Alfred Döblin „November 1918“

Überschrift: Von verratenen Hoffnungen und die Wirkungen bis heute

Pro: Kunstvoll entwickeltes und meisterhaft geschriebenes Erzählwerk

Contra: Mit über 2000 Seiten nichts für Ungeduldige

Exilliteratur. In der engeren Definition bezeichnet man mit diesem Begriff Schriften, welche von Autorinnen und Autoren verfasst wurden, die aus politischen Gründen verfolgt und ins Ausland geflohen sind, soweit sich in diesen Texten mittelbar oder unmittelbar ein persönliches (Exilanten-)Schicksal spiegelt. Anlässe aus denen heraus Exilliteratur entstand, gab es im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts genug/zuviel… angefangen mit dem aus Fürst Metternichs Polizeistaat geflohenen Heinrich Heine, bis zu den aus Nazi-Deutschland geflüchteten Autorinnen und Autoren. Fast bin ich versucht zu sagen, dass es sich bei der Exilliteratur um eine deutsche Erfindung handelt; was natürlich so nicht stimmt und vielleicht sollte ich stattdessen sagen, dass das Vorkommen deutschsprachiger Exilliteratur rekordverdächtig ist.

Man könnte auch sagen, dass Exilliteratur das Ergebnis einer auf die Spitze getriebenen Zensur ist, deren Vorstufen vielfältig untergliedert sein können. Die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung durch staatliche Stellen ist seit je eine der ersten Maßnahmen, die von totalitären, diktatorischen und/oder faschistischen Regimen durchgeführt werden, um die Wirkung der eigenen Propaganda besonders wirkungsvoll werden zu lassen, da die Hirne der Menschen auf die Dauer, wegen fehlender anderer Meinungen, nur noch das denken können, was das entsprechende Regime für richtig hält. Mir sei eine persönliche Bemerkung außerhalb des Themas gestattet: Gleichgeschaltete Informations-Medien sind kein Phänomen vergangener Zeiten… auch ist es nicht grundsätzlich erforderlich bei der Gleichschaltung Gewalt anzuwenden… es genügt, wenn sich wichtige Redakteure aus Opportunismus (gegenüber wichtigen Werbekunden oder ähnlichem…) oder Karrieregründen z.B., einer einzigen Denkrichtung zuwenden und dabei wissentlich oder unbewusst aufhören ihrer umfassenden Informationspflicht nachzukommen, die natürlich auch die Beschreibung von Alternativen enthalten muss. Stattdessen wird heute kaum noch nur objektiv informiert, denn  die meisten Beiträge in den Medien sind keine Artikel oder Reportagen mehr, sondern es sind Meinungsmachende Kommentare. Mit der Zeit kommt es dann dazu, dass Menschen das wollen was sie sollen.

Das erklärt vielleicht ein wenig, warum Menschen willfährig das Geschäft der Herrschenden besorgen, obgleich diese Geschäfte gar nicht in ihrem eigenen Interesse liegen. Selbst hoch gebildete Menschen sind davor nicht immun… oder sie sind gerade weil sie in das System vermittelnden Schulen gebildet wurden, besonders „gründlich“ in der Besorgung der Geschäfte der Herrschenden. Das zeigt besonders deutlich das Datum 10. Mai 1933. Nach der Machtübergabe an Hitler am 30. Januar 1933 verfuhr das Regime wie üblich: Alle Medien und Verlage wurden gleichgeschaltet oder Widerstrebende wurden geschlossen. Binnen weniger Wochen waren die Werke von über 80% der Autorinnen und Autoren aus den Regalen der Buchhandlungen und öffentlicher oder auch privater Bibliotheken entfernt.

Diese sog. Säuberung gipfelte dann am 10. Mai 1933 darin, dass – angestachelt von der SA –  Mitglieder des NS-Studentenbundes, unter tätiger Mithilfe von SA-Männern, dem Willen ihres sog. Führers gemäß, über 20.000 Bücher ins Feuer ihrer Scheiterhaufen warfen. Vor allem waren es Werke von humanistisch geprägten Schriftstellern und Geisteswissenschaftlern und Bücher von Autoren jüdischer Herkunft. An dieser Stelle drängt es mich ein Zitat von Heinrich Heine einzufügen, die uns Heutigen immer noch Warnung sein sollten und es ist keineswegs nur das Verbrennen von Büchern gemeint: Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. Wie wahr das werden sollte wissen wir heute. Dass dieses Kultur-Autodafé nicht von irgendeinem Mob, sondern von Studenten in fast allen deutschen Universitätsstädten durchgeführt wurde, scheint mir Beleg für meine oben genannte These. Übrigens, es erscheint mir auch ein bemerkenswerter Punkt zu sein, dass es heutzutage in sehr wenigen Buchhandlungen zu diesem Datum Schaufenster, Büchertische oder Veranstaltungen gibt.

