Alberto Manuel „Tagebuch eines Lesers“

Die Echos von hellen Schatten 

Pro: Persönlich, authentisch, unterhaltsam, witzig und… brillant

Contra: Viel zu kurz… und leider von der Kritik unterbewertet



Übereinstimmung. Vielleicht ist es eine rein subjektive Wahrnehmung von mir, dass mir in letzter Zeit verstärkt eine zumindest fehlende Bereitschaft (wenn nicht gar Unfähigkeit) zu Meinungsstreit, Auseinandersetzung und/oder kontroversem Standpunkt bei vielen Mitmenschen meiner Umgebung aufgefallen ist. Viel zu schnell wird bei sich anbahnenden Meinungsverschiedenheiten „auf Harmonie gemacht“, wird eilig nach dem Minimalkonsens gegriffen und die Debatte beendet, noch bevor sie recht beginnen konnte. Abweichendes Verhalten, oder schlimmer, fortgesetztes Abweichendes Verhalten wird oft mit Ausschluss aus Beziehungen, Freundschaften und gesellschaftlichen Gruppen „geahndet“. Manchmal, so zeigt sich gegenwärtig wieder, ist Abweichendes Verhalten sogar Grund für Verfolgung.

 

Doch was ist das überhaupt, dieses Abweichende Verhalten und welche Gründe führen dazu? Nun, der erste Teil der Frage ist scheinbar recht einfach zu beantworten: Alle Verhaltensweisen die nicht den jeweiligen herrschenden Normen entsprechen oder, besser gesagt, übereinstimmen, wäre Abweichendes Verhalten. Aber so einfach wie es scheint, ist es dann doch nicht, denn weder die Normen und, folglich, das Abweichende Verhalten sind statisch, sondern beides ist eingebettet in die laufenden Prozesse von Kultur, Politik, Religion oder sogar wirtschaftlichen Systematiken. Dabei wird schnell klar, dass sie weder einer historischen, noch einer gesellschaftlichen Konstante unterliegen… es kann also sein, dass das Abweichende Verhalten von „gestern“, konformes Verhalten von „heute“ ist.

 

Traditionelle Theorien zur Ursachen-Erklärung für das Abweichende Verhalten, reduzieren es auf biologische, medizinische, psychologische, ja sogar psychiatrische Ursachen; soziologische Ursachen werden tunlichst ausgeklammert. Nun will ich nicht behaupten, dass die vorgenannten Ursachen nicht relevant wären (das wäre dumm), doch wenn richtig ist, dass Abweichendes Verhalten auch von der Prozesshaftigkeit von Kultur usw. abhängt, dann muss solches Verhalten auch als Interaktionsprozess eines Einzelnen mit der ihn umgebenden Gesellschaft gesehen werden. Polemisch könnte man sagen, dass die Gesellschaft das Abweichende Verhalten erzeugt.

 

Aber lassen wir die verkürzende Polemik. Aufgelöst bedeutet der Satz nüchtern, dass gesellschaftliche Gruppen, meistens mit irgendeiner legitimierten oder auch nur wirtschaftlichen Macht ausgestattet, die öffentliche Meinung bestimmen und so Normen schaffen, deren Verletzung das Abweichende Verhalten erzeugt. Das allein wäre ja nicht besonders aufregend, da eine Gesellschaft nun mal Regeln braucht, damit sie überhaupt funktionieren kann, muss sie sich eben Regeln geben; unter der Voraussetzung, dass es demokratisch zugeht und alle gesellschaftlichen Gruppen an dieser Normsetzung beteiligt werden, ist das kein Problem. Das Problem tritt dann auf, wenn, bei gleichzeitigem Mangel an Toleranz, die Normen ausnahmslos auf Alle angewendet werden und somit Außenseitertum entsteht. Dabei ist es völlig gleichgültig man nun als Behinderter, Ausländer oder Andersdenkender stigmatisiert wird – die Wirkung kann in jedem Fall die gleiche sein.

