Alfred Döblin „Die Ermordung einer Butterblume“

Erzählungen eines fast vergessenen Genies
In der heutigen Medienlandschaft und bei der dort, wie ich sie – bewusst im Gegensatz zum Begriff öffentliche Meinung – nenne, veröffentlichten Meinung, lassen sich derzeit seltsame Phänomene erkennen: Da bejammern Menschen, die noch vor einiger Zeit kein gutes Haar an den Gewerkschaften im Allgemeinen und der IG Metall im Besonderen gelassen haben, den „bedauernswerten Zustand“ einer „einst stolzen Gewerkschaft“. Sie stilisieren eine Niederlage in einem lokalen Arbeitskampf zu einer Totalniederlage und wollen einen „Machtkampf“ da ausmachen, wo doch lediglich ein legitimer Streit in einer demokratischen Organisation um die zukünftige politische Ausrichtung stattfindet.

Dabei wird natürlich großzügig verschwiegen, dass die sog. Totalniederlage mitnichten eine solche war – immerhin hat die gesamte Stahlindustrie einen Tarifvertrag mit der IGM abgeschlossen und in der Metall- und Elektroindustrie wurden für die wichtigsten Betriebe einzelne Vereinbarungen erreicht. Ich bin mir relativ sicher: Hätte die IG Metall den Tarifstreit im Osten ganz und gar für sich entschieden, wären es dieselben Jammerer, welche das zerstörerische Wirken der Gewerkschaften im Allgemeinen und der IG Metall im Besonderen anprangerten… und in der geneigten Öffentlichkeit den Popanz des Untergangs der deutschen Wirtschaft aufstellten.

Dabei hege ich den Verdacht, dass es ihnen wahrscheinlich doch eher nicht um die Verteidigung der Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und ebenso wenig an der Durchsetzungskraft einer ihrer Organisationen geht, vielmehr wird es ihnen darum gehen, diese Organisationen schwach zu reden, sie zu diskreditieren und ihre tragende Bedeutung im sozialen Gefüge dieser Republik zu demontieren. Leider finden sie sogar in den gewerkschaftlichen Organisationen selbst Menschen, welche sich auf dieses Spiel einlassen und den oben genannten Pharisäern, aus welchen Gründen auch immer, noch helfen ihre Ziele zu erreichen; und wenn es auch nur durch ein dürftiges Ränkespiel, um die Besetzung einer Vorstandsposition mit einem aus dem eigenen Dunstkreis, ist.

Bei diesen Gedanken zur Vorbereitung eines Artikels fiel mir ein Buch (und vor allem die Titelgeschichte dieses Buches) ein, das ich seit sehr langer Zeit schon schätze und das ich nun mit allem gebotenen Respekt vorstellen möchte: Die Ermordung der Butterblume. Da sein Autor außerdem just vor wenigen Tagen seinen 125. Geburtstag gefeiert hätte und es in der Öffentlichkeit kaum jemand für erforderlich hielt sein Wirken zu würdigen, soll diese Besprechung auch den Autor hervor heben und ich möchte ihm großen Raum einräumen, auch wenn dadurch die Besprechung des Buches möglicherweise, im Verhältnis zur Länge dieser Besprechung, etwas kurz gerät. Doch ich möchte einem Kollegen die Referenz erweisen, von dem kein Geringerer als der Literatur-Nobelpreisträger G. Grass sagte, dass er ihm ein Vorbild gewesen sei: Alfred Döblin. Grass war es auch, der einen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Literaturpreis stiftete, welcher den Namen seines Vorbildes trägt.

Dieser Alfred Döblin (AD) wurde am 10. August 1878 in die jüdische Familie des Schneiders Max Döblin und seiner Frau Sophie in Stettin geboren. Dass er einmal ein Schriftsteller werden würde, konnte kein Mensch vorher sehen, eingedenk der schweren Zeiten, welche auf den jungen Döblin noch zukommen sollten, da er ab seinem zehnten Lebensjahr ohne Vater war, da dieser die Familie verlassen hatte. Im selben Jahr noch, also im Jahr 1888, siedelte seine Mutter mit ihm nach Berlin über, wo sie offensichtlich bessere Überlebensaussichten vermutete.

