Leo Malet – „Tödliche Pralinen“

Leo Malet – „Tödliche Pralinen“


C:\Users\wilfr\AppData\Local\Microsoft\Windows\INetCache\Content.MSO\D3BAF19D.tmp

Leo Malet – Tödliche Pralinen

Taschenbuch: 184 Seiten

Verlag: Rowohlt Tb. (1996)

ISBN-10: 349912968X

ISBN-13: 978-3499129681


Konkurrenz im Geschäft

Der Kriminalroman ist ein Genre der Literatur, das seinen Ruf seinem Ruf als Trivialliteratur meistens gerecht wird. Oft werden sie für ein schon von vorne herein für ein in literarischen Dingen weniger anspruchsvolle Publikum geschrieben. Aber es gibt natürlich keine Regel ohne die berühmte Ausnahme davon: So hat sich z.B. in der Lateinamerikanischen Literatur (oder in Literaturen aus Ländern, in denen Autoren*innen unterdrückt/zensiert werden) der Trend verfestigt, soziale und/oder gesellschaftspolitische Themen in die Handlungen der Krimis hinein zu flechten, so dass im Kleide vordergründiger Trivialität, hintergründig anspruchsvolle Literatur entsteht.

Im vorliegenden Fall ist das allerdings nicht zu befürchten: Leo Malet will nichts weiter als humorvoll, bissig und spannungsvoll unterhalten. Er hat dazu in die lange Reihe so berühmter Detektive wie Sam Spade, Miss Marple, Philip Marlowe oder Sherlock Holmes, einen weiteren Mann der Zunft erfunden: Nestor Burma, den besten Detektiven der Welt. Diesen Mann lässt er im Paris der Deutschen Besatzung und der Nachkriegszeit auftreten und knifflige, die kniffligsten, Fälle lösen.

Léo Malet hat den Detektiv Nestor Burma, Inhaber der kleinen Agentur „Fiat Lux“ in Paris, mit all den Attributen ausgestattet, die ein solcher Mann halt haben muss: Er ist hart und charmant, clever und schlagfertig, kennt sein Revier und jeden Halunken (inklusive die bei der Polizei) und ist mit allen Wassern gewaschen. Nun, das sind natürlich keine Alleinstellungsmerkmale… aber Malet hat es noch geschafft, dabei noch die typischen französischen Eigenschaften nicht vergessen (sonst wäre er ja doch nur wieder wie alle anderen): Burma hat ein großes Herz, ist ein Flaneur und die Frauen lieben ihn, er ist weltläufig und dennoch von einer gewissen gesunden Derbheit. Malet, „Vater des schwarzen Kriminalromans in Frankreich“, wie er genannt wurde – hat aber auch mit dieser Kunstfigur gespielt, indem er sie in seinen Romanen mit der eigenen Irrealität spielen ließ. Burma ist urban, zynisch, modern, in seiner geschwätzigen désinvolture eine Art vulgärer Dandy.“

Malets Detektiv erzählt seine Abenteuer in der Ich-Form und in einem schnoddrigen Tonfall, der an die Vorbilder der harten amerikanischen Schule erinnert (ich denke da an Eddy Constantin in den Filmen als Detektiv Lemmy Caution – ein etwas bescheuertes, grundsätzlich betrunkenes, anscheinend kugelsicheres Großmaul). „Tödliche Pralinen“ ist einer der sehr frühen Romane aus der Nestor Burma-Serie und spielt sogar noch in der Vorkriegszeit; also in den Anfängen der Karriere des Detektivs.

Ich möchte eventuellen Leser*innen nicht den Spaß verderben, indem ich hier eine allzu umfängliche Inhaltsbeschreibung gebe. Deshalb nur ein paar Bemerkungen zum vorliegenden Buch: Die Zeiten sind lausig und im Sommer 1937 ist außer dem Wetter nichts gut in der Detektiv-Agentur Fiat Lux. Burma und seine Männer Zavatter und Reboul sowie die Sekretärin Héléne Chatelain haben wenig zu tun. Das liegt zum Teil an der Konkurrenz eines gewissen René Galzat, einem ausgebildeten Journalisten, der sich für einen „neuen Rouletabille“ (einer berühmten Detektiv-Figur aus Romanen von Gaston Leroux) hält.

Er bringt die die Polizei eins ums andere Mal mit einer Reihe von Artikeln in der Zeitung „Le Twilight“ in Verlegenheit, in dem er Fakten aufdeckt, die der Polizei entgangen sind; z.B. ein Fall von Betrug des falschen Barons James de Helcourt. Klar, dass der Typ unserem Burma nicht sonderlich sympathisch ist und irgendwann werden sie aneinander geraten. Burma erhält Besuch in seinem Büro von Jacques Kessel, einem 15-Jährigen, der mit einer Gruppe von Kindern den Verkauf von Zeitungen in Saint-Ouen in Seiner-Saint-Denis übernommen hat. Er erzählt dem Detektiv, dass zwei Mitglieder seiner Gruppe getötet wurden; vergiftet mit Arsenpralinen.

In Saint-Ouen ist Inspektor Faroux bereits am Werk. Er hält Ferdinand Tanneur, einen ehemaligen Ingenieur, der wegen Alkoholproblemen seinen Job verlor und sich nun als Taxifahrer durchschlägt, für den Mörder. Dem Kommissar sind da ein paar Fakten von der Geheimpolizei bekannt… Aber dann wird die Lage unübersichtlich, denn es kommt Paoli ins Spiel, der Anführer einer Bande korsischer Gangster von Montmartre ist. Der Reporter verfolgt jedoch – davon überzeugt einen weiteren Skandal aufdecken zu können – eine ganz andere Spur… und ist auf dem Holzweg.

Denn natürlich hat doch letztlich Nestor Burma den besseren Riecher. Und der führt ihn zwar auch fast in dieselbe Richtung, in der auch der Reporter ermittelte, aber eben nur fast… Wer war jetzt eigentlich der Täter? Was hat die Frau eines skrupellosen Arztes mit den Giftmorden zu tun? Was war das Geheimnis von Tanner, für das er hat sterben müssen? Oder war alles nur eine Verwechslung und Tanner nur ein Opfer des Zufalls? Fragen über Fragen und nicht der emsige Journalist wird sie beantworten, sondern natürlich Nestor Burma.


Malets Krimis sind sehr intelligent aufgebaut und überraschen immer. Es war mir als jemand dessen bevorzugtes Literaturfeld eben nicht der Kriminalroman ist, immer ein besonderes Vergnügen, mich mit einem dieser Krimis zu angeregt zu entspannen. Ich mochte diesen, Pfeife rauchenden, Typ sofort und konnte mich mit und über seine Art wundervoll amüsieren. Die Romane mit Nestor Burma sind ein richtiges kleines Lesevergnügen für zwischendurch und erfüllen genau den Zweck, für den das Genre gemacht wurde: Leichte Unterhaltung. Sehr empfehlenswert. Ich hoffe, meine Bemerkungen waren hilfreich…