 

Man sollte den Versuch machen/wagen, den Gedankengang umzukehren. Dann würde eine Gesellschaft dieses Abweichenden Verhaltens notwendigerweise bedürfen! Ein oberflächlicher Blick in die Geschichte würde genügen, massenhaft Beweise für die fruchtbare Interaktion einzelner Andersdenkenden mit ihrer – ihnen oft nicht wohl gesonnenen – Gesellschaften zu finden. So gesehen, könnten wir uns gerade mit Andersdenkenden in größerer Übereinstimmung befinden, als mit den ewig Angepassten… wir müssten uns lediglich der Mühe unterziehen, uns mit ihnen wohlwollend auseinanderzusetzen und auf das vorschnelle Ausgrenzen zu verzichten, sie mit Harmonie-Soße zuzuschütten oder wenigstens einen Zweifel an der eigenen Position in Erwägung zu ziehen.

 

Zum Glück gibt es immer einmal wieder Ereignisse oder Situationen, in denen Übereinstimmung zu finden ist, auch wenn die eigene Ansicht nicht der Norm entspricht… manchmal deswegen, weil dieses Ereignis zwar ebenfalls keiner gültigen Norm entspricht, aber weil es in Verbindung mit einem ansonsten untadeligen Namen verbunden steht, größtenteils akzeptiert wird. Ich bin sehr froh, dass mir das jüngst widerfahren ist. Da es ja hier um eine Buchbesprechung geht, wird man auf den Gedanken kommen können, dass das Ereignis mit einem Buch zu tun haben wird. Richtig! Für mich ist steht das Ereignis nicht nur mit diesem Buch in Zusammenhang, sondern das Buch selbst ist das Ereignis. Seit vielen Jahren schreibe ich Rezensionen. Oft bin ich wegen meiner Art der Buchbesprechung kritisiert worden. Hin und wieder versuchte man mir zu sagen, dass meine grundlegende Idee, aktuelle Ereignisse, gesellschaftliche Debatten oder für mich relevante Gedanken zum Ausgangspunkt meiner Besprechungen zu nehmen, nichts tauge.

 

Nun, offenbar ist es möglich, dass zwei Menschen – völlig unabhängig von einander, in unterschiedlichen Verhältnissen lebend, fern voneinander daheim und deshalb nicht persönlich miteinander bekannt – ein und dieselbe Idee haben können. Dieser Andere hat ein Buch veröffentlich, das so ganz mit meiner Idee übereinstimmt, dass ich diesem Menschen, sehr dankbar, diese Besprechung widmen will. Der Titel dieses Buches ist „Tagebuch eines Lesers“ und geschrieben hat es Alberto Manguel (kurz AM). Es handelt sich bei dem hier zu besprechenden Buch nicht um ein Sachbuch… es ist auch kein Roman… und es handelt sich auch nicht um eine Erzählung…  es ist eines jener Bücher, die keinem gängigen Literaturkanon zurechenbar sind und dennoch eines jener Sorte, welche ich – in meiner Vorstellung davon, was Literatur sein soll – für wichtig halte. Zwar ist AM seit relativ kurzer Zeit dem Publikum hierzulande für Werke wie z.B. „Bilder lesen“ oder „Eine Geschichte des Lesens“ (auch hier bei Ciao besprochen) leidlich bekannt, bei Fachleuten jedoch ist AM – der schon sehr lange im sog. Literaturbetrieb tätig ist – zumindest als herausragender Übersetzer von großer Literatur (Joseph Roth, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Jean Cocteau, Marguerite Duras, Isabel Allende und Umberto Eco) berühmt.

 

Für einen etwas genaueren Blick auf seine Biographie zitiere ich mich aus früheren Besprechungen selbst: AM wurde 1948 in Buenos Aires (Argentinien) geboren. Da sein Vater im diplomatischen Dienst war, verbrachte AM seine Kindheit in England, Israel und anderswo. Die sozusagen „repräsentative Bibliothek“ seines Vaters, der sich Bücher nach Regalmetern zulegte, brachten den jungen AM zum lesen. Schon während der Schulzeit arbeitete er in Buenos Aires in einem englisch-deutschen Buchladen, in dem er auch Borges traf, der dort Kunde war. Das sollte eine wegweisende Begegnung sein – er wurde für diesen, damals schon fast erblindeten, Großen der Weltliteratur zum Vorleser und zu so etwas wie ein Sekretär, der Borges gedanklich gestaltete Werke, schriftlich zur Welt brachte.

