Antonio Lobo Antune „Buch der Chroniken“

Buch der Chroniken
Antonio Lobo Antunes
384 Seiten – Englische Broschur
Verlag: Luchterhand – Aus 2006
ISBN-10: 3-6306-2086-8
10,00 €uro
Antiquarisch billiger

Pro:
Ein Buch wie ein Aufatmen, ein Lächeln, ein Augenzwinkern
Kontra:
Ich hätte es mir als luxusausgestattetes gebundenes Buch gewünscht
Die Weite der Nähe und das Äußere des Inneren
Alltag Für die meisten Leute hierzulande ist dieses Wort ein Begriff, der nicht sehr hoch im Kurse steht; steht er doch für alles Gewöhnliche, für eingefahrene Gleise, für Langeweile und sogar für das Ungemach alltäglicher Last und Gezänk. Natürlich, all das kommt im Alltag auf uns zu, doch von Nahem gesehen, sind das doch lediglich Indizien, Symptome des menschlichen Umgangs mit der Situation des Alltags und nicht um Merkmale des Alltags selbst.

Dieser weit verbreitete, Gewöhnlichkeit und Gezänk zulassende, Umgang mit dem Alltäglichen, ist ein Missverständnis, das zu den genannten Symptomen führt. Das, meiner Meinung, größte Missverständnis ist es, eben diesem Alltag jedwede Außergewöhnlichkeit abzusprechen und sie stattdessen in Situationen wie Ferien, Urlaub oder Feste zu vermuten… ja sogar zu meinen, dass Außergewöhnlichkeit nur in diesen Situationen vorkommen könnten.
Ein weiteres, gelinde ausgedrückt, Missverständnis ist es, dass es die Haltung des „Größer-Schneller-Weiter“ augenscheinlich in die Köpfe vieler Menschen geschafft hat (besser gesagt – haben das diejenigen geschafft, die an dieser Haltung profitieren). Es ist die Suche nach immer neuen Thrills, Hypes und Extravaganzen der Spaßgesellschaft, die jene Menschen, welche sich an ihr beteiligen, hindert, den Wert kleiner alltäglicher Geschichten und Vorkommnisse im rechten Licht zu sehen.
Dies jedoch zu tun und den kleinen Dingen des Alltags den rechten Wert beizumessen, würde auch den Begriff als solchen wieder entstauben und neu bestimmen. Das Leben findet nämlich nicht in Sondersituationen statt, sondern im Alltag… und wie interessant es sein kann sich mit Alltäglichem zu beschäftigen, dem normalen Leben seinen Reiz abzugewinnen, ja sogar eine ganz alltägliche Zufriedenheit zu leben, wird demjenigen eine neue Lebensqualität vermitteln, der sich einmal auf diesen Gedanken einlässt.

Es gibt einen Schriftsteller, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, sich mit den kleinen Geschichten der Alltäglichkeiten zu beschäftigen, sondern der eher die ganz großen Geschichten in wunderbaren Romanen erzählt. In dem hier vorzustellenden Buch jedoch, hat er sich auf den Gedanken aus dem Vorwort eingelassen und beschreibt in diesem Buch etwas, das sein Alltag sein – oder gewesen sein – könnte. Vielleicht liegt es an seiner Herkunft, oder vielleicht in der Zeit begründet, in der er das Leben begann oder an den Verhältnissen unter denen er aufwuchs, dass ihm auch diese kleinen Geschichten wichtig sind; wahrscheinlich liegt es – jeweils zu einem gewissen Teil – an allen drei Gründen zusammen. Es entspricht übrigens meiner Überzeugung, dass es zum Verständnis seines Werkes unabdingbar ist, jeweils diese drei biographischen Aspekte des Lebens eines Autoren in Augenschein zu nehmen, der das Werk schuf: Antonio Lobo Antunes.

