Antonio Dal Masetto „Noch eine Nacht“

Noch eine Nacht
Antonio Dal Masetto
267 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Rotpunktverlag – Aus 2006
ISBN: 3-8586-9309-9
19,80 €
Antiquarisch ab ca. 2,- €
Neulich regte ich mich über das Verhalten einer jungen Frau auf, die ganz offensichtlich nicht gelernt hat, einfachen, an sie gerichteten Erwartungen zu entsprechen. Nun, die Aufregung hielt nicht sehr lange an… und war dann ganz verschwunden, als mir ein Stichwort aus meiner Berufsausbildung wieder einfiel, über das ich schon damals in Streit geriet, weil ich es nicht so definierte, wie es von mir erwartet wurde: Abweichendes Verhalten.
Für die meisten meiner Kollegen war das einfach: Abweichendes Verhalten ist per se ein Verstoß gegen institutionelle oder auch allgemeine gesellschaftliche Normen. Punkt um. Damit waren die Ausbilder fertig mit dem Thema. Dass das Abweichende Verhalten aber auch als soziologisches Phänomen betrachtet werden kann, das für die Gesellschaft unentbehrlich ist und die andauernde Auseinandersetzung zwischen den Individuen und eben der Gesellschaft darstellt, das der sozialen Regulierung dient, ist ein unbequemer Gedanke.
In den ersten Jahren unserer Sozialisation, lernen wir „was man tut“ und „was man nicht tut“, also was gesellschaftlich konform bzw. nicht konform ist; trotzdem lernen wir in dieser Lebensphase auch das Lügen und in manchen Situationen handeln wir absichtlich gegen Normen. Es sind offenbar mehrere zusätzliche Kriterien erforderlich, um positives und negatives Abweichendes Verhalten zu unterscheiden; was dann unweigerlich in den Begriff Kriminalität mündet.
Als Abweichendes Verhalten wird in der Soziologie jenes Handeln von Personen oder Gruppen bezeichnet, das gegen die gültigen Normen und Verhaltenserwartungen verstößt und im Zuge der sozialen Kontrolle sanktioniert wird oder werden kann. Das bedeutet aber auch, dass es beim Fehlen einer übergeordneten Norm, keinen Verstoß dagegen geben kann. Dennoch gibt es auch ohne konkrete Normen Handlungen, die wir als Abweichendes Verhalten bezeichnen können, weil sie gesellschaftlich einfach als unanständig gelten; was außerdem noch variieren wird, da die gesellschaftliche Meinung über das was Unanständig ist keine Konstante ist, sondern – durch Abweichendes Verhalten von Individuen – Veränderungen unterliegt.
Noch deutlicher wird es, wenn gesellschaftlich mächtige Gruppen dafür sorgen, dass übergeordnete Normen zu ihren Gunsten oder zu Ungunsten anderer Gruppen verändert oder ganz aus der Rechtsetzung gestrichen werden. Wenn dann noch durch flächendeckende Desinformation erhebliche Verdeckung der Handlungen stattfindet oder etwa durch Beeinflussung der Sanktions-Behörden die Verfolgung ausbleibt, kann etwas als kriminell bezeichnet werden ohne, qua Norm, kriminell zu sein.
Ich bin ein Anhänger der Kritischen Kriminologie, die konstatiert, dass die Hauptursache für kriminelle Handlungen in den Ungleichheiten und Gegensätzen moderner Gesellschaften liegt. Somit wäre Abweichendes Verhalten nur dann negativ (und als kriminell zu bezeichnen), wenn es die gesellschaftlichen Ungleichheiten und Gegensätze konserviert oder gar verschärft und damit der Gesellschaft als Ganzem Schaden zufügt. An dieser Stelle fällt mir – auch eingedenk der Staatsbürgschaften für Banken – sofort Berthold Brecht ein, der meinte: Ein Banküberfall sei eine Unternehmung von Dilettanten, Profis gründeten eine Bank. Die Beute bleibt verschwunden.
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Um Abweichendes Verhalten und gesellschaftliche Normen, um Konventionen und sogar einen Bankraub geht es auch in dem Buch, das ich in dieser Besprechung vorstellen möchte: „Noch eine Nacht“ von Antoino Dal Masetto (ADM). Vielleicht werden einige der geneigten Leserinnen und Leser ein herzerweichendes „endlich“ stöhnen, wenn ich darauf verweise, dass es sich bei diesem Buch einmal mehr um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur handelt; genauer, um ein ausgezeichnetes Stück der Literatur aus Argentinien, das der sehr verdienstvolle Rotpunktverlag, in einer sehr ansprechenden und gut ausgestatteten Ausgabe vorlegte.
