Alberto Manguel „Eine Geschichte des Lesens“

Für manche Tätigkeiten gibt es, meines Erachtens, zwar eindeutige Bezeichnungen, jedoch beschreiben diese Bezeichnungen die Sache nur oberflächlich, unzureichend und kalt. So geht es mir beispielsweise bei der Bezeichnung des Lesens als Kulturtechnik. Ganz sicher bezeichnet der Begriff genau was das Lesen ist, aber er vermittelt mir als leidenschaftlichen Leser nicht all das, was ich mit dem Lesen zu verbinden vermag.

Das gleiche trifft natürlich zu, wenn ich mich dem Lesen von sprachwissenschaftlicher, etymologischer Seite her zu nähern versuche. Selbst wenn ich dann herausgefunden habe, dass das Wort „lesen“, über das mittelhochdeutsche „lesen“, vom althochdeutschen „lesan“ stammt, und in dieser Zeit die Bezeichnung für „sammeln“ war, dass das Wort auch eine Entsprechung im gotischen lisan hat (woraus dann im Englischen „lease = Ähren sammeln“ wurde), kann ich zwar ahnen, dass hier wohl die Ursache dafür zu finden ist, dass hierzulande die Weinernte immer noch als Traubenlese bezeichnet wird, bin aber immer noch nicht zufrieden was den von mir gesuchten, das Lesen tief beschreibenden Begriff angeht.

Etwas näher komme ich dem Gesuchten auf die Spur, wenn ich mir die ältesten Ursprünge unserer Sprache betrachte und bemerke, dass das Wort „lesen“ die Bezeichnung für das Aufsammeln von, mit eingravierten Runen versehenen, kleinen Buchenstäbchen war… die Schicksalsstäbchen… welche keltische Druiden verwendeten, um die Zukunft zu deuten. Nicht, dass ich falsch verstanden werde… ich rede gewiss nicht von Esoterik, nein, ich rede von der Geschichte des Lesens… von einer Metapherhaften Beschreibung dessen was lesen ist… respektive dessen, was lesen für mich ist.

Alberto Manguel (AM) aber hat ein Buch geschrieben, das für mich sozusagen als eine wunderbare Metapher des Lesens zu bezeichnen ist. Von diesem Buch „Eine Geschichte des Lesens“ soll hier die Rede sein. „Lesen ist wie Atmen“, sagt der Autor und er legt damit ein Bekenntnis ab, das ihn einerseits als leidenschaftlichen Leser und andererseits als Autor ausweist, der sich dem Thema in der von mir bevorzugten Weise nähert. Also keine Sorge, „Eine Geschichte des Lesens“ ist kein trockenes Lehrbuch; im Gegenteil.

Dabei ist AM ein Mann, der sich aus seinem Lebenslauf und seiner beruflichen Tätigkeit heraus, wie fast kein Zweiter, dazu eignet ein solches Werk zu schaffen. AM wurde 1948 in Buenos Aires (Argentinien) geboren. Da sein Vater im diplomatischen Dienst war, verbrachte AM seine Kindheit in England, Israel und anderswo. Die sozusagen „repräsentative Bibliothek“ seines Vaters, der sich Bücher nach Regalmetern zulegte, brachte ihn zum lesen. Er studierte in Buenos Aires Latein und Spanisch und entwickelte sich zu einem wahren Sprachentalent; er spricht, neben seiner Muttersprache, auch Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Nach seinem Studium arbeitete AM in vielfältigen Funktionen im Literaturbetrieb in vielen Ländern (Buenos Aires, Paris, London, Mailand, Tel Aviv und Toronto) als Kritiker, Journalist, Dozent, Herausgeber und Lektor. Bekannt wurde das Sprachtalent allerdings, wegen seiner herausragenden Übersetzungen von Büchern und Texten in unterschiedlichste Sprachen; u.a. Werke von Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Jean Cocteau, Marguerite Duras, Isabel Allende und Umberto Eco ins Englische. Er selbst schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehdrehbücher. AM ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger und lebt derzeit in Frankreich.

Thematisch steigt AM in seine Lesegeschichte zu einem noch früheren Zeitpunkt ein, als ich ihn oben andeutete; nämlich bei den frühen Höhlenmalereien (z.B. von Altamira oder Dordogne) Für AM scheint es selbstverständlich, dass die frühen Menschen, die diese Kunstwerke schufen, lesende Menschen waren und das erscheint auch sehr einleuchtend, wenn man damit einverstanden ist, dass Menschen lesen, um zu erfassen, wer, wo und wie sie sind. Dass Lesen auch als quasi existentielle Tätigkeit begriffen werden kann, die weit älter ist als die Schrift, und natürlich noch weit älter als das Buch, versteht man, wenn wir als Beispiele für das Lesen auch das „Lesen“ von Gerüchen, von Geräuschen, von Bewegungen oder von Zeichen und Spuren gelten lassen; vielleicht färbte hier auch die Zusammenarbeit mit dem geschätzten Umberto Eco ab. All dies enthält AM´s Buch, auch wenn der Autor sich hauptsächlich mit dem Lesen von Schrift beschäftigt.

