Adolfo Bioy Casares „Morels Erfindung“

Die Verdoppelung der Sonne

Pro: Die Erfindungsgabe, die scharfe Logik und die sprachliche Qualität des Autors

Contra: Die Neuveröffentlichung ist unvollständig… es fehlt das berühmte Vorwort von Borges



Massenmedien. Dieser Begriff kommt als Sammelbezeichnung für Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Rundfunk – und Fernsehsender, und natürlich für alle sonstigen elektronischen Medien, einfach und steril daher. Sie vermitteln Informationen, Unterhaltung oder auch Werbung – dabei entsteht allerdings meist keine direkte Kommunikation, da die Vermittlung der Inhalte sozusagen als Einbahnstrasse funktioniert. Seit Jahren bin ich selbst ein handelnder, noch länger natürlich ein konsumierender Teil dieser Medien. Und so konnte ich quasi von innen beobachten, wie sich verstärkt eine Wandlung weg von Verantwortung tragenden Personen, hin zu bestimmenden Institutionen vollzog.

Schon immer waren Massenmedien ein besonderes Politikum; nicht umsonst versuchten „moderne“ Machthaber zuvorderst Einfluss auf sie auszuüben oder sie in die Hände zu bekommen. Doch in den letzten beiden Jahrzehnten (seit man auch vom Medien- oder Informationszeitalter spricht), gewann dieses besondere Politikum zudem noch besondere Brisanz. Während früher ein eher begrenzter Teil der Gesellschaft einen weiteren Horizont von Wirklichkeit hatte und der weitaus größere Teil Wirklichkeit „nur“ aus dem eigenen Erleben wahrnahm, wird heute die Wirklichkeit zunehmend durch Massenmedien vermittelt und einer ganzen Gesellschaft (jedenfalls in sog. entwickelten Gesellschaften), erschließt sich (oder jedenfalls könnte sich erschließen) ein umfassender Begriff von Wirklichkeit.

Wirklichkeit entsteht entweder durch direkte Wahrnehmung der uns umgebenden Welt, insofern wir diese Wahrnehmung mit eigenen Erfahrungen in Bezug setzen können, oder durch Information. Wenn also das was Medien vermitteln reine Information wäre, müsste unsere Gesellschaft einen überragenden Begriff der sie betreffenden Wirklichkeit haben. Die Massenmedien heutzutage, transportieren aber nicht nur Information – Medien zu allen Zeiten taten das nicht. Medien vermitteln auch Meinungen, Moral- und Wertevorstellungen und können daher im gleichen Maß der gesteigerten Verbreitung, direkt das Verhalten ganzer Gesellschaften beeinflussen. Mediale Informationen werden immer von jemandem ausgewählt, veranstaltet oder gar gemacht und es ist ganz selbstverständlich, dass die Absichten der Auswählenden – bewusst oder unbewusst – einfließen.

Besonders kritisch wird die (Informations-)Lage seit der Privatisierung im Rundfunk- und Fernsehbereich. Während durch unsere Verfassung und durch das Pressegesetz den Medien der Status der Unabhängigkeit vom Staat garantiert wird, wird ihre Freiheit vor der Einflussnahme gesellschaftlich mächtiger Kräfte nicht geschützt. Im Zusammenhang mit der oben genannten Institutionalisierung, wurden die meisten Medien sogar zum direkten Eigentum dieser Kräfte. Diese Medien werden zum einen über nichts informieren was den direkten Interessen der Eigentümer gegenläufig ist und zum anderen steht die Verwertung des Eigentums, spricht die Gewinnerwartung, im Vordergrund. Medien sind auch Waren. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, sind heute Information und Unterhaltung, Information und Meinung oder Informations- und Wertevermittlung nicht mehr klar zu unterscheiden.

Besonders die Rolle des Fernsehens, das Leitmedium heutiger Tage, ist hier wichtig. Medienhistoriker vergleichen die Einführung des Fernsehens, und dem damit verbundenen Wandel in der Kommunikation, mit dem Aufkommen des Buchdrucks – jedoch mit gegenteiliger Wirkung. Während die Möglichkeit Information in gedruckter Form zu verbreiten im wesentlichen der Aufklärung und der Entwicklung von Demokratie nutzte, hält das Konsumieren von Bildern, sowohl vom Lesen als auch vom Denken ab; zumal sich die Rasanz der Abfolge der Bilderflut auf den Mattscheiben in den letzten Jahren noch verschärft. Da Informationen in Form schneller Bildfolge nur bruchstückhaft wahrgenommen werden kann, weil meist der Zusammenhang entweder unbekannt ist oder so schnell nicht hergestellt werden kann, kann Fernsehen schnell zum Gegenteil dessen führen, was ursprünglich Aufgabe war – und urteilsfähige, mitbestimmungsfähige und –willige Bürger geradezu verhindern. Oder aber man versucht der eigenen Sache dienliche Meinung zu machen… hier werden sehr schnell die Grenzen zwischen den Möglichkeiten der eigenen Meinungsbildung durch Information und der Manipulation fließend.

