Alfred Döblin „Wallenstein“

In seiner Biographie steht zu lesen, dass er den Krieg gut kannte… den Ersten Weltkrieg – er kannte ihn von einer Seite, die weit mehr Einblicke gewähren wird, als nur das Beobachten von Kampfszenen. Alfred Döblin war Arzt… Arzt an der Front… an der Westfront… Des Verständnisses wegen soviel vorweg.

1929 erschien sein Roman Wallenstein. Wenn ich auch finde, dass Döblin nicht nur ein Hauptwerk geschrieben hat, so muss ich dennoch sagen, dass ich diesen Roman nicht nur als eines seiner bedeutendsten Werke halten, sondern darüber hinaus als eines der bedeutendsten Werke der modernen Romanliteratur überhaupt. Döblins Wallenstein ist ein Prosaepos, in dem er ein vielfarbiges Panorama des Dreißigjährigen Kriegs beschreibt, und zugleich zerbricht er durch die Intensität seiner Sprache den heroisierenden Duktus des herkömmlichen deutschen Geschichtsromans – ganz davon abgesehen, dass er den Schiller´schen Wallenstein restlos zerstört und so der Nomenklatur einen Helden nimmt.

Nimmt man 30 Jahre Müßiggang an und bedenkt, wie viel Stoff für Romane darin läge, so wird man erfassen, welch ein stoffliches Ungeheuer dieser Dreißigjährige Krieg ist. Dennoch, in Döblins Roman scheint alles, alles, in der ungeheuren Hitze seiner Phantasie zu einem kochendem, brodelndem Amalgam verschmolzen und in eine unglaubliche Form gegossen, die empfindsamen Seelen den Verstand rauben kann (es sei an dieser Stelle an den ersten Abschnitt erinnert).

Wenn ich hier sage, dass er den Dreißigjährigen Krieg erzählt, dann stimmt das zwar, aber es wäre zu kurz gegriffen anzunehmen, es ginge nur ums schlachten. Es geht auch um das Entstehen von Krieg, um die Perversion von Macht und die Pervertierung durch Macht – dabei kann man durchaus sagen, dass die handelnden Personen historisch belegt sind. Eine zentrale Figur des Romans ist, neben oder vor Wallenstein, Ferdinand II., Kaiser von Österreich. Döblin schreibt in seinen Aufsätzen zur Literatur: „Um dessen Seele geht es“. Döblin beschreibt diesen Repräsentanten der politischen und militärischen Macht als größtenteils weltfremden – vielleicht durch das kaiserliche Amt der Realität entrückten – Menschen, der dem Auftreten Wallensteins, der als der zynische Spekulant und brutale Ausbeuter beschrieben wird, der er auch wirklich war (anders als bei Schiller, der einen Helden aus ihm machte), nichts entgegenzusetzen hatte. Ferdinand ist ein Getriebener… Verlorener… missbrauchter Missbraucher – der letztlich sein Amt abgibt, sich seiner Sicherheit gewiss, in diese Masse aus Getriebenen… dem von Krieg getriebenen Volk eintaucht, bis er schließlich jämmerlich erschlagen wird und nur noch als verwesendes Aas im Kosmos der Natur existiert (auch hier sei noch einmal an den ersten Abschnitt erinnert).

Wie schon in seinem 1915 erschienenen (und ebenfalls bei Ciao besprochenen) Roman „Die drei Sprünge des Wang Lun“, kann man Döblins Überzeugung, von der Scheinbarkeit der subjektiven Individualität des bürgerlichen Menschen erkennen. Dieser Scheinbarkeit stellt er die stoffliche Substanz und allumfassenden Dynamik der kollektiven Natur entgegen. Wenn es stimmt, dass die beiden Bücher ein Gemeinsames haben, wird aus Wallenstein sogar ein Zerrspiegel fast der gesamten europäischen Geschichte – später wird Döblin beide Bücher mit noch ganz anderer Hitze nicht zu einem weiteren Amalgam, nein… er wird sie zu purem Gold schmelzen und es wird „Die Amazonas-Trilogie“ genannt. Vielleicht spürt man meine Begeisterung und ich hab bis hier hin genug geschrieben?

Wilfried John
Wallenstein
Alfred Döblin
750 Seiten – Taschenbuch
Verlag: DTV – von 1989
ISBN: 3-4230-2425-9
12,68 €