Isaac Asimov – „Ich der Roboter“

Isaac Asimov – Ich, der Roboter

Taschenbuch: 304 Seiten

Verlag: Heyne Verlag (9. November 2015)

ISBN-10: 3453528425

ISBN-13: 978-3453528420

Der Anfang von Vielem

Mein Großvater (1892 – 1976) las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Seinen Worten nach, las er Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es auch noch nicht) von seinen Zeitgenossen Kurd Laßwitz oder Hans Dominik (beide hier von mir vorgestellt). Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Science-Fiction-Bücher schenkte – unter anderem die Bücher von Isaac Asimov.

Isaac Asimov (1920 – 1992) zählt gemeinsam mit Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein und Stanislaw Lem (alle hier von mir vorgestellt) zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren und zu den Protagonisten des sog. „Golden Age of Science-Fiction“. Er studierte Chemie an der Columbia University und beendete das Studium mit einem Master-Abschluss. Später promovierte er (28jährig) zum Doktor der Biochemie und schließlich Professor an der Boston University. Bereits während seines Chemiestudiums begann er zu schreiben und ab 1958 gab er die Universitätskarriere auf und wurde Schriftsteller. Eines seiner Hauptthemen war Robotik und Künstliche Intelligenz. Aber neben seinen Science-Fiction-Romanen schrieb er auch zahlreiche populärwissenschaftliche Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen (man schätzt sein Werk auf über 500 Bücher). 1979 wirkte Asimov als wissenschaftlicher Berater bei der Entstehung von Star Trek mit. Was ihn – aus meiner Sicht – für die Science-Fiction-Literatur zu einem Gewinn machte, war sein humanistisches Denken – ab 1985 wurde er Präsident der American Humanist Association und blieb in dieser Position bis zu seinem Tod.

Zu diesem Buch: Das vorliegende Buch enthält jene 9 Erzählungen, für die der Autor berühmt geworden ist, die seinen ungeheuren Ruf als SF-Autor begründeten und die Ideengeber für viele andere Autoren (auch Filmschaffende) gewesen sind. Diese Geschichten fallen uns heute ziemlich schnell ein, wenn das Stichwort Roboter fällt. Und das nicht nur in der Science-Fiction-Szene, sondern auch in dem Teilbereich der Wissenschaft, für die sich der Begriff „Robotik“ durchgesetzt hat (schon dieser Begriff wurde von Asimov geprägt). Über Roboter zu sprechen – egal, in welchem Kontext – bedeutet immer auch, über Isaac Asimov zu sprechen.

Natürlich kann in dieser Sammlung die berühmteste aller Roboter-Geschichten nicht fehlen: Die Erzählung „Runaround“ erschien 1942 (!) In dieser Story müssen sich beiden Roboter-Spezialisten Powell und Donovan, mit einem offenbar verrückt gewordenen Roboter namens Speedy herumschlagen. „Runaround“ ist insofern bemerkenswert, als dass hier erstmals die drei Gesetze der Robotik formuliert werden:

1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.

3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Diese drei Gesetze sind bei Asimov in jedem Positronikgehirn verankert; tatsächlich ist es gar nicht möglich, eine KI herzustellen, die diesen Gesetzen nicht folgt. Allerdings – und daraus ergeben sich die Probleme, denen sich Powell, Donovan und ihre Chefin, die Robotpsychologin Susan Calvin, im Laufe der ersten Roboter-Geschichten stellen müssen – ist es möglich, diese Regeln zumindest teilweise zu verändern. Und allein die Tatsache, dass Asimov eine „Robotpsychologin“ einführen musste, zeigt, dass nicht nur bei geänderten Regeln Konflikte entstehen können. Tatsächlich ist es in den Roboter-Geschichten so, dass es die Menschen sind, die sich auf die Denkweise der Robots einstellen müssen, sodass Mensch und Maschine in der Lage sind, fruchtbar zusammenzuarbeiten.

Später in seinem Werk, wird Asimov noch einen Schritt weiter gehen und eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Maschine und Menschen postulieren. Denn genau das zeigen Asimovs Geschichten: eine Zukunft, in der Roboter nicht einfach nur sehr elaborierte Werkzeuge oder mechanische Monster sind, sondern Partner der Menschen. „Ich hatte beschlossen, dass sich meine Roboter nicht gegen die Menschheit wenden würden“, schreibt Isaac Asimov 1964 in seinem Vorwort zu „The Complete Robot“.

Schlussbemerkungen: „Ich, der Roboter“ war für mich Mitte der 1960er Jahre der Beginn meiner Asimov-Leidenschaft – auch heute sollte das für Jugendlich gelten können: Das ist der einstiegstaugliche Asimov-Band. Die Sammlung von Kurzgeschichten haben nicht nur meine SF-Affinität geprägt, sie haben ein die Science-Fiction-Literatur geprägt und sie wieder näher an die Wissenschaft und Technik gebracht – was sich z.B. in der Formulierung der berühmten Robotergesetze zeigt.

Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Völlig unkritisch gegenüber der Atomtechnik, kein Gedanke an Umweltprobleme oder Erhalt von natürlichen Biosphären und begeistert von Raketentechnologie, habe ich als Jugendlicher völlig begeistert den Roman gelesen. Ich traue heutigen kritischen Jugendlichen zu, dass sie Unterhaltung losgelöst von Technologiekritik genießen können… natürlich haben solche technologischen Entwicklungen auch ihre Schattenseiten hervorgebracht.

Für mich sind die Erzählungen und Romane Isaac Asimovs ein schieres Lesevergnügen. Ich brauche all die waffenstarrenden Raumschlachten mit Aliens oder aggressiven Eroberungs-Expeditionen nicht lesen; bestenfalls als Randerscheinung innerhalb eines intelligenten Plots. Diesen Anspruch erfüllt Asimov in seinen Romanen und Erzählungen einwandfrei. Das Gute: Er entwickelt aber Perspektiven, die weitergedacht werden können; weitergedacht in eine Zukunft der Menschheit. In Gedenken an meine Kindheit und Jugend in den 1960ern… und an meinen lieben Großvater, der quasi an dieser Besprechung schuld ist.