Kenneth Graham – „Der Wind in den Weiden“

Der Wind in den Weiden von [Kenneth Grahame, Derrik Wright]

Kenneth Graham – Der Wind in den Weiden

Format: Kindle Ausgabe

Dateigröße: 1558 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 156 Seiten

Neuübersetzung Derik Wright: (2017)

Für alle Kinder aller Zeiten

Eine Bibliothek ohne die Klassiker, auch wenn sie nicht den bevorzugten Lesestoff enthalten mögen, ist keine richtige Bibliothek. Wenigstens eine Ecke sollte für die Klassiker der Weltliteratur reserviert sein. Jetzt könnte man natürlich trefflich darüber streiten, welche Autoren und/oder Werke zu dieser Klassischen Literatur gezählt werden müssen. Es werden vielleicht nicht alle so sehen, aber für mich gehört ein Autor und sein Werk unbedingt auf die Liste: „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Graham.

Kenneth Graham (1859 – 1932) kam in Edinburgh/Schottland zur Welt. Nach Schulzeit und Studium in Oxford, wurde er Angestellter bei der Bank of England. Da der Job aber so langweilig war, begann er sich Kurzgeschichten auszudenken. Da die Bank alles repräsentierte was er nicht mochte, die Geschichten aber das Gegenteil davon waren, wurde er mit der Zeit eben der Schriftsteller, den wir heute kennen und mögen. Der vorliegende Titel ist sein berühmtestes Buch und es erschien 1908. „Der Wind in den Weiden“ (Originaltitel: The Wind in the Willows) ist ein Roman (nicht nur) für Kinder; einer der großen Kinderbuchklassiker weltweit. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane überhaupt. Mit insgesamt etwa 25 Millionen verkauften Exemplaren zählt das Werk zu den meistverkauften aller Zeiten

„Der Wind in den Weiden“ ist – meiner Meinung nach – eine der wundervollsten Fabeln der Literaturgeschichte; und diese Geschichte ist hierzulande eine sehr lange, denn die Fabelliteratur etablierte sich vor allem im Zeitalter des Humanismus (15. bis 16. Jahrhundert). Luther nutzte, nach eigener Aussage, die Fabel, um im „lustigen Lügenkostüm“ Wahrheiten zu verbreiten, welche die Menschen normalerweise nicht wissen wollten. Graham nutzt die Fabel in der positiven Perspektive, also schreibt er seinen (Tier-)Figuren menschliche Eigenschaften und Handlungen zu, die zwar belehren sollen, die aber bei ihm nicht belehrend klingen und es somit einfach machen, eine allgemeingültige (humanistisch geprägte) Moral abzuleiten.

Die Handlung ist kindgemäß einfach, dennoch nicht flach oder gar platt. Es geht um die Geschichte von vier völlig unterschiedlichen Tieren am Fluss, die es trotz der Unterschiedlichkeit zu unzertrennlichen Freunden werden (können). In der Geschichte vom Flussufer und den vier Tieren, erkennen wir die vier häufigsten Charakterzüge der Menschen, in der „Person“ von: dem treuen, ehrlichen Maulwurf, der schnell begeisterten, etwas verträumten Wasserratte, dem klugen, weisen Dachs und der eitlen Kröte. Alles beginnt als der Maulwurf zum ersten Mal aus seinem Bau kommt und am Fluss die Ratte trifft und sie gemeinsam, nach und nach, die anderen kennenlernen, Abenteuer erleben und Freunde werden.

In den Beziehungen zwischen den Tieren ist alles vorhanden, was uns als Menschen, besonders jungen Menschen, wichtig ist: Ihr Leben bewegt sich zwischen Lust am Abenteuer, der Sehnsucht nach Neuem, aber auch der Sicherheit des trauten Zuhauses. Dabei entwickelt Graham sicherlich ein Idyll, wenn er die, teils gegensätzlichen, Haltungen wie Egozentrik und Respekt, Solidarität und Individualismus oder Loyalität und Zuneigung, ohne zu werten, nebeneinander bestehen lässt. Das Verhalten der Tiere ist klaren, allseits bekannten oder wünschenswerten Regeln unterworfen, die einer bürgerlichen Moralvorstellung folgen; was aber noch nicht eine politische Ebene aufruft, sondern allgemein auf eine Basis abzielt, auf der man auch streiten kann, ohne dass Freundschaften zerbrechen müssen.

So wie mein Großvater mir das Buch vorlas (und später schenkte), habe ich meinem Sohn (nicht nur einmal) daraus vorgelesen. Aber Vorlesen ist leider nicht aller Eltern Sache. Nun aber, kann mein jüngster Neffe lesen und natürlich soll er lesend die Welt in einer durch und durch humanistischen Sichtweise kennen- und liebenlernen. Nichts erscheint mir besser geeignet als „Der Wind in den Weiden“ mit all seinen sympathischen Figuren. Gewiss, in den heutigen „modernen Zeiten“ sind eher „Ellenbogen“ gefragt… aber man schaue nur, wohin uns das gebracht hat.

Dass nicht mehr so viel vorgelesen wird, mag auch an den modernen Medien liegen: Videos oder Hörbücher. Auch für „Den Wind in den Weiden“ liegen diese Medien vor. Aber ich glaube, dass ein elektronischer Player zwar weniger Mühe macht, aber dennoch keine Identifikationsfigur darstellt – wenn Papa oder Mama vorlesen oder das Buch verschenken, werden sie zur moralischen Instanz, zum Beispiel. Und immerhin, ich gestehe es, machen uns Erwachsenen solche Geschichten auch noch Freude… und können auch uns zum Kompass werden, mit dessen Hilfe unsere Richtung wieder mal eingenordet werden kann. Nun, deswegen darf „Der Wind in den Weiden“ in der Jugendabteilung einer gut sortierten Bibliothek nicht fehlen. Ich hoffe, meine Bemerkungen waren hilfreich…