Wie nun schon in einer ganzen Reihe meiner Besprechungen, handelt es sich bei diesem Werk um ein Stück Kriminalliteratur und Antonio Dal Masetto gehört ebenfalls zu jenen Lateinamerikanischen Autoren, die – ich wiederhole mich – gerne das Genre des Kriminalromans benutzen, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss.
Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
Offenbar muss ich mich langsam von meiner Aussage distanzieren, dass ich im Allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser sei, da sich diese Form des Geschichten-Erzählens mehr und mehr in der aktuellen Lateinamerikanischen Literatur ausbreitet und ich als Leser zeitgenössischer Werke dieser Weltgegend, mittlerweile also öfter Krimis lese. Aber die Neueren Lateinamerikanischen Autoren repetieren nicht einfach die gängigen Krimiklischees, sondern sie machen aus dieser Form ebenso anspruchsvolle Literatur, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Der hier erstmalig vorzustellende Autor ist hierin keine Ausnahme.
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Antonio Dal Masetto (ADM) wurde 1938 in Intra/Italien geboren. Seine Eltern waren Bauern und die ersten Jahre seines Lebens waren einfach und hart. Wie in dieser Zeit und in diesem sozialen Umfeld üblich, hatte er seinen Teil der Familienarbeit im Garten und im Weinberg zu leisten. Grundschule in einer strengen katholischen Schule und nach dem Unterricht Schafe und Ziegen hüten. 1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der in Norditalien mit aller Schärfe ausgetragen wurde und viele Lebensgrundlagen zerstörte, wanderte die Familie – wie übrigens sehr viele Italiener – nach Argentinien aus.
Seine Familie ließ sich in Salto, einer Kleinstadt in der Provinz Buenos Aires, nieder, wo schon ein Onkel wohnte. ADM gab zu Protokoll, dass dies eine harte Zeit war und er sich in der Fremde, die nun seine Heimat sein sollte, wie ein Marsmensch vorkam. Die Sprache in der er später schreiben sollte, lernte er größtenteils aus Büchern, die er in der Stadtbibliothek eher zufällig auslieh und von der Sprache der Straße, was sich in seinem späteren Schreiben niederschlagen wird. Im Alter von 18 zog er nach Buenos Aires und wollte Schriftsteller werden.
Auch hier war das Leben hart und sein kümmerliches Brot verdiente sich ADM als Maurer, Maler, Eisverkäufer, Hausierer mit Haushaltswaren, Angestellter im öffentlichen Dienst und schließlich Journalist. Er traf in der Stadt aufstrebende Autoren wie Miguel Briante, Abelardo Castillo und Jorge Di Paola, mit denen gemeinsam er sich auf die Suche nach seiner Literatur machte und im Jahre 1964 fand sein erster Gedichtband „Sealing“ in der Casa de las Americas eine wohlwollende Erwähnung. Im selben Jahr heiratete er Maria Di Silvio und am 30. Juni 1965 wurde sein Sohn Mark geboren. Im Jahr 1969 veröffentlicht er seinen ersten Roman.
Über die dunklen Zeiten der Diktatur ist mir nichts bekannt; ich nehme an, dass es für ihn und seine Familie – 1976 wurde seine Tochter Daniela geboren – ums Überleben ging. Erst 1981 begann für ihn das Leben, das er sich gewünscht hatte und er konnte als Schriftsteller arbeiten. In rascher Folge erschienen nun Romane, die immer autobiographische Bezüge aufweisen. Für viele seiner Werke wurde er geehrt und mehrere seiner Romane wurden verfilmt – so auch der Roman, um den es in dieser Besprechung gehen soll. ADM ist noch immer Mitarbeiter bei der Zeitschrift „Pagina 12“
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ADM legt auf den ersten beiden knappen Kapitel (Umfang drei Seiten) seines Romans die Stimmungen fest, die sich durch das ganze Werk ziehen werden: Die Gespanntheit von vier Männern, die mit einem schwarzen Peugeot unterwegs sind und – ganz im Gegensatz dazu – die öde Langeweile von drei Faulenzern, die – an einem glühend heißen Tag – im Schatten liegen und von warmem Wein schon leicht benommen, nichts weiter bemerken. In einer Kneipe nehmen die vier Männer ein Bier, prosten sich einander zu und wünschen sich gegenseitig eine baldige Rückkehr nach Hause.
