„Die Durchlässigkeit der Zeit“

Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

Verlag: Unionsverlag – Aus Januar 2019

ISBN-10: 329300542X

ISBN-13: 978-3293005426

Interdependenz

Es gibt Begriffe, die man in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich bewertet. Einer davon ist Treue, nicht jene Treue in der Beziehung, sondern jene die man auch als Anhänglichkeit bezeichnet und die in dem Begriff Anhänger (engl. Fan) steckt. Als solcher Fan eines bestimmten Schriftstellers z.B., kann man, da man seine Veröffentlichungen regelmäßig verfolgt, Tendenzen in seinem Schreiben erkennen. Man erkennt Änderungen im Stil oder in Art und Weise, wie er ein bestimmtes Genre nutzt.

Bei Leonardo Padura, den ich persönlich für einen Autor von Weltformat halte, hat in den gradlinigen Kriminalroman der Anfangszeit, der selbstverständlich schon auch gesellschaftspolitische Tendenzen aufwies, zugunsten erst eines erweiterten Begriffs von Krimi aufgegeben und in den letzten zwanzig Jahren einen „interdisziplinären Stil“ (keine Ahnung ob es den Begriff gibt) angenommen. Er verband den Historischen Roman mit den klassischen Detektiv-Roman und einem dritten Genre, das man Künstler-Roman nennt. Für mich zeigt sich hier eine tieferliegende Philosophie, die ich selbst auch vertrete: Die Interdependenz.

Eine Interdependenz ist eine wechselseitige Abhängigkeit zweier oder mehrerer Personen, das bedeutet, das Verhalten einer Person, hat Einfluss auf das Verhalten einer anderen – letzteres hat wiederum eine Rückwirkung auf die erste Person, Auswirkungen auf andere und letztlich auf ganze Gruppen. Wie im Kleinen so im Großen – letztlich unterliegen natürlich auch Staaten, Bündnisse und Systeme dieser Interdependenz. Es gehört nach einfach zur menschlichen Daseinsweise, dass wir uns immer im Verhältnis zu anderen Menschen befinden. Dem zufolge sind alle diese Beziehungen geprägt von Interdependenz; was auch bedeutet, dass wir – sobald wir kommunizieren – uns selbst in den Einflussbereich des Anderen zu bringen. Manchmal zeitigen sich die Konsequenzen unseres Tun erst später… vielleicht nach dem eigenen Tod, in der nächsten oder übernächsten Generation, auf einem anderen Kontinent. Darüber schreibt Leonardo Padura.

Zu Leonardo Padura muss man eigentlich seit Jahrzehnten nichts mehr sagen, denn er ist ein international gefeierter Autor und eine nationale literarische Größe geworden; er repräsentiert aktuell (fast) im Alleingang die großartige nationale Literatur Kubas. Leonardo Padura (LP) 1955 in Havanna geboren… mitten hinein in die Zeit des Guerilla-Kriegs der kubanischen Revolution gegen den Diktator Battista. Als die Revolution siegt, ist LP vier Jahre alt. Eine der ersten Maßnahmen der Revolution war die Alphabetisierungs-Kampagne von 1961 und die Errichtung eines flächendeckenden, kostenlosen Schulsystems, in dessen Genuss LP kommt. Er selbst gibt zu Protokoll, dass er zwar die gesamte Schulzeit über, einen einseitigen Blick auf die Wirklichkeit beigebracht bekam, aber auch, dass er eine ausgezeichnete fachliche Ausbildung genoss. In der Oberstufe entdeckte er die Literatur für sich und so begann er ein Philologie-Studium, das er 1980 als diplomierter Philologe abschloss.

