Kurd Laßwitz – „Aspira“

Kurd Laßwitz – Aspira

Taschenbuch: 168 Seiten

Verlag: Independently published – Aus Dezember 2019)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 1672761875

ISBN-13: 978-1672761871

Beiträge zum Laßwitz-Verständnis

Mein Großvater (1892 – 1976) las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Seinen Worten nach, las er Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es auch noch nicht) von seinem Zeitgenossen Kurd Laßwitz. Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem Zukunftsromane von Kurd Laßwitz. Aber er las nicht nur Laßwitz´ Romane und Erzählungen, sondern auch seine populären Essays – auch das ist eine meiner Lese-Prägungen.

Wer meinem Großvater diese Literatur nahebrachte ist mir nicht bekannt, aber er war Gewerkschafter (DMV) und Zukunftsromane waren unter den Arbeitern sehr beliebt, da sie literarisch Alternativen zu dem oft sehr schlimmen Alltag zeigten. Möglich, dass er die Bücher in der Gewerkschafts-Bibliothek gefunden hat. Da ich quasi in Vielem sein Nachfolger bin, habe ich mir vorgenommen, all jene Titel zu besprechen, die meinem Großvater gefielen und jene Titel folgen zu lassen, die mir beim Weiterlesen Vergnügen bereiteten.

Kurd Laßwitz? Er gilt als Begründer der deutschsprachigen Science-Fiction, schrieb aber zu allen seinen Fachrichtungen. Kurd Laßwitz studierte Mathematik und Physik an den Universitäten in Breslau und Berlin. 1873 folgte die Promotion „magna cum laude“ und im Folgejahr legte er das Staatsexamen für den höheren Schuldienst in den Fächern Mathematik, Physik, Philosophie und Geographie ab. 1884 war er Mitbegründer der sog. „Mittwochsgesellschaft“ in Gotha, die mit populären Vorträgen aus dem Bereich von Naturwissenschaft, Literatur und Philosophie zur Volksbildung beitrug. Im selben Jahr wurde er zum Mitglied der „Leopoldina“ gewählt.

Zum Buch: Der Roman „Aspira“ ist eines der späten Werke von Kurd Laßwitz und es erschien 1905 – erst spätere (Wieder-)Veröffentlichungen wurden mit dem Titelzusatz „Roman einer Wolke“ versehen; was ich allerdings für absolut passen erachte, das es ja konkret stimmt. Denn der Roman wird aus der Sicht einer Wolke erzählt – sie ist die Protagonistin. Aspira, die Tochter des Wolkenkönigs Minos, steigt zu den Menschen hinab und lebt bei ihnen für eine gewisse Zeit, um sie zu verstehen lernen. Nun kann eine Wolke nicht zwischen den Menschen leben, deswegen übernimmt der Geist der Wolke eine Chemikerin namens Wera Lentius.

In dieser Frau erlebt sie deren gesamtes Leben, deren Gedanken und Gefühle mit – inklusive des Zwiespalts, wenn man sich zwischen zwei Menschen entscheiden muss. In dem Falle geht es um eine Romanze und die beiden Männer, Theodor Martin (Bergbauingenieur) und der Wissenschaftler Paul Sohm, Aber das ist das eher Uninteressante, das deutlich faszinierendere ist das Wolkenwesen Aspria, das in im Körper der Chemikerin “materialisierte” und quasi die Kontrolle über die junge Frau übernimmt. Aspira kann anscheinend eine Art Rücksprache mit Wera nehmen, aber Wera agiert allerdings nur passiv, so als sei sie „ferngesteuert“ und erwacht schließlich am Ende des Buches aus einem langen, tiefen Traum.

Im Zentrum des Romans aber steht nicht diese eher triviale Dreiecksgeschichte, sondern das Interessante ist, die Auseinandersetzung zwischen den Menschen und den Elementen der Natur, wobei sich – typisch Zeitgeist – die Wolke auf die Seite der Menschen schlägt. Heutzutage würde sie Partei für die Natur ergreifen. Aspira verteidigt die Menschheit, weil sie den Glauben an den immerwährenden Fortschritt, für richtig hält – und Laßwitz lässt noch verlauten, dass dieser Beistand nicht erforderlich gewesen wäre, denn die Menschheit hätte eh gegen die Natur gewonnen. Die Wolke versucht einen Grundwiderspruch aufzulösen (was natürlich nicht geht, sonst wäre es ja kein Grundwiderspruch): Sie versucht den Menschen in seiner Widersprüchlichkeit und die Natur in ihrer Harmonie zu verbinden.

Wie immer, wenn man sich mit etwas auseinandersetzt, nimmt man etwas von dem Objekt der Auseinandersetzung an; selbst, wenn man gegen einen Feind zu Felde zieht. Auch Aspira bleibt davon nicht verschont, vor allem, weil sie sich mit den ihr völlig fremden, verschiedenen und teils widersprüchlichen menschlichen Emotionen auseinandersetzen muss. Dabei unterliegt sie einem Veränderungsprozess; aus dem anfangs vorwitzigen, neugierigen Wölkchen, das unbedingt ein Mensch werden wollte, ist eine Wolke heran gereift, welche gelernt hat, dass die eigene Herkunft und das eigene Sein nicht verachtet werden dürfen und die Heimat auch seine schönen, jetzt erst akzeptierten Seiten hat. Aspira berichtet am Ende ihrem Vater, das ihr der Körper des Menschen auf der einen Seite unendliches Glück gegeben hat, auf der anderen Seite aber am Egoismus der Menschen auch gescheitert ist, weil diese ihre Ratschläge ablehnen.

Schlussbemerkungen: „Aspira“ einen ersten grünen Roman nennen zu wollen liegt mir fern, doch er enthält erkennbar Elemente eines kritischen Ansatzes in der Beurteilung des Umgangs mit der Natur – und das an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Eine Lösung für diese Probleme bietet Laßwitz in seinem Roman nicht an; ist im Grunde ja auch nicht seine Aufgabe als Autor. Er fällt auch kein Urteil. Aber er erfüllt die Aufgabe als Autor insofern als es ihm gelingt, in die durch widersprüchliche Figur Aspiras (und in ihr als Protagonistin, das gesamte Thema) in einfache Worte und Bilder zu fassen.

Die Story von „Aspira. Der Roman einer Wolke“ ist meiner Ansicht nach von untergeordneter Bedeutung, sonder im Mittelpunkt steht der philosophische Diskurs. Es ist ein sehr gut gelungener Versuch über die Art des Menschen vom Blick des völlig fremden Wesens aus zu berichten. Wenn wir die Sehnsucht des Wölkchens Aspira nach Erkenntnis nur ein klein wenig verstehen können und Anteil daran nehmen, dann werden wir auch sicher jene Erkenntnisse teilen, die sie am Ende des Romans gewonnen hat. Unabhängig von den philosophischen Exkursionen sind die einfachen Beobachtungen Aspiras, ihr Unverständnis über die nicht selten unnötige Komplexität des Lebens die markantesten und zeitlosesten Teile des Buches.