Alejo Carpentier „Die verlorenen Spuren“

Die dünne Kruste auf blutenden Wunden

Pro: Ein kunstvoll erzählter Roman, über die Grundlagen unserer Zivilisation

Contra: Die Zivilisationskritik ist mir nicht deutlich genug



Zivilisation. Seit dem 11. September 2001 hat dieser Begriff so etwas wie eine neue Hochkonjunktur in vielen offiziellen und alltäglichen Debatten erfahren. Spätestens seit kurz nach den Anschlägen von New York und Washington der Präsident der USA (von einem sicheren Ort aus) von einem Angriff auf die zivilisierten Staaten sprach und ihm viele Politiker – vor allem der sog westlichen Welt – zustimmten, stellt sich die Frage drängender denn je, was genau Zivilisation eigentlich ist und ob dieser Begriff, wie die Rede Bushs implizierte, etwa nur auf die Länder der industrialisierten Welt anzuwenden ist.

Dabei wird tunlichst verschwiegen, dass es schon einmal einen 11. September gab… es war dies der 11. September des Jahres 1973. An diesem Tag bombardierte die Luftwaffe Chiles, unter dem Kommando eines gewissen Pinochet und unter tätiger Mithilfe des us-amerikanischen Geheimdienstes CIA, das chilenische Parlament und der frei gewählte chilenische Präsident Allende, der seinen Amtssitz unter keinen Umständen verlassen wollte, kam bei der Verteidigung der Demokratie um.

Nach einer grundsätzlichen Definition jedoch, ist Zivilisation ein Oberbegriff für alle Lebensformen und technischen Einrichtungen einer Gesellschaft, die es den Menschen dieser Gesellschaft ermöglicht, unter sicheren und lebenswerten Bedingungen zusammenzuleben. Im Zivilisationsbegriff sind sowohl die materiellen Bedingungen wie etwa Wohnen, Einkaufen, Verkehr, Freizeit, Gesundheit und Arbeit, wie auch immaterielle Bedingungen wie z.B. geregelte Verhältnisse in Gemeinde und Staat oder ein Mindestmaß an bürgerliche Freiheit und Menschenrechte enthalten.

In früheren Zeiten wurde ein Unterschied zwischen dem Zivilisationsbegriff und dem Kulturbegriff gemacht, was in der deutschen Sprache sogar formal zum Ausdruck kommt, in anderen Sprachen aber so nicht zu finden ist. Doch diese Unterscheidung ist höchst interessant und sie offenbart eine bestimmte Haltung, die gerade in der oben genannten Situation den Hintergrund liefern könnte, vor dem die Reden vom Angriff auf die Zivilisation verständlich werden. Während man früher nämlich alle Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Einrichtungen welche die äußerlichen Lebensbedingungen bestimmen (z.B. Technik und Wirtschaft) mit Zivilisation bezeichnete, bezeichnete man alles was mit einer höheren Lebensart, mit Kunst und Wissenschaft zu tun hat mit Kultur. Diese Unterscheidung stammt aus einer Zeit, in der es das Vorrecht einer kleinen Gruppe der Gesellschaft war, über die sog. Kulturgüter zu verfügen.

Der Kulturbegriff umfasst alle Lebensäußerungen des Menschen, die das Ziel haben, die Umwelt durch Zusammenarbeit zu gestalten, sich die Welt anzueignen, sich selbst zu verwirklichen und sich anderen Menschen mitzuteilen. Eine Gesellschaft, welche die Gleichheit vor dem Recht als unverzichtbares Merkmal der Menschenwürde verwirklichen will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass möglichst alle an der Kultur ihrer Zeit teilhaben können. Insofern hat sich heute die Auffassung durchgesetzt, dass ohne Zivilisation Kultur für alle Menschen nicht möglich ist und somit die Unterscheidung der Begriffe obsolet sei.

