Alberto Manguel „Im siebten Kreis“

Lange Schatten

Pro: Ein geschickt auf verschiedenen Ebenen erzählter Roman

Contra: Er könnte leicht auch Beifall aus der falschen Ecke bekommen



Geschichte, ein Wort das man zu kennen scheint… Doch es ist mehr als nur ein Wort, das alles vor der Gegenwart Geschehene meint. Die meisten Menschen bedienen sich dieser Definition… und lassen es dann dabei. Manche werden noch anfügen, dass das Wort die Beschreibung eines unwiederholbaren Geschehens sei, das sich nur einmal so ereignete wie es nun mal abgelaufen ist. Wenige werden den alten Heraklit zu zitieren wissen, der einst meinte: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Der Fluss als Bild vom Lauf der Zeit… als Bild vom Wandel und des ständig sich ereignenden Neuen ist jedoch nicht völlig schlüssig. Da im geschichtlichen Wandel das Alte, bereits zur Geschichte Gewordene enthalten ist und fortbesteht.

Eine andere Erklärung von Geschichte besagt, sie sei lediglich das, was man jeweils von der Vergangenheit weiß. Diese Auffassung ist jedoch – meiner Meinung nach – grundsätzlich falsch und sie enthält außerdem die Gefahr der Geschichtsklitterung, des Missbrauchs. Betrachtet man Geschichte (aus welchen Interessen auch immer) so, dass in der Gesellschaft (einschließlich der Geschichtswissenschaft) nur bestimmte Geschehnisse erinnert und gedeutet werden, dann leugnet man die Möglichkeit, das Wissen um die Geschichte erweitern zu können und das Augenmerk auf andere als die bisher bekannte Vergangenheit zu richten oder Bekanntes anders als bisher zu begreifen.

Alle Erscheinungsformen des menschlichen Lebens machen die Geschichte aus: Geschichte bestimmt den Menschen. Aber der Mensch ist nicht nur einfach ein willenloser Gegenstand des geschichtlichen Ablaufs, sondern er bestimmt diesen Ablauf letztlich selbst. Alle Geschichte ist das Ergebnis menschlichen Handelns; der Mensch in der Gesellschaft macht die Geschichte. Und weil die Menschen die Geschichte machen, haben sie grundsätzlich die Möglichkeit, ihre gegenwärtigen Verhältnisse und die Zukunft als noch nicht geschehene Geschichte zu gestalten.

Vorraussetzung dafür ist jedoch, dass die Menschen einen möglichst objektiven und unverstellten Blick auf die Geschichte pflegen. Doch das ist leider – zumindest was die offizielle Betrachtung betrifft – nicht zu erwarten. Geschichte wird von Individuen, von gesellschaftlichen oder politischen Gruppen und verschiedenen Wissenschaftsrichtungen zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gesehen und gedeutet. Hinter Diskussionen und Deutungen von bestimmten geschichtlichen Vorgängen, auch wenn diese mit wissenschaftlichem Anspruch einhergehen, stehen oft bestimmte politische Motive und Positionen (ich erinnere hier an den sog. Historikerstreit über den Nationalsozialismus).

Erst die genaue Kenntnis der Geschichte erzeugt ein Verständnis für das Entstehen, den Wandel und die Funktion von Gesellschafts-, Staats- und Wirtschaftsordnung, von politischen Theorien und Ideologien. Eine Erkenntnis über Gesellschaft usw., die sich in ihrem Entstehen einzig auf die Gegenwart beschränkt, vermag das Bestehende nicht zu erklären (siehe auch Eduardo Galeano „Erinnerungen an das Feuer“ – hier bei Ciao besprochen). Auch verfälscht der Blick auf das persönliche Schicksal Einzelner das Verständnis von Geschichte… und gerade im Vorfeld des 8. Mai versuchen einzelne sog. Historiker, mit solchen Betrachtungsweisen Geschichte zu relativieren; z.B. las ich in einem Zeitungsinterview die Aussage vom ZDF-Historiker Guido Knopp, dass der 8. Mai 1945 „für ganz wenige (Deutsche – Einfügung des Verfassers) war es eine Befreiung“. Das mag zwar für die Gegenwart des 8. Mai 1945 und für die persönlichen Empfindungen der einzelnen Menschen richtig sein, aber diese Betrachtung sozusagen auf die Ebene der Geschichtsschreibung zu heben (oder es zu versuchen) ist Unsinn; und man wird sich fragen, welche Motive dahinter stehen mögen.