Ein Anlass für diese Einleitung, sind die jüngsten Diskussionen um eine weitere Einschränkung von Bürgerrechten im Zusammenhang der sog. Terrorbekämpfung… Früher gab es politische (oft auch polemische) Debatten im Parlament, nach denen dann in demokratischer Abstimmung eine Mehrheit Recht setzte. Heute werden Politikerinnen und Politiker von Medien getrieben, oder sie benutzen Medien dazu (und diese lassen sich auch willfährig nutzen) Meinung zu machen, um sie anschließend bequem in Recht überführen zu können. So jüngst geschehen. Jahrelang haben Bürgerrechtler verhindert, dass die ohnehin bedenklichen Datensammlungen verschiedener Dienststellen verknüpft werden und damit gläserne Bürgerinnen und Bürger möglich werden. Da kam der sog. misslungene Bombenanschlag grade recht. Nach wochenlanger „Berichterstattung“, traute sich keiner mehr dagegen zu sein, die Dateien zu verknüpfen – nun haben wir polizeistaatliche Möglichkeiten, von denen nur Diktatoren träumen.

Und natürlich gibt es auch noch einen anderen, erfreulicheren Anlass für diese Einleitung – meine Leserschaft wird es ahnen – der Besprechung eines Werkes der lateinamerikanischen Literatur: „Morels Erfindung“ von Adolfo Bioy Casares (kurz ABC). Dieser Roman ist ein Klassiker und wurde schon 1940 veröffentlicht; er liegt zwar seit 1965 auch in deutscher Übersetzung vor, war aber lange Jahre beim Suhrkamp-Verlag vergriffen, bis er 2003 neu aufgelegt wurde und somit von einer neuen Generation neu entdeckt werden kann. Der Roman ist ein überragendes Werk des Genres der sog. „Phantastischen Literatur“ (nicht zu verwechseln mit Science-Fiction) und genießt als solcher Weltruhm. Der Autor selbst hat diesen Roman als sein wohl gelungenstes Werk bezeichnet und ich werde ihm auf gar keinen Fall widersprechen, sondern ich will noch hinzufügen, dass es bedauerlicherweise das mit Abstand bekannteste seiner Werke ist.

Adolfo Bioy Casares wurde am 15.9.1914 in Buenos Aires geboren. Er entstammte (in der nur dritten Generation – seine Großeltern stammten aus Frankreich) einer argentinischen großbürgerlichen Familie, die zum sog. Kern der argentinischen Oligarchie gehörte, und wuchs zweisprachig auf. Sein Vater war Politiker und zeitweise Außenminister Argentiniens, obendrein aber war er Vorsitzender der nationalen Vereinigung der Großgrundbesitzer. Im Alter von nur acht Jahren, machte ABC seine ersten Schreibversuche… um einer Cousine zu imponieren. 1929 dann finanzierte sein Vater – dem grade mal 15jährigen – die Herausgabe einer Sammlung von Erzählungen. Ein Kritiker meinte, der junge Autor sollte doch besser Kartoffelpflanzer werden…

ABC war ein lesehungriger und fleißiger Schüler und begann nach seinem Schulabschluss ein Jurastudium, später auch ein Studium in Philologie. 1931 hatte die Literaturkritikerin Victoria Ocampo die Zeitschrift „Sur“ gegründet, die zu einer bedeutenden, wenn nicht sogar der bedeutendsten Kulturzeitschrift Lateinamerikas werden sollte. 1932 lernte ABC anlässlich einer Sur-Zusammenkunft den damals schon bekannten Schriftsteller Jorge Luis Borges und die Lyrikerin Silvina Ocampo, die auch eine bekannte Malerin war, kennen – mit Borges sollte sich eine lebenslange Freundschaft entwickeln, Silvina Ocampo aber wurde, ebenso lebenslang, seine Frau. Die beiden überzeugten ABC davon, sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen, worauf er sein Studium aufgab; sehr zum Missfallen und zur Enttäuschung seines Vaters, der ihn aber dennoch immer unterstützte.