Nach seiner Schulzeit begann AD im Jahr 1900 in Berlin Medizin zu studieren und seine schriftstellerischen Anfänge datieren in dieselbe Zeit. Das Studium schloss AD allerdings nicht mehr in Berlin, sondern an der Universität in Freiburg ab, wo er im Jahr 1905 zum Dr. med. promovierte. Der junge Arzt arbeitete in Freiburg zunächst als Assistent in der Psychiatrie. Diese Richtung behielt er auch bei, als er 1911 wieder nach Berlin zurückging, wo er bis 1933 (einem für ihn in mehrfacher Hinsicht schicksalhaften Jahr) als Nervenarzt arbeitete. Ab dem Jahr 1912 war er dann mit Erna Reiss verheiratet und bekam mit ihr vier Kinder; diese Bemerkung füge ich ein um deutlich zu machen, dass AD sozusagen im bürgerlichen Leben angekommen war.

Neben seiner ärztlichen Arbeit aber, hat AD immer weiter an seinen literarischen Werken gearbeitet. Herwarth Walden, der Herausgeber der berühmten expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“, zu deren literarischen Mitbegründern AD eigentlich auch gezählt werden muss, wurde auf ihn aufmerksam und begann diesen jungen Schriftsteller zu schätzen. Schließlich machte er AD in den Berliner Kunst- und Literaturkreisen bekannt. Dann begannen sich die politischen Ereignisse zu überschlagen – die Geschichte geriet langsam, aber offensichtlich unaufhaltsam, aus den Fugen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, an dem er als Militärarzt teilnahm. Die Erfahrungen an der Front prägten offensichtlich seine politische Einstellung nachhaltig – was uns nicht wundern wird. Im Jahr 1918 befürwortete er während der Novemberrevolution die Position der Protagonisten der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

In der Zeit von 1912 bis 1920 gab er mehrere literarische Werke heraus, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen werde, da die meisten bereits hier bei Ciao besprochen wurden und Interessierte sich mühelos informieren können. In dieser Zeit entstanden auch seine Erzählungen, die unter dem Titel „Die Ermordung der Butterblume“ erschienen. Wenn schon diese Erzählungen im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts Beachtung fanden, so sollten seine Romane in der Folgezeit Sensationen gleich kommen. Allerdings waren das Sensationen in literarischen Zirkeln und in der Kritik, fast keines seiner Werke wurde populär – was sich eigentlich bis in die Gegenwart fortsetzte. Im Jahr 1915 kam sein Roman „Die drei Sprünge des Wang-Lun“ heraus (hier bei Ciao besprochen). Es folgten 1918 der Roman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“ und aus dem Jahr 1920 „Wallenstein“ (hier bei Ciao besprochen). Diese Werke begründeten seinen Ruf als einer der bedeutendsten Repräsentanten der expressionistischen Literatur – nicht nur der deutschen, wohlgemerkt.

1924 kam sein Roman „Berge, Meere und Giganten“ (hier bei Ciao besprochen) heraus. Hier verarbeitete er nicht nur die Eindrücke des ersten deutschen Weltkrieges, sondern gab auch so etwas wie eine Zukunftsvision – eine erschreckende, wenngleich auch nicht so schrecklich, wie die „Vision“ eines von der deutschen Wirtschaft finanzierten und den immer noch kaiserlich gesonnenen Militärs getragenen Österreichers, die 1933 Wirklichkeit werden sollte. AD wurde nun auch gesellschaftlich hoch geachtet und 1928 als Mitglied in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Ein Jahr später kam sein Roman „Berlin Alexanderplatz“ heraus, der die Realität der gesellschaftlichen Zustände des Berlins der Zwischenkriegszeit offenbarte, was zwar seinen akademischen Kollegen nicht sonderlich gefiel, aber dieser Titel wurde bis heute ADs populärstes Werk, das schon zwei Jahre nach seinem Erscheinen, mit Heinrich George in der Hauptrolle, verfilmt wurde.