Vergegenwärtigt man sich also die Äußerungen vom Angriff auf die Zivilisation unter diesem Aspekt, gelangt man zwangsläufig auf die elitäre Haltung derer, welche die Äußerungen machten und für sich wohl die Teilhabe an den Kulturgütern postulierten, gleichzeitig aber – offen oder verdeckt – andere davon auszuschließen suchten. Jedenfalls zeugt es von einer sehr fragwürdigen Haltung, anderen – anders organisierten – Gesellschaften eine Zivilisation absprechen zu wollen. Im weiteren Verlauf der jüngsten Geschichte zeigte sich obendrein, dass es mit der eigenen, sozusagen als überlegen eingeschätzten Zivilisierung nicht zum Besten bestellt ist… und das ist, nach Plünderungen historischer Stätten im Irak, fortgesetzter Einschränkung der bürgerlichen Freiheit und Menschenrechtsverletzungen durch Folter, noch milde ausgedrückt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass unsere Zivilisation nur eine dünne Kruste über der bestialischen Wildheit ist.

Bei diesen Überlegungen fand ein Buch in meiner Bibliothek erneut meine Aufmerksamkeit, das ich vor vielen Jahren mit viel Erstaunen gelesen habe und das ich nun vorstellen möchte: „Die verlorenen Spuren“ von Alejo Carpentier (kurz AC). Dieses Buch ist nicht nur eine Reflexion in oben angedeuteter Beziehung, sondern obendrein auch noch ein Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur und war so etwas wie ein Muster, auf dem viele nachfolgende berühmte Werke des sog. Booms aufsetzten. Das Werk erschien in Deutschland erstmals 1979 und „feiert“ somit sein 25jähriges Jubiläum… da sein Autor wenig später starb und sein 100ster Geburtstag und sein 25ster Todestag unmittelbar bevorsteht, soll diese Besprechung auch eine Würdigung seiner literarischen Verdienste sein und ihn wieder in einen aktuellen Bezug setzen.

Vielleicht liegt es an seiner grundsätzlichen Einstellung zur Literatur, dass sich sein Rang in der spanisch-amerikanischen Literatur nicht so deutlich bestimmen lässt, wie man es z.B. bei Marquez kann. Aber er vertrat nun mal die Ansicht (Zitat): “Das Leben ist nichts, was zählt ist das Werk”. So wurden seine Romane mit zahllosen Preisen überschüttet und die Kritik lobte ihn über den grünen Klee, auch waren seine Bücher in der spanisch sprechenden Welt große Erfolge, aber seine Persönlichkeit und sein künstlerischer Weg fanden nicht die verdiente Resonanz. AC hat in seinem Werk ein überlebensgroßes, facettenreiches, farbenfrohes, aber auch kritisches und hintergründiges Bild der Geschichte und Gegenwart des karibischen Raumes und seiner Zivilisation gezeichnet und an der Entwicklung des modernen lateinamerikanischen Romans einen bedeutenden Anteil gehabt.
Er wurde am 26.11.1904 als Sohn eines aus der Bretagne stammenden angesehenen Architekten und einer russischen Pianistin in Havanna/Kuba. Die Eltern waren in mehrfacher Hinsicht an Kultur interessiert: Musik, Theater… aber eine besondere Vorliebe galt der Literatur. Daheim sprach man französisch, in der Schule und im Alltag jedoch das karibische Spanisch. Selbstredend prägte diese Konstellation AC schon als Kind. Nach kurzer Zeit zog die Familie nach Paris um und AC ging in Frankreich weiter zur Schule und dann auf ein Gymnasium in Paris. Von Anfang an schien sein Weg vorgezeichnet… denn ab 1921 begann er dann – zurück in Havanna – ein Architektur-Studium. Aber solche vorgezeichneten Lebenswege (besonders dann, wenn Väter für ihre Söhne zeichnen…) haben ihre Tücken und nicht selten führen sie nirgendwo hin…