Zu den geschlossenen Verlagen gehörten – unter anderen –  der Kiepenheuer-Verlag, bei dem Bert Brecht, Anna Seghers, Thomas & Klaus Mann, Lion Feuchtwanger oder Arnold Zweig veröffentlichten – oder auch der Verlag S. Fischer, bei dem Alfred Döblins Bücher verlegt wurden. Mit der Erwähnung des letztgenannten Autors bin mitten im Thema angelangt: bei einem Stück Exilliteratur, das allerdings erheblich viel mehr ist, als das die Definition im engeren Sinne beschreibt. Insofern möchte ich diese Besprechung auch als Hommage an alle Autorinnen und Autoren, die weltweit das Los des Exils gezwungen werden zu tragen,  verstanden wissen.

Mit „November 1918“ versuchte Alfred Döblin (AD) mehrere Dinge gleichzeitig zu klären: Zum einen ist das Werk der Versuch, sein eigenes Exil zu verarbeiten und zum anderen, der Versuch einer Analyse, wie es dazu kommen konnte. Ein weiterer Grund für AD war der frühe Versuch, ein historisches Ereignis aus großer Nähe für die Öffentlichkeit in vielen Perspektiven auszuleuchten. Zu einem Zeitpunkt zu dem die Nazis auf dem Zenit der Macht angekommen waren, begann der Autor die Frage zu beantworten, wie sie dahin gelangen konnten und ob es nicht verhinderbar gewesen wäre. Das hat offensichtlich mittelbar und unmittelbar auch mit der eigenen Reflexion zu tun, da AD doch auch ein Kind seiner Zeit war und als Intellektueller Einfluss hatte; zumal er sich vor dem 1. Weltkrieg politisch nicht betätigt hatte. Er hat sogar, kurz bevor er sich freiwillig als Militärarzt an die Westfront meldete, in Zeitungsartikeln nationalistische und chauvinistische Stimmung gemacht; er war nicht der einzige Intellektuelle im kaiserlichen Deutschland, der so handelte.

Zum Verständnis des Werkes das ich hier vorstellen will, erscheint mir die Kenntnis des Lebenswegs sehr wichtig. In Auszügen muss ich mich deswegen selbst zitieren, da ich hier schon andere Werke von AD besprochen habe und ich ihm schließlich keine neue Biographie erfinden kann: AD wurde am 10. August 1878 in die jüdische Familie des Schneiders Max Döblin und seiner Frau Sophie in Stettin geboren. Dass er einmal ein Schriftsteller werden würde, konnte kein Mensch vorher sehen, eingedenk der schweren Zeiten, welche auf den jungen Döblin noch zukommen sollten, da er ab seinem zehnten Lebensjahr ohne Vater war, denn dieser hatte die Familie verlassen. Im selben Jahr noch, also im Jahr 1888, siedelte seine Mutter mit ihm nach Berlin über, wo sie offensichtlich bessere Überlebensaussichten vermutete.

Nach seiner Schulzeit begann AD im Jahr 1900 in Berlin Medizin zu studieren und seine schriftstellerischen Anfänge datieren in dieselbe Zeit. Das Studium schloss AD allerdings nicht mehr in Berlin, sondern an der Universität in Freiburg ab, wo er im Jahr 1905 zum Dr. med. promovierte. Der junge Arzt arbeitete in Freiburg zunächst als Assistent in der Psychiatrie. Diese Richtung behielt er auch bei, als er 1911 wieder nach Berlin zurückging, wo er bis 1933 (einem für ihn in mehrfacher Hinsicht schicksalhaften Jahr) als Nervenarzt arbeitete. Ab dem Jahr 1912 war er dann mit Erna Reiss verheiratet und bekam mit ihr vier Kinder; diese Bemerkung füge ich ein um deutlich zu machen, dass AD sozusagen im bürgerlichen Leben angekommen war.

Neben seiner ärztlichen Arbeit aber, hat AD immer weiter an seinen literarischen Werken gearbeitet. Herwarth Walden, der Herausgeber der berühmten expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“, zu deren literarischen Mitbegründern AD eigentlich auch gezählt werden muss, wurde auf ihn aufmerksam und begann diesen jungen Schriftsteller zu schätzen. Schließlich machte er AD in den Berliner Kunst- und Literaturkreisen bekannt. Dann begannen sich die politischen Ereignisse zu überschlagen – die Geschichte geriet langsam, aber offensichtlich unaufhaltsam, aus den Fugen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, an dem er als Militärarzt teilnahm.