Kurz nach seinem Abschluss, begann er als Journalist bei der berühmten Zeitschrift „El caimán barbud“. Die Arbeit gefällt ihm und er bezeichnete die Redaktion als Paradies… in dem man allerdings ständig kontrolliert und zensiert wurde. Offenbar war er nicht bereit, der Macht nach dem Munde zu schreiben und so wurde er zum Magazin „Juventud rebelde“ strafversetzt. 1989 wurde er Chefredakteur von La Gaceta de Cuba und begann Kriminalromane zu schreiben, für die er in Spanien Verleger und Anerkennung fand. LP verfasste neben seinen bekannten Krimis, literaturwissenschaftliche Essays, Erzählungen und weitere Romane. Er lebt und arbeitet weiterhin in Havanna.

Zu diesem Titel: Der Roman erschien im Original 2018 und ein Jahr später in deutscher Sprache. An dieser Stelle möchte ich auch einmal ein Lob für die Übersetzungsleistung aussprechen, Hans-Joachim Hartstein (der mir eher aus der Krimi-Szene bekannt ist – Leo Malet – auch von mir hier vorgestellt), hat den ca. 450 Seiten-Roman in Rekordzeit glänzend übersetzt. Wie ich oben schon kurz erwähnte, besteht dieser Roman aus drei sehr geschickt miteinander verbundenen, besser gesagt, verwobenen Geschichten, die zwar in weit auseinanderliegenden Zeiten spielen, aber mindestens wiederum drei verbindende Konstanten aufweisen. Sicher war es nicht LP, der das „Rezept“ für diese Art Romane erfunden hat (vorher war z.B. Roberto Bolano – „2666“ – auch von mir hier vorgestellt), nicht einmal für die Art dabei auch noch drei verschiedene Genres in ein Werk zu fassen (das tat schon vor ihn z.B. Daniel Chavarria in „Die sechste Insel“ – auch hier von mir vorgestellt), aber LP wendet das Rezept meisterlich an.

Ich will nicht so vermessen sein, im Rahmen dieser Besprechung alle drei Geschichten, deren Verknüpfungen, Erzählebenen und -zeiten minutiös schildern zu wollen; zumal solche Romane nur selbstgelesen verstanden werden können, da Rezeptionen höchst individuelle Angelegenheiten sind. Wenn ich oben schon das Bild eines Rezepts verwendete, kann ich ja – um im Bilde zu bleiben – die Hauptzutaten beschreiben, aus denen das Werk besteht. Zunächst die Romanzeiten: Da haben wir es mit historisch verbrieften und fiktiven Zeiten zu tun, die sich von Mitte der 1930er Jahre bis in die Gegenwart erstecken. Bei den Protagonisten verhält es sich ebenso wie bei den Zeiten, sie sind teils historische Personen, teils fiktive Charaktere. Die drei Genres umfassen den Historischen Roman, den Detektivroman und den Künstleroman.

Wie man schon am letzten Absatz erkennen kann, haben wir hier eine sehr komplexe Struktur vor uns, die aufzulösen hier unmöglich ist, zumal zum vollständigen Verständnis der immanent geäußerten Kritik an den innerkubanischen Verhältnissen, eine tiefergehende Kenntnis der kulturellen, sozialen und gesellschaftspolitischen Zuständen z.B. im Verhältnis zur Homosexualität haben muss (siehe hierzu auch „Paradiso“ von José Lezama Lima – auch von mir hier vorgestellt). Aber, orientiert an der Verlagsbeschreibung, kann man folgende Grundgeschichten finden:

Mario Conde, schon lange kein Ermittler mehr, sondern (recht erfolgloser) Antiquar, Anfang 60 und völlig desillusioniert, was die persönliche und gesellschaftlich Zukunft betrifft. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel, taucht Bobby, ein ehemaliger High-School-Mitschüler, auf und bittet Conde ihm bei der Wiederbeschaffung einer Schwarzen Madonna zu helfen. Die Figur wurde ihm gestohlen. Sie ist angeblich von unschätzbarem Wert, weil sie heilende Kräfte hätte usw. Die Zutaten für einen spannenden Detektiv-Roman sind schon mal vorhanden.