AC brach ziemlich rasch sein Architektur-Studium ab und verlegte sich auf das Fach Musikwissenschaften und Völkerkunde. Nach dem Studium wendet sich AC (wie viele andere lateinamerikanische Schriftsteller auch) dem Journalismus zu und wurde noch als Neunzehnjähriger Redaktionschef der größten kubanischen Wochenzeitschrift „Carteles“. Später dann wird er dann sogar Mitherausgeber einer bedeutenden Kulturzeitschrift jener Zeit, der „Revista de Avance“ und organisiert aber er organisierte auch Konzerte für Neue Musik. Er interessierte sich für avantgardistische Bewegungen in Europa und stand mit namhaften Intellektuellen seines Landes in Verbindung, auf einer Mexiko-Reise lernte er die berühmten Maler Diego Rivera und Jose Clemente Orozco kennen, über die er dann in „seinen“ Zeitungen berichtete.

Diese Kontakte entwickelten bei AC auch starkes politisches Engagement und nach einigen kritischen Artikeln gegen die Machado-Diktatur, wurde er 1927 als Regimegegner für sechs Monate ins Gefängnis gesteckt. Im Knast entstand sein erster Roman, der allerdings noch keinen wirklichen Fortschritt in der Erzählkunst darstellte… jedenfalls gemessen daran, für was AC später stehen sollte. Mit den Reisepapieren des mit ihm befreundeten französischen Schriftsteller Robert Desnos, gelang ihm 1928 die Flucht nach Frankreich. Hier hatte er schon einen gewissen Bekanntheitsgrad, zumindest unter den Künstlern, und nahm in französisch/spanischen Zeitungen seine journalistische Tätigkeit wieder auf. Seine aktive Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben in Paris machte ihm deutlich, dass die lateinamerikanische Literatur weiter entwickelt werden müsse und eine gestaltende Funktion haben sollte.

Als Ende der 1930er Jahre in Frankreich die Politik der Nazis bemerkbar wurde und in Spanien der Bürgerkrieg die Republik zugunsten Francos beseitigt war, wollte AC weg aus Europa. 1939 kehrte er wieder nach Havanna zurück, wo er im staatlichen Radio Arbeit fand. Schon 1945 verließ er erneut Kuba in Richtung Venezuela und siedelte sich in Caracas an, wo er, ebenso wie einst in Paris, wieder Als Journalist arbeitete. Er veröffentlichte vor allem Essays in Zeitungen, aber auch ein richtungweisendes Werk über die Musik der Antillen. Erst 1949 entstand nach einer Reise nach Haiti sein zweiter Roman „Das Reich von dieser Welt“, in dem sein eigenständiger Stil der „Wunderbaren Wirklichkeit“ geboren war. Sein berühmtes Vorwort  wurde zum Programm einer ganzen Literatur. Er schrieb, dass es ihm bei seinem Werk nicht um eine exotische Perspektive, sondern um „eine Erweiterung der Skalen und Kategorien der Wirklichkeit“ gehe. Die Konzeption zielte auf die, besonders in der lateinamerikanischen Realität bemerkbaren, Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Entwicklungsstufen.

Schon 1947/48 bereiste AC die Urwälder des Orinoco-Gebiets, was ihm die Grundlagen für seinen nächsten, 1953 erschienen, Roman „Die verlorenen Spuren“ (um den es hier später in der Hauptsache gehen wird) sein sollte. In diesem Roman wurde die „Wunderbare Wirklichkeit“ erwachsen und erreichte seine volle Blüte, weswegen er von der Wissenschaft zumeist als sein wichtigstes Werk angesehen wird. 1959, nach dem Sieg der Kubanischen Revolution, kehrte AC, der inzwischen schon berühmte Schriftsteller und begeisterte Anhänger Castros, nach Kuba zurück und wirkte am Aufbau des staatlichen Kulturbetriebes generell und dem Staatsverlag in Havanna Speziell mit, schließlich wirkte er als Professor für Literatur an der Stätte seiner Studien, der Universität von Havanna. Er war außerdem Mitglied der Nationalversammlung Kubas, bis er ab 1966 als Kulturattache in die kubanische Botschaft nach Paris entsandt wurde.