 

AM studierte in Buenos Aires Vergleichende Literaturwissenschaft, Latein und Spanisch und entwickelte sich zu einem wahren Sprachentalent; neben seiner Muttersprache, spricht AM auch Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Nach seinem Studium arbeitete AM in vielfältigen Funktionen im Literaturbetrieb in vielen Ländern (Buenos Aires, Paris, London, Mailand, Tel Aviv und Toronto) als Kritiker, Journalist, Dozent, Herausgeber und Lektor. Bekannt wurde das Sprachtalent allerdings, wegen seiner herausragenden Übersetzungen von Büchern und Texten in unterschiedlichste Sprachen. Er selbst schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehdrehbücher. AM ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger und lebt derzeit in Frankreich.

 

Sein neustes Buch „Tagebuch eines Lesers“ beginnt mit einem von ihm selbst verfassten Vorwort. Nun ist es nicht ganz verwunderlich, dass ein Buch mit einem Vorwort des Autor beginnt, aber in diesem Falle ist es unbedingt erforderlich, auf dieses Vorwort einzugehen, da es sozusagen die Rezeption für dieses Werk enthält, das ich eben als keiner gängigen Literaturgattung zugehörig bezeichnete. Außerdem spricht mir AM dermaßen aus dem Herzen, dass es mir obendrein ein Vergnügen bereitet, auf das Vorwort einzugehen. AM gibt darin an, welche Bedeutung Bücher für ihn haben… nicht etwa welche Bedeutung Bücher bestimmter Autoren für haben, nein, er schreibt einfach über Bücher.

 

Im wesentlich unterscheidet er vier Kategorien: Zuvorderst jene Bücher, die man – vielleicht zum bloßen Zeitvertreib – liest, und (wie er sagt) schon beim Umblättern vergessen hat, was auf der vorigen Seite stand. Als nächste Art, nennt er jene Bücher, die wir „ehrfürchtig“ lesen, „ohne Zustimmung oder Widerspruch zu wagen“. Natürlich vergisst er auch jene Bücher nicht, die lediglich der Information dienen. Zuletzt bleiben noch jene Werke, die zu unseren Lieblingsbüchern werden, die uns oft jahrelang begleiten und uns ans Herz gewachsen sind. Fast ist es so, als würden wir mit diesen Büchern sprechen, ihre Texte nachfragen und Antworten für uns erhalten. Meist jedoch halten wir diese Antworten nicht fest, wenngleich doch gerade diese Antworten uns unseren Horizont erweitern könnten, uns Erfahrungen vermitteln, Illusionen in Gewissheiten verwandeln und uns Lesenden zu einer neuen Existenz verhelfen oder eine Realität schaffen.

 

Der Vielleser AM fasste den Entschluss, inne zu halten und seine alten Lieblingsbücher erneut zu lesen. Ich kann das gut verstehen… Es gibt ja so manche Redewendung, die zwar plakativ ist, deswegen aber noch lange nicht stimmt. „Stillstand ist Rückschritt“ oder „Stillstand ist der Tod“ gehören zu dieser Sorte. Ich habe vor einiger Zeit schon beschlossen, mich über die Behauptung hinwegzusetzen und nicht mehr wie gehetzt nach Neuem zu streben, sondern auch mal stehen zu bleiben und mir das Bekannte genauer anzuschauen. Dabei stellte ich fest, dass dieses genaue Betrachten Tiefe erzeugt. AM bestätigt mich wenn er beschreibt, wie eine Romanpassage eine Zeitungsnotiz in anderem Lichte erscheinen lässt, wie eine Szene aus einem Buch eine fast vergessene Erinnerung weckte oder ein einziges Wort zum Auslöser langer Überlegungen wurde.

