Kurd Laßwitz – „Auf zwei Planeten“

Auf zwei Planeten von [Laßwitz, Kurd]

Kurd Laßwitz – Auf zwei Planeten

Format: Kindle Ausgabe

Dateigröße: 2260 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 894 Seiten

Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (5. Oktober 2015)

Optimistisch

Mein Großvater (1892 – 1976) las Science-Fiction, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Seinen Worten nach, las er Zukunftsromane und neben den Romanen anderer Autoren, war er ausgesprochener Liebhaber (den Ausdruck Fan gab es auch noch nicht) von seinem Zeitgenossen Kurd Laßwitz. Warum erwähne ich das? Nun, weil mein Großvater mich das Lesen lehrte… also nicht nur die Aneinanderreihung von Buchstaben, sondern das Erfassen von Texten. Und er war es auch, der mir meine ersten Bücher schenkte – unter anderem Zukunftsromane von Kurd Laßwitz. Damit war die Neugierde auf diese Art Literatur geweckt und sie ist bis auf den heutigen Tag nicht kleiner geworden.

Wer meinem Großvater diese Literatur nahebrachte ist mir nicht bekannt, aber er war Gewerkschafter (DMV) und Zukunftsromane waren unter den Arbeitern sehr beliebt, da sie literarisch Alternativen zu dem oft sehr schlimmen Alltag zeigten. Möglich, dass er die Bücher in der Gewerkschafts-Bibliothek gefunden hat. Da ich quasi in Vielem sein Nachfolger bin, habe ich mir vorgenommen, all jene Titel zu besprechen, die meinem Großvater gefielen und jene Titel folgen zu lassen, die mir beim Weiterlesen Vergnügen bereiteten. Mein neustes Projekt: Alle Werke der Klassiker der Science-Fiction-Literatur zu besprechen, brachte mich auf die Frage, wer sind diese Autoren eigentlich. Natürlich fallen den Fans die Namen Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein, Isaac Asimov und Stanislaw Lem ein (alle hier von mir vorgestellt). Aber bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass eine der Hauptwurzeln in Deutschland gründen. Diese Wurzeln tragen die Namen Hans Dominik und Kurd Laßwitz.

Kurd Laßwitz? Er schrieb seine Romane von ca. 1870 bis 1910 und gilt als Begründer der deutschsprachigen Science-Fiction. Kurd Laßwitz studierte Mathematik und Physik an den Universitäten in Breslau und Berlin. 1873 folgte die Promotion „magna cum laude“ und im Folgejahr legte er das Staatsexamen für den höheren Schuldienst in den Fächern Mathematik, Physik, Philosophie und Geographie ab. 1884 war er Mitbegründer der sog. „Mittwochsgesellschaft“ in Gotha, die mit populären Vorträgen aus dem Bereich von Naturwissenschaft, Literatur und Philosophie zur Volksbildung beitrug. Im selben Jahr wurde er zum Mitglied der „Leopoldina“ gewählt. Seine Zukunftsentwürfe sind mutige Gegenentwürfe zu den eher düsteren Werken seiner beiden Kollegen und Zeitgenossen H.G. Wells und Jules Verne.

Zum Buch: „Auf zwei Planeten“ ist ein 1897 erschienener Zukunftsroman. Im großen Überblick geht es um die Begegnung zwischen irdischen Menschen (Forschern) und Marsmenschen, die Ende des 19. Jahrhunderts am Nordpol gelandet waren, ohne dass es jemand mitbekommen hatte. Das Zusammentreffen verläuft zunächst etwas einseitig, da die Erdlinge in die Ausläufer eines technologisch erzeugten atmosphärischen Sogs geraten und sie mit ihrem Ballon abstürzen. Doch sie werden von den Marsianern gerettet und vortrefflich versorgt. Als Grunthe und Saltner erwachen, erhalten sie ihre Sachen vollständig wieder, da die Marsianer auch diese geborgen hatten. Nur ihr Kollege Tom fand man nicht. Dafür aber ein handschriftlich verfasstes Buch eines Freundes von Tom – ein Wörterbuch Deutsch-Marsianisch. Offenbar hat es also schon früher Kontakte gegeben und Tom hatte offenbar damit gerechnet, dass ein erneuter Kontakt zustande kommen würde.

