Heinrich Böll – „Wanderer, kommst du nach Spa…“

Heinrich Böll – Wanderer, kommst du nach Spa…

Taschenbuch: 164 Seiten

Verlag: dtv – Aus September 1967

ISBN-10: 3423004371

ISBN-13: 978-3423004374

Zerrüttete Verhältnisse… nicht ohne Hoffnung

Mein Großvater war schon vor dem Ersten Weltkrieg Gewerkschafter (DMV) und als solches durfte er auch Mitglied der von der Buchdrucker-Gewerkschaft gegründeten Büchergilde werden, die 1924 in Leipzig mit dem Anspruch gegründet worden war, den Unterprivilegierten Zugang zu guten Büchern zu ermöglichen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder Mitglied und blieb das bis zu seinem Tod Weihnachten 1976 (ich übernahm dann seinen Platz). Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem die Erzählungen von Heinrich Böll, den er verehrte.

Heinrich (1917 – 1985) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Im Jahr 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, mit welchem seine literarische Arbeit gewürdigt wurde, „die durch ihren zeitgeschichtlichen Weitblick in Verbindung mit ihrer von sensiblem Einfühlungsvermögen geprägten Darstellungskunst erneuernd im Bereich der deutschen Literatur gewirkt hat“, so die Begründung des Nobelpreis-Komitees in Kurzform. In seinen Romanen, Kurzgeschichten, Hörspielen und zahlreichen politischen Essays setzte er sich kritisch mit der jungen Bundesrepublik auseinander. Fortschrittliche Lehrer, wovon es Mitte der 1960er Jahre noch nicht so viele gab, setzten besonders die Erzählungen auch im Unterricht ein; so lernte ich ihn kennen.

Heinrich Böll avancierte in den späten 1940er und in den 1950/60er Jahren zu einer (nicht nur literarischen) Instanz, was zuerst an seiner charakterlichen Integrität lag und nicht zuletzt an seiner Unbeugsamkeit. Er war der meistgelesene und -diskutierte (ja umstrittene) Autor der BRD. Seit seinen ersten Veröffentlichungen hielt Böll kritische Distanz zur westdeutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit. Man kann sein Gesamtwerk auch als kontinuierlichen Kommentar zur Geschichte, den gesellschaftlichen Entwicklungen und Zuständen der BRD lesen, wobei im Zentrum seines Schaffens natürlich der Krieg stand.

Aber im Gegensatz zu anderen entwarf er eben kein Schlachtenpanorama mit möglichst detailgetreuen Darstellungen der Greul, sondern er erzählte davon, was das mit den Menschen machte, die versuchten in diesem Chaos zu überleben, sich neu zu orientieren und manchmal auch sich neu zu erfinden. Trümmer, Schwarzmarkt, Gelegenheitsjobs einerseits und Profiteure der Not der Leute, die Not der Geflüchteten und Entwurzelten für ihre ausbeuteten, andererseits, waren immer die Themen seiner Erzählungen. Im vorliegenden Band sind 25 Erzählungen des Nobelpreisträgers versammelt, die allesamt zwischen 1947 und 1950 entstanden sind.

Ich erspare es mir und Ihnen, diese Texte hier minutiös zu beschreiben und zu kommentieren; das ist anderweitig genauestens nachzulesen. Nur der Vollständigkeit halber, das Inhaltsverzeichnis (die Jahreszahl in der Klammer bezeichnet das Entstehungsjahr), damit man eventuell Titel nicht doppelt anschafft:

Über die Brücke (1950)

Kumpel mit dem langen Haar (1947)

Der Mann mit den Messern (1948)

Steh auf, steh doch auf… (1950)

Damals in Odessa (1950)

Wanderer, kommst du nach Spa… (1950)

Trunk in Petöcki (1949).

Unsere gute, alte Renee (1950)

Auch Kinder sind Zivilisten (1948)

So ein Rummel! (1948)

An der Brücke (1949)

Abschied (1948)

Die Botschaft (1947)

Aufenthalt in X (1950)

Wiedersehen mit Drüng (1950)

Die Essenholer (1950)

Wiederseheninder Allee (1948)

In der Finsternis (1949)

Wir Besenbinder (1948)

Mein teures Bein (1948)

Lohengrins Tod (1950)

Geschäft ist Geschäft (1950)

Ander Angel (1950)

Mein trauriges Gesicht (1950)

Kerzen für Maria (1950)

Schlussbemerkung: Neben der anspruchsvollen Unterhaltung, die unbedingt auch für Jugendliche mehr als geeignet ist (auch grade in der heutigen Zeit mit Krieg, Vertreibung und Flucht – auch wenn es in anderen Ländern geschieht), eignen sich die Erzählungen auch für den Einsatz im Deutsch-Unterricht, in dem Schüler*innen lernen können, dass Literatur immer auch eine geschichtliche Bedingtheit hat und man sich deswegen über die Literatur einen erhellenden Zugang zum Verstehen der Entstehungszeit der Werke verschaffen kann.

Genau dies ist meine Grunderfahrung mit den Erzählungen von Böll. Ich kann sagen, dass diese Erzählungen und die aus der Kenntnis der Geschichten resultierenden Einsichten und Ansichten, bei mir ein tiefes Verständnis meiner „gesellschaftlichen Umgebung“ erzeugten. Die immer wieder auftauchenden Motive (Nazizeit, Obrigkeit, Krieg, Ausbeutung, Schuld…) haben mich geprägt und ich kann sagen, dass Böll und seine Literatur IN mir ebenso zu einer Instanz geworden ist, wie er das im Allgemeinen war. Er hat in mir einen Seismographen implementiert, der sehr empfindlich auf Erschütterungen durch Ungerechtigkeit reagiert. In Gedenken an meine Kindheit und Jugend in den 1960ern… und an meinen lieben Großvater, der quasi an dieser Besprechung schuld ist.