In der Zeit von 1912 bis 1920 gab er mehrere literarische Werke heraus, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen werde, da die meisten bereits hier bei Ciao besprochen wurden und Interessierte sich mühelos informieren können. Diese Werke begründeten seinen Ruf als einer der bedeutendsten Repräsentanten der expressionistischen Literatur – wohlgemerkt, nicht nur der deutschen. AD wurde nun auch gesellschaftlich hoch geachtet und 1928 als Mitglied in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Ein Jahr später kam sein Roman „Berlin Alexanderplatz“ heraus, der die Realität der gesellschaftlichen Zustände des Berlins der Zwischenkriegszeit offenbarte, was zwar seinen akademischen Kollegen nicht sonderlich gefiel, aber dieser Titel wurde bis heute ADs populärstes Werk, das schon zwei Jahre nach seinem Erscheinen, mit Heinrich George in der Hauptrolle, verfilmt wurde.

Dann kam das Jahr 1933. Schon längst war AD nicht verborgen geblieben, was sich da politisch zusammen braute. Er war schließlich in mehrfacher Hinsicht Zielscheibe von Nazihetze: Er war Jude, er war Linker, er war ein nicht linientreuer Autor und seine Bücher passten thematisch wie inhaltlich nicht in das Nazi-Konzept. Die Machtübergabe an die  Nationalsozialisten durch die Bourgeoisie am 30.1.1933 erlebte AD noch in Berlin… aber nach dem Reichstagsbrand am 28.2.1933 beschloss AD Deutschland zu verlassen und emigrierte 1934 nach Frankreich, wo er sich in Paris ansiedelte.

In seiner französischen Exilzeit von 1934 bis 1937 arbeitete AD natürlich weiter an seiner literarischen Produktion… und er war unglaublich produktiv. Im Jahr 1936 wurde Döblin französischer Staatsbürger. Zwei Jahre später veröffentlichte er den ersten Teil von „November 1918“ (das Werk um das es hier im Weiteren gehen wird).  Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen am 1.9.1939 wurde der zweite deutsche Weltkrieg eingeleitet und für AD begann die nächste Etappe seiner Flucht vor den Nazis.

Nachdem die Deutschen 1940 in einen Teil Frankreichs einmarschiert waren, emigrierte AD in die USA. Er durfte einreisen, weil er einen Einjahresvertrag von MGM in der Tasche hatte. In Los Angeles/Hollywood arbeitete er ein Jahr für die Filmindustrie als Skript-Schreiber und wurde dann arbeitslos… entlassen. Er lebte dann von Geschenken und Zuwendungen von Freunden. Er emigrierte scheinbar nicht nur aus einem Land ins andere, er emigrierte auch aus seinem Glauben… er wurde katholisch. 1946 kehrte er, als Kulturbeauftragter in der französischen Armee nach Deutschland, zurück. Erst lebte er in Baden-Baden, drei Jahre später zog er nach Mainz. Aber es war offensichtlich nicht mehr sein Deutschland, vielleicht war es ja auch nie sein Deutschland… enttäuscht zog er 1953 wieder nach Paris. AD starb am 28.6.1957 in Freiburg, der Stadt, in der er studierte und als junger Arzt arbeitete – bis heute ist ihm dort meines Wissens noch kein Denkmal gesetzt, was bezeichnend für die ganze gesellschaftliche Wahrnehmung seiner Person zu sein scheint.

Um auf das Werk „November 1918“ genauer eingehen zu können ist es erforderlich, noch einmal auf das Jahr 1915 zurück zu blicken. Wie bereits gesagt, hatte sich AD freiwillig in den Krieg gemeldet… angesteckt von einer Euphorie für Kaiser und Vaterland, das aber – entgegen der bis heute wirkenden Propaganda – nicht das gesamte Volk ergriffen hatte, sondern gerade im Bürgertum und Bildungsbürgertum besonders heftig ausgeprägt war. Aber schon nach dem ersten Kriegsjahr hatten die Erfahrungen im Kriege sein Denken umgeformt. Er hatte gelernt, dass Krieg nicht im Interesse der Völker liegt, sondern nur im Interesse derjenigen, die Gewinn und Nutzen aus den Kriegen ziehen. In einem Aufsatz mit dem Titel „Die Vertreibung der Gespenster“ sprach er sich zum ersten mal öffentlich für den Sozialismus aus, der seiner Meinung nach in der Lage sei, das Übel an der Wurzel zu packen und eine menschliche Gesellschaft hervor zu bringen.