Nach langen Jahren und vielen literarischen Versuchen (für die ABC sich später schämte, die aber nichts desto trotz gedruckt in der Welt sind), legte er 1940 – sozusagen aus heiterem Himmel kommend – sein Meisterwerk vor: „La invención de Morel“. ABC hat später noch etliche ähnlich gute Werke vorgelegt, wie z.B. „Schlaf in der Sonne“ oder den meisterhaften Roman „Tagebuch des Schweinekrieges“ – dennoch sollte sein Name immer zuerst im Zusammenhang mit „Morels Erfindung“ stehen. Der Autor musste nie aus Argentinien fliehen, wie viele seiner Kollegen, er hatte auch nie bittere Zeiten, legte sich zu keiner Zeit vordergründig mit dem System an, dennoch wäre es falsch zu glauben, dass sein Werk nicht kritisch wäre; auch wenn es ABC quasi als Beleidigung auffasste, wenn man ihn als engagierten Autor (wie etwa Julio Cortazar – auch hier bei Ciao vorgestellt) bezeichnete. Neben vielen nationalen und internationalen Ehrungen, erhielt er 1990 den Premio Cervantes, den bedeutendsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt; dort fast noch wichtiger als der Nobelpreis.

An dieser Stelle möchte ich auf das Nachwort in der neu veröffentlichten Suhrkamp-Ausgabe hinweisen, in dem René Strien (Leiter des Aufbau-Verlag, Berlin) mit dem sehr schönen Essay „Die bescheidene Magie des Adolfo Bioy Casares“ auf das Leben des Autors, seine Zusammenarbeit mit Borges und andere Details der Biographie ausführt. ABC starb 1999 in Buenos Aires, der Stadt die sein Leben lang sein Zuhause war, und wurde auf dem vornehmen und prunkvollen Friedhof La Recoleta beerdigt, auf dem der argentinische Adel gegraben liegt. Er mochte diesen Friedhof nicht leiden… und es charakterisiert ABC wenn er wegen der prunkvollen Grabmäler sagte, er fände es absurd, dass Menschen ihren Snobismus verewigen wollten.

In „Morels Erfindung“ ist ein namenloser Ich-Erzähler der Protagonist, der – angeklagt eines nicht näher bezeichneten Verbrechens, in einem nicht näher bezeichneten Land – auf eine einsame Insel geflohen ist. Es ist eine seltsame Insel, vor der er eindringlich gewarnt wurde, da dort eine Seuche wüten würde, die Menschen von außen nach innen auflöst. Auf dieser mysteriösen Insel haben Unbekannte einen Gebäudekomplex errichtet, der aus einer Kapelle, einem Museum und einem Schwimmbecken besteht (jedenfalls werden die Gebäude vom Erzähler so bezeichnet, weil der Mann der ihm zur Flucht verholfen hatte sie so bezeichnet hatte), dessen Verwendungszweck ihm zunächst aber größtenteils verborgen bleibt. Neugierig untersucht er die Gebäude und findet nach und nach weitere Seltsamkeiten. Im Keller des Museums ist eine große, offenbar noch funktionierende, mit der Energie eines Gezeiten-Kraftwerks betriebene, Maschine installiert, über deren Verwendung er zunächst ebenfalls im Unklaren bleibt.

Er beginnt seinen Bericht, als er sich bereits seit einhundert Tagen auf der Insel aufhält. Anlass dafür ist ein überraschendes Ereignis: Plötzlich sind von irgendwoher Menschen auf die Insel gekommen und der Protagonist befürchtet, dass sie kamen um ihn festzunehmen. Er flüchtet auf der Insel (quasi eine Flucht während der Flucht) in unzugänglich Sümpfe und Mangroven und beginnt hier seinen Bericht, mit dem er irgendeiner zukünftigen Öffentlichkeit seine Unschuld darlegen wollte. Aber gleichzeitig mit dem Erscheinen dieser Leute geschehen weitere Seltsamkeiten: Plötzlich ist es Sommer geworden. Der Mann traut sich nach und nach aus seiner Deckung und beginnt die Leute zu beobachten. Dabei wird er gewahr, dass sie eher den Eindruck von Urlaubern machten, als den von Polizisten. Sie hielten sich in eben dem Museum auf, das auch eher einem Sanatorium glich als eben einem Museum.