Dann kam das Jahr 1933. Schon längst war AD nicht verborgen geblieben, was sich da politisch zusammen braute. Er war schließlich in mehrfacher Hinsicht Zielscheibe von Nazihetze: Er war Jude, er war Linker, er war ein nicht linientreuer Autor und seine Bücher passten thematisch wie inhaltlich nicht in das Nazi-Konzept. Die Machtübergabe an die Nationalsozialisten durch die Bourgeoisie am 30.1.1933 erlebte AD noch in Berlin… aber nach dem Reichstagsbrand am 28.2.1933 beschloss AD Deutschland zu verlassen und emigrierte 1934 nach Frankreich, wo er sich in Paris ansiedelte. Er würde sich selbst retten können… aber es blieb ihm nicht erspart mit ansehen zu müssen, wie die Barbaren am 10.5.1933 seine Werke (genauso wie die Werke einer Vielzahl anderer prominenter Autoren – deren an dieser Stelle ebenso gedacht werden soll) aus den Bibliotheken zerrten und auf den Scheiterhaufen warfen.

In seiner Exilzeit von 1934 bis 1937 arbeitete AD natürlich weiter an seiner literarischen Produktion… und er war unglaublich produktiv. Er arbeitet an seinen Romanen „Babylonische Wanderung“ und „Pardon wird nicht gegeben“. Außerdem vertiefte er sich ins Materialstudium zu wahrscheinlich dem Meisterwerk seines Schaffens dessen ersten Teil der Roman-Trilogie „Das Land ohne Tod“ (hier bei Ciao besprochen) in diese Zeit datiert und die erst bis zum Jahr 1948 fertig gestellt sein sollte. Im Jahr 1936 wurde Döblin französischer Staatsbürger. Zwei Jahre später veröffentlichte er den ersten Teil von „November 1918“, einem Roman der von der deutschen Revolution handelt und von dem bis 1950 weitere drei Bände erschienen.

Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen am 1.9.1939 wurde der zweite deutsche Weltkrieg eingeleitet und für AD begann die nächste Etappe seiner Flucht vor den Nazis. Nachdem die Deutschen 1940 in einen Teil Frankreichs einmarschiert waren, emigrierte AD in die USA. Er durfte einreisen, weil er einen Einjahresvertrag von MGM in der Tasche hatte. In Los Angeles/Hollywood arbeitete er ein Jahr für die Filmindustrie als Skript-Schreiber und wurde dann arbeitslos… entlassen. Er lebte dann von Geschenken und Zuwendungen von Freunden. Er emigrierte scheinbar nicht nur aus einem Land ins andere, er emigrierte auch aus seinem Glauben… er wurde katholisch. 1946 kehrte er, als Kulturbeauftragter in der französischen Armee nach Deutschland, zurück. Erst lebte er in Baden-Baden, drei Jahre später zog er nach Mainz. Aber es war offensichtlich nicht mehr sein Deutschland, vielleicht war es ja auch nie sein Deutschland… enttäuscht zog er 1953 wieder nach Paris und begann mit dem Roman „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt kein Ende“ (hier bei Ciao besprochen), der 1956 erschien. AD starb am 28.6.1957 in Freiburg, der Stadt, in der er studierte und als junger Arzt arbeitete – bis heute ist ihm dort meines Wissens noch kein Denkmal gesetzt, was bezeichnend für die ganze deutsche gesellschaftliche Wahrnehmung zu sein scheint.

“Die Ermordung einer Butterblume“ ist der Titel einer Erzählung, die als Titelgeschichte einer Sammlung von 14 Erzählungen vorsteht. War ADs Erstlingswerk „Jagende Rosse“ (1900) noch stark vom literarischen Jugendstil geprägt, war sein zweites Werk „Der schwarze Vorhang“ (1903) eher düstere Neoromantik. Noch hatte AD sich nicht seinen eigenen unverkennbaren Stil geschaffen. Doch, wie gesagt, bereits 1910 hatte AD begonnen, in der kunstrevolutionären Zeitschrift „Der Sturm“ mitzuarbeiten, die sich für die avantgardistische Strömung des Expressionismus, aber auch für Dadaismus und Kubismus stark machte. Auch kam er mit dem italienischen Futurismus in Kontakt, dessen Bilder „Der Sturm“ 1912 ausstellte. Ich glaube, dass es aus heutiger Sicht kaum noch verständlich ist, wie groß die Dynamik von eben entstehenden künstlerischen Denkmodellen wie eben Expressionismus, Dadaismus oder Kubismus war und wie diese Dynamik in Kunst und Literatur in dieser Zeit auf die Kulturschaffenden wirkt. Es scheint mir aber für das Verständnis der Werke und ihre Bedeutung in einer nationalen und internationalen Literatur unabdingbar, zu versuchen, sich diese Dynamik wenigstens zu vergegenwärtigen.

