Alfred Döblin „Hamlet – oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“

Auf Initiative des Nationalsozialistischen Studentenbundes, gingen am 10. Mai 1933 die Werke zahlreicher Autoren in Flammen auf… Anlässlich des nun bald wiederkehrenden Datums, das für mich mehr als eben nur ein beliebiger Jahrestag ist, möchte ich ein Werk von Döblin besprechen – einer jener Autoren, deren Werke damals verbrannt wurden. In einem doppelten Sinn handelt es sich dabei um ein Buch, das erst nach dem 2. deutschen Krieg entstand. Warum ich diesen Titel wählte, wird aus dem nachfolgenden Text hervor gehen.

„Trauer über Trauer“, schrieb Alfred Döblin, „es kann geschehen, dass ich im Laufe dieser Betrachtungen diese Worte nicht wiederhole, aber sie bilden den Kontrapunkt zu allem, was ich zu sagen habe. Damals, 1940, war es neu und stürzte auf mich, und es war beinahe nicht eine Trauer, sondern ein Unglück. Ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich sah nicht die furchtbaren Massen, die nach Süden vorstürzten und töteten und verwüsteten und raubten, ich sah und erlebte nur mich, aber den Millionen widerfuhr das gleiche wie mir…“ Ich sehe darin Worte, die eine tiefe Depression zum Ausdruck bringen, von der er sich nie mehr ganz erholen sollte.

Döblin hatte, wie die allermeisten seiner Zeit manche Wandlung mit sich vollzogen. Wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt, seine Bücher an jenem unsäglichen 10.Mai 1933 auf den Scheiterhaufen der Nazis verbrannt, flüchtete er nach Frankreich – dort wurde er, der freiwillig als Preuße im ersten Weltkrieg war, Franzose. Da die Schergen nach Süden drangen, flüchtete er über Spanien und Portugal in die USA – hier wurde er Katholik. Nach dem Krieg kam er, der frühere Flüchtling, als französischer Offizier nach Deutschland zurück… aber niemand wollte ihn so recht. So „flüchtete“ er erneut in tiefer Enttäuschung nach Paris.

1956 – zufällig im Jahr meiner Geburt, brachte Döblin seinen letzten Roman heraus. Er erschien zunächst in der DDR – weil man ihn im Westen nicht hatte veröffentlichen wollen; kein Verleger wagte es sich, so kurz nach dem Krieg ein Buch herauszubringen, in dem sich dieser Autor kritisch mit dem Krieg auseinandersetzt. Geschichte wiederholt sich halt manchmal – und in Deutschland haben wir ein besonderes Talent für Wiederholungen. Blöd ist nur, dass manche Menschen einfach nicht wissen/wissen wollen, auf welcher Seite sie sind: Das Nazi-Opfer, das im ach so demokratischen Westen nicht gedruckt wird.

Im Buch beschreibt Döblin die Geschichte des jungen englischen Soldaten Edward Allison, der schwerverwundet aus dem Krieg ins Elternhaus zurückkehrt. Fünf Tage nach dem Durchschleusen des Panamakanals, warfen sich zwei japanische Kamikaze-Flieger auf das Schiff auf dem er fuhr. Er wurde schwer verwundet. Dann zuhause angekommen, begann er das Familienleben durch sein hartnäckiges Grübeln und Fragen über den Sinn des Krieges und seines Leidens langsam zu zerrütten. Freunde besuchen ihn, versuchten den traurigen Grübler mit Geschichten abzulenken. Doch aus diesen Abenden wächst eine giftige Pflanze: Er stellt einen Jeden zur Rede… nichts was gesagt wird lässt er auf sich beruhen… und unter der Fassade einer glücklichen, erfolgreichen Familie, tritt ein verborgenes Elend zutage. Edward, durchaus mit jenem anderen Hamlet vergleichbar, lässt nicht locker, bis die „lange Nacht der Lüge“ vorbei ist und er ein neues Leben beginnen kann.

Das Buch ist ein Meisterwerk deutscher Literatur – aber es ist auch ein Bekenntnis des Menschen Döblin. Es ist ein wahres Entzücken das Buch zu lesen… fast hätte ich gesagt, es zu betrachten… wie man ein Kunstwerk eben betrachtet und nicht nur ansieht. Doch da ist auch diese Ergriffenheit zu erwähnen, die mich beim lesen einnahm und so restlos beanspruchte, dass ich diese Ästhetik des Stils nicht mehr wahrnahm. Die Frage nach der Schuld des Menschen am Zustand der Welt, nach dem Wesen des Bösen… aber doch auch dessen Überwindung wird in immer neuen Variationen gestellt. Und Döblin antwortet! Ich habe die letzten Kapitel oft unter Tränen gelesen und kein Mensch der guten Willens ist, wird sich Alfred Döblins Antworten verschießen können.

Wilfried John

Hamlet – oder Die lange Nacht nimmt ein Ende
Alfred Döblin
594 Seiten – Taschenbuch
Verlag: DTV – von 2000
ISBN: 3-4231-2737-6
13,55 €