Alvaro Mutis „Der Schnee des Admirals“

Schnee im Sommer
Manchmal habe ich sie… eine gewisse Melancholie. Nun, wird man fragen, wie kann das sein… mitten im strahlenden Sommer, jetzt, da überall Fröhlichkeit herrscht? Und ich müsste antworten, dass ich das auch nicht so genau wisse, und es ja nicht stimme, dass ÜBERALL Fröhlichkeit herrsche… zumindest ich sei ja ein Beleg dafür, dass dies nicht so sei. Dennoch würde ich natürlich nachdenklich nach den Gründen suchen… nicht um sie irgend jemandem zu erläutern, sondern um mich selbst zu trösten…

Einige Gründe für diese Melancholie habe ich schon entdeckt… aber lange nicht alle. Außerdem, ist es so schwierig, die jeweiligen Gründe zu entdecken, denn da ist bei der ganzen Sache auch noch eine gewisse Art Heimtücke. Es will mir manchmal scheinen, dass die Melancholie unterwegs die „Pferde wechselt“… will sagen, dass sie wegen eines bestimmten Grundes beginnt, aber dann wegen eines völlig anderen Grundes ihren Fortgang nimmt… man ist also noch auf der Suche nach der Ursache und merkt erst wenn man sie endlich gefunden hat, dass die Suche vergebens war; was die Melancholie noch verstärkt.

Natürlich ist nichts was wir tun oder denken (was im Eigentlichen ja auch ein Tun ist…) vergebens. Und gerade dieses Nachdenken über sich selbst, gerade diese Suche nach Gründen für das momentane Befinden, ist eine geistige Tätigkeit, die viel zu selten, bei viel zu wenigen Menschen ausgeübt wird. Die Frage danach, weswegen das so zu sein scheint, ist für mich ebenso wenig schlüssig zu beantworten, wie die Frage nach dem jeweiligen Grund meiner Melancholie. Ich weiß nur, dass der Verzicht auf dieses Nachdenken, eine verpasste Chance ist…

Und weil ich gerade bei verpassten Chancen bin, komme ich zu Maqroll dem Seefahrer… einem Meister der verpassten Chancen. Maqroll ist ein vom Pech verfolgter, ein philosophierender Unglücksrabe… und eben dieser Unglücksrabe ist die Hauptfigur einer Serie von Romanen, die mittlerweile schon zu so etwas wie Kultbüchern einer stetig wachsenden Fangemeinde geworden sind, seit er 1953 das Licht der literarischen Welt erblickte. Er ist der literarische Sohn des kolumbianischen Schriftstellers Alvaro Mutis (kurz AM) und seiner überbordenden, bilderreichen Phantasie. Er wurde an einem Ort geboren, der Lyrik heißt… die Lyrik eben dieses AM. Offenbar braucht auch ein solches Kind Entwicklungszeit… eine Zeit der Reife… eine Zeit des Erwachsenwerdens, denn erst 1986 tritt er vollends in die Welt und wird im Roman „Der Schnee des Admirals“ zur, mit internationalen Literaturpreisen überschütteten, literarischen Person.

Dabei handelt es sich wohl um so etwas wie einen späten Erfolg des Autors… und man könnte mutmaßen, dass in dieser von ihm erschaffenen Figur einige selbst gemachte Erfahrungen enthalten sind… und dem Manne das wovon er schreibt nicht gar zu fremd ist. Alvaro Mutis wurde im Jahre 1923 in Bogota/Kolumbien geboren geworden. Er verbrachte, als Sohn einer Diplomatenfamilie, seine Kindheit in Brüssel und absolvierte dort auch die Schule… in einem Brüsseler Jesuitenkolleg und irgendwie ist es schon kennzeichnend, dass er die Kenntnisse über seine Heimat (in die er sich sehnte…) in der französischen Sprache beigebracht bekam. Sein Studium nahm er dann schon in Bogota auf… was er genau studierte kann ich nicht genau sagen, und es ist auch an seinen späteren Berufswahlen nicht ablesbar.

