Alfred Döblin „Amazonas – Romantrilogie“

Deutschland

Alfred Döblin „Amazonas – Romantrilogie“

Beim (wieder) lesen des Buch um das es hier gehen soll, musste ich mir die Frage stellen, warum wohl sein Autor seitlebens nicht, und auch später nicht, den ihm gebührenden Bekanntheitsgrad erreichte. Aber es ist wohl so, dass Neues immer erst ein wenig verdächtigt wird schlecht zu sein und das Alte (in bewährtem Gebrauch) den Status Quo darstellt – mit dem man sich nicht mehr auseinander setzen muss. Dem entsprechend, ist das Neue nicht gleich willkommen. Es existiert sozusagen ein „archaisches Wahrheitsgefühl“ – seit Urzeiten gilt das Alte als das Wahre und das Neue als bedenklich. So schließt sich der Kreis zu der Geschichte… nachvollziehbar. Wenngleich ich aber auch die ungeheuere Anstrengung anerkennen will, die es bedeutet sich so lange mit aller Kraft festhalten zu können, muss ich doch fragen, wieviel weniger Kraft für sehr viel mehr Zufriedenheit nötig sind…

Alfred Döblin stellt sich selbst als ein Allerweltsmensch dar, der seine Zufriedenheit sucht… und sie selten findet. Er hielt zwar nicht mir aller Kraft an Altem fest, im Gegenteil, aber sein Leben war bestimmt von vielen einschneidenden Erlebnissen: Frontarzt in ersten Weltkrieg, Berufsverbot unter den Nazis, Verbrennung seiner Bücher, Flucht und Exil… und schlussendlich versagte man ihm auch nach all diesen Ereignissen die Anerkennung; er war selten zufrieden. Aber Döblin schuf mit der Kraft die ihm verblieb auch immer Neues – und setzte sich somit auch immer dem oben beschrieben Verdacht aus. Nie nahm er für sich in Anspruch, ja nur immer schön mit der Masse zu sein. Und so ist dem Buch um das es hier geht das selbe passiert, wie fast allen sein Büchern: Man lobte sie in Fachkreisen in den höchsten Tönen, breite Leserschichten fanden sie nie; sieht man einmal von „Berlin Alexanderplatz“ ab.

Alfred Döblins Amazonas-Trilogie „Die Fahrt ins Land ohne Tod“ (1937), „Der blaue Tiger“ (1938) und „Der neue Urwald“ (1948) widerlegt die These von der Sprödigkeit der deutschen Literatur: Seine Amazonas-Trilogie etwa kann es an Farbigkeit und Spannung mit jedem lateinamerikanischen Roman der „Magischen Realismus“ a la Asturias, Roa Bastos oder Marquez aufnehmen. Was wird in diesem Riesenepos erzählt?

Im ersten Teil, “Die Fahrt ins Land ohne Tod“, schildert Döblin, wie die Urvölker des Amazonas-Beckens lebten und er „berichtet“ vom ersten Aufeinandertreffen der europäischen Eroberer mit den Indios (einschließlich der ersten Missionierungsversuche eines gewissen Bartolomé de las Casas). Alfred Döblin erzählt uns von den spanischen Eroberern und ihren deutschen Nachfolgern (was mich arg verblüffte, da ich keine Ahnung davon hatte, dass auch Deutsche bei der Ausplünderungs- und Ermordungsorgien beteiligt waren). Er schreibt von den Jesuvätern, die einen Gottesstaat (hört, hört!) errichten wollen und schließlich vom Exodus der Andenvölker ins Amazonas-Becken.

Im zweiten Teil, „Der blaue Tiger“, wird die Mission der Jesuiten am Paraná erzählt; Döblin erzählt hier gleichzeitig aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Noch heute gibt es in der argentinischen Provinz Misiones (so genannt nach dem Wirken der Jesuiten in diesem Landstrich) riesige Ruinen der von Döblin beschriebenen Bauten und Kirchen.

Im dritten Teil, „Der neue Urwald“, geht es um das Chaos in uns selbst, im modernen europäischen Menschen. Dieser Teil der Roman-Trilogie spielt zunächst in Krakau, dann in Deutschland, in Paris und schließlich am Amazonas – er endet da wo er begonnen hat.

Döblin fand seine Idee wohl in der Pariser Nationalbibliothek, in der er, nach Aussagen von Freunden, „den Inhalt ganzer Bibliotheksräume in seine Romane schaufelte“. Er benutzte alte Reiseberichte, ethnologische und historische Werke, Bücher über indianischen Sagen und Legenden und dann noch die Mythen und Märchen der Indios selbst, um daraus ein Werk zu schaffen, das einen Zeitraum von vierhundert Jahren Geschichte beschreibt ohne eine einzige Jahreszahl zu nennen.

Historischen Romanen haftet ja häufig eine gewisse Patina, eine gewisse Kulissenhaftigkeit an, doch Döblin versteht es hier meisterlich, der kritischen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Europas in Lateinamerika eine ungeahnte erzählerische Brillanz zu geben. Wahrscheinlich durch die Umstände seines Exils (und die oben beschrieben Gedanken), ist das Werk leider dem ganz großen Publikum verborgen geblieben – aber es gibt nicht wenige die behaupten, dass mit diesem Werk der Lateinamerikanische Roman das Licht der Welt erblickte. Miguel Asturias, der 1967 den Nobelpreis für Literatur erhielt, benutze wenige Jahre vor Döblin die selben Quellen… sein Roman „Maismenschen“ erschienen aber erst Jahre nach Veröffentlichung der Amazonas-Trilogie, deren Übertragung ins Spanische und ihrem Erscheinen in Südamerika selbst. Man könnte also sagen: Der erste moderne lateinamerikanischen Roman wurde von einem Deutschen geschrieben.

Wie dem auch sei… dieses Werk gehört zu den überwältigendsten Schöpfungen der deutschen Literatur – sein Erscheinungsdatum ist eine Sternstunde, wie auch jede Stunde die ich mit lesen an diesem Werk verbracht habe. Jemand hat mal gesagt, dass man das Buch getrost als lateinamerikanischen Roman empfehlen kann, den man im Original lesen kann ohne des Spanischen mächtig zu sein.

Wilfried John

Amazonas – Romantrilogie ( Werkausgabe in Einzelbänden).
Alfred Döblin
Taschenbuch – jeweils 281 Seiten
Verlag DTV von 1991
ISBN 3-4230-2434-8
20,35 €