Mir ist beim lesen dieses Interviews spontan ein Buch eingefallen, das zwar in erster Linie und auf den ersten Blick nichts mit dem 8. Mai 1945 zu tun haben mag, das sich aber mit einem Phänomen beschäftigt, das nach dem Zweiten Weltkrieg auch und gerade hier in Deutschland flächendeckend zu beobachten war und das verantwortlich dafür war, dass lange Zeit ein kritischer Umgang mit Geschichte verhindert wurde: Verdrängung. Es handelt sich bei dem hier zu besprechenden Buch nicht um ein Sachbuch… es ist ein Roman, einer jener Sorte, welche ich – in meiner Vorstellung davon, was Literatur sein soll – für wichtig halte: „Im siebten Kreis“ erschien 1991 und wurde von Alberto Manguel (kurz AM) geschrieben; der hierzulande eher für andere geartete Werke bekannt wurde (z.B. „Bilder lesen“ oder „Eine Geschichte des Lesens“ – auch hier bei Ciao besprochen).

Dabei ist AM schon sehr lange im sog. Literaturbetrieb tätig und Fachleuten als herausragender Übersetzer von großer Literatur bekannt. Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Jean Cocteau, Marguerite Duras, Isabel Allende und Umberto Eco). Für einen etwas genaueren Blick auf seine Biographie zitiere ich mich aus früheren Besprechungen selbst: AM wurde 1948 in Buenos Aires (Argentinien) geboren. Da sein Vater im diplomatischen Dienst war, verbrachte AM seine Kindheit in England, Israel und anderswo. Die sozusagen „repräsentative Bibliothek“ seines Vaters, der sich Bücher nach Regalmetern zulegte, brachten den jungen AM zum lesen. Schon während der Schulzeit arbeitete in Buenos Aires in einem englisch-deutschen Buchladen, wo er auch Borges traf, der dort Kunde war. Das sollte eine wegweisende Begegnung sein – er wurde für den fast erblindeten Großen der Weltliteratur zum Vorleser und zu so etwas wie ein Sekretär, der Borges gedanklich gestaltete Werke, schriftlich zur Welt brachte.

während der Schulzeit arbeitete in Buenos Aires in einem englisch-deutschen Buchladen, wo er auch Borges traf, der dort Kunde war. Das sollte eine wegweisende Begegnung sein – er wurde für den fast erblindeten Großen der Weltliteratur zum Vorleser und zu so etwas wie ein Sekretär, der Borges gedanklich gestaltete Werke, schriftlich zur Welt brachte.

AM studierte in Buenos Aires Vergleichende Literaturwissenschaft, Latein und Spanisch und entwickelte sich zu einem wahren Sprachentalent; neben seiner Muttersprache, spricht AM auch Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Nach seinem Studium arbeitete AM in vielfältigen Funktionen im Literaturbetrieb in vielen Ländern (Buenos Aires, Paris, London, Mailand, Tel Aviv und Toronto) als Kritiker, Journalist, Dozent, Herausgeber und Lektor. Bekannt wurde das Sprachtalent allerdings, wegen seiner herausragenden Übersetzungen von Büchern und Texten in unterschiedlichste Sprachen; u.a. Werke von ins Englische. Er selbst schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehdrehbücher. AM ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger und lebt derzeit in Frankreich.