Zu den Touristen zählt auch eine Frau namens Faustine und er beginnt sich zu ihr hingezogen zu fühlen. Er – immer noch unschlüssig darüber, ob der Besuch dieser Leute auf der Insel nicht vielleicht doch ihm gilt – beginnt sich der Frau zu nähern und unternimmt allerlei Versuche ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie aber nimmt weder seine Geschenke an, noch hört sie ihm zu… sie schaut förmlich durch ihn hindurch, so dass er schon befürchtet, er könnte durch die Sumpfgase unsichtbar geworden sein. Da sie allerdings so gar nichts von ihm bemerkt (er bildet sich schließlich ein, dass sie nur so tut als bemerke sie ihn nicht), idealisiert er sie mehr und mehr und glaubt sich unsterblich in sie verliebt. Durch seine Annäherungsversuche an Faustina, kommt er auch zwangsläufig mit den anderen Urlaubern in Berührung – die ihn aber ebenso wenig zu bemerken scheinen. Die Ereignisse werden von mal zu mal mysteriöser: Hin und wieder verschwinden die Touristen spurlos und tauchen ebenso plötzlich wieder auf. Das seltsamste allerdings: es stehen zwei Sonnen und zwei Monde am Himmel.

Es dauert eine gewisse Zeit, bis der Erzähler zu verstehen beginnt und das Geheimnis entdeckt. Mittlerweile hat er bemerkt, dass ein gewisser Morel so etwas wie der Reiseleiter oder sogar der Chef der Gruppe ist und auf einem der Erkundungsgänge des Erzählers, wird dieser Zeuge eines Vortrags, den Morel der komplett versammelten Touristen-Gruppe hält. In diesem Vortrag eröffnet Morel den Leuten, dass sie aufgezeichnet werden… nicht etwa, dass ihr Tun aufgezeichnet würde, nein, die Leute würden aufgezeichnet. Dies geschehe mittels seiner, Morels, Erfindung – einer Maschine, die in der Lage ist, alles aufzuzeichnen, was der Mensch mit seinen fünf Sinnen wahrnehmen kann und alles Aufgezeichnete in einer perfekten Projektion wiederzugeben vermag. Nun beginnt der Erzähler zu begreifen, dass alles, die zweite Sonne, die Personen, ja sogar der plötzliche Sommer (da alles sinnlich Wahrnehmbare aufgezeichnet und projiziert ist, kann der Erzähler natürlich auch den Sommer vollständig wahrnehmen), nichts als Projektion ist.

Es bleibt allerdings offen, aus welcher Zeit die wirklichen Personen stammen und der Sommer welchen Jahres aufgezeichnet ist; die einzige Spur ist die Erwähnung des modisch etwas altbackene Aussehens der Touristen oder der Angabe zu Anfang des Romans, dass das Baujahr der Gebäude 1924 gewesen sei. Jedenfalls dauert die Aufzeichnung und demzufolge auch die Projektion immer genau eine Woche. Auf diese Weise verspricht Morel ein ewiges Leben. Diese Erkenntnis ist dem Erzähler von Grund auf unheimlich: Morels Erfindung stellt einen neuen Bezug von gelebter Wirklichkeit und Gegenwart in der Virtualität her. Wie dem auch sei, es bleibt immer noch die Liebe zu Faustine. Was sollte er nur tun um sie zu erreichen? Nach und nach reift in ihm ein Entschluss…

Der recht kurze Roman ist, wie gesagt, weltberühmt und war sogar Vorlage von Filmen mit Weltruhm. Aber in der Interpretation dieses Werkes sind sich die Fachleute (immer noch) völlig uneins. Nun, da ich nicht den Anspruch erhebe ein besonderer Kenner des Werkes von ABC zu sein, will ich auch nicht so tun, als hätte ich die allgemeingültige Interpretation parat. Im Gegenteil: Ich halte es im Sinne der Kunst, unter Anderem, für eine Stärke des Romans, dass er eine Vielzahl Interpretationsmöglichkeiten offen hält und dabei dennoch nicht beliebig ist; man kann dieses Buch auf ganz verschiedene Art lesen und erhält sich dennoch in jedem Falle einen Lesegenuss.