 

AM nahm sich vor, diese Momente festzuhalten und während eines Jahres, jeden Monat eines seiner Lieblingsbücher zu lesen und gleichzeitig Notizen, Reflexionen, Reiseeindrücke Charakterskizzen oder öffentliche und private Ereignisse, welche durch das Lesen hervor gebracht wurden, aufzuschreiben. Aus diesen Echos seiner Wahrnehmung ist das nun vorliegende Buch geworden – ein ganz privates Tagebuch, das zeigt, wie durch aufmerksames, genaueres Hinsehen auf Bekanntes, die größer gewordene Unübersichtlichkeit der Gegenwart sich zu ordnen beginnt. Der Vergleich eines Buches mit dem Zustand des Universums vor dem Urknall ist nur auf den ersten Blick frappierend… AM argumentiert, dass das Universum in einem Zustand der Latenz verharrte, eben wie die Geschichten in einem Buch in einer Art Schlummer verharren, bis es durch unsere Hände aufgeschlagen, von unseren Augen durchstöbert und so zum Leben erweckt würde.

 

Dem Vernehmen nach, fiel dem Autor die Auswahl der zu lesenden Bücher nicht schwer und während der Zeit von Juni 2002 bis Mai 2003 nahm er sich des Projekts an und so entstanden die Notizen für das Buch eben in jener Zeit, was interessant ist zu wissen, da eben die Aktualitäten jenes Jahres im Fokus der Beobachtung standen. Wer allerdings von diesem Buch erwartet, dass es ausführliche Besprechungen der ausgewählten Romane enthält, wird unter Umständen enttäuscht werden. Die hinter der Rezeption des Werkes liegende Intention des Autors ist, meiner Ansicht nach, zu zeigen was Inspiration ist und wie sie durch Bücher befördert werden kann. Vielleicht lässt sich ja die eine oder andere Leserin oder Leser auch dazu inspirieren, das eine oder andere hier verwendete Werk für sich entdecken zu wollen. Dieses Tagebuch ist eben nicht nur von Büchern inspiriert, es ist selbst eine Inspirationsquelle.

 

„Lesen ist wie atmen“, schrieb AM in seinem berühmten Buch „Eine Geschichte des Lesens“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) und es scheint, als sei sein neustes Buch eine Weiterführung dieses Satzes – wir atmen um zu leben und AM beteiligt uns Lesenden an einem seiner Lebensabschnitte. Das „Tagebuch“ ist zu vielschichtig und komplex, als dass ich es in jedem einzelnen (Monats-)Kapitel ausführlich besprechen könnte. Aber wenigstens möchte ich den Versuch machen, die verarbeiteten Bücher und Aktualitäten kurz zu streifen, dabei möchte ich auch auf hier bei Ciao vorhandene Besprechungen hinweisen, so dass Interessierte sich eingehender mit den teils bekannten, teils unbekannten Büchern beschäftigen können.

 

Juni 2002

AM besucht Buenos Aires, etwa ein Jahr nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Er beobachtet die Armut der Menschen, bemerkt den Niedergang einer ehemals reichen Stadt, spürt die Abwesenheit von während der Diktatur Verschwundenen oder erinnert seine eigene Kindheit.

 

Das Buch das er in diesem Monat liest, ist „Morels Erfindung“ von Adolfo Bioy Casares (auch hier bei Ciao vorgestellt). Der Protagonist dieses Romans ernährt sich von, manchmal giftigen, Wurzeln – Armut; dieser Protagonist ist ein Flüchtling – Verschwundene; für den Protagonisten des Romans ist Heimat die Aufzählung von Orten, Menschen, Gegenständen, Taten, Liedern und Augenblicken des Lebens – Kindheit

 

Juli 2002

Reise nach London. Auf der Zugfahrt hört er zufällig ein Gespräch mit und kommt sich vor, als sei er in irgendeine absonderliche Geschichte geraten. In London ist es heiß, laut, das Verkehrssystem ist marode, das Leben teuer und die Hauswirtin ist unfreundlich… ihm gefällt die Stadt nicht. Weiter geht die Reise und AM trifft in Paris ein. Er zitiert Chesterton: London sei ein Rätsel, Paris eine Erklärung.