Wie schon gesagt erschien 1991 sein erster Roman „Im siebten Kreis“, der sofort nach Erscheinen mit dem angesehenen McKitterick Award für Debütromane ausgezeichnet wurde und internationale Beachtung fand. Der Originaltitel „News from a foreign Country came“ ist – meiner Meinung nach – der wirklich passende… denn es handelt sich dabei um die erste Zeile eines Gedichts von  Thomas Traherne (1637 – 1674), der in seinen Texten vor allem das wiederkehrende Motiv der kindlichen Unschuld aufgreift, die durch die Erfahrung des Erwachsenen verdorben wird. Der deutsche Titel orientiert sich dagegen an Dantes „Göttliche Komödie“, die in einem kurzen Auszug aus dem XIV. Gesang dem Roman sozusagen als Vorwort dient. Dantes Werk jedoch ist als Vision gedacht, entstanden aus dem persönlichen Erleben seiner Zeit. Lediglich wenn man Dantes siebten Kreis betrachtet, der eine schauerliche, von blutigen Wassern durchrauschten Schlucht zeigt, in der Tyrannen, Mörder und Straßenräuber eingeschlossen sind, den düstern Wald der Selbstmörder darstellt, die glühende, von feurigem Regen überströmte Wüste beschreibt, in der die Gotteslästerer, Wucherer und die der unnatürlichen Laster Schuldigen gequält werden, mag die Titel wieder stimmig sein.

Der Roman spielt in Percé, einem Küstenstädtchen in Quebec/Kanada. Dort lebt, zusammen mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Ana, der pensionierten französische Polizeioffizier Antoine Berence. Seine Nachbarn und Bekannten bescheinigen ihm ein fürsorglicher,  liebevollen Vater und Ehemann zu sein, der sich selbstlos um seine  psychisch kranke Frau und seine Tochter kümmert. Oft habe ich bei diesen Aussagen an aktuelle Fernsehberichte denken müssen, wenn in Interviews Nachbarn oder Bekannte Ähnliches über Gewalttäter sagten und es drängte sich mir gleich der Verdacht auf, dass solches hinter den Zeilen lauert und nur darauf wartet mich aus dem Hinterhalt der Erzählung anspringen zu können.

So lebt die ruhige, zurückgezogen lebende Familie, deren Innenansicht gar nicht dem entspricht, nach was es nach Außen aussieht, ihr Leben Niemand sieht die Katastrophe kommen – selbst der Polizist Clive (ein Freund der Familie) nicht, obgleich er im Ort nach verdächtigen argentinischen Immigranten fahndet. Dann geschieht es – die Familie wird Opfer eines Sprengstoffanschlags und niemand kann sich erklären, was wohl hinter diesem Anschlag stecken könnte. Niemand? Nun, Antoine Berence könnte es erklären, denn er allein kennt seine wahre Vergangenheit.

Die Geschichte, der Werdegang und die Lebensstationen der Familie werden am Beginn des Romans von der Tochter und von der Ehefrau, jeweils aus der persönlichen Sicht heraus, erzählt. Wir erfahren von den Stationen ihrer unsteten Wanderung über die Welt: Algier, Paris, Buenos Aires… und allmählich erfahren wir auch, warum die einst so lebenslustige Frau in jenen Trübsinn fällt, aus dem heraus für sie heute kein Weg mehr zu führen scheint. Dieses Trauma wurde ausgelöst als sie erfuhr, dass ihr Mann während aller seiner Stationen in Diensten von verbrecherischen, menschenverachtenden Regimes stand, um als Meister der Folter Oppositionelle physisch und psychisch zugrunde zu richten.