Zu Beginn meiner Ausführungen bezeichnete ich den Roman als Werk des Genres „Phantastischer Roman“. Diese Aussage bezieht sich auf die, in der Entstehungszeit, außergewöhnliche Verwendung bestimmter technischer Verfahren, um sie in einer Weise erzählerisch zu überhöhen und so zum Träger einer phantastischen Struktur zu machen. Innerhalb dieses Genres können die dazuzählenden Werke dennoch ganz unterschiedliche Erzählweisen aufweisen. So kann z.B. „Morels Erfindung“ auch wie ein Kriminalroman gelesen werden. Wenn am Anfang des Roman bruchstückhaft auf immer neue Seltsamkeiten angespielt wird, sich daraus allmählich Zusammenhänge entwickeln lassen und am Ende sich sozusagen eine Auflösung ergibt, dann ist im Wesentlichen der Charakter eines Krimis erfüllt. Natürlich wäre es bei diesem Werk zu kurz gesprungen, wenn man es auf den Status eines Krimis reduzierte… aber immerhin ist es möglich, sich von diesem Buch auf diese Weise unterhalten zu lassen.

Wenn aber mehr erwartet wird als einen spannend unterhaltenden Roman, dann bekommt man bei „Morels Erfindung“ mehr geboten, als man bei einfachem lesen erfassen kann; was die zahlreichen, klugen und dennoch nicht übereinstimmenden Interpretationen belegen. Man kann das Werk, ebenso wie man es als Krimi lesen kann, auch als witzige Reflektion über das Entstehen eines Werkes des „Phantastischen Romans“, oder ganz allgemein, von Literatur an sich goutieren. Eine weitere, bisher von mir unerwähnt gelassene, Figur (eigentlich eher eine Un-Figur – wenn es diese Bezeichnung gibt) in diesem Roman, ist der sog. „Herausgeber“. Wir können uns dieser Figur quasi bemächtigen und so in eine Art virtuelle Interaktion mit dem Werk treten. Dieser „Herausgeber“ taucht im Laufe der Erzählung immer mal wieder durch Randnotizen auf, in denen er wahlweise mit makaberem Humor, bissigen Bemerkungen oder besserwisserischen Anmerkungen, das Verhalten des Protagonisten, seine Begriffsstutzigkeit oder seinen Schreibstil kommentiert. Uns wird klar, dass sich der Autor selbst persifliert, wenn er den philologischen Eifer des „Herausgebers“ so weit treibt, dass dieser die geschilderten Ereignisse als Fakt hinnimmt und die gebotenen Bilder nicht mehr auf Wahrscheinlichkeitsgehalt prüft, sondern es ihn nur noch interessiert, ob die Mitteilung der Form nach richtig ist, als sei die Wirklichkeit nicht anderes als eine verwendbare Sprachregelung.

In die Handlung eingebettet, kann die interessierte Leserschaft einen klugen Essay über Unsterblichkeit, über die Frage ob Körper oder Bewusstsein erhaltungswürdig sind und was eigentlich Bewusstsein ist bemerken. ABC baut dabei durchaus auch Klischees in seine Betrachtungen ein, doch in der Kombination mit dem Phantastischen entdecken wir quasi die Rückseiten dieser Klischees, die sehr oft das Gegenteil der glatten Oberflächen, der oberflächlichen Glätte der Vorderseiten aufweisen. Die Liebe zu Faustine ist so ein Beispiel: Der Erzähler spricht davon, dass es unmöglich geworden wäre zu sterben, seit er Faustine gesehen habe und zu lieben begann. Doch wir wissen, um sie zu erreichen muss er in die Projektion, sich selbst auflösen und Projektion werden… Er ahnt das und stellt, quasi sich selbst fragend, fest, dass nicht die Erhaltung des Körpers, sondern allein die Erhaltung des Bewusstseins erstrebenswert sei. Bleibt die Frage, ob diese Projektionen überhaupt ein Bewusstsein haben und der Erfinder der Maschine selbst meint, dass es kein zwingendes Argument dagegen gäbe, denn „Sobald die Sinne versammelt sind“, meint Morel, „tritt die Seele hervor.“ Vielleicht ist Morels sogar im Recht was das normale Leben betrifft, doch das Bewusstsein in der Projektion wäre doch nur Vergangenheit (selbst in ewiger Wiederholung) und zu keiner Zukunft mehr fähig; was mehr zeichnet Bewusstsein aus…

