Gary Victor – „Im Namen des Katers“

Gary Victor – Im Namen des Katers

168 Seiten – Broschiert

Verlag: litradukt – Aus 2019

ISBN-10: 3940435309

ISBN-13: 978-3940435309

Welch eine Realität

Lateinamerika. Es ist sehr seltsam, dass eine Weltregion hierzulande sehr beliebt ist, doch die meisten Menschen über die Aktualitäten dieser Region sehr wenig wissen; ich hoffe nicht, dass die Beliebtheit aus der Unwissenheit resultiert. Es mag daran liegen, dass hier Europa das mediale Interesse und/oder die persönlichen Interessen des Publikums sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und wir in Deutschland also nur das präsentiert bekommen, von dem die Medien glauben, dass es uns interessiert. In Ländern wie Portugal und Spanien ist das, der „gemeinsamen“ Geschichte und der oft noch familiären Verbindungen nach „America azul“, sehr viel anders.

Vielleicht ist mein Urteil aber auch etwas ungerecht, da ich meinen eigenen Wissenstand als Maßstab nehme; man weiß immer dann etwas von einer Sache, wenn man sich näher interessiert und sich damit befasst. Ich interessiere mich für die Literatur dieser Weltgegend und ich treffe dabei auf Autor*innen, besonders die der jungen Generation, die in ihren jeweiligen nationalen Literaturen, die Aktualitäten ihrer Länder verarbeiten. Insofern sind ihre Werke/ist das Lesen ihrer Werke nicht nur Unterhaltung, sondern auch Auseinandersetzung mit ihrer Realität.

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um ein Stück Kriminalliteratur. Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um ihn als Vehikel einer eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier von mir vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Mein neustes Projekt ist eine Serie von Rezensionen von Werken der jüngeren Autor*innen-Generation; hier ein Roman des nicht mehr ganz so jungen Haitianders Gary Victor „Im Namen des Katers“.

Gary Victor (Jahrgang 1958) wurde in Port-au-Prince/Haiti geboren. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften arbeitete er als hoher Beamter für die Regierung – unter anderem als Generaldirektor des Kultusministeriums. Später wechselte er in den Journalismus und wurde Chefredakteur der Tageszeitung „Le Matin“. Victor schreibt auch Beiträge für Funk und Fernsehen – in Haiti regelmäßig ein Aufreger. Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft hat ihn zum subversivsten Gegenwartsautor Haitis werden lassen und stellt ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile gehört er zu den meistgelesenen Schriftstellern seines Landes. Außer Romanen und Erzählungen schreibt er Theaterstücke. Für sein Werk wurde er mit mehreren Preisen, darunter dem Prix du livre RFO und dem Prix littéraire des Caraïbes ausgezeichnet.

Zum Buch: „Im Namen des Katers“ erschien im Original unter dem Titel „W ap konn Georges“ im Jahre 2018 und schon im Jahre 2019 in Deutsch. Wie schon gesagt, schreibt Victor Krimis. Sie sind in seiner Heimat so erfolgreich, dass seine Protagonisten schon feststehende Typen geworden sind; zuvorderst Inspektor Dieuswalwe Azémar, der als Kunstfigur durchaus mit Leonardo Paduras „Teniente Mario Conde“, mit Ernesto Malos „Comisario Lascano“ oder Gabriel Trujillo Muñoz „Detektiv Miguel Ángel Morgado“ mithalten kann. Er ist nicht so versoffen wie „Mario Conde“ aber kann sein Leben oft nur mit einem gehörigen Quantum Rum ertragen. Aber er ist in einem Umfeld von Armut, Ungerechtigkeit und Korruption, ist er ein Mann mit Moral und Prinzipien und unterscheidet sich deshalb auch deutlich von seinen Kollegen, die für einen Gefallen schon mal die Hand aufhalten oder die Seiten wechseln.

Rund 30 Männern wurde die Kehle durchgeschnitten. Sie alle waren kleren-Liebhaber, ein simpler Rum, dem auch Inspektor Azémar regelmäßig zuspricht. Zudem aßen die Ermordeten reichlich Katzenfleisch, welches angeblich am besten zu dem Billigfusel passt. Azémar kommt in seinen Ermittlungen nicht voran, es fehlt jeglicher Hinweis. Da bittet ihn sein Vorgesetzter Kommissar Dulourd um einen Gefallen. Mademoiselle Lebrenier, eine alte Freundin aus besten Kreisen, vermisst Georges, der sich als ihr Kater entpuppt. 15000 US-Dollar sofort, denselben Betrag, wenn er das Tier zurückbringt. Der ansonsten unbestechliche Inspektor greift zu, denn das Geld kann er für seine im Ausland lebende Tochter gut gebrauchen. Doch der Auftrag ist alles andere als ein Kinderspiel, denn Georges wurde nach dem verstorbenen Bruder der Auftraggeberin benannt, dessen geradezu legendäre Fähigkeiten nunmehr in Georges übergegangen sein sollen. Wer den Kater verspeist, gewinnt folglich ungeahnte Kräfte und Macht.


Schlussbemerkungen: Mit Lateinamerikanischer Literatur verbinden wir hier in Deutschland häufig immer noch Werke des Magischen Realismus á la Marquez… das ist gewiss großartige Literatur gewesen, aber nicht einmal im Heimatland des Nobelpreisträgers wird heute noch Magischer Realismus geschrieben. Aber wir lesen hier mehr als nur Unterhaltungs-Literatur. Ich bin kein ausgesprochener Fan von action-geladenen, bluttriefenden und/oder gewaltverherrlichenden Thrillern. Insofern mochte ich den Inspektor Dieuswalwe Azémar vom ersten Moment an; zumal ich als Wahlportugiese die Melancholie als Grundzug des Charakters sehr gut verstehen kann.

Sicher, es ist nicht eben ein Kriminalroman, der einen vor Spannung die Fingernägel nagen lässt, aber ich mag diese ausgefeilten, gut geschriebenen und zusammengestellten Polizei-Romane. Hier liegen eindeutig die Stärken des Autors: Die Charakterisierung der Menschen, die Beschreibung von Beziehungen der Einzelnen zueinander und die Milieustudien von Port o Prince. In profunder Kenntnis der literarischen Tradition des Krimis und mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors, benutzt Gary Victor – wie kaum ein anderer – den Kriminalroman zur Beschreibung der Wirklichkeit seines Landes. Gary Victor wird gerne mit dem Satz zitiert, der ihn und sein Schreiben charakterisiert: „Es heißt, ich sei Pessimist oder Nihilist, aber ich beschreibe nur die Realität.“