protokoll zu geben. Dennoch sollte man sich darauf gefasst machen, dass hinter der Ernsthaftigkeit einer Kulturkritik die Satire auf den Literaturbetrieb hervor lugt, dass hinter dem Großstadtportrait ein Schelmenroman lauert, dass sich hinter dem großartigen Entwicklungsroman ein dreistes Road Movie kaputt lacht.

Der Roman enthält eine verwickelte Geschichte, die von Roberto Bolaño auf einer Reihe verschiedener Erzählebenen ausgeführt wurde. Diese Erzählebenen werden mit vielen echten oder erfundenen Biographien (Biographien sind Erinnerungen…) zusammen gehalten und es drängte sich mir der Gedanke auf, dass vom Autor dem ganzen Roman möglicherweise der Grundgedanke unterlegt wurde, dass der moderne Großstadt-Mensch keine lineare Biografie hat, sondern seine Identität aus vielen zusammengefügten Teilen besteht.
Der Gedanke hat sicher etwas für sich (...und hat mich im Übrigen zu obiger Einleitung verleitet). Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem „echten“ Berliner, der auf meine Formulierung „gebürtig“ entgegnete, dass die traditionelle Großstadt-Bevölkerung sich aus Zugereisten zusammensetzt. Oft sind dann die Biographien von Brüchen gekennzeichnet… ganz ähnlich auch derjenigen des Autors, die ich aus meiner Besprechung von „2666“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) zitieren möchte; gerade auch deswegen, weil die beiden Werke, (zumindest) was die Hauptfigur Arturo Belano betrifft, miteinander verschränkt sind.
Dass die biographischen Daten des Autors wichtig sind, habe ich schon des Öfteren zu Protokoll gegeben. In vorliegendem Werk sind sie – meiner bescheidenen Meinung nach – für das Verstehen des Romans unbedingt erforderlich:
Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile als Sohn einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers (der auch sich aber auch als Boxer betätigte) geboren. Er verbrachte seine Kindheit südlich der Hauptstadt in der Provinz. In Santiago de Chile ging er zur Schule... als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen. Im jugendlichen Alter von 15 sollte er lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko-City gingen. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Außenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. In Mexiko waren unruhige Zeiten angebrochen und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von seiner Politisierung geprägt.
RB bezeichnete sich damals selbst als Trotzkisten und selbstverständlich war er Anhänger von Salvador Allende.1972 kehrt er nach Chile zurück – durchquert halb Lateinamerika per Bus und Autostopp, von der Hoffnung getrieben, die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. RB hatte den Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus, dem er immer treu bleiben sollte. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte, entgeht RB nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Pinochet-Gegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schließlich in einem Massengrab verscharrt zu werden.
RB wurde zwar verhaftet (nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war), im Gefängnis war er aber „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschten noch die Faschisten unter Franko.
Nach einem kurzen Intermezzo bei linksradikalen Guerilleros in El Salvador (die später eine seiner Freunde ermordeten) kehrte er wieder nach Mexiko zurück und ging dann über Italien nach Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war. 1975, nach Francos Tod, gelangte RB schließlich nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.
RB beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher. RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er, nur 50 Jahre alt, an einem Leberversagen in einem Krankenhaus in Barcelona; vergeblich hatte er auf ein passendes Transplantat gewartet.
Eine Inhaltsangabe dieses monumentalen, fast 700 Seiten starken Werkes, ist kaum möglich. Dennoch möchte ich natürlich versuchen, wenigstens einen Überblick über das Werk zu liefern, das eigentlich mehrere Inhaltsangaben erfordert. Hierin ähnelt es einem anderen großartigen Roman, der sich auch auf verschiedene Weisen lesen lässt, woraus unterschiedliche Inhalte resultieren: „Rayuela“ von Julio Cortázar (auch hier bei Ciao vorgestellt). Wie dem auch sei, dieses mit dem Premio Romolo Gallegos, dem wichtigsten lateinamerikanischen Literaturpreis, ausgezeichneten Werk, handelt – grob gesagt – von einer Gruppe junger Dichter in Mexiko-City. Sie sind eine Gruppe jugendlicher Freaks, die alle wahrlich keine Helden sind, und deren wahre Obsession die Literatur ist.
Sie sind Vertreter und vor allem Verfechter einer (Achtung Satire) von RB erfundenen literarischen Bewegung, des „viszeralen Realismus” (übersetzt etwa Eingeweide-Realismus). Doch der Reihe nach: Der erste, der ins Bild kommt, ist Juan García Madero, ein Siebzehnjähriger, der eigentlich in die Stadt kam, um Jura zu studieren; das hatte er jedenfalls seinem Onkel versprochen. Stattdessen treibt er sich in üblen Spelunken ´rum und erlebt seine ersten (auch sexuellen) Abenteuer. Auf der Suche nach Gleichgesinnten, gerät der Außenseiter an eine Clique junger Dichter und in die Literaturwerksatt von Julio César Álamo (ein fiktiver Name) und wird in die Gruppe der Viszeral-Realisten aufgenommen. An das Jura-Studium denkt er nicht mehr und verbringt stattdessen seine Nachmittage und Abende in vollgequalmten Cafés.