AD engagierte sich in der USPD, später in der SPD, und gehörte zu dem ersten deutschen Schriftstellern die aktive Gewerkschafter wurden. Seine Meinung spiegelt sich auch in seinen Artikeln in der Presse und anderen Publikationen wieder, in denen er gegen Antisemitismus und Polizeistaatsmethoden, gegen Zensur und Geschichtsklitterung – und für Emanzipation, Freiheit der Meinung und des Einzelnen und für soziale Gerechtigkeit eintrat. Von 1919 bis 1922 schrieb AD unter dem Pseudonym Linke Poot in der Zeitung „Neue Rundschau“ scharfe politische Glossen, die sich auch (hört hört..!) gegen rechte Sozialdemokraten (z.B. Ebert, Scheidemann oder Noske), die mit denen paktierten, die den Krieg gewollt, ihn durchgeführt und von ihm profitiert hatten, ja die später sogar soziale Errungenschaften, die in der Revolution mit dem Blut der Arbeiter bezahlt worden waren, beschnitten oder abschafften.

Anders als die meisten aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Intellektuellen, war AD von der Notwendigkeit und der Richtigkeit der Revolution überzeugt. Das Datum 9. November 1918 war aber nicht nur deswegen wichtig für ihn. An diesem Tage war er auch 1918 aus Frankreich zurückgekehrt. Später, nach 12 Jahren Exil, sollte es auch wieder ein 9. November sein, an dem er das von der Nazi-Herrschaft befreite Deutschland betreten sollte. Mit ihm kamen die Erinnerungen an die ein viertel Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse und die Hoffnung darauf, dass es diesmal besser werden würde, als es nach dem 1. deutschen Weltkrieg geworden war. Mit im Gepäck hatte er den 1939 erschienen ersten Band und ein über 2000 Seiten starkes Manuskript von „November 1918“, das dann , nach und nach, bis 1950 in jeweils 5000 Exemplaren veröffentlicht wurden (nicht nur wegen der geringen Auflage war die öffentliche Aufmerksamkeit nicht sehr groß).

AD hat stets betont, dass sein „November 1918“ ein Erzählwerk ist, das man ganz verschieden lesen könnte. Es würden mehrere Geschichten nebeneinander erzählt, die mit episodenhaften kleinen Erzählungen angereichert werden, welche sich in den großen Geschichten verlieren. Das zusammen bildet dann die große Geschichte… die Geschichte der deutschen Revolution von 1918. Allerdings ist das Werk kein Geschichtsbuch, sondern es bleibt ein Roman, getreu der Maxime des Autors. AD beschreibt seine Auffassung zum historischen Roman folgendermaßen: „Der historische Roman ist erstens ein Roman und zweitens keine Historie. Er ist ein Roman. Warum? Er erzählt von Anfang bis zu Ende Dinge, die bestimmt in dieser Weise historisch nicht nachgewiesen werden können, für die der Autor keine dokumentarische Unterlage besitzt. Er verleiht ihnen den Anschein einer Realität… Der Autor… durchdenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang, sondern von der allgemeinen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde gibt; von der Parteilichkeit der Tätigen. Denn wenn der Autor ein geöffneter und ganzer Mensch ist, so hat er keine private Auseinandersetzung mit dem gewählten Stoff vorgenommen, sondern er hat das Feuer einer heutigen Situation in die verschollene Situation hineingetragen. Hier haben wir das, wonach wir immer suchten, die Realität und Echtheit des historischen Romans… Ich habe es schon klar gesagt: der geschichtliche Roman ist erstens Roman und zweitens keine Geschichte.“

Zur Entstehung dieses Werkes sagt der Autor selbst: „Das Buch „November 1918“ war mir vorausgeschwebt… Ich warf erst die Landschaft auf, gab (im ersten Band…) die Szenerie des Elsässer Lazaretts, in dem ich während der letzten Kriegszeit 1917 – 18 als ordinierender Arzt arbeitete. Und es trat mir bald der Mann als Kranker entgegen, den ich formte und bestimmte, seine (und meine) Last in die Erzählung zu tragen. Es liefen zwei Dinge nebeneinander und zusammen: das tragische Versanden der deutschen Revolution 1918 und der dunkle Drang dieses Menschen. Es erhebt sich für ihn die Frage, wie er überhaupt zum Handeln gelangen soll. Aber dies will er. Von wo aus, von welcher Basis? Er muss es ablehnen, sich hier zu entscheiden. Er kann nicht zwischen zwei und drei Sandbänken wählen, um sein haus aufbauen. Es wird eine himmlische und höllische Geschichte. Der Mann, Friedrich Becker, wird von Halluzinationen umgeben. Durch das „Tor des Grauens und der Verzweiflung“ muss er gehen. Er bleibt am Leben. Er findet sich zuletzt gebrochen und gewandelt als Christ… Sein gewonnenes Christentum trägt er durch den Schlussband… Himmel und Hölle kämpfen weiter in ihm. Er verkommt äußerlich: innerlich wird er zerfressen. Aber – er wird aufgehoben.“

