David Mitchell – Der Wolkenatlas

David Mitchell – Der Wolkenatlas

Gebundene Ausgabe: 674 Seiten

Verlag: Rowohlt – Aus September 2006

ISBN-10: 3498044990

ISBN-13: 978-3498044992

Ein Stück Weltliteratur

Angelsächsische Literatur ist eigentlich nicht meine bevorzugte Literatur. Aber natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel und ich will nicht verschweigen, dass sogar ein paar meiner absoluten Lieblings-Bücher eben dieser Literatur entspringen. Eines davon ist der Roman „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell (Jahrgang 1969). Er studierte Englische und Amerikanische Literatur und lehrte an der Universität Hiroshima in Japan.

Wenn ich eben schrieb, dass der Roman „Der Wolkenatlas“ eines meiner Lieblingsbücher ist, so stimmt das natürlich nur insofern, als ich es auf das äußere Erscheinungsbild beziehe: Zwei Buchdeckel und über 600 Seiten dazwischen gebunden. Wenn Sie sich fragen, was die Unterscheidung zwischen innen und außen soll, dann muss ich zu Protokoll geben, dass das Innen nicht DER Roman „Der Wolkenatlas“ ist, sondern dass das Buch eigentlich sechs Romane enthält… die alle zusammen das Gesamtwerk „Der Wolkenatlas“ bilden.

Die sechs Handlungsstränge dieses Gesamt-Romans, wurden jeweils in einer eigenen literarischen Form erzählt und somit grenzen sich die einzelnen Romanabschnitte sehr voneinander ab; sowohl vom Romanort, als auch der Romanzeit. Natürlich beziehen sich die Romanteile aufeinander und der sog. Rote Faden ist dabei sehr komplex in die Handlungen eingewoben, dass das Buch mitunter anspruchsvolle Lesearbeit erfordert. Aber gerade das ist eben das „Salz in der Suppe“

Der erste Teil ist überschrieben mit „Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing“ (ca. 50 Seiten) und er enthält auch genau das: Ein im Stil des 19. Jahrhunderts abgefasstes Tagebuch eines reisenden gebildeten Europäers im Südpazifik – mitsamt der Dünkel, Vorurteilen und Überheblichkeiten, derer ein Europäer dieser Zeit (und hoffentlich nur dieser Zeit) fähig war.

Der zweite Teil mit dem Titel „Briefe aus Zedelghem“ (ca. 50 Seiten) enthält ebenfalls das was „drauf“ steht: Einen – der eher seltenen – Briefroman, der sich aus dem Briefwechsel heraus entwickelt, den eine fiktiver Komponist mit seinem Freund und Geliebten führt. Dieser Teil ist in das Jahr 1931 datiert.

Der dritte Teil ist übertitelt mit „Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall“ und wie man es sich bei einem Roman dieses Titels, der ins Jahr 1975 datiert ist, vorstellen wird, handelt es sich hier um das Genre des Kriminalromans. Es ist die Geschichte der Journalistin Luisa Rey, die in einem steckengebliebenen Fahrstuhl Rufus Sixsmith kennenlernt, welcher ihr einen Tipp für eine Story gibt – es geht um ein fehlerhaft arbeitendes Atomkraftwerk, einen korrupten Unternehmer und geheimnisvolle Berichte… Zutaten für einen spannenden Krimi.

Der vierte Teil mit dem Titel „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ ist eher ein Essay der den Kunst- und Literaturbetrieb zur Zielscheibe macht, als ein Roman, aber das Essay wird in Form einer Memoirensammlung mit überraschendem Ende, das im Heute (wann immer das genau ist) angesiedelt ist, erzählt.

Der fünfte Teil ist überschrieben mit „Sonmis Oratio“. Dabei handelt es sich um einen Zukunftsroman der pessimistischen Sorte; also eine sogenannte Dystopie. Der Romanteil spielt in Korea (im Jahre 2100) und die Protagonistin ist der weibliche Klon Sonmi~451. Ein alles beherrschender Konzern hat sie erschaffen, um in einem Fast-Food-Restaurant zu bedienen. Sie will ein richtiger Mensch werden; was natürlich ein schweres Verbrechens ist. Die Form, aus Protokoll und Dialog, ist sehr interessant und ist mir aus der Lateinamerikanischen Literatur bekannt.

Der sechste Teil spielt in einer noch ferneren Zukunft und ist mit „Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging“ überschrieben. Die Erzählung spielt in einer Zukunft, in der die Überlebenden einer technischen/kriegerischen Apokalypse um ihr Überleben kämpfen. Sie haben alle Errungenschaften einer technisch weit entwickelten Zivilisation verloren; sogar die Sprache ist davon betroffen.

Dieser Teil stellt quasi den Mittelteil des Romans dar. Da bis hierher alle Teile nur bruchstückhaft erzählt worden sind, wird den Lesenden von hier an die restlichen, fehlenden Stücke der anderen Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge präsentiert. Dabei greift ein Erzählstrang den vorhergehenden wieder auf und erzählt ihn zu Ende – bis wir wieder im Südpazifik in der Mitte des 19. Jahrhunderts und Ewing angekommen sind. Er hat seine schwere Krankheit überwunden, wurde von Autua gerettet und klappt mit dem Gedanken sein Tagebuch zu, dass die Welt zum Besseren geändert werden kann, wenn der Wille dazu und nicht vom Willen zur Macht dominiert wird… oder wie Jimmy Hendrix sagte: „Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht triumphiert, dann wird Frieden sein.

Nun, auch wenn Angelsächsische Literatur nicht meine bevorzugte ist, so gibt es in meiner Bibliothek halt auch eine Ecke mit Angelsächsischer Literatur. Hier hat „Der Wolkenatlas“ einen prominenten Platz… wie es sich für ein Stück Weltliteratur gehört.