Der Anschlag ist also sozusagen eine Art Quittung für sein Lebenswerk. Und dieser Anschlag hebt die subjektiven Schilderungen der Tochter und der Mutter auf eine Ebene der Erkenntnis… die Schatten der Vergangenheit haben die Gegenwart eingeholt und sind in der Romanzeit angekommen; AM führte uns bedächtig auf diesen Punkt zu, ohne uns vorher schon mit schonungsloser Direktheit abzustoßen oder zu langweilen. Kritiker sehen hier eine Schwäche des Romans, wiewohl sie auch die Verwicklung der Hauptperson in all diese verschiedenartigen Konflikte (der Unabhängigkeitskampf Algeriens, die 68er Generation in Paris, die argentinische Diktatur) für unglaubwürdig halten. Nun, es ist bekannt, dass es solche Söldner gab (und wahrscheinlich noch gibt) und letztlich ist es auch völlig gleichgültig ob sich der Roman an gesicherte Fakten hält – es geht um etwas anderes.

Das Thema ist Verdrängung und der letztendlichen Unmöglichkeit aus der Geschichte zu entkommen. Es ist das Thema der Relativierung von schrecklichen Untaten und den Versuchen sie zu rechtfertigen… denn als schließlich die Mutter durch die Bombe starb, versucht Antoine Berence einen Rest seiner heilen Familienwelt zu retten (ich will nicht so weit gehen zu behaupten, dass er seine Tochter vor dem mörderischen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt retten möchte – wie es Besprechungen auch schon zu lesen war). Er erzählt ihr die ganze Wahrheit, versucht sich von Schuld freizusprechen, versucht die Opfer als Täter erscheinen zu lassen – und versucht letztlich seine Tochter für sich zu vereinnahmen.

Für mich, der sich mit derlei Themen schon seit langer Zeit geschichtlich und politisch beschäftigt, ist dieser Roman von AM ein Werk, das Einblicke gewährt, ohne uns mit Ideologie zu kommen. Es ist ein Buch, das sicher nicht die menschliche Psyche erklärt, aber auf aufzeigt, wie viele Verließe und Abgründe es in ihr geben kann. Es entwickelte sich in mir der Eindruck, dass Lebensläufe von Menschen von ihren Entscheidungen abhängen, sich so oder anders zu entscheiden, sich in oder gegen die Geschichte zu stellen. Das Buch hat mich einerseits – trotz meines Wissens um solche Sachverhalte – schockiert (auch eingedenk der eigenen Familiengeschichte – die von der entgegengesetzten Seite, der Seite der Opfer geprägt ist), andererseits ging von diesem Buch eine Hoffnung aus… die Hoffnung nämlich, dass in der Geschichte nichts verloren geht.

Ich fand, dass es AM nicht um billige Effekthascherei ging, sondern dass es ihm – besonders aus der Geschichte Argentiniens schöpfend – um eine besondere Art der Authentizität ging, die auch unter noch so vielen Versuchen der Verdrängung nicht verschwindet. Die grausigen Tiefen der Geschichte, ebenso wie die grausige Aktualität, vor deren Hintergrund wir Heutigen das Buch zu lesen haben, machen es für mich wertvoll. AM gibt uns einen Gedanken, der zu einem Verstehen führt… nicht aber um Verständnis bittet und er steht damit im Widerspruch zu vielen heutigen sog. Historikern, die versuchen die Menschlichkeit von Henkern darzustellen oder das Leid von besiegten Tätern – und das dafür vorhandene natürliche Mitleid von Nachgeborenen – zur Wendung oder Relativierung von Geschichte herzunehmen.

Die Kollegin Anita Dessi schrieb über den Roman: „Alberto Manguel gestaltet seinen Roman wie eine zarte, schöne Blume; dann zupft er behutsam und elegant die Blütenblätter aus und enthüllt die scheußliche Made in ihrem Kelch – eine meisterliche Leistung.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

Wilfried John

Im siebten Kreis

Alberto Manguel

271 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Volk und Welt – Erschienen 1996

ISBN: 3-3530-1057-2

Im Antiquariat

Im siebten Kreis

Alberto Manguel

268 Seiten – Taschenbuch

Verlag: Rowohlt Tb. – aus November 1999

ISBN: 3-4992-2599-9

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