Ich will ausführlich auf die vier Bände dieses Werkes eingehen. Dazu möchte ich versuchen, Band für Band in seiner Struktur und Inhalt zu beschreiben. Als Vorbemerkung möchte ich sagen, dass die Beschreibung bei einem Werk von über 2000 Seiten, der Komplexität des Stoffes und im hier zur Verfügung stehenden Rahmen eine relativ oberflächliche sein muss. Ich möchte somit soviel wie nötig, aber so wenig wie möglich Analyse mitliefern. Über die Hauptfigur Friedrich Becker, wenn man sie so nennen kann, möchte ich erst am Ende näher eingehen, sonst könnte ich nicht eng genug an den Inhalten bleiben.

Band 1 „Bürger und Soldaten“                                                              über 380 Seiten

Der erste Band ist das was AD die Landschaft genannt hat… hier beginnen die großen und kleinen Geschichten. Er beginnt damit, dass in einem kleinen elsässischen Städtchen eine alte Frau beim morgendlichen Einsammeln von Pferdeäpfeln feststellt, dass an diesem Tag alles ganz anders sei. Mit dieser so unspektakulären Episode kündigt AD das große historische Ereignis an… die anscheinend unabänderlichen Dinge geraten in Bewegung.

Der Band ist in zwei Kapitel (Erstes und Zweites Buch genannt…) unterteilt, in denen – scheinbar chronologisch – viele kleine Facetten der großpolitischen Situation erzählt werden. AD beschreibt sozusagen den Ackerboden, auf den die Saat der Revolution fällt. Und er zeigt diejenigen, die verantwortlich dafür sind, dass sie gesät wird. Da sind auf der einen Seite Soldaten, die den Krieg satt haben und nur noch nach Hause wollen. Auf der anderen Seite stehen die Offiziere, denen die Auflösung von Disziplin und Ordnung Teufelswerk sind, das sie regelrecht unter Schock setzt. Da sind die Bürger, die je nach ihrem materiellen oder sozialen Stand oder ihrer Mentalität, vorsichtiger oder forscher auftreten und sich flugs mit der neuen Situation arrangieren; schließlich hat man ja was zu verlieren. Es gibt aber auch die Profiteure, die mit dem sicheren Instinkt dafür, wo etwas zu holen ist.

In Straßburg kommt es zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, überall werden rote Fahnen geflaggt. All diese kleinen Episoden spielen im Elsass am 9. und 10. November… in Deutschland geschehen die größeren Ereignisse: die Hohenzollernmonarchie wird gestürzt, der Kaiser davon gejagt und in Berlin übernimmt die Revolution die Macht. Doch am 13. November bereits, ändert sich in Straßburg die Szenerie. Die deutschen Soldaten sind weg und mit ihnen auch die roten Fahnen. Über Nacht wurde alles blau-weiß-rot und die heimgekehrten 220 Elsässer, die in Wilhelmshafen Matrosen und Mitinitiatoren der Aufstände waren, mussten einsehen, dass die Revolution schon verloren war und das Land an die französischen Kapitalisten fallen würde. Fast gleichnishaft erzählt uns AD schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Epos wie es wohl ausgehen könnte…

Der Autor zeigt in „Bürger und Soldaten“ aber auch, welche Möglichkeiten in dieser revolutionären Situation lagen. Diese Möglichkeiten konnten bekanntermaßen nicht in vollem Umfang genutzt werden. Klar, sehr viele Menschen wollten das Ende des Kriegs… aber kaisertreu wie man war, wollten schon nicht mehr so viele die Demokratie… und nur sehr wenige waren in der Lage zu begreifen, dass die Ursache des Übels, der Imperialismus und die Macht des Kapitals, gleich mit beseitigt werden mussten. Stattdessen verrät die Führung der  Sozialdemokratie die Revolution. An dieser Stelle sollte ich einflechten, dass das alles nicht nur so ernst erzählt wird, wie man es angesichts der Dramatik der Situation vermuten könnte. Ein ums andere Mal gerät der Text zur bissigen Satire z.B. wenn AD das schäbige Verhalten der Bürgerlichen anprangert. Erhellend sind auch Äußerungen, die AD historische Gestalten wie dem französischen Nationalisten Marschall Foch oder dem „Sozialistenhasser“ Maurice Barrés sagen lässt. Die ersten Kapitel des Romans umfassen den Zeitraum vom 10. bis 24 November 1918 und führen uns aus dem kleinen elsässischen Städtchen über Straßburg nach Berlin.

