Alfred Döblin „Die drei Sprünge des Wang-Lun“

Nun ist es schon eine geraume Zeit her, dass ich dieses wunderbare Buch des Alfred Döblin in Händen hielt – und ich fand und finde es ganz erstaunlich, dass Döblin bei den meisten Menschen entweder gar nicht oder nur mit seinem Titel „Berlin Alexanderplatz“ bekannt ist. Allerdings wurden in Deutschland die sog. Exilliteraten, zu denen – seine Bücher am 10. Mai 33 von den Nazis verbrannt – auch Alfred Döblin zu rechnen ist, wenig beachtet und die ihnen, aus literarischer Sicht (von der moralischen ganz zu schweigen), zustehende Würdigung fand selten öffentlich statt. So ist es nicht ganz so verwunderlich, dass Döblin, Jahrgang 1878, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, einer eigentlich lesefreudigen deutschen Öffentlichkeit fast ein wenig verborgen blieb. Andererseits bietet sich hier die Chance, eine sensationelle Entdeckung zu machen!

Der Autor war zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches um das es hier gehen soll, freiwillig im Einsatz an der Westfront des Ersten Deutschen Weltkriegs; er war Arzt, eigentlich Nervenarzt in Berlin, und wollte Leid lindern. Seine Literatur schrieb er dennoch weiter… in einer für damalige Verhältnisse revolutionären Art: Alfred Döblin war schriftstellerisch war ein Expressionist. „Die Drei Sprünge des Wang Lun“ erschienen 1915 und machten Döblin berühmt. Man bewunderte sie als ein Meisterwerk expressionistischer Erzählungskunst und hielt sie für den entscheidenden Durchbruch durch die bürgerliche Tradition des deutschen Romans. Und das Buch liest sich für uns Heutigen in der Tat so, als sei es nicht am Anfang, sondern am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben – vielleicht just nach den blutigen Ereignissen auf dem Platz des himmlischen Friedens, als die Panzer des Regimes die Studenten platt walzten…

Der Roman spielt im China des 18. Jh.s, in der Regierungszeit von Kien-Lung (Ch’ien-lung), dem wohl mächtigsten Mandschu-Kaiser. Wang-Lun soll eine historische Figur gewesen sein, der 1774 einen Aufstand gegen den Kaiser inszenierte. Im Roman ist er der hervorragendste Vertreter der Bewegung, welche die Lehre vom »Wu-Wei« vertritt; einer alten chinesischen Philosophie vom »Nicht-Widerstreben« gegen das Schicksal, das dem einzelnen zugedacht ist.

Wang Lun zieht über Land und lernt/lehrt die Lehre der „Wahrhaft Schwachen“. Die Lehre findet Anhänger bei den Massen, immer mehr bekennen sich zu Wu Wei. Sie geben ihr von alltäglichen Sorgen um die Zukunft bestimmtes Leben auf und leben nur noch für den Augenblick, gemäß jenem Gleichnis von einem Mann, der sich vor seinem Schatten und vor seinen Fußspuren fürchtet und vergebens davor zu flüchten suchte: „Er hatte nicht gewusst, dass er nur an einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein, dass er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu hinterlassen.“ Damit werden sie zur Bedrohung für die Macht der Herrschenden… Diese reagieren mit Gewalt gegen die Sekte, verfolgen sie grausam.

Mit diesem Buch entdeckte ich Alfred Döblin für mich. Mich begeisterte seine unglaublich explosive Sprache, die in einer ungestümen Flut von Bildern und Motiven das Werk gestaltet. Es liest sich in der Tat wie ein sehr moderner Roman: mitreißendes Tempo, spannungsgeladen erzählt, mit Action-Szenen, exzessiv… einfach atemberaubend gut. Damals, vor „Wang Lun“, war Döblin einfach nur der Autor von „Berlin Alexanderplatz“ (ohne Zweifel auch ein guter Roman) – nach „Die drei Sprünge des Wang Lun“ ist Alfred Döblin für mich einer der wenigen ganz großen deutschen Schriftstellern, die ich ganz ohne Scham, liebe.

Wilfried John

Die drei Sprünge des Wang-Lun
Alfred Döblin
Ca. 500 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag Walter, Düsseldorf von 1960
ISBN: 3-5301-6601-4
21,98 €

Die Taschenbuchausgabe

501 Seiten
Verlag DTV von 1989
ISBN: 3-4230-2423-2
12,68 €