Unter diesen Einflüssen formulierte Döblin ein eigenes Literaturprogramm, das er in seinen in den folgenden Jahren geschriebenen Artikeln beschrieb, so dass das Werden seines Stils auch heute noch nachvollzogen werden kann. Er forderte, mindestens für sich, so etwas wie einen „Explosionsstil“ in der geschriebenen Sprache ein, die in einem Stakkato an Sprachbildern, eine dem Tempo der Großstadt und der Filmästhetik angemessene Prosaform schaffen solle. Diese Beschreibung seines „Kinostil“ hört sich auch hundert Jahre später überraschend modern an und wenn wir Heutigen seine Werke lesen wollen, müssen wir uns beinahe in unseren Lesesesseln anschnallen, so rasant erzählt uns AD seine Geschichten. Aber auch schon damals wurde AD bereits gelobt und ein italienischer Futurist sprach im Zusammenhang mit ADs Stil gar von „Döblinismus“. So angesehen AD auch in der Kunstszene war und so einflussreich diese Szene auf sein Schaffen war, er ließ sich nie ganz und gar von diesen Denkmodellen vereinnahmen, die in ihren extremen Ausformungen sogar einen Krieg befürworteten, weil die Wirkung des Krieges „kathartisch“ für gesellschaftliche Verhältnisse und Kunst sei – das wollte wohl der Arzt AD nicht einsehen können.

Die Ermordung einer Butterblume

Mit der Erzählsammlung „Die Ermordung einer Butterblume“ (1913) fand Döblins Frühwerk endgültig zum Expressionismus. Die Titelgeschichte des Bandes von 1910 schildert in grotesker Manier den wachsenden Realitätsverlust des bornierten Spießbürgers Michael Fischer, der in ein geheimnisvolles Schuldverhältnis zu einer Butterblume gerät, der er während eines Spaziergangs in einem Wutanfall den Blütenkopf abschlug…und der ob einer solch lächerlichen Tat moralisch verzweifelt. Man spürt in der Erzählung den eigentlichen Beruf ADs, wenn er offensichtlich die beruflichen Erfahrungen des Nervenarztes in das Psychogramm seiner Figur einfließen lässt. Auch wenn es keinen eindeutigen (positiven oder negativen) Schluss oder gar ein Happy End in der Geschichte gibt, erzeugt doch das erzählte Ende Fischers so etwas wie einen versöhnlichen Abschluss. Nach versuchter aber gescheiterter Sühne für die Enthauptung der Butterblume, wird der Protagonist wahnsinnig und verschwindet in einem dunklen Wald.

Was auch immer in diesem Wald mit Fischer geschehen sein wird, es gleicht einer Auflösung der Person in einem größeren Ganzen. Hier zeigt sich auch bereits zentrales Thema Verwandlung das im Döblinschen Gesamtwerk als ein zentrales Thema angesehen wird (siehe auch sehr deutlich in seinem Roman Wallenstein). In „Die Ermordung einer Butterblume“ entwickelte Döblin auch erstmals sein Konzept einer rasant beschleunigten Erzählweise, die diese Erzählung auch heute noch unglaublich modern erscheinen lässt.

Die Tänzerin und der Leib

Und schon in der zweiten Erzählung dieses Sammelbandes „Die Tänzerin und der Leib“ macht deutlich, was AD mit „Depersonisierung“ seines Stils gemeint hatte. Ein elfjähriges Mädchen wird zur Tänzerin bestimmt, da sie ob ihrer Neigung zu Gliederverrenkungen, Grimmassen und ihrem Temperament besonders für diesen Beruf geeignet zu sein schien. Mit keinem Wort erzählt uns AD wer da bestimmt und wer da aus dem Mädchen, das vor der Ausbildung läppisch in jedem Schritt war, eine Tänzerin machte, die „selbst beim üppigsten Tanz noch Kälte spürte.“