Band 2 „Verratenes Volk“                                                                                über 440 Seiten

Noch offensichtlicher als im ersten Band, ist dieser Romanteil in einer – wiederum scheinbarer – Chronologie gegliedert. In fünf Kapiteln (Erstes bis fünftes Buch genannt…) verfolgt AD die Entwicklung der Revolution weiter. Er beschreibt die unsäglichen Wirren der Auseinandersetzungen zwischen Revolution und der fast gleichzeitig einsetzenden Konterrevolution. Die Antwort auf die Machtfrage wird in blutigen Kämpfen auf der Straße gesucht. Die alten Machthaber schmieden ein Komplott. Man will mit den heimkehrenden, gut gedrillten und auf den Kaiser eingeschworenen Truppen, die Revolution mit Waffengewalt niederschlagen und die alte „Ordnung“ des Militärs, der Großgrundbesitzer und des Kapitals wiederherstellen.

Ebert ist der Vorsitzende im Rat der Volksbeauftragten und schon am 10. November, Stunden nach seiner Ernennung zum Regierungschef, bietet er dem kaisertreuen General Groener seine Mithilfe bei der Zerschlagung der sozialen Revolution an. Die deutsche Revolution vom November 1918 muss natürlich auch im Lichte der russischen Oktoberrevolution von 1917 gesehen werden. Außerdem ist die deutsche Arbeiterbewegung nicht so einig wie der Anschein den der Begriff erweckt. Ebert ist Anti-Kommunist und viele revolutionäre Mitstreiter verfechten gerade die Idee der Räterepublik. Also geht es nicht nur um die Lösung der generellen Machtfrage im Staate, sondern es geht auch um die Lösung der Frage, wer in Zukunft die Vorherrschaft in der Republik einnehmen wird: die gemäßigte, rechte Sozialdemokratie oder die Linken. Grob gesagt, es geht um die Frage, welche Republik soll werden.

AD beschreibt anschaulich die Eiertänze und Manöver der sozialdemokratischen Führer, die ständig zwischen den Erwartungen der Menge und den Forderungen der Generalität lavieren. Es ist offensichtlich sein Anliegen, einen Revolutionsbericht zu geben, aus dem hervor geht, was bei einer kleinen Verschiebung der Kräfteverhältnisse oder etwas weniger Halbherzigkeit hätte geschehen können. AD versucht in diesem Band auch Alternativen aufzuzeigen, z.B. wenn er Karl Liebknecht zu Wort kommen lässt, der vor roten Matrosen und Arbeitern eine Analyse der Revolution versucht. Zu diesem Zeitpunkt steht der Erfolg der Revolution schon auf Messers Schneide und es steht zu erwarten, dass aus ihr lediglich eine Friedens- und Reformbewegung wird, die marginale Verbesserungen verspricht, statt die Verhältnisse grundlegend zu verändern.

Band 3 „ Heimkehr der Fronttruppen“                                                   über 510 Seiten

Auch in diesem Band hält sich AD an das einmal gewählte Prinzip der scheinbaren Chronologie und er beschreibt in sechs Kapiteln (Erstes bis Sechstes Buch genannt…) den Zeitraum vom 8. bis zum 14. Dezember 1918. Am 6. Dezember hatte es einen Putschversuch des Militärs gegeben und Ebert hatte davon vorher gewusst… aber der Protest-Aufruf  des Revolutionsausschusses, dem Hunderttausende gefolgt sind, führte zum Scheitern des Putsches. Die politische Folge davon war, dass die Linken USPD-Vertreter aus der Regierung ausstiegen und die Spartakisten ihren Einfluss bei den Massen verstärken konnten, mithin spitzte sich der Konflikt zu. Ebert hatte die heimkehrenden Fronttruppen mit Scharfmacherparolen empfangen und bereitete die Wahl einer Nationalversammlung vor, mit deren Legitimation er Ruhe und Ordnung herstellen will. Die Generäle wollen das auch… und stellen Truppen auf.