 

Das Buch für diesen Monat ist „Die Insel des Dr. Moreau“ von H.G. Wells (Wells ist mit andern Werken hier bei Ciao besprochen). In diesem Buch kommt ein Gestrandeter zufällig auf eine unbekannte Insel und gerät unversehens in die Geschichte – Gespräch; auf dieser Insel macht ein verrückter Professor perverse Experimente – Großstadtdschungel; im Roman wird beschrieben, wie gewissenlose Wissenschaft die Ausbeutung der Menschen und der Natur betreibt – lebensfeindliche Umgebung.

 

August 2002

AM ist daheim… aber er hat Besuch aus Toronto. Sie unternehmen Ausflüge zu historischen Gebäuden oder genießen den Garten. AM schwelgt in Erinnerungen oder ihm fallen zu einzelnen Passagen des Romans, Querverbindungen zu ganz anderen Dingen ein. Die Reise in diesem Monat ist offensichtlich eine Reise nach innen.

 

Der angesprochene Roman ist „Kim“ von Rudyard Kipling (auch hier bei Ciao vorgestellt). In seinem wohl berühmtesten Roman wollte Kipling, wie er selbst sagt, das wirkliche, schwere Leben der Menschen Indiens zur damaligen Zeit authentisch schildern… und die offiziellen Berichte als geschönt entlarven – das Buch als Spiegel für die innere Wirklichkeit, in dem wir uns authentisch wiederfinden könnten.

 

September 2002

Zum Jahrestag der Anschläge auf das WTC und das Pentagon, erinnert sich AM an diesen Tag. Da er damals keinen Fernseher hatte und die Nachrichten nur aus dem Radio vernahm, meint er, hätte er mehr Zeit zum Nachdenken gehabt. Er stellte Überlegungen zu Religion und natürlich zum Terrorismus an, aber er dachte auch an Ursachen wenn er schreibt: Der Westen akzeptiert das Andere nur, um es besser verachten zu können und wundert sich dann über das Echo.

 

Keine Ahnung, ob AM das Buch für diesen Monat sorgfältig geplant aussuchte. Jedenfalls ist „Erinnerungen von jenseits des Grabes“ von Francois-Rene de Chateaubriand ziemlich passend. Chateaubriand (der auch Außenminister Frankreichs war) beschreibt in seinem Buch in faszinierender und ergreifender Prosa die Zeit vor, während und nach der Französischen Revolution; folglich war Terror in jeder Form für ihn nichts Unbekanntes. Des wegen konnte er vielleicht auch schreiben: „Mord wird in meinen Augen nie ein Gegenstand der Bewunderung und ein Argument der Freiheit sein; ich kenne kein Wesen, das knechtischer, verächtlicher, niederträchtiger, beschränkter wäre als ein Terrorist.“

 

Oktober 2002

Wieder auf Reisen; eine Lesereise von Stadt zu Stadt, diesmal in Deutschland. Natürlich stößt der Argentinier überall auf Zeugnisse und Indizien der jüngeren Deutschen Geschichte; hier ein Holocaust-Denkmal, dort ein wieder aufgebautes Gebäude. Und natürlich bearbeitet AM auch die Klischees – die sprichwörtlich deutsche Sauberkeit z.B. – und betrachtet sich mit diesem Gedanken im Kopf ein Werbeplakat der Anti-Drogen-Kampagne. Er fährt nach hause und erlebt Alltag und die Ereignisse des Alltags.

 

Das Buch des Monats Oktober: „Das Zeichen der Vier“ von Sir Arthur Conan Doyle (auch hier bei Ciao vorgestellt). Die Krimis mit dem legendären Sherlock Holmes kamen mir immer wie eine Ermittlungsakte vor und ich mag diese Romane nicht besonders. Dennoch, eine solche Ermittlungsakte korrespondiert wunderbar mit den Anekdoten, Eindrücken und Notizen des Tagebuchs, wenn Holmes/Watson mit Hilfe von Beweisstücken, Fotos, Indizien und Fundstücken einen komplizierten Fall aufklären – Deutschland und der Alltag sind komplizierte Fälle.