Im Folgenden zeigen sich die starken autobiographischen Züge des Romans. Die Figuren der Clique sind allesamt erfolgslose Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich – ganz wie RB in seinen Jugendjahren – in Bohème-Zirkeln herum treiben und auf der Suche nach etwas sind… fast könnte man das auch eine Odyssee der Dichter nennen. Madero kennen wir ja schon. Die anderen namentlich auftretenden Realviszerealisten, sind Ulises (spanisch für Odysseus) Lima und Arturo Belano (ein Exilchilene!), Font, Lupe, Quim, Piel Divina. Zusammen treiben sie sich im pulsierenden Mexiko-City der ausgehenden 1960er Jahre herum.
Das alles kostet natürlich Geld und nicht immer bietet sich die Gelegenheit, es sich in einem gemachten Nest bequem zu machen und zu nassauern. Mit Gelegenheitsjobs, Drogendeals und auch mal Diebstehlen halten sie sich mühsam über Wasser. Aber sie bleiben sich treu: Nächtelang diskutieren sie über Literatur und schmieden kühne Pläne für Veröffentlichungen, die natürlich nie erscheinen. Wer schließlich die Idee hatte, eine verschollene Dichterin, Cesarea Tinajero, angeblich die Begründerin des viszeralen Realismus, ausfindig zu machen, ist nicht überliefert.
Nach und nach fällt die Gruppe auseinander und die Freunde – auf der Suche nach Cesarea Tinajero – verlieren sich aus den Augen. Für Belano und Ulises ist es eine Reise – getrennt voneinander – um die Welt. Ihre Odyssee führt die beiden nach Spanien, Frankreich, Rom, Tel Aviv, Wien, wieder Mexiko, Nicaragua, Angola und Liberia. Am Ende erreichen die Detektive ihr Ziel. Über staubige Straßen und einsame Dörfer geht es in Richtung der Wüste Sonora. Dort soll sich – allen Nachforschungen gemäß – die verschollene Dichterin aufhalten. Für Belano, Lima und Madero geht nach vielen Irrungen und Wirrungen eine Reise zu Ende… wie in einem klassischen Showdown eines Road-Movie. Was sie allerdings entdecken, ist etwas anderes als die überhöhten Vorstellungen der jungen Künstler; schließlich wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird: sie entdecken die Dichterin im einem elenden Kaff als Arbeiterin in einer ehemaligen Konservenfabrik.

Was für ein Buch… oder, besser gesagt, welch ein Werk! Wie ich oben schon schrieb, enthält es eigentlich wenigstens drei Genres: Im ersten Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko (1975)“ (ca. 140 Seiten), haben wir es eigentlich mit Textfragmenten des (natürlich fiktiven) Tagebuchs Maderos zu tun. Der zweite (Haupt-)Teil „Die wilden Detektive (1976 -1996“ (ca. 450 Seiten) enthält eine überwältigende Sammlung von Stimmen teils realer, mehrheitlich jedoch fiktiver Erzähler, die über Belano und Lima sprechen. Im dritten Teil „Die Wüste von Sonora (1976)“ (ca. 60 Seiten), finden wir das angesprochene Road Movie.

Während RB der sog. Rote Faden über fast 700 Seiten nicht verloren zu gehen scheint, müssen sich seine Leserinnen und Leser doch ein wenig Mühe geben, dass ihnen der ominöse Faden nicht abhandenkommt. Aber wir werden für die Mühen großzügig belohnt. RB sprüht vor Einfallsreichtum, Witz und auch Bösartigkeit… wenn er z.B. eine Figur sagen lässt, dass die spanischsprachige Literatur das Feld der Großbürgersöhne gewesen sei, die das Schreiben als riskante, Schranken überschreitende Existenzform sahen. Heute verknüpften kleinbürgerliche Schriftsteller Erfolg im Literaturbetrieb mit gesellschaftlichem Aufstieg. Wenn sie sich wehrten, dann gegen Wehrlose. Erst wer unangefochten zu den Erfolgreichen gehört, traut sich zuzuschlagen.
