Felix Bruzzone – „76“

Felix Bruzzone – 76

142 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Berenberg Verlag – Aus Januar 2012

ISBN-10: 3937834397

ISBN-13: 978-3937834399

Schwarze Schatten der Vergangenheit

Lateinamerika. Es ist sehr seltsam, dass eine Weltregion hierzulande sehr beliebt ist, doch die meisten Menschen über die Aktualitäten dieser Region sehr wenig wissen; ich hoffe nicht, dass die Beliebtheit aus der Unwissenheit resultiert. Es mag daran liegen, dass hier Europa das mediale Interesse und/oder die persönlichen Interessen des Publikums sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und wir in Deutschland also nur das präsentiert bekommen, von dem die Medien glauben, dass es uns interessiert. In Ländern wie Portugal und Spanien ist das, der „gemeinsamen“ Geschichte und der oft noch familiären Verbindungen nach „America azul“, sehr viel anders.

Vielleicht ist mein Urteil aber auch etwas ungerecht, da ich meinen eigenen Wissenstand als Maßstab nehme; man weiß immer dann etwas von einer Sache, wenn man sich näher interessiert und sich damit befasst. Ich interessiere mich für die Literatur dieser Weltgegend und ich treffe dabei auf Autor*innen, besonders die der jungen Generation, die in ihren jeweiligen nationalen Literaturen, die Aktualitäten ihrer Länder verarbeiten. Insofern sind ihre Werke/ist das Lesen ihrer Werke nicht nur Unterhaltung, sondern auch Auseinandersetzung mit ihrer Realität. Mein neustes Projekt ist eine Serie von Rezensionen von Werken der jüngeren Autor*innen-Generation; hier ein Erzählband des Argentiniers Felix Bruzzone

Felix Bruzzone (Jahrgang 1976) wurde in Buenos Aires/Argentinien geboren und ist studierter Literaturwissenschaftler, arbeitete zeitweise und arbeitet als Grundschullehrer, bevor er sich ganz der Schriftstellerei widmete. In seiner argentinischen Heimat wurde er zu einem der zehn wichtigsten Autoren des vergangenen Jahrzehnts gewählt. Das liegt wohl an dem Thema Bruzzones und der Authentizität, mit der er das Thema verkörpert: Es geht bei ihm um Militärjunta und die sogenannten Verschwundenen – sein Vater wurde drei Monate vor seiner Geburt verhaftet, seine Mutter wenige Monate danach verschleppt – beider weiteres Schicksal bis heute ungeklärt. Félix Bruzzone lebt heute in Buenos Aires, wo er zusammen mit Hernán Vanoli den kleinen, unabhängigen Verlag Editorial Tamarisco führt.

Zum Buch: Der Erzählband erschien im Original im Jahre 2007 und trägt als Titel einfach die Zahl „76“. Unter diesem Titel ist der Band im Jahr 2012 auch hierzulande erschienen. Das schmale Buch enthält 8 Erzählungen, die – bis auf eine Ausnahme – nicht länger als 25 Buchseiten sind. Das hält den ganzen Band dynamisch und sehr gut lesbar – auch wenn man der knappen Zeit wegen, nur hin und wieder zum Lesen kommt. Bruzzone ist einer der jüngeren Autoren, die dennoch in der argentinischen Kurzgeschichten-Tradition schreiben; offenbar sind Kurzgeschichten in Argentinien beliebter als Romane.

Aber während die argentinischen Short-Storys thematisch eine große Spannbreite aufweisen können, die von der klassischen politischen Parabel bis zur surrealen Groteske oder einem literarischen Thriller reicht, verlegt sich Bruzzone auf sein Thema.

Ich möchte die Erzählungen jetzt nicht im Einzelnen durchgehen und besprechen (wäre ja auch gespoilert), aber ich möchte einen Eindruck vermitteln oder korrigieren, der vielleicht aufgrund meiner Beschreibung des Themas aufgekommen sein könnte. Man möge mir verzeihen, dass ich ausnahmsweise einmal schubladisiere – Bruzzone erzählt eben nicht jene platten Anti-Geschichten, sondern operiert in feinem Stil, der mich an Julio Cortázar erinnert – dem Meister der Kurzgeschichte.

Schlussbemerkungen: Ich hatte den Autor nicht gekannt und ihn quasi mit seinen Erzählungen kennengelernt – und sofort mochte ich seinen Stil, der mich, wie gesagt, an einem meiner absoluten Lieblingsschriftsteller erinnerten. Der Titel alleine ist schon Programm (für Argentinier steht die 76 für den Beginn der Schreckenszeit einer der schlimmsten Militärdiktaturen), aber auch in Argentinien wird auch heute noch gerne geschwiegen und die Menschen registrieren selten, dass sie – ob sie schweigen oder sprechen – unter dem schwarzen Schatten der Vergangenheit leben. Davon erzählt Bruzzone in einer wunderbar einfach gehaltenen Prosa. Ich habe einen großen – in der argentinischen Tradition der Kurzgeschichte schreibenden – Schriftsteller entdeckt. Wer sich für gute Unterhaltung mit sehr ernstem Hintergrund interessiert, wird hier fündig. Sehr empfehlenswert.