Gleich darauf sehen wir den schwarzen Wagen mit Hauptstadtkennzeichen an den Faulenzern vorbeifahren, die ihm gerade so viel Aufmerksamkeit entgegen brachten, dass sie vier Männer im Auto bemerkten; mehr nicht. An diesem extrem heißen Tag kommen vier Männer, Carlos („Cucurucho“), Ramiro, Dante und Jorge, in dem schwarzen Peugeot in das argentinische Dorf Bosque. Sie nehmen sich zwei Doppelzimmer im Hotel „España“. Was die Männer in dem Dorf vorhaben, ob sie überhaupt etwas planten oder lediglich auf einer Ausfahrt zufällig hier her geraten sind, bleibt zunächst in der Schwebe.
Was beginnen mit dem angebrochenen Tag? Zwei der Vier wollen ausgehen. Ramiro stößt am Abend auf eine Feier mit einem Mann und einer Frau, die wie ein Brautpaar gekleidet sind. Aber es handelt sich nur um einen von dem Rechtsanwalt Varini angezettelten Spaß auf Kosten des Dorfdeppen Pedro. Der Anwalt holte am Nachmittag die Prostituierte Beatriz ins Dorf und redete Pedro ein, es sei dessen Braut. Ein derber Spaß, der ebenso derb erzählt wird, wie man es sich für ein Hinterwäldler-Dorf vorzustellen hat.
Jorge ist in einem Tanzlokal gelandet und tanzt mit Adriana, einer sehr attraktiven, jungen Frau; die Dorfschönheit, auf die es alle Typen abgesehen haben, ohne je eine Chance zu haben. Jorge aber macht Eindruck auf sie und sie macht Jorge lasziv an; sie verabreden sich und wollen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, getrennt gehen. Als Jorge geht, rempelt ihn ein Einheimischer an, dem es offenbar nicht gefällt, wenn ein Fremder mit dem begehrtesten Mädchen aus dem Dorf tanzt. Jorge lässt sich jedoch nicht provozieren, denn er will zu seiner Verabredung. Adriana nimmt ihn in ihrem Mercedes mit zu einem Park außerhalb des Dorfes, wo sie auf dem riesigen Anwesen ihres Vaters Garrido ein Nebengebäude bewohnt. Sie soll zwar im nächsten Monat heiraten, aber bis dahin sieht sie keinen Grund, auf eine Nacht mit einem aufregenden Mann zu verzichten.
Am nächsten Tag, kurz vor Dienstschluss, überfallen Dante, Ramiro und Cucurucho die Bank, während Jorge draußen im schwarzen Peugeot wartet. Sie bringen den Wachmann, die Angestellten und Kunden in einen Nebenraum und knebeln und fesseln sie, dann zwingen sie den Filialleiter Fernández, den Tresor zu öffnen. Währenddessen sieht Jorge einen Polizisten auf der Straße vor der Bank; es ist jener Mann, der ihn am Abend zuvor angerempelt hatte. Er hofft, dass seine Komplizen nicht gerade jetzt herauskommen. Aber da tauchen sie auf und rennen mit der Beute zum Auto. Jorge rast los. Der Polizist schießt und trifft einen Hinterreifen.
Die vier Bankräuber lassen das Auto stehen, laufen mit der Beute zu einem geparkten Wagen, schlagen ein Seitenfenster ein, kriegen den Motor aber nicht gestartet. Ein anderes Auto nähert sich. Sie ziehen ihre Pistolen und halten das Auto an. Sie zerren den Fahrer, einen alten Mann, aus dem Auto und wollen flüchten. Aber zwei querstehende Autos blockieren die Ausfallstraße. Sie wenden, um auf der anderen Seite das Dorf zu verlassen, aber da steht ein Lastwagen im Weg. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu Fuß zu fliehen.
Sie rennen in ein Haus hinein und durch eine Hintertür wieder hinaus. Zufällig handelt es sich um die Villa des oben erwähnten fiesen Rechtsanwalts. Die Frau des Rechtsanwalts schreit hysterisch um Hilfe und ihr Mann stürzt ins Haus. Anstatt die Frau, die mindestens zehn Jahre älter ist als er, froh über den Beistand ist, keift sie jedoch ihren Mann an und will wissen, mit welcher Schlampe er die Nacht verbracht hätte; offenbar war ein solcher Spaß wie mit der Prostituierten Beatriz kein Einzelfall. Der Anwalt nutzt die Gelegenheit, ersticht seine keifende Frau und rennt schreiend – die Bankräuber hätten seine Frau ermordet – auf die Straße.