Nach anfänglichen Verständnisproblemen, die allerdings nur sprachlicher Natur waren, kam man sich schnell näher, denn die Marsianer sind friedliche Leute, auf deren Planeten es schon seit Jahrhunderten keinen Krieg mehr kennen. Sie erzählen von ihrem Heimatplaneten und beschreiben ihre Gesellschaft als eine, die unter dem Vorzeichen der Vernunft und Kultur steht. Sie werden als hochintelligentes Volk beschrieben, das alle Techniken gemeistert hat, um sich voll und ganz auf seine Bildung zu konzentrieren. Sie zeigen sich sehr freundlich und hilfsbereit.

Ihre Beweggründe gute Beziehungen zur Erde aufzunehmen ist ein energie-Problem – sie interessieren sich für die Sonnenenergie, die auf der Erde ein Vielfaches der Menge aufweist, als sie auf dem Mars nutzbar vorliegt. Die Marsianer entsenden Botschafter in jede europäische Stadt, um sich vorzustellen und ihre Bedingungen für eine Allianz zwischen Marsianern und Menschen zu formulieren. Alle stimmen zu, nur von England werden sie nicht angenommen; sie wollen sogar gegen sie kämpfen. Aber die Technologie der Marsianer ist so überlegen, dass sie die Briten besiegen und die Allianz doch zustande kommt.

Aber nicht bleibt eben ohne Folgen: Während in Europa plötzlich in das von den besiegten Briten hinterlassene Machvakuum einen Streit um die britischen Kolonien ausbricht, kommt man auf dem Mars wohl zu dem Entschluss, dass man mit der überlegenen Technik auch Macht ausüben könnte, um seine Ziele zu erreichen. Die Marsianer nehmen nun die Politik auf der Erde in ihre Hand; was den Widerstand der Erdlinge nach sich zieht. Die Politik auf dem Mars ändert sich erneut, weil man einsieht, dass man nur so die Spirale der Gewalt durchbrechen kann. Es ergeht ein neues umfassendes Friedensangebot, das zu einer gedeihlichen Kooperation „Auf zwei Planeten“ führen kann.

Schlussbemerkungen: Natürlich habe ich als Jugendlicher noch nicht das Hintergrundwissen besessen, das mir heute zur Verfügung steht. Natürlich hatte ich noch nicht die politischen Prägungen, welche mich heute ausmachen. Und auch die Kritikfähigkeit, die sich bekanntlich aus den Prägungen und dem Wissen speist, war dem entsprechend noch nicht entwickelt. Deswegen habe ich den Roman voller Begeisterung verschlungen! Heute ist mir klar, dass eine Wurzel für meine Begeisterung der Optimismus war, der diesen Text zu einer erstrebenswerten Utopie werden lässt; im Unterschied zu der monströsen Vorstellung eine H. G. Wells in „Krieg der Welten“.

Heute ist es meine Überzeugung, dass wirklicher Fortschritt in Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft – und somit für das Leben der Menschen – nur in Friedenszeiten und nur in der Bereitschaft zur Kooperation möglich ist. Das Wort vom „Krieg als dem Vater aller Dinge“ ist immer schon falsch gewesen und es wird nicht richtiger, auch wenn man es noch so oft wiederholt. Krieg zerstört nur – und zwar nicht nur Dinge (Menschen), sondern auch den schöpferischen Geist. Wie sich an Laßwitz´ Werk zeigt. Seine gesellschaftskritischen Texte gerieten größtenteils in Vergessenheit, nachdem sie von den Nationalsozialisten verboten worden waren, deren Anschauungen mit Laßwitz’ humanistischen und pazifistischen unverträglich waren.