Schon 1962 war der Roman „Explosion in der Kathedrale“ erschienen, in dem es um einen Emissär der französischen Regierung auf Guadeloupe namens Victor Hugues ging, der die Ziele der Französischen Revolution in der Karibik verwirklichen wollte. Er tat es mit den Methoden des Robespierre… verriet damit die revolutionären Ideale… und mutierte zu einem machtbesessenen Tyrannen. Dieser, für den französischen Literaturbetrieb interessante, Titel und seine persönliche Präsens, war eine belastbare Brücke zwischen Europa und Lateinamerika und man könnte sagen, dass es damit für den sog Boom (eine Zeit des überwältigenden Interesses an lateinamerikanischer Literatur und deren Aufstieg zur Weltliteratur) wegweisend war.

„Die verlorenen Spuren“ wird von einem Ich-Erzähler in sechs Großkapiteln erzählt und er setzt sich, bis auf die ersten drei der 39 Unterkapitel, scheinbar aus Tagebuchnotizen zusammen. Das vierte Unterkapitel ist mit Mittwoch, den 7. Juni datiert und das Schlusskapitel mit 30. Dezember… nirgends aber erscheint eine Jahreszahl. Aus dem Nachwort erfahren wir von AC, dass es sich bei dem Land um Venezuela handelt und so muss man wohl annehmen, dass der Roman um 1947/48 spielt, was aber nur von untergeordneter Bedeutung ist. Da es sich bei diesem Werk um den Versuch handelt, sich in der Zeit rückwärts zu bewegen und den Zivilisationsprozess zu seinen Anfängen hin zu betrachten, könnte er auch im Jahre 1960 oder 2004 aufsetzen; was zeigt, wie aktuell die Bezüge auch heute noch sind.

Der Roman ist sozusagen schichtenartig, wie übereinander gelegte bedruckte Folien, angelegt und jeden Schritt vorwärts, wird eine der Folien entfernt… aus einem komplizierten (Gesellschafts-)Bild, wird nach und nach eine immer archaischere Zeichnung, bis es nur noch ein, analog den steinzeitlichen Höhlenmalereien, einfaches Muster zum Vorschein kommt. Diesen Weg muss ein moderner Zivilisierter symbolisch von Station zu Station, sich sozusagen in den archaisch werdenden Zivilisationen akklimatisierend, gehen, um an das Ziel seiner Sehnsucht nach einem einfachen Leben gehen. Doch je weiter er auch in der Zivilisations-Evolution zurück geht, immer findet er eine feste Form einer anderen Art von Zivilisation vor… selbst das was er anfänglich noch primitiv genannt hätte, ist dennoch eine aktuelle Zivilisation.

Doch selbst wenn der Erzähler einen gewissen vorübergehenden Verlust von Zivilisation hinnehmen muss, wird das durch die Erfüllung von Sehnsüchte des modernen Menschen ausgeglichen, die sich auf authentische, paradiesische und unberührte Plätze und Zustände etwas so beziehen, wie sich einst die Sehnsucht der Konquistadoren auf das El Dorado bezogen (exotische Urlaubsziele stehen deshalb hoch im Kurs).