Die Bände 2 und 3 stehen inhaltlich und stilistisch in engem Zusammenhang. Sie handeln zu großen Teilen von den eigentlichen Gegnern der Revolution. Der scheinbare Berichtsstil ist allerdings blanke Satire. Das lässt sich aus der Biographie des Autors heraus erklären. Offensichtlich verfolgte der Autor die Absicht, seine Ansichten zum Verrat der Revolution durch die Rechten, wie er sie bereits in seinen Glossen unter dem Pseudonym Linke Poot geäußert hatte (man darf nicht vergessen, dass der Roman im Exil entstand, lange nach den Glossen), in die Tetralogie einzupfechten. Das Bündnis der politischen Reaktionäre, der Führungsspitze von Militär und der Opportunismus der Sozialdemokraten um Ebert haben letztlich der sozialen Revolution den Garaus gemacht.

Aber AD sieht nicht nur Schuld auf der einen Seite. Er ist auch der Meinung, dass die Konterrevolution viel entschlossener auftrat, als die Führung der Revolution. An der Gefolgschaft der Massen hatte es nicht gelegen, dass die Bewegung versandete. Auch Liebknecht bekam seine Schelte… immerhin richtete er ein Verhandlungsangebot an Ebert und Scheidemann und band sich, sozusagen aus Angst vor der eigenen Courage, selbst die Hände. AD analysiert die Ereignisse und kommt zu dem Schluss, dass die Revolution am Ordnungssinn und Untertanengeist, an Wohlerzogenheit der Arbeiter und am Ruhebedürfnis der opportunistischen Führungsebene gescheitert ist. Die sog. Bürgertugenden sind für ihn sowohl Ursache und Produkt der deutschen Misere, die später zu erheblich mehr Toten führen sollte, als die 20000 toten revolutionären Arbeiter.

Band 4 „Karl und Rosa“                                                                                   über 720 Seiten

Dieser Band bildet nicht nur eben den Abschluss eines vierbändigen Epos und erschöpft sich in Zusammenfassungen und Auflösungen (wie so mancher Schlussband, so mancher mehrbändigen Werke), sondern es ist der entscheidende Band, der Höhepunkt des Werkes. AD verlässt die bisherige Darstellungsform der partikulären Episoden und er verlässt auch das Prinzip der scheinbaren Chronologie. Er geht dazu über, in neun Kapiteln (Erstes bis Neuntes Buch genannt…) die deutsche Revolution in ihrer Vorbereitung, ihren Aktionen, ihre Verteidigung und letztlich die Niederschlagung, festgemacht an zwei historischen Personen, gleich einer Leinwand, in einem großen erzählerischen Rahmen einzuspannen und sie mit vielfältigen Sprachfarben auszumalen.

In einer Rückblende zum Jahre 1915 schildert er den beginnenden Kampf von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gegen den Krieg und gegen die Kriegstreiber. Sie werden aus politischen Gründen verhaftet und verurteilt, sitzen in Haft, aus der sie erst von der Revolution befreit werden. AD schildert die Arbeit dieser Protagonisten der Revolution und die Stationen ihres gemeinsamen Weges. Er schildert ihre Auseinandersetzungen und Diskussionen und beleuchtet schließlich den 15. Januar 1919, dem Datum ihrer Ermordung durch eine reaktionäre Soldateska. Aber er schildert sie auch in zutiefst menschlichen Dimensionen, in Zweifeln, Depressionen und Halluzinationen verfangen (die historisch verbrieft sind und deren Darstellung geeignet sind, sie von einem Podest holen, auf das sie eigentlich nicht gehören…).

AD lässt es aber nicht dabei bewenden, sondern geht im neunten Kapitel noch einen Schritt weiter, in dem er die Geschichte bis in die zwanziger Jahre hinein weiter erzählt… als die Revolution schon längst gescheitert und Vergangenheit war und ihre Errungenschaften langsam zwar, aber Stück für Stück, zurückgenommen werden. Diese Kapitel ist zwar mit der Überschrift „Das Ende einer deutschen Revolution“ überschrieben, könnte aber so verstanden werden, dass es dennoch einen Weg gibt etwas davon (bis in unsere Zeit) zu retten; auch wenn es nur das Bewusstsein darüber wäre, dass es eine Alternative zu Militarismus, sozialer Ungerechtigkeit und Kriegstreiber gibt.