Das ganze Dorf erwacht aus seiner Lethargie. Bald sind alle Bewohner auf den Beinen und aus einer anfangs unorganisierten Verfolgung wird bald eine organisierte blutrünstige Jagd… an deren Ende die Leichen der vier Bankräuber zum Polizeirevier gebracht werden. Die Beute aber bleibt verschwunden.
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Wie ich oben schon schrieb, ist „Noch eine Nacht“ von ADM vordergründig offensichtlich ein Kriminalroman; manchmal kamen mir sogar Bilder wie aus einem Italo-Western in den Sinn. Im Hintergrund ist der Roman aber mehr und ADM lässt den Krimi eine Milieustudie, eine Gesellschaftssatire transportieren, die oft den Krimi-Plot hinter sich lässt. Es geht um Fremdenhass, die Doppelmoral der Honoratioren, die Biederkeit der Dorfbewohner, die zum blutrünstigen Mob werden. Es geht aber auch um das moralische Verhalten der Außenseiter und darum, dass man vorher nicht sagen kann, wer gut und wer böse ist.
ADM verzichtet auf die Charakterisierung seiner Figuren und lässt die Ereignisse in „Noch eine Nacht“ einfach geschehen, ohne auf das Woher und Warum einzugehen; darauf kommt es ihm offensichtlich auch nicht an. Die Wirkung des Romans ergibt sich aus der dicht erzählten düsteren Atmosphäre, die einfache, fast emotionslose Sprache und den holzschnittartig skizzierten Plot, der in zweiundvierzig knappen Kapiteln entwickelt und schnörkellos vorwärts getrieben wird.
Nun habe ich schon oft zu Protokoll gegeben, dass ich mich eigentlich nicht als den typischen Krimi-Leser sehe und so habe ich nicht den rechten Überblick darüber, was an Erzählweise in Krimis üblich oder unüblich ist. Wie dem auch sei, ich gehe davon aus, dass die übliche Erzählweise je ist, die verschiedene Handlungsfäden im Verlauf eines Romans oder Films zusammengeführt und auf einen wie auch immer gearteten Höhepunkt zutreibt. ADM macht das in „Noch eine Nacht“ eher umgekehrt: Zu Beginn des Romans ist eine Situation konstatiert und im Verlauf des Romans zerfasern die Handlungsfäden mehr und mehr… aus den Gruppen werden Einzelne, aus gemeinsamen Interessen werden Einzelschicksale.
Wenn ich oben sagte, dass ich mitunter Bilder eines Italo-Western im Kopf hatte, hängt das wohl daran, dass schon der Roman viel von einem Drehbuch hat und der Autor sein dramaturgisches Handwerk versteht; er besitzt eine grandiose Sicherheit dafür, den Verlauf der Geschichte an den richtigen Stellen vorwärts zu treiben oder aber eben zu verharren. Folgerichtig ist dieser Roman auch erfolgreich verfilmt vom Regisseur Jorge Polaco unter dem Originaltitel des Romans „Siempre es difícil volver a casa“ verfilmt worden.
„Noch eine Nacht“ hat einfach alles, was man sich von guter Unterhaltung erwartet: Knappe aber präzise Schilderung menschlicher Abgründe, überraschende – in die Erzählung eingebettete – Einschübe, Humor und Komik (mal feiner und mal derbe) und eine gehörige Portion Erotik; Jorges Nacht mit Adriana knistert geradezu davon und ist köstlich zu lesen. Obwohl man das Ende von Anfang an ahnt, ist der Roman obendrein spannend bis zum Schluss.
Wäre man im Rotpunktverlag so klug gewesen und hätte darauf verzichtet, dem Werk unbedingt einen anderen Titel zu geben, hätte der Verlag auch die Pointe des Romans nicht verdorben, die im Originaltitel steckt: „Siempre es difícil volver a casa“; deutsch: Es ist immer schwer nachhause zu kommen… der auf der ersten Seite ausgesprochene Wunsch der vier Männer ging nicht in Erfüllung. Zum Schluss noch eine Bemerkung zu diesem Buch, die als Besprechung eben in jener Zeitschrift PAGINA/12 abgedruckt war, bei der ADM mitarbeitet und die das Werk einzigartig zusammenfasst: „Eine furchtbare Geschichte, großartig erzählt.“
Wilfried John