Alberto Manguel „Bilder lesen“

In diesem Monat ist es wieder soweit: Die „Blickachse – Ausstellung für zeitgenössische Kunst“ wird ab 30. Mai in Worms zu sehen sein. Nun will ich hier natürlich nicht über diese Ausstellung schreiben… sondern, ich nehme sie als Anlass mich zu erinnern… und zwar an einen lange zurückliegenden Briefwechsel mit einer lieben Freundin, die ich hier als Kollegin wiedergetroffen habe, in dem ich über den Begriff zeitgenössische Kunst reflektierte; vielleicht erinnert sie sich auch beim lesen dieser Zeilen.

Ich schrieb damals über den Begriff „zeitgenössische Kunst“ : Kunst sind alle Erzeugnisse menschlicher Tätigkeit, die im Gegensatz zur technischen und handwerklichen Produktion nicht die Brauchbarkeit anstrebt, sondern eine seelisch/geistiges Erleben des Künstlers/der Künstlerin in Materie, Wort oder Musik umzusetzen beabsichtigt… Ein Zeitgenosse ist ein Mensch, welcher der Gegenwart angehört. Somit ist zeitgenössische Kunst der Sammelbegriff für die künstlerischen Äußerungen, die eine seelisch/geistige Situation des Jetzt zu verarbeiten suchen. Dabei ist es völlig unerheblich welche Mittel und Formen eingesetzt werden, jedoch sind die Kunstschaffenden natürlich bemüht auch immer wieder neue Formen der Gestaltung, neue Materialien, neue Klänge – sogar eine Fusion der unterschiedlichen Medien (z.B. meine multimedialen Lesungen…) ist denkbar – für ihre Kunst zu gebrauchen. Über den Effekt des Ungewohnten allerdings, haben viele Menschen ihr Problem mit der zeitgenössischen Kunst.

Es ist im Grunde egal ob der Name Picasso an einem Bild steht oder es mit Hans Müller unterschrieben ist – wenn sich Hans Müller im Sinne des Begriffs Kunst äußert… ist sein Kunst-Werk vom künstlerischen Standpunkt gleichberechtigt zu Picassos. Nun habe ich
Dein Interesse für Bilder – wie du es sagtest – als Synonym für ein allgemeines Kunstinteresse begriffen – damit muss ich natürlich noch ein wenig auf meinen Begriff vom Effekt des Ungewohnten eingehen. Uns ist von jeher – oder wenigstens seit es dieses gesellschaftliche System in ausgeprägter Form gibt – eine doppelbödige Erziehung beobachtbar: eine
Erziehung für Klassen. Unsere Klasse bekam – natürlich der Nutzbarmachung von Arbeitskraft geschuldet – einen „elitären„ Kunstbegriff vermittelt; Kunst vs Produktion… Wir bekommen in den Schulen die moderne bildende Kunst, die moderne Musik oder die moderne Literatur oft nicht oder meist nur so vermittelt, dass wir nur mit Ablehnung reagieren können.

Aber natürlich gibt es die Gegenwelten – die welche immer schon wussten, dass der Mensch eben nicht nur ein Produktionsfaktor ist, sondern eine seelische/geistige Sehnsucht ihn über die Grenze der Realität hinaus zu treiben sucht – und nun kommen die Begriffe zeitgenössisch und meinetwegen modern, postmodern, klassisch oder was auch immer ins Spiel: Picasso z.B.
ist eine ungewöhnliche Ausnahmefigur – darum ist er eben nun doch wieder nicht mit Hans Müller gleichzusetzen: Picasso war unbestritten zeitgenössischer Künstler, der z.B. mit seinem Guernica-Bild in der Tat die seelisch/ geistige Situation im Spanien des Bürgerkrieges, als Faschisten unter Franco die junge Republik zerstörten und Hitler den Bombenkrieg gegen
die Zivilbevölkerung in den Städten erfand, als er eine friedliche Stadt ohne Vorwarnung von seiner Luftwaffe unter dem Codewort „Unternehmen Condor„ bombardieren ließ (später sollten die Deutschen in vielen eigenen Städten erfahren wie sich das anfühlt – und die britische und amerikanische Brutalität bejammern). Aber Picasso schuf fast zeitgleich eine neue Form der Äußerung in seinen Bildern, die noch zu seinen Lebzeiten zu einer eigenen „Epoche„ wurde – fortan war Picasso noch zu Lebzeiten kein zeitgenössischer Künstler mehr, da er fortan nicht mehr am seelisch/geistigen Jetzt arbeitete, sondern seinen Stil reproduzierte, vervielfältigte.