Wie so viel lateinamerikanische Autoren, arbeitete AM auch als Journalist… in seinem Falle für den „El Espectador“ (übrigens das selbe Blatt, für das auch Gabriel Garcia Marquez schrieb…). Aber Mutis arbeitet auch einer Brauerei… war Arbeiter in der Ölindustrie vor der kolumbianischen Küste… und schließlich arbeitete er als Angestellter bei einer Fernsehgesellschaft als Werbefachmann, bis er bei einer nordamerikanischen Filmgesellschaft landete, für die er über zwanzig Jahre lang in Südamerika tätig werden sollte. 1947 Veröffentlichung erster Gedichte… mit denen er nach und nach zu einem der bekanntesten Lyriker Lateinamerikas wurde und in einem Atemzug mit Pablo Neruda (Literatur-Nobelpreisträger) genannt wurde.

AM lebt seit 1956 in Mexico-City. Dort kam es zu einer Zäsur… einer weiteren in seinem Leben… 1960 wurde er aus politischen Gründen verhaftet und zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt… in dem er sich nicht allzu wohl gefühlt haben dürfte. Während dieser Haftzeit nahm er eine Veränderung seiner literarischen Prioritätensetzung vor… er wollte nicht mehr der erzählende Poet sein, er wollte vielmehr ein poetischer Erzähler werden. Heute ist AM einer der beliebtesten der lateinamerikanischen Autoren in der spanischsprechenden Hemisphäre und wird natürlich auch im übrigen Europa und den USA (was wohl an der mittlerweile entwickelten „Latino-Kultur“ liegen mag) sehr geschätzt.

Wie bereits angedeutet, hat AM die Hauptfigur seiner Romane bereits in seinen Gedichten erfunden… und nach, seiner in der Gefängnishaft beschlossenen, Wandlung, nahm er auch diesen Maqroll mit auf seine Reise vom lyrischen Archipel, hin zu den Gipfeln der Romankunst. Und der erste seiner Romane, einer ganzen Serie von Romanen, ist „Der Schnee des Admirals“. Schon allein mein Unterfangen, diesen Roman in seinem Plot kurz zu beschreiben muss scheitern, allein deswegen, weil es einen Plot im üblichen Sinne eigentlich nicht gibt. Die Welt von Maqroll ist zwar irgendwie begrenzt, aber hat andererseits keinen eigentlichen Ort, die ganze erzählte Welt ist eine einzigartige und vollständige Kreation des Autors, eine Region der Phantasie… ganz so, wobei sich Vergleiche eigentlich zur Beschreibung des Romans nicht eignen, aber sozusagen als verständlichmachende Metapher dienen können, wie das Macondo von Gabriel García Márquez; ich wage den Vergleich auch nur, weil es sich bei den beiden genannten Autoren um Freunde handelt… um eine Freundschaft, wie man sie vielleicht nur einmal im Leben findet.

Nun, ich versuche einmal grob den Inhalt zu schildern… AM schickt im „Schnee des Admirals“ den Seemann Maqroll auf die Reise… sie geht zunächst einen fiktiven Fluss stromauf. Der Xurandó fließt irgendwo östlich der Kordilleren. Wie alle Flüsse östlich der Anden in den real existierenden Flusslandschaften des Amazonasbeckens auch, mündet der Xurandó irgendwann in den Amazonas oder den Orinoko oder sonst einen der großen Ströme dieses gewaltigen Systems von Wasserläufen, die ein unüberschaubares Labyrinth bilden. Hier wird schon andeutungsweise zu erkennen sein, dass die Reise Maqrolls durch diesen Urwald auch eine Allegorie ist… und es sich durchaus auch als eine Reise in etwas Unbewusstes handeln kann.

In diesem Labyrinth ziehen nun Maqroll und seine Freunde umher… und es sieht zunächst nicht so aus, als sollten sie ihr Ziel je erreichen. Das kann an unterschiedlichen Ursachen liegen… entweder man findet an einem fest vorgenommenen Ziel gerade nicht das, was man sich vom Erreichen des Ziels vorgestellt hat… oder aber es liegt auch daran, dass hin und wieder… zu manchen Zeiten… eben der Weg das Ziel ist und damit werden nur immer Orte erreicht und die Reise geht immer weiter… ist mit dem erreichen der Orte eben nicht zu ende. So geht es den Protagonisten im „Schnee des Admirals“.