Wir können diesen Roman auch als politische Erzählung verstehen, so wie er z.B. in weiten Teilen Lateinamerikas und vornehmlich in Kuba immer verstanden wurde: Seine Geschichte könne als Anklage gegen die widerrechtliche Verfolgung und Verurteilung von kritischen Menschen oder, ganz allgemein, als die literarische Bearbeitung des Schicksals von Vertriebenen und Flüchtlingen gelesen werden. Besonders einige Passagen des Berichts des namenlosen Erzählers würden darauf hinweisen; z.B. schreibt er: „Ich werde nachweisen, dass die Welt mit der Perfektionierung von Polizeidiensten, Ausweispapieren, Zeitungswesen, Funktechnik und Zollsystem jeden Justizirrtum irreparabel macht und für die Verfolgten eine einzige Hölle ist.“ 1940 geschrieben, sollte der Satz wohl bedrohlich klingen, heute hört er sich fast wie eine lapidare Beschreibung der Wirklichkeit an. Natürlich ist es (zum Glück) immer noch nicht möglich, Menschen vollständig aufzuzeichnen… was wäre das für eine vollständige, unwiderrufliche und dabei preiswerte Gefangenschaft!? „Morels Erfindung“ ist also auch eine Meditation über Identität und Medialität und insofern, schließt sich für mich der Kreis zu den Anmerkungen der Einleitung.

Für mich ist dieser Roman, seit ich ihn Anfang der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal gelesen habe (wie sich das anhört!), ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk allerdings, das in einer Literaturgattung geschaffen wurde, die förmlich dazu bestimmt zu sein scheint lesend verschlungen zu werden. Doch ABC gelingt es durch eine distanziert wirkende Sprache eine gewisse Balance zwischen spannendem Lesegenuss und meditatives Verweilen am Text zu schaffen. Vielfach hat man ABC die strenge stilistische Disziplin vorgehalten und im Zusammenhang mit seinem Werk, vielleicht etwas abfällig, von „literarischer Präzisionsarbeit“ gesprochen. Ich kann selbst bei kritischster Betrachtung nichts Nachteiliges an Präzisionsarbeit finden.

Wenn ich mir die Entstehungszeit und die damals herrschen äußeren Umstände (auch die politischen) vergegenwärtige, muss ich einfach sagen, dass mich der philosophisch-literarische Erfindungsreichtum dieses Autors begeistert… selbst heute noch, da wir mehrere technische Revolutionen erlebt haben oder deren Ergebnisse ertragen müssen, wirkt die Geschichte nicht abgedroschen oder in vielen Variationen immer wieder verwurstet. Ein besonderer Reiz und – man verzeihe mir die Wertung – Nutzen, liegt für mich auch in den Bezügen zu einer Realität, von der der Autor allenfalls eine Ahnung haben konnte. Er nahm gleichnishaft die moderne Mediengesellschaft vorweg, die ständig Hoffnungen produziert und so Bewusstsein schafft, das sich – wie auch immer – verwerten lässt.

Es ist sehr schade, dass in der Neuauflage des Romans das Vorwort von Jorge Luis Borges fehlt, das der Erstausgabe als kluge Einleitung diente. Ich könnte an dieser Stelle einfach darauf verweisen und könnte mich eines weiteren eigenen Kommentars völlig enthalten. Borges verteidigt ABC in diesem Vorwort gegen den Vorwurf, er träfe nicht den Zeitgeschmack, den es eher nach psychologischen Charakterromanen gelüste. Doch Borges fragt – vielleicht etwas zu vorwurfsvoll – was der Charakterroman mehr zu bieten habe, der (damals schon) gewissermaßen einer moralischen Beliebigkeit zu Opfer gefallen sei. Dem habe ich nicht viel hinzuzufügen – vielleicht noch im Zusammenhang mit meiner Einleitung dies: der teils pessimistische und teils visionäre Blick auf eine perfektionierte „Virtual Reality“, könnte uns – angesichts des überbordenden Starrummels und der austauschbaren Abziehbilder-Helden ohne moralische Werte – davor bewahren, dass die Menschen von ihrer gefilmten Kopie nicht mehr zu unterscheiden sind. Nun, eben fällt mein Blick auf den Umschlagtext der Neuausgabe und ich will abschließend doch noch einmal den großen Borges zu Wort kommen lassen… er bezeichnete den Roman mit einem schlichten Adjektiv: perfekt.

Wilfried John

Morels Erfindung

Adolfo Bioy Casares

153 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Suhrkamp – Aus Januar 2003

ISBN: 3-5184-1426-7

19,90 Euro