Der Protagonist in „Die verlorenen Spuren“ ist ein Musikwissenschaftler, dem die Lebensbedingungen des nordamerikanischen Alltags in einer großen Stadt überdrüssig sind. Selbst seiner Frau – die als Schauspielerin mit langfristigem Vertrag, seit viereinhalb Jahren dasselbe Stück spielen muss – kann er nicht mehr viel Reiz abgewinnen. Er selbst arbeitet als Produzent von Kulturfilmen. Aber auch das bringt ihm kein neues Vergnügen mehr, da auch dieser Bereich der Filmproduktion, unter das Diktat der Werbewirksamkeit gerät und die Filme immer gleichförmiger werden. Er beginnt sich nebenher um seiner vernachlässigten Studien uralter Musikinstrumente zu kümmern… außerdem pflegt er ein Verhältnis zu einer sehr viel jüngeren Frau.

Als ihn der Direktor eines Museums empfiehlt, während seines Urlaubs eine Forschungsreise nach Südamerika zu unternehmen und sich auf die Such nach bisher unentdeckten Musikinstrumenten zu machen, ist er nicht abgeneigt. Seine junge Freundin ist sofort von dem Vorschlag begeistert und tut das ihre dazu, ihn zu diesem Abenteuer zu überreden; auf das sie ihn selbstverständlich begleiten wird. Nach kurzer Flugreise, gelangen sie schließlich in eine nicht näher bezeichnete Küstenstadt irgendwo auf dem Subkontinent. Zunächst ist eitel Sonnenschein, doch kurz nach ihrer Ankunft in einem Luxushotel erleben sie eine unliebsame Überraschung: Im Land herrscht blutiger Bürgerkrieg… sogar auf das Hotel wird geschossen und die Kugeln pfeifen ihnen um die Ohren.

Doch dann beginnt endlich ihre Expedition ins Landesinnere. Erste Station ist ein kleines, im Kolonialstil angelegtes, beschauliches Dorf. Das Paar muss sich, was ihm – eingedenk seiner Herkunft – nur mühsam gelingt, an das Landleben anpassen, was dazu führt, dass die junge Frau schnell ihre anfängliche Begeisterung verliert. Aber sie müssen zu Erfüllung ihres Auftrags ja noch tiefer in das Urwaldgebiet und ein Bus bringt sie schließlich in eine Gegend, von der ihnen gesagt wurde, dass sie da die besagten Instrumente finden würden. Doch auf dem Weg erlebten sie etwas seltsames, das sich später als Schlüsselerlebnis entpuppen sollte: mitten auf der Strasse hockt zusammengekauert eine Indio-Frau, die sie dann mitnehmen. Der Wissenschaftler sieht sie als Vertreterin des ursprünglichen Amerika, geradezu als symbolische Figur und seine junge Freundin verliert zusehends seine Aufmerksamkeit.

Die Indio-Frau lädt die Fremden in ihre Hütte ein, zeigt ihnen die Gegend und macht sie mit den Lebensbedingungen vertraut. Die junge Nordamerikanerin kann sich nicht recht anpassen und erzeugt mit ihrem freizügigen Wesen ein Ärgernis nach dem anderen, bis sie letztlich Ablehnung, Abneigung, sogar Hass auf sich zieht. Der Protagonist jedoch ist von der Authentizität  Rosarios, so der Name der Indio-Frau, fasziniert, dass er sich in sie verliebt. Nach einer gewissen Zeit, bricht man mit einem Ortskundigen zur Fortsetzung der Expedition ins Flussgebiet des Orinoco auf. Tagelange Bootsfahrten flussaufwärts, ungewohnte klimatische Verhältnisse und nervliche Belastung machen die junge Nordamerikanerin krank, doch der Forscher will nicht aufgeben und schickt sie zurück ins Dorf.

Für ihn beginnt nun der Eintritt in eine mysteriöse Welt, der Eintritt in einen geradezu mystischen Ort namens Manos, in dem die Zeit stillzustehen scheint und die frühen Zeitalter noch nicht vergangen zu sein scheinen. Die gesuchten Instrumente finden sich hier und so hat er quasi seinen Auftrag erfüllt. Aber er bleibt mit Rosario zusammen an jenem geheimnisvollen Ort, komponiert seltsame Musik und mit der Frau ein idyllisches, harmonisches Leben. Unerwartet landet ein Flugzeug, mit dem man nach dem verschollen geglaubten Forscher sucht, mitten im Dschungel und er wird schmerzlich von Rosario getrennt. Er verspricht so schnell als möglich wiederzukommen und überlässt der Indio-Frau seine Kompositionen als Pfand.