Die nächste Zutat, der Historische Roman, beginnt dort, wo diese Figur angeblich herkommt – aus dem Spanien, das sich in einem jahrelangen Bürgerkrieg, gegen den Faschisten Franco wehrt oder auch für ihn ist und die Republik abschaffen wollen. Wenn sich in diesem Thema jemand auskennt, dann ist es LP, der sicher nicht all seine, in ausführlichen Recherchen gewonnenes Material über diesen Bürgerkriegt, in „Der Mann, der die Hunde liebte“ verarbeitete (auch von mir hier vorgestellt). Bobbys Vorfahren sollen sie aus den Pyrenäen nach Kuba gebracht.

Und zur Abrundung des Menüs fehlt noch die dritte Zutat: Der Künstler-Roman. Conde entdeckt schnell, dass Bobby nicht so unschuldig ist, wie er anfangs gedacht hat. Mario Condes Nachforschungen führen ihn zu gerissenen Kunsthändlern, in die Unterwelt Havannas – hier fließt wieder eine gerüttelte Portion Gesellschaftskritik mit ein, denn in einem Interview sagte Padura über das aktuelle Kuba: „Unsere Gesellschaft hat viele althergebrachte Werte verloren. Die Rechte des Anderen werden kaum noch respektiert, Gaunerei hat sich als Lebensweise etabliert. Das Wort »decente«, »anständig«, das früher so wichtig war, ist aus dem kubanischen Vokabular verschwunden.

Mario Condes Suche führt ihn und somit uns, mitten hinein in eine Geschichte, in der Gegenwart, Vergangenheit und vielleicht auch Zukunft ineinanderfließen. Der Kunstdiebstahl ist nicht das einzige Verbrechen, das im Zuge seiner Ermittlungen zu Tage tritt. Alle hängen irgendwie zusammen und ich erinnere an die Einleitung zu dieser Besprechung. Natürlich gehört es sich für einen guten Detektiv-roman, dass wir Aufklärung erhalten – und was es mit der Schwarzen Madonna denn nun wirklich für eine Bewandtnis hat. Dafür sorgt Mario Conde persönlich, in dem er in einer „selbstgeschrieben“ Erzählung, er ist nicht nur Antiquar, sondern auch (ebenfalls erfolgloser) Autor.

Schlussbemerkungen: Ich gebe zu Protokoll, dass ich ein Padura-Fan bin, seit ich 1991 den ersten Band des berühmten Havanna-Quartetts in Händen hielt. Und ich bin natürlich ein Conde-Fan, seit dieser Ermittler in besagtem Quartett die Bühne der Weltliteratur betrat. Insofern wird man von mir keine objektive Aussage erwarten dürfen. Natürlich würde ich etwas bodenlos Schlechtes nicht hochjubeln, aber das ist bei LP nie nötig gewesen, denn er war und ist, seit er hierzulande in Erscheinung getreten ist, ein versierter Erzähler und wunderbarer Romancier. Man kann ein jedes seiner Bücher bedenkenlos zur Hand nehmen und wird ein wunderbares Leseabenteuer erleben. Das gilt auch und gerade für diesen Roman.

LP ist hierzulande hauptsächlich wegen seiner Krimis bekannt. Wer hier allerdings einen seiner klassischen Krimis erwartet, sieht sich enttäuscht, denn wie ich oben schon erwähnte, schuf LP zwar nicht eben eine Singularität in der Weltliteratur, so doch aber ein Meisterwerk der Romankunst, die mehrere Genres in sich vereinigt. LP gibt in dem schon erwähnten Interview zu Protokoll, dass ihm gerade der philosophische Aspekt des Romans gefällt, weil in ihm um die Beziehung des Menschen zu seiner Vergangenheit sowie seine Unfähigkeit, sich der Geschichte zu unterwerfen geht. Er sagt: „Und Geschichte manifestiert sich nun mal in der Zeit. Die »Durchlässigkeit« bezieht sich auf die Zirkularität der Zeit, auf ihre Spiralen – ein Konzept, das ich von Schriftstellern wie Carpentier oder Borges gelernt habe und im Roman anwende.“