Ein Beispiel: „Der Astronom liest am Himmel in Sternen … Jäger lesen die Wildfährten im Wald; Kartenspieler lesen die Gesten und Mienen ihrer Partner, bevor sie die entscheidende Karte ziehen. Balletttänzer lesen die Notierungen des Choreographen … Liebende den Körper der Geliebten … der Bauer liest am Himmel, welches Wetter zu erwarten ist, und alle teilen sie mit den Lesern von Büchern die Fähigkeit, Zeichen zu erkennen und mit Bedeutung zu füllen. Manche dieser Lesevorgänge sind durch das Wissen geprägt, dass das Gelesene eigens zu dem Zweck von anderen Menschen geschaffen wurde – Notenzeichen oder
Verkehrszeichen zum Beispiel… Andere sind dem Zufall zuzuschreiben. Doch in jedem Fall ist es der Leser, der den Sinn in die Zeichen hineinliest, der einem Gegenstand, Ort oder Ereignis die Lesbarkeit abgewinnt. Der Leser ist es, der einem System von Zeichen Bedeutung beimessen muss, um es zu entziffern. Wir alle lesen in uns und der uns umgebenden Welt, um zu begreifen, wer wir sind und wo wir sind. Wir lesen, um zu verstehen oder auf das Verstehen hinzuarbeiten. Wir können nicht anders: Das Lesen ist wie das Atmen eine essentielle Lebensfunktion“.

Um es zu wiederholen, das Werk ist kein systematisch und chronologisch aufgebautes Geschichtswerk; ein solches könnte wahrscheinlich auch nicht das vermitteln, was AM in seinem langen Essay über das Lesen vermitteln wollte. Historisch Verbürgtes und sehr subjektiven Eindrücke verbindet sich mit autobiographischen und scheinbar belanglosen Abschweifungen zu einer Art Plauderei, die aufregendes und kurzweiliges, zu dem intellektuell anspruchsvolles Lesevergnügen bietet. AM spricht davon, wie er in Bibliotheken seit seiner frühesten Kindheit Bücher aller Art regelrecht verschlungen hat und so schöpft er aus einem sehr reichhaltigen Fundus… erzählt uns seine Erinnerung an das erste gelesene Wort, erinnert sich plaudernd an die Lesewut in seiner Jugend, als das Lesen ihm auch einen Vorwand für das Alleinsein… und vielleicht aber auch manchmal seinem Alleinsein einen Sinn gab.

AM beschreibt Episoden rund um das Lesen und er spart auch nicht autobiographische Sequenzen aus… so hat er dem überragenden argentinischen Dichter Jorge Louis Borges, als dieser fast erblindet war, über zwei Jahre jeden Tag vorgelesen oder er erzählt davon, wie er in den Irak reiste, um die Ruinen Babylons und das zu besichtigen und wie er, als er besichtigt hatte, was man für die Reste des Turmbaus zu Babel hält, im Schatten eines Oleanderbusches ein mitgebrachtes Buch mit Short Stories las. Von diesen leisen Anekdoten bis hin zu grellen Passagen wie z.B. die von einem persischen Großfürsten, der seine 117 000 alphabetisch geordneten Bücher auf einer Kamelkarawane auf allen seinen Reisen mitzunehmen pflegte. Weitere Meilensteinen zum Thema Lesen aus Schriftkultur, Buchkunst und Literatur kommen zur Sprache. AM stellt uns von Aristoteles bis Lovecraft, von Al-Haytham bis Oliver Sacks, von Maria Magdalena bis E.B. Huey Menschen vor, die selbst schrieben oder aber auch „nur“ lasen; wie z.B. vom skurrilen, Bücherkleptomanen Grafen Guglielmo Libri, der im 19. Jahrhundert eine ganze Bibliothek zusammenstahl.

Aber gerade das Anekdotenhafte dieses Werkes fördert auf unterhaltsame Art das Verständnis auch für die kulturelle und soziale Bedeutung, den das Lesens innerhalb der verschiedenen Epochen unserer Kulturgeschichte hatte. So kann man also auch kritische Beurteilungen lesen, z.B. über Geschlechterrollen. Eine meiner Lieblingsstellen verpackt diese gesellschaftskritische Ebene in einer Warnung eines mittelalterlichen Moralisten: „Es schickt sich nicht für Mädchen, Lesen und Schreiben zu lernen, falls sie nicht Nonnen werden wollen, da sie sonst ab einem bestimmten Alter an Liebesbriefe schreiben und empfangen können.“ Auch kümmert sich AM auch um den Stellenwert, den das Lesen heutzutage hat… und so haben selbstverständlich auch den elektronischen Medien einen Platz in seiner Geschichte des Lesens. Für AM scheint Lesen eine Obsession zu sein und sein Buch ist eine wunderbar gestaltete, mit vielen Bildern ausgestattete Liebeserklärung an das Lesen… eigentlich etwas für alle Leserinnen und Leser die ebenfalls dieser Leidenschaft frönen.

Wilfried John

Alberto Manguel
Eine Geschichte des Lesens
428 Seiten – Taschenbuch, kartoniert
Verlag Rowohlt TB-V., Rnb. aus 2000
ISBN 3-4992-2908-0 10,17 €