Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

Die Vermessung der Welt (Rororo 24100) von [Kehlmann, Daniel]

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Verlag: Rowohlt – Aus Dezember 2009

ISBN-10: 3499253038

ISBN-13: 978-3499253034

Zukünftiger Klassiker der Weltliteratur

Vor nun schon fast fünfzehn Jahren habe ich mit Begeisterung den Roman eines jungen deutschen Schriftstellers gelesen, der plötzlich – wegen dieses einen Romans – weltweit berühmt, mit Lob überschüttet und schließlich verfilmt werden sollte. Bis der Film 2012 schließlich in die Kinos kam, waren von diesem Roman weltweit schon über sechs Millionen Exemplare verkauft. Und obwohl ich das Buch mit Begeisterung gelesen hatte, von dem Film wusste (weil auch er häufig besprochen und gelobt wurde), hatte ich ihn bis gestern noch nicht gesehen.

Und weil ich von dem Film so maßlos enttäuscht war, ihn sogar nach etwa der Hälfe abschaltete, erinnerte ich mich daran, dass ich den Roman bis heute noch nicht besprochen hatte. Vielleicht möchte ich mit dieser Besprechung den „Nachgeschmack“ des Films aus meinem Gedächtnis tilgen. Dennoch möchte ich natürlich keine Lobhudelei schreiben, sondern dem Roman die Anerkennung zollen, die ihm meiner Meinung nach gebührt.

Von dem sehr geachteten deutschen Schriftsteller B. Traven (auch hier von mir vorgestellt) ist der Satz überliefert: „Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“ Dieser Satz trifft in quasi dreierlei Hinsicht auf diesen Roman zu:

1. Die Protagonisten des Romans werden nicht nur als die Menschen die sie waren, sondern natürlich auch in ihren Werken sichtbar, denn es handelt sich bei den Protagonisten um zwei der Großen der Naturwissenschaft; Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Auch wenn beide in ihren politischen Einstellungen, in ihrer Berufsauffassung und ihrem Charakter nicht unterschiedlicher hätten sein können (und sich in der Realität menschlich eher nicht mochten, kann man beiderseits nicht umhin, die Werke des jeweils anderen anzuerkennen. Ich halte das für einen starken Appell, in einem Roman, der sicher alles andere als appellieren soll.

2. Das Besondere dieses Romans ist, dass auch viele andere Menschen, ohne die es keine erzählbare Geschichte gäbe, als Menschen und in ihrem Anteil am Werk der beiden berühmten Wissenschaftler sichtbar werden. Niemand, auch die Großen Geister der Wissenschaft nicht, kommt ohne all die anderen Menschen aus, die ihnen das freie Forschen finanzieren. Die Finanziers kommen wiederum nicht ohne jene aus, die das Geld erst verdienen müssen, das die Forschung ermöglicht. Und letztlich braucht es auch noch Leute, die all die alltäglichen Arbeiten verrichten, ohne die der Mensch verkommen würde. Besonders das Engagement von Humboldts gegen die Sklaverei ist hier zu erwähnen – und die Szene auf dem Sklavenmarkt in Lateinamerika hätte authentische sein können.

3. Letztendlich beschreibt der Roman als Werk auch seinen Autoren und lässt ihn als klugen, mitfühlenden und tiefgründigen Menschen sichtbar werden. Daniel Kehlmann ist Jahrgang 1975 und ist in seinen jungen Jahren schon ein vielfach ausgezeichneter Autor (u.a. mit dem renommierten Thomas-Mann-Preis). Mit dem Roman „Die Vermessung der Welt“, der als eine luftig ineinander verwobene Doppelbiographie daher kommt, stellt uns Kehlmann die beiden Mitbegründer der modernen Wissenschaften unterhaltsam, humorvoll und klug vor. Dabei muss man sich allerdings immer in Erinnerung rufen, dass es sich hier um einem ROMAN handelt und der Künstler sich alle Freiheit nehmen darf, eine Geschichte so zu erzählen wie er sie erzählen möchte – nicht immer entspricht das der Realität. Kehlmann ist für so manche „falsche Darstellung“ seiner Figuren kritisiert worden… von Leuten, die wohl nicht darauf achteten, dass sie einen Roman und keinen Essay gelesen hatten.

Wenn also der Satz von B. Traven als Synonym für einen großen literarischen Entwurf gelten kann, dann haben wir es bei „Die Vermessung der Welt“ um einen zukünftigen Klassiker der Weltliteratur zu tun. Leider kann ich nur fünf Sterne vergeben… und bei mir hätte der Roman noch einen Extrastern bekommen, weil er auf besondere Art auch sehr vielschichtig und sicher hin und wieder auch so kritisch ist, dass der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft in Frage steht. Klare Empfehlung.