 

November 2002

AM kauft sich ein Buch das er nicht versteht, da es sich um eine mathematische Abhandlung handelt, weil ihm der Titel so gut gefällt: „Erschöpfende Abhandlung über Schatten“. Er bekommt an einem grauen, dunstigen November-Tag einen Glücksbringer geschenkt, liest in der Zeitung  eine Meldung über die Reichweite der Erdölreserven, sieht dem Blumenpflanzen zu… die UN-Resolution Nr. 1441 wird verabschiedet, mit der quasi der us-amerikanische Überfall auf den Irak legitimiert wurde.

 

AM liest „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso (auch hier bei Ciao vorgestellt). Der Protagonist des Romans trifft auf dem Gartenfest des Herrn John einen seltsamen Mann im grauen Anzug, der ihn dazu überredet, ihm seinen Schatten zu verkaufen – Schatten aber, gefallen AM; an einem grauen Tag gibt es keine Schatten und an sie zu denken ist wie ein Glücksversprechen auf sonnige Tage; manchmal werfen kommende Ereignisse ihre Schatten voraus; bei grauen Herrn könnten uns Geheimdienstleute einfallen.

 

Dezember 2002

AM ist zuhause. Seit langer Zeit wahrhaftig daheim… im eigenen Haus. Er erzählt uns die Geschichte des Hauses, über die Einrichtung seiner Bibliothek und der Beschaffenheit der Küche. AM spricht über seinen Garten, über das Verpacken von Weihnachtsgeschenken und eine zugelaufene Katze. Quasi mit gleichem Atem, mit dem er über sein Zuhause spricht,  spricht er aber auch über Exil… und darüber, dass Dörfer das Copyright ihrer Ansicht an Firmen verkaufen.

 

Die Dezemberlektüre ist „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Grahame. Das Werk ist ein Klassiker der englischen Kinderliteratur. Die vier Hauptpersonen der Fabel sind die liebenswürdigen Tiere: Ratte, Maulwurf, Kröterich und Dachs. Was ihnen widerfährt ist natürlich zutiefst menschlich… und lässt uns schmunzeln oder auch nachdenklich werden. Sie leben in Freiheit, in der Natur und den Jahreszeiten, haben eine Heimat. Sie sind deswegen glücklich, weil sie die Sicherheit des Zuhauses und die Treue ihrer Freunde haben.

 

 

Januar 2003

Ein alter Lehrer nimmt nach vielen Jahren wieder Kontakt zu AM auf. Der Autor erzählt von Glaubenskrisen seines Sohnes in einer Welt falscher Verlockungen. Erneut ist von der Nachrichtenlage die Rede: Le Pen in Frankreich, Armut in London, Gewalt im Fernsehen, Ausschreitungen anlässlich der Wahl der Miss World in Nigeria. Eine Reise nach Neufundland.

 

Das erste Buch des Jahres: „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes (auch hier bei Ciao vorgestellt). Ich muss auf eine inhaltliche Darstellung verzichten, da das den Rahmen sprengen würde; man kann ja hier anderweitig fündig werden. Nur so viel: Dieser Roman ist Weltliteratur und hatte große, fruchtbare Wirkung auf die kultur- und geistesgeschichtlichen Prozesse in Europa. Gleichzeitig war er vielen Deutungen und Missdeutungen ausgesetzt und war dennoch gleichzeitig eine der Wurzeln des neuen europäischen Romans – ohne alte Lehrer keine jungen Autoren; es werden uns viele Dulcineas vorgegaukelt; Le Pen, Armut, Gewalt und… Windmühlen.

 

Februar 2003

Die Abgeschiedenheit mancher Landstriche, Vaclav Havel in Bushs Koalition der Willigen, Klatsch mit dem Nachbarn, der präparierte Menschen und Tiere reißerisch ausstellende deutsche Arzt und eine Schriftstellerin, die sich ängstigt ihr Werk zu beenden.