Eine weitere Schwierigkeit zur inhaltlichen Beschreibung des Werkes ist, dass AM, ohne je auf die Lesegewohnheiten der Leserinnen und Leser zu achten, ohne Unterlass auch in den zeitlichen Abläufen – sowohl was die Bewegungen der Gruppe in der (fiktiven) Welt betrifft, als auch in den Interaktionen innerhalb der Gruppe – springt. Das beginnt schon im Prolog dieses wirklich nicht sehr umfangreichen Buches, das dadurch aber scheinbar um ein Vielfaches umfangreicher erscheint. In diesem Prolog nämlich, beschreibt ein Erzähler (man kann nur mutmaßen, dass es sich um den Autor handelt), wie er eigentlich auf Maqroll gestoßen ist… oder, besser gesagt, wie er ihn wieder gefunden hat, als er in einem Antiquariat in Barcelona, in einem gerade erstandenen Buch, zu einem ganz andern Thema, die Aufzeichnungen, das Tagebuch dieser Reise fand, weil dies Buch offenbar einmal eben diesem Maqroll gehört hatte.

Vor unserem geistigen Auge entstehen Porträts unwirklicher Landschaften und der Menschen in diesen Landschaften… und das Unglück nahm schon gleich zu Beginn der Reise ihren Lauf. Schon in den ersten beiden Sätzen des Tagebuches berichtet Maqroll: „Die Berichte, die ich besaß, gaben an, dass ein Grossteil des Flusses bis zum Fuß der Kordilleren gut schiffbar sei. Natürlich war dem nicht so.“ Ich will hier nicht weiter auf die Handlung eingehen, da die Erzählung nur auf ungefähr einhundertvierzig Seiten abläuft und ich rasch die Spannung zukünftiger Leserinnen und Leser beschädigen würde. Außerdem ist es bei einem Text, der sehr assoziativ wirken soll, auch fast unmöglich die Handlung allgemeingültig wiederzugeben.

In einer Art Anhang sind vier weitere Geschichten des Seefahrers Maqroll verzeichnet… und hier wird auch offenbar, wie das Buch zu seinem Titel kam. Es handelt sich nämlich nicht um irgendein Naturphänomen, wie es der Schnee nun einmal darstellt, sondern um den Namen eines Kneipe inmitten einer weiteren unwahrscheinlichen Landschaft, deren Wirt „der Seefahrer“ genannt wird… Wie nun ein Seefahrer mitten in die Anden gelangt und wie es dazu kam, dass er dort obendrein Wirt einer Kneipe wurde… wissen selbst seine wenigen Stammgäste nicht. Er erzählt zwar hin und wieder aus seinem Leben und die Zuhörerschaft ist auch ganz begierig darauf, diese Geschichten immer wieder zu hören… und sie behalten sie offensichtlich im Gedächtnis, denn sie fordern diese Sentenzen immer auf´s Neue…

Ich möchte eine dieser Sentenzen auszugsweise zitieren, weil in ihr die Haltung sichtbar wird, die mich veranlasste, gerade dieses Buch, in genau dieser meiner Stimmung zu besprechen. Der „Seefahrer“ sagt: „Ich bin der wirre Schöpfer der geheimsten Wege, der verstecktesten Anlegeplätze. Meine Tage sind erfüllt von ihrer Nutzlosigkeit und ihrem ungewissen Ziel. Ich bewahre diesen glatten Kiesel. In der Stunde deines Todes wirst du ihn auf deiner Handfläche streicheln und so die Realität deiner beklagenswerten Irrtümer vertreiben, deren Summe deinem eitlen Dasein jeglichen Sinn raubt. Jeglicher Ertrag ist ein blindes Auge, das seinen weichen Kern verkennt. Es gibt Bereiche, wo der Mensch in sein Glück die schmalen Risse seiner sinnlosen und ruhelosen Unzufriedenheit wie in eine Wand schlägt. Folge den Schiffen! Folge den Furchen, die verbrauchte, elende Schiffe in der See pflügen. Verweile nicht. Meide selbst die armseligsten Spelunken. Fahre flussaufwärts. Fahre die Flüsse hinab. Werde eins mit dem Regen, der die Hochebenen überschwemmt. Verleugne alle Ufer. Bemerke, wie viel Verwahrlosung an diesen Orten herrscht. So auch in den Tage meines Lebens. Mehr war es nicht. Mehr wird es nicht mehr sein können.