Mit knappen, unglaublich verdichtenden Worten beschreibt AD wie gut sie als Tänzerin wurde und wie lieblos unbegabten Kollegen gegenüber, wie gut sie aussah und wie gefühlskalt – nicht einmal fünfzig Worte brauchte er dafür. Da ich gerade bei der Kürze der Beschreibungen bin, kann ich an dieser Stelle auch einflechten, dass die Erzählungen in diesem Band allesamt kurze Erzählungen sind, die aber ob der Dynamik des Stils atemberaubend zu lesen sind. Ella, so der Name des Mädchens, wird von einem seltsamen Siechtum befallen… respektive ihr Körper wird es. So erzählt es uns jedenfalls AD und auch hier scheinen Klinik-Erfahrungen mitzuschwingen, wenn er uns wie von zwei von einander völlig unterschiedlichen Dingen erzählt: Von Ella und von etwas anderem… von ihrem Körper, den sie nicht akzeptieren will. Besser gesagt, sie kann nicht akzeptieren, dass ausschließlich diesem lächerlichen Stück Fleisch (in dem sie zu wohnen gezwungen ist) im Krankenhaus alle Aufmerksamkeit zuteil wird.

Astralia

In dieser Erzählung wird das Thema Verwandlung ausgeführt. Der Protagonist Herr Göttig, Adolf Göttig, ist der Verfasser einer „Geschichte der hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis zur Gegenwart“ und Mitglied mehrerer frommer Vereine, außerdem auch noch Gründer eines eigenen Vereins: der Freien Brüderschaft Astralia, in der er – zum Zeitpunkt der Erzählung – über das Thema „Das innere Leben und seine körperliche Darstellung“ arbeitet. Er selbst weiß, dass er ein Denker ist, was seine Frau aber nicht weiß… und er hält sich keineswegs für einen Spaßdenker, sonder für viel mehr… er meint ein Verkünder, ein Seher zu sein, dessen Zeit noch nicht gekommen ist.

Er geht aus… es ist neblig und kalt… und es ist die heilige Vollmondnacht. Mit der Brüderschaft wird Most getrunken, welcher nach seiner Auffassung den Geist beflügelt, so dass er, Göttig, sich verwandelt – aus dem hutzeligen Männlein soll etwas Großes hervor kommen. Aber ach… auch diese Geschichte endet nicht so, wie es sich ihr Protagonist versprochen hat. Aber für uns Lesende ist der makabere, skurrile Humor eine literarische Köstlichkeit, die uns in der Tat verwandeln kann – nämlich von ernsten zu lachenden Menschen.

Die Helferin

In dieser Erzählung spricht uns AD von der wunderlichen (oder auch wunderbaren) Eigenart von Menschen, denen das Unglaublichtes begegnen kann, und die mit einem Lächeln auf den Lippen, abgelenkt von etwas Banalem, an einem Wunder vorübergehen und ihr Leben weiterleben wie früher. Es geht in der Geschichte um einen Prozess um einen Fabrikanten namens Grasso im New York Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieser Grasso war Besitzer eines Beerdigungsinstituts und hatte das ganze New Yorker Beerdigungs-Geschäft in seiner Hand, so dass die Konkurrenten, einer nach dem anderen, aufgeben mussten. Aber sie strengten einen Prozess an… eben den besagten. In seinem Verlauf wurde schnell klar, dass Grasso persönlich gar nichts dafür konnte, dass die Leute nur noch ihn beauftragten… er hatte eine unheimliche Helferin.

Die Segelfahrt

In dieser Geschichte geht es um die Wirkung von seelischen Erschütterungen, die nicht immer nur mit dem Begriff Schicksalsschlag bezeichnet sein müssen… und um unerklärliche Verhältnisse und Verhaltensweisen. In mythischen Figuren einer jungen Frau und eines merkwürdigen Brasilianers beschreibt AD Lebensweisen in knappster Form und stellt diese der Natur gegenüber… die sich letztlich als mächtiger als die Menschen erweist. Dies ist eine meiner Lieblingserzählungen in dieser Sammlung – weil hier die Erzählstruktur so abstrakt anmutet, dass das Erzählte immer als eine Art übersetzte Geschichte erscheint, deren Original auf so unterschiedliche Arten übersetzbar zu sein scheint, dass mir die Phantasie überfließt.

