Joaquin Guerrero Casasola „Schwarze Küsse“

Joaquin Guerrero Casasola – Schwarze Küsse

224 Seiten – Broschur

Verlag: Kein & Aber – Aus 2009

ISBN-10: 3036955496

ISBN-13: 978-3036955490

Ein überraschendes Ende

Lateinamerika. Es ist sehr seltsam, dass eine Weltregion hierzulande sehr beliebt ist, doch die meisten Menschen über die Aktualitäten dieser Region sehr wenig wissen; ich hoffe nicht, dass die Beliebtheit aus der Unwissenheit resultiert. Es mag daran liegen, dass hier Europa das mediale Interesse und/oder die persönlichen Interessen des Publikums sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und wir in Deutschland also nur das präsentiert bekommen, von dem die Medien glauben, dass es uns interessiert. In Ländern wie Portugal und Spanien ist das, der „gemeinsamen“ Geschichte und der oft noch familiären Verbindungen nach „America azul“, sehr viel anders. Vielleicht ist mein Urteil aber auch etwas ungerecht, da ich meinen eigenen Wissenstand als einer Sache, wenn man sich näher interessiert und sich damit befasst.

Beim vorliegenden Werk handelt es sich eigentlich um ein Stück Kriminalliteratur; auch wenn man es auf den ersten Blick nicht genau erkennt. Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne dieses Genre, um es als Vehikel einer eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier von mir vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Mein neustes Projekt ist eine Serie von Rezensionen von solchen Werken; hier das des Mexikaners Joaquin Guerrero Casasola „Schwarze Küsse“

Joaquin Guerrero Casasola (Jahrgang 1962) wurde Mexiko-City/Mexiko geboren. Er arbeitet Schriftsteller, Fernseh- und Drehbuchautor. Er studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität Salamanca, wo er auch promovierte. Er hat auch einen Master-Abschluss in Fiction-Drehbuch für Fernsehen und Film von der Päpstlichen Universität Salamanca (Spanien, 2006) und einen Doktor in Hispanisch-Amerikanischer Literatur. Im Jahr 2006 erhielt er ein Stipendium des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez für die Teilnahme an dem mythischen Drehbuch-Workshop, der jährlich von GGM an der Internationalen Schule für Film und Fernsehen in San Antonio de los Baéos, Kuba, veranstaltet wird. Er ordentlicher Professor für den Bachelor in Literarischer Schöpfung an der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt (UACM). Sein literarisches Debüt „Das Gesetz des Stärkeren“ wurde 2007 mit dem Literaturpreis L H Confidencial ausgezeichnet. „Schwarze Küsse“ ist sein zweiter Roman.

Zum Buch: „Schwarze Küsse“ erschien im Original unter dem Titel El pecado de Mama Bayou“ im Jahre 2008 und im Jahre 2009 unter vorliegendem Titel in Deutsch. Der Plot der Geschichte ist einfach: Der Protagonist ist ein ehemaliger Polizist und nun als Privatdetektiv tätige Gil Baleares und das Ambiente ist, typisch Hardboiled-Krimis, die Großstadt – hier Mexiko-City. Der Krimi besteht aus drei Handlungsebenen, die der Autor offenbar nicht so sehr miteinander in Einklang bringen konnte, denn sie sind sehr unterschiedlich gewichtet: Die Suche nach seinem (vor Jahren schon) entführten Vater, die immer wieder zu ihm zurückkehrende Ex-Geliebte (die wohl nur wegen der Sex-Szenen vorkommt) und die Ermittlungen im Falle des Mörders im Transvestiten-Milieu, der auf seinen Opfern schwarze Kusszeichen hinterlässt.

Mit einem ehemaligen Kollegen zusammen, startet er die Suche nach dem Verdächtigen Roberto, dem Sohn eines Richters. Wie man es sich in einer solch regellosen, hochkriminellen Stadt vorstellt, sind auch die Ermittlungsmethoden: brutal, ruppig und regellos. Es mag ja sein, dass der Autor schon einen Kriminalfilm im Sinne hatte als er den Roman schrieb, jedenfalls kommt es mir vor, als konzentriere er sich allzu deutlich auf gewalttätigen Szenen und Sex, ohne dass es der Story weiterhilft. Was man natürlich sagen muss ist, dass wir Einblicke in die Realität eines solchen Molochs bekommen und den alltäglichen Überlebenskampf gewahr werden – der bestimmt noch bedeutend brutaler ist als die Schilderungen des Autors.

Schlussbemerkungen: Mit Lateinamerikanischer Literatur verbinden wir hier in Deutschland häufig immer noch Werke des Magischen Realismus á la Marquez… das ist gewiss großartige Literatur gewesen, aber nicht einmal im Heimatland des Nobelpreisträgers wird heute noch Magischer Realismus geschrieben. Was uns bei der Biographie des Autors ohne weiteres verwundern dürfte ist, dass der Krimi eher oberflächlich bleibt und den Tiefgang vermissen lässt, den ich bei anderen Lateinamerikanischen Krimiautoren so bewundere; aber das kann natürlich auch des Autors eigenständiges Stilmittel sein.

Ich lese viel und es gibt bestimmte Dinge, die ich von jedem Buch haben möchte: Unterhaltung, Inspiration, Lesevergnügen… es darf auch ruhig die eine oder andere Provokation oder hin und wieder ein Ärgernis dabei sein, doch langweilen sollten Bücher mich nicht. Der Roman erfüllt meine Erwartungen nur teilweise. Joaquin Guerrero Casasola ist ein guter Erzähler und natürlich versteht er sein Handwerk perfekt. Aber mir genügt es einfach nicht mit Obszönitäten zugeschüttet zu werden, einer brutalen Sprache folgen zu müssen und nur auf einen temporeichen Fortgang zu setzen. Und ich hätte mir, analog zu meiner Einleitung, ein paar konkrete Bemerkungen zu den politischen und/oder gesellschaftlichen Verhältnissen gewünscht. Für alle die einen knallharten Krimis mögen, in denen es nur schnell vorwärts geht, ist das Buch empfehlenswert.