Frauen lügen nie. Aus den geheimnisvollen Winkeln ihres Körpers strömt nur Wahrheit. Es scheint uns auferlegt zu sein, diese Wahrheit mit unerbittlicher Nüchternheit herauszufinden. Es gibt viele, die sie nie erfahren und ausweglos blinden Sinnes sterben. Zwei Edelmetalle gibt es, die das Leben verlängern und manchmal auch das Glück verleihen. Es ist weder Gold, noch Silber, noch irgendwas, das dem ähnelt. Ich weiß nur ganz sicher, dass sie existieren. Wäre ich doch nur den Karawanen gefolgt. Ich wäre gestorben, von Kameltreibern begraben und unter dem weiten Himmel der Bergebenen vom Kot ihrer Tiere bedeckt worden. Besser, viel besser wäre das gewesen. Das übrige ist letztlich belanglos.“

Mich hat diese Figur… scheinbar einen entfernten Verwandten des Don Quijote… stark beschäftigt und wie jener Cervantes, beschreibt AM die inneren Existenzen an äußerlichen Situationen… nicht zuletzt bezeichnet AM diesen Cervantes auch als sein Vorbild. Erstaunlicherweise hatte ich nach der Lektüre dieses Buches nie jenes melancholische Gefühl, das mich vorher dazu brachte mich lesend in eine stille Ecke zurück zu ziehen. Auch wenn AMs Existenzialismus gnadenlos ist… für mich weckt er eine unbändige Lust zu leben. Hier fand ich keine Magie, wie bei anderen Lateinamerikanern, sondern ich fand Mögliches… melancholisch und philosophisch vorgetragen, mit Sensibilität für die Kleinigkeiten des menschlichen Daseins. Das Buch hielt mich auf einer, mit wenigen Worten beschriebenen, Grenze zwischen Außen und Innen, von Erdachtem und Wirklichen und ich konnte mehr als einmal, in dem ich las, wie in einen Spiegel schauen… einen Spiegel der mich sozusagen von innen zeigte.

Als ich dieses Buch beendet hatte, befand ich mich in einem aufgewühlten Zustand… und wünschte trotzdem, dass die Geschichten Maqrolls nie zu Ende wären… Sie kamen mir so natürlich erzählt vor… wie Traumbilder. AM ist ein wundervoller Stilist und seine Prosa hat so etwas wie eine hypnotische Eleganz. Am Ende verleitet uns die raue Menschlichkeit Maqrolls, ihm auf seinen gefährlichen Reisen in seine eigene durcheinandergebrachte Seele zu folgen und als Belohnung winkt etwas mehr Zufriedenheit.

Wilfried John

PS: Die beiden anderen Bände der Trilogie tragen die Titel: „Ilona kommt mit dem Regen“ und „Ein schönes Sterben“ und sie enthalten weitere Geschichten des Seefahrers Maqroll… sehr empfehlenswert.

PPS: Maqroll ist in erster Linie ein Verfechter einer unerschütterlichen Freundschaft… einer Freundschaft wie man sie nur einmal in seinem Leben finden, erarbeiten und erhalten kann. Ich widme diese Besprechung, anlässlich des 30. Jahrestags unserer Freundschaft, meinem Freund Jürgen.

In Gedenken an Hans… der heute gestorben ist. Hans war Chilene… und in der Allende-Regierung für die Bodenreform zuständig. Nach dem Pinochet-Putsch mußte er fliehen und kam nach Deutschland – hier lernte ich ihn kennen. Mit ihm verband mich all die Jahre eine tiefe Freundschaft.

Der Schnee des Admirals
Alvaro Mutis
165 Seiten – Broschiertes Buch
Verlag: Suhrkamp – auch 1994
ISBN: 3-5183-8791-X
2, 95 Euro

Ilona kommt mit dem Regen
Alvaro Mutis
163 Seiten – Broschiertes Buch
Verlag: Suhrkamp – aus 1995
ISBN: 3-5183-8919-X
2, 95 Euro

Ein schönes Sterben
Alvaro Mutis
187 Seiten – Broschiertes Buch
Verlag: Suhrkamp – aus 1996
ISBN: 3-5183-9025-2
6,50 Euro

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