Die Flucht aus dem Himmel

Als Jude überrascht uns AD in dieser Erzählung mit einer Jesus-Geschichte… aber einer der besonderen Art. Ich habe mir lange Gedanken um diese Erzählung gemacht und bin letztlich zu dem Schluss gekommen, dass sie SO vielleicht von keinem christlichen Autoren geschrieben worden wäre. Und diese Geschichte brachte mich ein wenig zum Schmunzeln… erinnerte sie mich doch auch ein kleines bisschen an den Roman „Evangelium nach Jesus Christus“ (hier bei Ciao besprochen) vom Literaturnobelpreisträger José Saramago, was natürlich nicht bedeuten soll, der Portugiese hätte abgeschrieben. Aber so wie AD für den eigentlichen Erfinder des modernen lateinamerikanischen Romans gehalten wird (der Nobelpreis ging dann aber an (Miguel Angel Asturias), so wie AD für den Erfinder der modernen SF-Literatur gehalten wird (berühmt wurden andere), so wie AD der Erfinder der modernen Geschichts-Romane war – so könnte es ja auch sein, dass er wiederum einen bedeutenden Autor inspirierte? Wie dem auch sein, diese Erzählung hat Sprengkraft und eine sehr große Tiefe.

Der Ritter Blaubart

In dieser mystischen Geschichte ist der Hauptprotagonist ein Baron Paolo di Selvi und eine Frauengestalt namens Ilsebill. Geheimnisvoll kommt der Baron in die Stadt… und seit er da ist, scheinen sich sehr seltsame Dinge zu ereignen. Ob sich diese Dinge nicht auch ganz ohne seine Anwesenheit ereignet hätten bleibt offen… da die Menschen glauben wollen, dass all diese Vorkommnisse erst geschahen, als der Baron hier Einzug gehalten hatte. Auf seinem Schloss kommen Frauen zu Tode… Mord kann dem Baron nicht nachgewiesen werden, aber man munkelt… Ilsebill tritt auf. Sie zieht trotz aller Warnungen im Schloss ein und wähnt sich auf der Spur eines Geheimnisses… Etwas erinnert mich bei dieser Erzählung an Alexandre Dumas „Graf von Monte Christo“, wenngleich die beiden Geschichten nicht wirklich etwas gemeinsam haben. Vielleicht ist es diese mythische Figur.

Der Dritte

Ein berühmter Frauenarzt namens Dr. William Converdon in Bosten, sucht per Zeitungsanzeige eine Sekretärin, da er nach der Wahl zum Vorsitzenden der Gesellschaft für Gynäkologie zu viel Schreibkram zu erledigen hatte und er selbst keine Zeit hatte, die Korrespondenz selbst zu erledigen. Die, so beschrieb sie AD – wohl nicht ohne Absicht, bucklige Haushälterin sollte eine billige, leicht entlassbare Kraft einstellen. Diese Haushälterin wählte aus den Bewerbungen zwei Bewerberinnen aus – eine kluge, fachkundige mit guten Reverenzen und eine junge, hübsche mit liebreizendem Äußeren; er nahm die letztere. Es kam, wie man es sich leicht denken kann: er machte sich an die junge Frau heran und verführte sie. Als er hatte was er wollte, begann er sich wohl schuldig zu fühlen. Doch weil nicht sein kann was nicht sein darf, projizierte er seine Schuld auf sie… gab ihr die Schuld an allem, was er an sich zu verantworten hatte und begann die junge Mary, zur Sühne ihrer Schuld, zu quälen. Er hätte sie einfach rauswerfen oder hätte sie gehen lassen können, wie sie es wollte, aber sie sollte, wie er sich einredete, nicht so billig wegkommen. Es entwickelte sich eine Hassliebe… Doch seine Rache fiel letztlich auf ihn selbst zurück… und endete in einem Selbstmord.