Aber es steckt noch mehr dahinter: Die Beschreibungen der Aktivitäten der Gruppe können als Karikatur auf sich allzu wichtig nehmende Künstler verstanden werden kann, wobei sich RB durchaus auch selbst veralbert, da er sich als Jugendlicher in Mexiko-City auch nach schriftstellerischem Erfolg sehnte und sich auf der Suche nach Richtung ebenfalls in Avantgarde-Kreisen bewegte. Auch muss RB das Nachleben der Stadt gut gekannt haben, denn die Beschreibungen des Umherstreunens der Dichter-Clique, ist eine großartige Milieu-Studie. Und während die Suche nach der verschollenen Dichterin ein Abenteuerstück sein kann, das in einem Showdown endet, ist das Berichten über die Reisen von Belano und Lima große Kunst.
Eigentlich bildet Maderos Tagebucheinträge der Jahren 1975/76 nur den Rahmen für die Handlung (wenn man das so bezeichnen möchte) im Mittelteil. Er enthält auf über vierhundertfünfzig Seiten Bemerkungen, Erzählungen, Berichte und ihre Reflektionen von fast 80 Menschen; wenige davon real existierende. Ihre Einlassungen datieren zwischen 1976 und 1996 und kreisen alle um Arturo Belano und Ulises Lima, die selber schweigen. Zu sprechen wäre auch gänzlich überflüssig, denn alles was es zu sagen gibt, sagen die Figuren, die offenbar auf die beiden fixiert sind.
Immer erzählt eine andere Stimme die Geschichte der Reisenden. Da RB jeder Person eine eigene Stimme angepasst hat (andernfalls könnte RB die Spannung über so viele Seiten nicht halten), sei es durch Slang-Ausdrücke, sei es durch einen dem Charakter der Person angepassten Wortschatz, so „hören“ wir als Leser gespannt zu, was uns da berichtet wird. Manche der Erzählerinnen oder Erzähler wiederholen bereits Erzähltes aus ihrer eigenen Perspektive, und so fragt man sich mit der Zeit, welcher dieser Erinnerungen man trauen kann.
Als ich lesend am Ende des Romans angekommen war, empfand ich eine tiefe Traurigkeit, denn ich wusste bereits von der tödlichen Erkrankung des Autors. Ich fragte mich noch bei mir, was ein Autor dieser Klasse, bei all den unausgeführten Ideen in diesem Buch (das quasi eine Schatztruhe von Romanideen ist), wohl noch hätte schreiben können. Aber ich möchte dankbar sein, dass er uns dieses Werk geschenkt hat und so hat sich die Traurigkeit alsbald in Freude gewandelt… die Freude darüber, dass ich dieses überaus originelle, äußerst unterhaltsame, großartige Kunstwerk genießen durfte.
Manche Liebhaber der Lateinamerikanischen Literatur beklagen, dass es einen Wandel – weg vom Magischen Realismus – zu etwas Neuem, Ungewohnten gegeben hätte und man Mühe habe, sich mit dem Neuen so zu stellen, wie man sich zum Etablierten gestellt hatte. Nun, hier halten wir ein Schlüsselwerk für dieses Neue in Händen. RB vereinigt hier virtuos die Nüchternheit des von ihm oft als literarisches Vorbild angeführten Argentiniers Jorge Luis Borges und die Opulenz der Sprache des Magischen Realismus, dessen unbestrittener Protagonist der von RB (persönlich) wenig geschätzten Gabriel Garcia Marquez ist.
„Die wilden Detektive“ ist ein maßloser, bizarrer und rasend schneller moderner Lateinamerikanischer Roman, der nicht mehr in irgend eine exotische Landschaft gestellt ist, der aber dennoch so viel Lokalkolorid hat, dass er mühelos als ein Meisterwerk der Lateinamerikanischen Literatur identifizierbar ist. Er wird ganz recht als einer der wichtigsten Romane der neuen lateinamerikanischen Literatur bezeichnet. RB hat einer jungen Generation Lateinamerikanischer Autoren einen Weg bereitet und es bleibt zu hoffen, dass sie sich aufmachen um zwischen Márquez und Borges hindurch, eine weiterhin unverwechselbare Literatur zu schaffen.
Von allem was ich die letzten Jahre gelesen habe, ist dieses Buch eines der humorvollsten, fantasievollsten und von literarischer Raffinesse strotzenden Werke, das es unbedingt verdient gelesen zu werden. RB schaffte es immer wieder mich zum Lachen zu bringen (was ich selten tue, wenn ich alleine bin). In dem er auch mit seiner eigenen Biographie kokettiert, kann er es sich erlauben, kein Klischee über junge Bohemiens auszulassen und ironisch zuzuspitzen. Ich kann jedoch verstehen, wenn es bei dem einen Leser oder der anderen Leserin Vorbehalte gegen ein solches Riesenwerk, mit seinem unfassbar scheinenden Personenregister, gibt und man sich nicht so recht herantraut, aber spätestens nach wenigen Seiten hat die aufgeschlossene Art des Autors den Bann gebrochen.
Wilfried John

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Veröffentlicht von Support am Donnerstag, 07. Mai 2015 (1 mal gelesen)
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