Zurück in der nordamerikanischen Stadt, kommt er mit den Leben dort nicht mehr zurecht. Diese Welt, seine Ehefrau, seine Arbeit, alles dort kann ihn nicht mehr begeistern und er macht sich – von der Sehnsucht nach Rosario und dem mystischen Ort getrieben – tatsächlich wieder auf den Weg nach Süden…

Mich hat dieses Buch restlos begeistert. AC nahm mich auf eine spannende und bewegende Reise zu den Ursprüngen unserer Zivilisation mit. Als altem Skeptiker und Zivilisationskritiker zeigte er mir, dass das Wunderbare in der Wirklichkeit nicht verloren ist und darüber hinaus sogar unseren kulturellen Reichtum ausmacht, selbst wenn wir keine Ahnung davon haben. Er berührte meine Sehnsucht mit Beschreibungen von Mythen und Musik, von exotischen Rhythmen und Klängen… Er berührte meine Sehnsucht, ohne das Diktat der modernen Zeit ein unbeschwertes Leben führen zu können und begeisterte mich mit der Beschreibung eines verloren geglaubten Paradieses.

Dieser kunstvoll konstruierte Roman hat für mich alles, was ich mir von einem herausragenden Werk der lateinamerikanischen Literatur wünsche. Prächtige, überbordende Sprache, schwungvolle Erzählweise, Exotik, gefühlvolle Charaktere, Leidenschaftlichkeit, Originalität und selbstbewusstes Beharren auf eigene Identität. Der Roman ist prallvoll mit Verweisen auf andere Werke der Kunst und nimmt Anleihen auch außerhalb der Literatur. Insofern ist er auch eine Fundgrube von Anregungen und spielte mit meiner Neugierde. Dass er obendrein mein Interesse an Geschichte befriedigt, sollte nicht ungesagt bleiben…

Wer sich nur ein bisschen in der Geschichte auskennt, weiß um die Verbindungslinien europäischer und ur-amerikanischer Kulturen, die – um es freundlich zu formulieren – nicht sehr friedfertig und zivilisiert zustande kamen. AC versöhnt die Kulturen wieder etwas, in dem er in seinem Werk die Erzählweisen beider Kontinente zusammen bringt. Man sagt ihm nicht umsonst eine barocke Sprache nach und auch die Vorliebe für das Wunderbare mittelalterlicher Erzählungen, lässt er in Verbindung mit den Besonderheiten der indigenen Kulturen treten. Dazu war wohl kaum ein anderer Schriftsteller besser geeignet, als eben dieser Wanderer zwischen der alten und neuen Welt.

Natürlich nimmt das Buch, vor dem Hintergrund meines generellen Interesses an lateinamerikanischer Literatur und meiner speziellen Bewunderung dieses Autors, eine hervorgehobene Stellung ein. Selbst heute noch konnte ich mir vorstellen, welch enormen Innovationsschub AC damit in die lateinamerikanische und damit auch in die Weltliteratur brachte. Wenn ich es mit wenigen Worten sagen soll, möchte ich sagen: Der Roman ist eine Wunderbare Wirklichkeit.

Wilfried John

Die verlorenen Spuren

Alejo Carpentier

353 Seiten – Taschenbuch

Verlag: Suhrkamp – Aus 2001

ISBN: 3-5183-9744-3

9,- Euro

Weitere wichtige Werke von Alejo Carpentier:

1974 „Staatraison“

1975 „Barockkonzert“

1978 „Le Sacre du Printemps“

1979 „Die Harfe und sein Schatten“