Die Memoiren des Blasierten

Diese Erzählung ist zwar in der Ich-Form geschrieben, aber sie hat nichts, was an die Biographie ADs erinnert. Ein Mann beginnt über Aufzeichnungen des eigenen Lebens zu sinnieren. Es spricht offensichtlich eine ungeheure Gleichgültigkeit aus seinen Worten, wenn er z.B. sagt, dass alle Dinge des Lebens gleich unwichtig seinen und es mache kaum einen Unterschied, ob man Länder erobert, betet, Frauen umarmt oder Memoiren schreibe (diese Sequenz barg eine Erinnerung an ADs Roman „Die drei Sprünge des Wang Lun“, der ein Prediger des Wu Wei war, einer chinesischen Lehre, welche Erfüllung durch Nichtstun verspricht). Er wüsste zwar, dass manche Dinge erst in der Erinnerung zu schmecken begännen – und manches Trostlos oder Peinliche habe er nur aus diesem Grunde auf sich genommen – dennoch habe er sich nie Notizen von Dingen seines Lebens gemacht. Seine Motivation es nun doch zu tun, sei um der Aufklärung der Menschen willen: Es müsse geschehen, um einen Feind zu entlarven, „der im Dunkeln mordet“. Er meint offenbar die Liebe…aber er entlarvt sich nur selbst.

Die falsche Tür

Das Thema dieser Erzählung ist das Schicksal, das Fatum an sich… Einige junge islamische Soldaten betrinken sich in einem Offizierskasino und einer von ihnen, Nick Kyrias, berichtete von einer durchspielten Nacht in Monte Carlo, gab Tricks und Kniffe zum Besten, mit denen sie gedachten ihr Spielglück zu erzwingen. Ein Oberleutnant namens Irfen, ein wüster Kerl, gesellt sich zu ihnen und hörte sich die Ausführungen Nicks an. Nach einer gewissen Zeit brauste er auf und bestand heftig darauf, dass das Glück nicht erzwingbar sei: „es tritt nicht über deine Schwelle, niemals, wenn du auch mit einem Strick an seinem Halse ziehst“. Es sei vielmehr alles Kismet… Er würde jetzt schlafen, werde Kismet sagen und die Zukunft befragen, die ihm dann seine Fragen beantworten würde. Später kam ihm dann eine Eingebung. Perastrasse Nr.6, das sei die Antwort. Die Zechkumpane bedrängten ihn, ihnen zu sagen was er das Kismet denn gefragt habe, aber Irfen konnte sich nicht erinnern… und starb an jener Tür des Hauses in der Perastrasse Nr.6 an einer Revolverkugel.

Die Nachtwandlerin

Ein junger namens Herr Valentin Priebe ging an einem Sonnabend in lauer Herbstluft an einer Kirche vorüber und überlegte, wie er den Rest des Tages verbringen sollte. Er flanierte durch Berlin und musterte „mit verwegenem Blick“ die ihm begegnenden Menschen und es machte ihm nichts aus, ob seines äußerst gepflegten und auffallenden Äußeren, für einen Schürzenjäger oder gar für einen Männerfreund gehalten zu werden. Irgendwann, nach aufregenden Stunden, kehrte er zu seiner Wohnung zurück und wahrscheinlich blieb er den Rest des Wochenendes dort – AD erzählt uns jedenfalls nichts anderes. Am Montag begibt er sich wieder in sein Kontor, er hat dort offenbar eine gehobene Position – jedenfalls schikaniert er zwei junge weibliche Angestellte. Einer davon, Anttonie Kowalski – eine junge Polin, zerriss er eine Schreibarbeit und warf sie ihr vor die Füße, was sie erschütterte, weil sie Angst vor einer Kündigung hatte. Nachher tat sie ihm leid… und schließlich verliebter er sich in sie. Als sie schließlich, wegen ihrer Eigenart des Nachtwandelns, durch einen Fenstersturz ums Leben kam, brachte ihn die von Antonia geerbte Puppe um…

Das verwerfliche Schwein

Das verwerfliche Schwein ist ein Medizinalpraktikant, der außerdem ein Hypochonder ist und Hubert Feuchtedengel heißt. Erneut spielt eine Erzählung im Krankenhausmilieu – nur diesmal offensichtlicher als in anderen Erzählungen. Der Gegenspieler von Hubert ist sein Duzfreund Werner Strick, ein Gewaltmensch und außerdem Huberts Chef. Natürlich geht es AD in dieser Geschichte nicht um die vordergründige Schilderung der Ereignisse bis zum Tod des hypochondrischen Hubert, den er letztlich doch herbei gesehnt hatte. Es geht wohl eher um Besessenheit… Besessenheit von irgendwelchen Teufeln, oder gar des Teufels. Jedenfalls scheint AD hier erneut tief in seinen Erfahrungen als Nervenarzt zu schöpfen. Mir war das Stück teilweise recht beängstigend… warum ahne ich aber nur. Hat nicht jeder irgendeine Art von Besessenheit?