Und hier kommt uns nun ein Buch zur Hilfe, das in zwölf Kapiteln die Welt der Bilder, und damit im Grunde der gesamten bildenden Kunst, überaus anschaulich und vergnüglich zum Leben erweckt… das aus der Kunst längst vergangener Epochen oder auch zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler den Augenblick des Erkennens formt. In seinem neusten Buch hat Alberto Manguel (kurz AM) versucht, ganz ähnlich wie schon in seinem weltweit stark beachteten Werk „Eine Geschichte des Lesens“ (auch bei Ciao besprochen), uns plaudernd zu erklären, wie aus einem bloßen Betrachten von Bildern, ein Lesen von Bildern wird. Einmal mehr frönt AM der Kunst… weist sich sowohl als Kenner, aber auch als Liebhaber der Kunst aus… und wie das im Klang des Wortes Liebhaber schon schwingt, so ist auch sein neustes Werk „Bilder lesen“, von dem nun die Rede sein soll. Doch zunächst etwas zum Autoren (und hier darf ich mich selbst zitieren, da ich die Biographie anderweitig schon verwandte und sie schließlich auch nicht neu erfinden kann):

AM wurde 1948 in Buenos Aires (Argentinien) geboren. Da sein Vater im diplomatischen Dienst war, verbrachte AM seine Kindheit in England, Israel und anderswo. Die sozusagen „repräsentative Bibliothek“ seines Vaters, der sich Bücher nach Regalmetern zulegte, brachten den jungen AM zum lesen. Er studierte in Buenos Aires Latein und Spanisch und entwickelte sich zu einem wahren Sprachentalent; neben seiner Muttersprache, spricht AM auch Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Nach seinem Studium arbeitete AM in vielfältigen Funktionen im Literaturbetrieb in vielen Ländern (Buenos Aires, Paris, London, Mailand, Tel Aviv und Toronto) als Kritiker, Journalist, Dozent, Herausgeber und Lektor. Bekannt wurde das Sprachtalent allerdings, wegen seiner herausragenden Übersetzungen von Büchern und Texten in unterschiedlichste Sprachen; u.a. Werke von Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Jean Cocteau, Marguerite Duras, Isabel Allende und Umberto Eco ins Englische. Er selbst schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehdrehbücher. AM ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger und lebt derzeit in Frankreich.

Die Zusammenarbeit unter Künstlern hat oft zur Folge, dass die Ansichten des einen, das Werk des anderen zu beeinflussen vermögen… und ich habe den Eindruck, dass in „Bilder lesen“ so etwas wie die „kulturelle Semiotik“ zu Vorschein kommt… sich also die Zusammenarbeit von Eco und AM bemerkbar macht. Für beide, Eco und AM, scheint die Welt ein Universum aus Bildern und Zeichen zu sein, wobei es nur ganz an uns, die wir die Welt verstehen wollen, liegt, diese Zeichen und Bilder so zu deuten, dass sie ihr Innerstes preisgeben und einen Aspekt für die Entwicklung unserer Kultur ergeben… sie somit eine Funktion haben. Wenn das nicht, oder nur unzureichend gelingt, ist die Welt nur um ein weiteres Rätsel reichen… wir aber um eine mögliche Erkenntnis ärmer.