Der Protagonist

In das gesamte Erzählwerk eingebettet, ist die individuelle Geschichte des Dr. phil. Friedrich Becker. AD stattet diesen Mann nicht nur mit einer persönlichen Biographie aus, wie es auch andere Autoren (besonders in ihren Spätwerken) getan haben, sondern lässt ihn auch im Roman noch eine persönliche Entwicklung durchmachen. Vielfache Bezüge zu Gestalten der Weltliteratur, aber auch – vor allem – zur Lebensgeschichte des Autors sind augenfällig. Diese Figur durchzieht das gesamte Werk vornehmlich durch seine Beziehungen zu anderen Personen des Epos… auch mit solchen mit solchen, die er persönlich gar nicht kennt/kennen kann.

Friedrich Becker ist Lehrer von Beruf, kehrt schwerverwundet aus dem Krieg heim und beginnt in Berlin nach seiner Genesung wieder zu unterrichten. Seine Freundin verlässt ihn und bindet sich an seinen besten Freund. Er kritisiert gewisse Vorgänge an der Schule und bringt damit den gesamten Lehrkörper gegen sich auf und schließlich wird er entlassen. Beim Versuch einen Schüler zu retten, gerät er in die Kämpfe um das Polizeipräsidium, an denen er sich auf der Seite der Aufständischen beteiligt. Verletzt und gefangen steht er kurz davor gelyncht zu werden und wird von seiner ehemaligen Freundin gerettet. Er bleibt allerdings zwei Jahre im Gefängnis…

Aus der Haft entlassen, tritt er eine sozusagen mystische Wanderung durch Deutschland an, auf der er für seine Auffassung von Christentum kämpft. Er sinkt gesellschaftlich immer tiefer und endet zuletzt unter Verbrechern, immer begleitet von Gedanken an den Tod und an die Wahrheit seines Glaubens und wie Rosa von Bildern und Erscheinungen aus einer anderen Welt heimgesucht. Becker stirbt in der Gosse und wird zuletzt sogar von den Engeln gestraft, die seine Handlungen als hochmütig verwerfen. Aber wie auch Rosa ist auch er nicht ganz verloren.

Ich muss zum Schluss wohl meine Meinung zu diesem Werk nicht extra hervorheben. Mich hat dieses Werk von Anfang bis zum Schluss gepackt… und das nicht nur weil ich ein geschichtsinteressierter und politischer Mensch bin, der sich obendrein in politischer Übereinstimmung mit dem Autoren sieht, sondern weil es sich um hohe Literatur handelt. Der Rahmen hier ist viel zu klein, als dass ich auf all das Viele eingehen könnte, das mich immer wieder begeistert hat. Zu der Besprechung seines Amazonas-Romans schrieb ich, dass historischen Romanen häufig eine gewisse Patina, eine gewisse Kulissenhaftigkeit anhaftet, doch Döblin es meisterlich verstünde seinem Werk nicht nur keine Patina anhaften zu lassen, sondern ihm eine ungeahnte erzählerische Brillanz zu geben. Diese Meinung gilt in vollem Umfang auch für „November 1918“.

Mich begeisterte seine Kunst, mit Sprache Bilder zu malen, zu fabulieren, eine Flut von Material, Daten, Personen und Motivationen zu einem Werk zusammenzuführen, das mich nie losließ. Es spricht für die Klasse Döblins, dass das Epos auch heute noch wie ein sehr moderner Roman wirkt; einschließlich der Tatsache, dass er uns auch heute so manches klar machen kann und insofern Wirkung von ihm ausgehen könnte. Leider ist für viele Leute Döblin einfach nur der Autor von „Berlin Alexanderplatz“ (ohne Zweifel auch ein guter Roman und wenn man so will, vom Stil her der Probelauf für dieses Epos), doch es gibt erheblich viel mehr und erheblich Besseres von ihm.

Das Buch ist ein Meisterwerk deutscher Literatur – wie viele seiner Werke vor dem „November“. Aber es ist auch ein sehr persönliches Bekenntnis des Menschen Döblin. Die Frage nach der Schuld der Gesellschaft und des Einzelnen am Schicksal Deutschlands und der Welt beantwortet Döblin auf seine Weise… und sicher wird nicht jeder mit der Antwort einverstanden sein. Ich bin es… sowie ich ganz mit dem Maß an Bedeutung einverstanden bin, die der Nobelpreisträger G. Grass dem Autoren gibt, wenn er sagt, dass Alfred Döblin sein Lehrer gewesen sei.

Pessoa

November 1918

Alfred Döblin

Über 2000 Seiten – Taschenbuchausgabe

Verlag: Dtv – Aus 1995

ISBN: 3-4235-9030-0

68,- €

PS: Leider kann ich keine genauere Seitenzahlangabe machen, weil ich nicht im Besitz der Taschenbuchausgabe bin, sondern mich mit meiner Besprechung auf die gebundene Ausgabe von 1981 bezog.