Sommerliebe

Diese Erzählung gleicht einem Selbstgespräch eines Mannes, der sich wegen einer gescheiterten Liebe vorgenommen hat, nie wieder zu lieben und der sein Vorhaben nicht einhalten kann. Er beginnt zu sinnieren… über sein Leben und über die Liebe an sich, als er eine Frau beim Tanzen kennen lernt. Er bringt langsam, aber offenbar unaufhaltsam, die früheren Ereignisse und die neue Begegnung durcheinander. Zum Schluss habe er beide Frauen nicht mehr… Eine wundervolle Erzählung.

Reiseverkehr mit dem Jenseits

In einer englischen Stadt gelang es einem Spiritistenverein endlich ein ausgezeichnetes Medium zu finden, das dem Verein großen Zulauf verschaffte. Es handelte sich dabei um einen jungen Mann namens Wiscott, der sich zur Erholung von einem Nervenschock in einem Sanatorium etwas außerhalb eben jener Stadt aufhielt. Er war als Medium sehr erfolgreich, wenn man das so nennen kann, und erregte auch in der Öffentlichkeit großes Interesse. Während die Veranstaltungen des Vereins nun eine zeitlang sehr gut liefen, nahmen sie nach dem gewaltsamen Todes des Brauereibesitzers van Steen, selber Mitglied des Spiritistenvereins, einen regelrecht stürmischen Charakter an und fanden nicht lange später ein sensationelles Ende. Diese etwas turbulente Erzählung ist köstlich… und veralbert nicht gerade hintergründig die Zunft der Geistergläubigen.

Das mit dem Anfang dieser Besprechung aufgezeigte Widersprüchliche in den menschlichen Beziehungen und den geäußerten Verlautbarungen, den Unterschieden zwischen Sein und Schein und das Stellvertretertum von vorgeschobenen Positionen, hinter denen sich ganz andere Interessen verbergen können, brachte mich also zu dieser Rezension. Dabei machte mich das Wiederlesen dieses Erzählbandes ganz bestimmt froher, als der gedankliche Anlass. Die Erzählungen sind, auch nach all der Zeit, die zwischen ihrer Entstehung und der Gegenwart liegt, frisch und modern – sie entsprechen so ganz unseren heutigen Lesegewohnheiten, dass es mich eigentlich nicht wundert, warum AD zu Lebzeiten nicht sonderlich oft gelesen wurde; er war seiner Zeit zu weit voraus.

Jede einzelne Erzählung hatte für mich sozusagen ein Eigenleben, an dem ich lesend sehr gerne Anteil nahm. In jeder dieser Geschichten zeigte mir AD eine andere Seite seines fassettenreichen Schaffens und seine tiefenpsychologisch ausgefeilten Erzählungen übten einen besonderen Reiz auf mich aus. Schilderungen mit tragischem Ernst, wechseln mit trockenem, makaberem, ja skurrilem Humor ab und hintergründig schwingt zuweilen eine Frivolität mit, die mir immer wieder Lust zum Weiterlesen machte. Walter Muschg sagte: „Es gibt keinen zweiten Dichter, von dem sich ein an Überraschungen so reicher Novellenband zusammenstellen ließe“. Dem habe ich nichts hinzuzufügen und hoffe, dass mir gelungen ist, einen der vorzüglichsten Schriftsteller deutscher Sprache mit seinem Werk zu würdigen.

Wilfried John

Alfred Döblin
Die Ermordung einer Butterblume
Erzählungen
Gebundene Ausgabe – 281 Seiten
Verlag: Walter – aus 2001
ISBN: 3-5301-6716-9
49,90 €

Alfred Döblin
Die Ermordung einer Butterblume
Erzählungen
Taschenbuch – 224 Seiten
Verlag: DTV
ISBN 3-4231-2534-7
8,00 €