Diese Besprechung so zu beginnen, könnte den Eindruck entstehen lassen, dass in „Bilder lesen“ nur alter Bodensatz eco´scher Gedanken aufgerührt wird… dem will ich natürlich sofort entgegen wirken. Während Eco sich aus einer generellen philosophischen Sicht auf die Dinge mit Bildern beschäftigt, will uns AM in seinem Buch die Bilder-Kunst längst vergangener, aber auch gegenwärtiger Zeit näher bringen. Dabei kommen ihm seine reichen Erinnerungen an all die Illustrationen der von ihm gelesenen Bücher ebenso zur Hilfe, wie auch seine frühen Lektionen des Geschichtsunterrichts, in denen von den ersten Erzeugnissen menschlicher Kunst, den Höhlenmalereien, die Rede war. So weit spannt er den Bogen, dass er die Bilder prähistorischer Handabdrücke an den Wänden der Höhle von Fuente del Salin in Spanien, mit irgendwelchen dekorativen Darstellungen im Internet in Verbindung bringen kann.

So gesehen ist „Bilder lesen“ so etwas wie eine Fortsetzung seiner bereits erwähnten „Geschichte des Lesens“, in der das Buch über die Bilder quasi angekündigt wurde, insofern die „Geschichte des Lesens“ schon ein Kapitel über das Lesen von Bilder enthält. Erzählerisch steht sein neues Buch ebenfalls in der selben Tradition (wenn ich mir dieses Wort erlauben darf) wie das Vorgängerwerk, in dem AM scheinbar vordergründig eine Art Konversation mit seinen Leserinnen und Lesern betreibt, uns aber gleichzeitig spannend und unterhaltsam, anrührend und inspirierend… nie allerdings in belehrendem Ton und nie langweilig… aufklärt.

So plaudert er z.B. über das was Aristoteles über das Denken zu sagen hatte und führt uns gleichermaßen in seine eigene Philosophie ein, die sich offenbar nicht grundlegend von der des alten Griechen unterscheidet, der da sagte: „Für den denkenden Geist treten nun Bilder an die Stelle der direkten Wahrnehmungen; und wenn der Geist akzeptiert oder bestreitet, dass diese Bilder gut oder böse sind, strebt er ihnen nach oder meidet sie. Daher denkt der Geist nie, ohne sich ein inneres Bild zu machen.“ Wir Sehenden nehmen die Welt in Bildern wahr und über setzen sie in Wörter – und umgekehrt – wodurch eine Art Sprache entsteht, mit deren Hilfe wir unser Dasein erfassen und begreifen wollen. Die Kunst ist dafür nur eine differenzierte Facette… ein Ende eines Gedankens, der vielleicht mit einem Blick in den Spiegel begann, in dem wir uns zum ersten mal in unserem Leben als Selbstportrait wahrnahmen und es erst nach und nach durch unsere weiteren Erfahrung und Wahrnehmung differenzieren… und daraus wird dann unwillkürlich ein Lebenslauf, ganz einer Erzählung gleich, die sich wiederum nur um Bilder dreht.

Viel ist schon über das Phänomen von einer „visuellen Kultur“ in einer von elektronischen Medien durchdrungenen Gesellschaft geschrieben worden, in der das Zuhören oder das Lesen verlernt wurde. Es könnte aber auch sein, dass dieser Verlust nicht nur auf eben die angesprochenen Kulturtechniken beschränkt ist, sondern auch das Sehen selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde; ich glaube kaum, dass die über Bildschirme und Leinwände huschenden Bilder die Fähigkeit des tiefen Betrachtens, des Sich-Ins-Bild-Versenken-Können fördern. Und so kann man AM durchaus darin folgen, wenn er meint, dass das Sehen wieder neu gelernt werden muss. So kann man „Bilderlesen“ durchaus auch als eine erfrischende Möglichkeit sehen, uns das Sehen wiederzuentdecken. Wie bereits angesprochen, erzählt AM in elf Kapiteln und einer, durchaus auch als weiteres Kapitel verstehbaren, Einleitung, von und mit Bildern; konkret von der spätmittelalterlichen Madonnenmalerei bis zur Malerei der Gegenwart.