AM liest parallel zu den Ereignissen des Monats „Die Tatarenwüste“ von Dino Buzzati. Der Roman ist eine Parabel, die auf die Absurdität des menschlichen Lebens zielt, das sich – während die Lebenszeit verrinnt – in Illusionen verliert. Ein junger Leutnant wird auf einen Stützpunkt am Rande irgendeiner Wüste kommandiert, weil angeblich ein Tatarenheer einen Angriff vorhat… der ausbleibt. Dino Buzzati zeigt in diesem Meisterwerk der italienischen Literatur, ein Leben, das sich im unerbittlichen Fortgang der Zeit verliert – Abgeschiedenheit, nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen, Illusion von Lebendigkeit und unvollendete Werke.

 

März 2003

Das Glück scheint an Zufälle gebunden, kritische Frauen verunsichern die Männer, der Geburtstag des Autors, ein brasilianischer Kollege schickte einen Brief, der Krieg im Irak ist ein mediales Ereignis, eine Hochzeit in der Kirche nebenan. Die Bücher wissen nichts über die Existenz ihrer Leser.

 

Der Roman zum Frühlingsbeginn ist „Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon“ von Sei Shonagon, einer japanischen Hofdame des 10. Jahrhunderts (unserer Zeitrechnung).  Das Buch ist einer der großen Klassiker japanischer Literatur. Es besteht aus erzählerischen Miniaturen, in denen die Autorin das höfische Leben ihrer Zeit beschreibt. Die Sprache ist klar und schnörkellos, die Themen ganz alltäglicher Natur. Das Zen-Motto Betonung des Schlichten, Geradlinigen und die Verehrung der darin enthaltenen Schönheit, die Naturverbundenheit machen dieses Buch zu einem literarischen Schatz – Glück aus zufällig gefundenen einfachen Dingen; solche Damen waren damals wie heute suspekt; zur Begründung für einen Krieg, statt klarer Sprache nur Lügen.

 

 

April 2003

Gespräch mit der Tochter, die Erinnerung an ein Essen mit dem Vater und das erste Mittagessen im Freien, immer wieder der Krieg im Irak. Und ein Rundgang mit einer argentinischen Kollegin durch die Bibliothek, inklusive gemeinsamen Schwelgens über Werke, die jeder für sich gelesen hat.

 

AM liest in diesem Monat „Der lange Traum“ von Margaret Atwood. In diesem Roman ist eine junge Frau die Protagonistin, die – auf der Suche nach ihrem vermissten Vater – auf  eine verlassene Insel kommt. Sie hat die fast vergessene Kindheit mit ihren Eltern in der Einsamkeit der Natur verbracht und wird – als die Städterin, die sie jetzt ist – mitunter schmerzlich mit ihren Erinnerungen konfrontiert. Sie glaubt nicht, dass ihr Vater in der Wildnis den Verstand verloren hat und untergegangen ist, sondern glaubt fest an das Gegenteil; dieser Glaube diente ihr als sicherer Beweis für seine geistige Gesundheit und als unwiderlegbares Argument dafür, ihn für tot halten zu müssen – AM sucht in seinen Erinnerungen nach seinem Vater; der Glaube als Beweis für die Notwendigkeit für einen Krieg; Erinnerung durch Konfrontation.

 

 

Mai 2003

Frühes Aufstehen und die Idee, eine Anthologie über Schlaflosigkeit zu machen; eine Vorlesung in einer nordschwedischen Universität und eine nicht funktionierende Dusche in einem Stockholmer Hotel; ein Treffen kanadischer Schriftsteller in Turin; ein Zeitungsbericht über Hacker, die im Netzwerk des rumänischen Finanzministerium eine Dummensteuer einführten; eine weitere schlaflose Nacht;

 

Das letzte Buch im Kanon des AM ist der Titel „Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas“ von Machado de Assis. Dieses Werk des anerkannten Klassikers der brasilianischen Autoren, besteht aus vielen sehr kurzen Kapitel, aus Notizen, Dialogfetzen, bruchstückhaften Szenen, Charakterskizzen, kleinsten Essays und literarische Miniaturen, die aber zusammengenommen, die Autobiographie eines Mannes ergeben (eben jenen Bras Cubas), eines Helden wider Willen, der schon tot ist, als das Buch beginnt. Es ist keine lineare Geschichte, sondern zeichnet sich gerade wegen der vielen Ausschweifungen aus – ein würdiger Abschluss für das Experiment dieses „Tagesbuch eines Lesers“.