Die Auswahl der explizit zum Anlass für seine klugen Reflexionen genommenen Kunstwerke, bezeichnet AM selbst in seinem Schlusswort als subjektiv und erinnert zum wiederholten Mal auch daran, dass er kein Kunsttheoretiker oder Kunsthistoriker ist. Er wie ist ein leidenschaftlicher (Kunst-)Liebhaber, der die Welt der Bilder bereist und das auf seinem Weg gefundene ganz nach eigenem Gutdünken zärtlich und liebevoll beschreibt. Und was er da alles gefunden hat: Denkmäler wie die Saline von Arc-et-Senans aus dem 18. Jahrhundert, Statuen brasilianischer Heiligenfiguren, aber auch die aktuellen Entwürfe des Berliner „Holokaust-Mahnmal“ von Peter Eisenman. AM fand neben Arbeiten bekannter Künstler wie Philoxenos, Caravaggio, Marianna Gartner und Joan Mitchell, auch solche von weniger bekannten Leuten wie Lavina Fontana oder Robert Campin. Er erzählt über das abenteuerliche Leben der kommunistischen Aktivistin und Fotografin Tina Modotti und über die Frauengeschichte, die sich Pablo Picasso erlaubte oder die ihm von den Frauen erlaubt wurden und natürlich kommt dessen Bild „Guernica“ vor, von dem ich am Anfang dieser Besprechung kurz sprach.

Diese Reflexionen gehen davon aus, dass jedes Werk eine Vielschichtigkeit aufweist, und AM ist ständig bestrebt, von der Vielschichtigkeit der einzelnen Werk, auf die Vielschichtigkeit unserer uns umgebenden Welt aufmerksam zu machen. Der Autor versucht uns zu vermitteln, wie solche Kunstwerke zu lesen sind… und macht immer wieder darauf aufmerksam, dass ein Verstehen ohne die Kenntnis von der Entstehung einzelner Werke und der Rezeption der sie schaffenden Künstlerinnen und Künstler kaum möglich ist. Es ist ihm wichtig die Rolle der Sprache zu betonen, die auf den unterschiedlichen Ebenen der Auseinandersetzung mit dem Kunst-Werk, die Verbindung zwischen Kunstschaffenden, Publikum und Interpreten darstellt.

Und Sprache ist das Feld, auf dem sich AM ohne jeden Zweifel auskennt. Er ist in die Anekdote verliebt, er plaudert Ausschmückungen. Er verwandelt „seine“ Bilder in ein Konglomerat aus Assoziationen und Interpretationen, aus Liebesschwüren und Versprechen… seine Worte werden Bilder und die Bilder werden zu Worten, seine Worte werden zu Farben und wie ein Maler Farbe auf eine Leinwand aufbringt, schreibt AM seine Lesarten von künstlerischen Hervorbringungen.

Mich haben die brillant geschriebenen Betrachtungen jedenfalls komplett begeistert… es war für mich schon fast ein sinnlicher Akt dieses Buch zu lesen. Selten habe ich auf so wenigen Seiten so viel köstlichste Unterhaltung neben spannender Information gefunden. Ich fühlte mich in meiner eigenen, ganz individuellen Kunsterfahrung völlig bestärkt, weil ich nie ein „dies ist richtig – dies ist falsch“ las, sondern eine Hymne auf die universal wirkende Kraft der Kunst, die sich in ihren Darstellungen vielleicht zwischen Liebe und Hass oder auch der Sehnsucht und ihrer Unterdrückung bewegen mag, aber immer etwas Verbindendes inne hat. Sein Buch hat mich in der Tat reicher gemacht… es hat mich anschaulich und vergnüglich (wiedereinmal) darauf aufmerksam gemacht, dass ich als Künstler an einer besseren Welt mitarbeiten darf. Und es hat mich wiedereinmal an die Komplizenschaft zwischen Kunstschaffenden und Publikum erinnert, wie sie lateinamerikanische Schriftsteller seit langem postulieren… wie das Bild ohne Betrachter tot ist, kann das Buch nur gelesen zum Leben erwachen und wirken.
Wilfried John

Bilder lesen
Alberto Manguel
334 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Volk und Welt – aus 2001
ISBN: 3-353-01150-1
29,65 €