 

Ich stimme mit AM völlig überein, dass es etwas sehr Beglückendes ist, sich in Übereinstimmung mit Freunden zu befinden… aber es ist auch ebenso beglückend, wenn eine Idee diese Übereinstimmungen herstellt. Dass das Buch mir gefallen hat, dass ich von ihm beeindruckt, sogar begeistert bin – glaube ich – bedarf eigentlich keiner besonderen Betonung mehr. Es ist eines der klügsten Bücher, und dabei gleichzeitig eines der unterhaltsamsten, das ich je gelesen habe und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass mich AM – nicht nur literarisch – bereichert hat.

 

AM nahm mich in seinem Buch auf Wege mit, von denen ich oft nicht einmal ahnte, dass sie existieren. Auf diesen Wegen entdeckte ich aber auch genügend bekannte literarische Fährten, und ich fühlte mich nie, wie man sich in einer fremden Umgebung fühlt. Andererseits kann ich mir denken, dass es für Interessierte, die vielleicht erst beginnen die Welt der Bücher zu entdecken, ein Leseabenteuer sein kann, in die Fremde geführt zu werden. In dem man – wie ich glaube – die Begeisterung des Autors für Literatur und das Lesen in jeder Zeile spürt, kann man sich an dieser Begeisterung anstecken und Literatur in der Weise entdecken, wie einst Entdecker ferne Weltengegenden – Lesen als Abenteuer, bei diesem Buch halte ich diesen Anspruch für erfüllt.

Ich versichere, dass mir meine Begeisterung keinen Streich spielte und ich mit der Formulierung Lesen als Abenteuer nicht in Lobhudelei verfallen bin. Ich schätze mich selbst als erfahrenen Leser ein und doch schweifte ich beim Lesen so oft gedanklich ab, dass ich wirklich nie genau wusste, was im nächsten Moment in mir geschah und ich empfand es als Glück, dieses Buch für mich zu entdecken. Wenn ich nicht schon ganz Anfang zu Protokoll gegeben hätte, wie ich mit dem Autor übereinstimme, müsste ich jetzt schreiben, dass AM mich davon überzeugte, wie das Lesen hilft, Traurigkeit, Zorn, Ungerechtigkeiten besser zu ertragen oder gar die Schatten aus den Grüften der Vergangenheit wieder aufzuhellen, in dem wir die Buchstaben, Worte, Zeilen und Geschichten, lesend als ein helles Licht erfahren.

 

Und noch etwas zeigt uns dieses wundervolle Werk: Es ist möglich, dass wir in dieser von Hektik und Unübersichtlichkeit durchdrungenen Welt, dieser nicht etwa schicksalhaft ausgeliefert sind, sondern, dass wir durch innehalten und einen genaueren Blick auf Bekanntes (das meist auch Vergangenes ist), Gegenwärtiges besser verstehen können und so den Überblick nicht so schnell verlieren. AM ist dabei sicher ein Paradebeispiel des wachen Beobachter, aber lesend können wir uns entweder anschließen und seinen Versuchen das Chaos zu ordnen folgen, oder – was sinnvoller erscheint – wir können uns ein Beispiel an ihm nehmen.

 

Der schwedische Dichter Olof Lager-Krantz schrieb über das Lesen: „Was geschieht, wenn wir lesen? Das Auge folgt schwarzen Buchstaben auf weißem Papier, von links nach rechts, wieder und wieder. Und Geschöpfe, Natur und Gedanken, die ein anderer gedacht hat, kürzlich oder vor Tausenden von Jahren, steigen in unserer Einbildung auf. Das ist ein Wunder, größer als das Keimen der Samenkörner aus den Gräbern der Pharaonen. Und es geschieht jeden Augenblick.“ So gesehen, hat AM uns mit seinem neusten Buch ein kleines Wunder-Werk an die Hand gegeben.

 

 

Wilfried John

 

 

Das Tagebuch eines Lesers

Alberto Manguel

231 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: S. Fischer – Aus August 2005

ISBN: 3-1004-8751-6

17,90 Euro