Antonio Lobo Antunes (kurz ALA) wurde am 1. September 1942 in Lissabon/Portugal geboren. In Europa und der Welt tobte der Krieg, in Portugal herrschten die Faschisten und die Geschäfte mit dem Krieg liefen glänzend. ALA wurde in eine Familie hineingeboren, die als Teil der portugiesischen Groß-Bourgeoisie in diese Geschäfte verstrickt war. Seine Kindheit verlief, soweit man annehmen kann und man es auf materielles bezieht, sorgenfrei. Schon früh entdeckte ALA die Literatur und es wird kolportiert, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren „entschlossen“ hatte Schriftsteller zu werden; was nicht im Interesse seines Vaters war. Es wird berichtet, dass ALA im Alter von 16 von seinem Vater zum Medizinstudium „geschickt“ wurde. ALA studierte zwar fleißig, aber offenbar befasste er sich schon während seines Studiums intensiv mit Literatur und schrieb auch selbst.
Sein Medizinstudium machte Fortschritte und er spezialisierte sich in der Psychiatrie. An der Universität politisierte sich ALA und während der Salazar-Diktatur war er Mitglied der KP im Untergrund. Nach seiner Ausbildung musste er die „militaristische Tradition“ seiner Familie fortsetzen und musste in die Armee, was ihn zur Teilnahme am Krieg in Angola zwang; ALA verrichtete seinen Militärdienst in einem Militärhospital, was sich nachhaltig auf sein Leben auswirken sollte, da er hier seine Sicht auf den Tod und seine Sicht auf die Verhältnisse des afrikanischen Lebens prägte. 1973 kam er aus Afrika zurück und nahm seine berufliche Arbeit als Mediziner auf; zunächst arbeitete er einige Monate in Deutschland und Belgien, dann wurde er für mehrere Jahre Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Lissabon. Die Diktatur in Portugal lag in den letzten Zügen und 1974 beendete die sog. Nelkenrevolution die 52 Jahre andauernde Herrschaft der portugiesischen Faschisten.
1976 veröffentlichte ALA seinen ersten Roman „Elefantengedächtnis“, in dem er seine Scheidung verarbeitete und 1979 erfolgte dann, mit der Veröffentlichung von „Der Judaskuss“ der erste Paukenschlag: Seine damals unverhohlene Kritik an bürgerlichen Intellektuellen und politischen Mitstreitern, sein unkonventioneller Gebrauch von Umgangssprache, brachte ALA massive Ablehnung von Seiten der portugiesischen Kulturelite ein. Wohingegen die Vertreter der dogmatischen Linken den unqualifizierten Vorwurf erhoben, seine Romane seien unpolitisch und eine kleinbürgerliche Nabelschau; offensichtlich fühlten sich beide Seiten vorgeführt. Durch den Erfolg seiner ersten Romane beschloss ALA, seinen medizinischen Beruf teilweise aufgeben und zu schreiben. Mittlerweile liegen über 20 Romane vor, die in alle wichtigen Sprachen übersetzt wurden.
Dabei handelte es sich um psychologisch fundierte Studien, die von tragischen Biographien, von Tod und Krankheit, Trennungen und unerfülltem Leben erzählen. In seinen besten Romanen thematisiert er die gesellschaftlichen Verhältnisse Portugals während der Diktatur und vor allem die unselige Rolle Portugals in Afrika; was ihm bis heute in Portugal verübelt wird. Auch setzt er sich intensiv und kritisch mit der gegenwärtigen portugiesischen Gesellschaft auseinander und vermeidet weder „heilige“ Themen wie Familie, noch das glorifizierte Geschichtsbild der Portugiesen; er ist deshalb daheim unbeliebt und gilt als Nestbeschmutzer. Sein Werk gilt als Weltliteratur und mehrfach wurde er schon mit dem Literatur-Nobelpreis in Verbindung gebracht. ALA zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Heute lebt er als Schriftsteller in Lissabon.
Das hier zu besprechende Buch ist der erste Band einer Sammlung von meisterlichen literarischen Miniaturen, die der Autor zwischen 1993 und 1998 (in 14-tägigem Turnus) für die Wochenendausgabe der portugiesischen Zeitung “Publico” geschrieben hat. Es wird sicher unbestritten sein, dass die Literatur des Autors ALA zur sog. Weltliteratur zu zählen ist… wiewohl er hierzulande dennoch nur einem kleinen Teil der Lesenden tatsächlich bekannt ist. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die großen Romane des Autors umfangreiche, mehrstimmige, vielschichtige Kunstwerke sind, welche außerdem mit meist verwirrenden Romanzeiten, nicht eben von der puren Lebensfreude künden, sondern eher – typisch portugiesisch – von melancholischer Art sind und die obendrein in einer Weise erzählt werden, die eher nicht den normalen Lesegewohnheiten entspricht.

Oft hörte ich die Kritik, dass ALA eigentlich nicht flüssig lesbar sei – und es wohl daran liegen wird, dass die Fan-Gemeinde hierzulande eher klein ist. Nun, einerseits ist ALA wirklich nicht einfach zu lesen, doch andererseits klingt das einem wahren Literaturliebhaber doch wie eine Ausrede für geistige Bequemlichkeit. So! Mit dem Titel “Buch der Chroniken“ ist jetzt diesen Ausreden jeglicher Boden entzogen, denn in den darin enthaltenen 108 (!) wundervollen meisterhaft erzählten kleinen Erzählungen, die längstens 4 Buchseiten füllen, gilt es einen Autor zu entdecken… ganz so, als sei das ein Newcomer.

Aber natürlich ist es nach wie vor ALA der sich da äußert. Viele seiner Motive, beschriebenen Lebenslagen, Orte und Figuren kommen Kennenden von ihm bekannt vor; wenn sie auch nicht ausdrücklich in anderen Werken auftraten. Aber die damit verbundene Stimmung ist eine andere: Lockerheit, Gelassenheit, sogar Witz kommen zum Vorschein. Ich bin mir sicher, dass das natürlich auch am Veröffentlichungsort liegen mag: der Sonntagsbeilage der o.g. Lissaboner Zeitung. Doch sollte man nicht erwarten, dass die Geschichten vom Autor mal eben nebenbei verfasst wurden; im Gegenteil, in ihnen fließt dieselbe Energie wie in seinen großen Romanen.
Ich bin davon überzeugt, dass ein Künstler vom Range des hier vorgestellten Autors, selbst mit `Fingerübungen` noch um einiges besser zu schreiben imstande ist, als viele andere. Doch sollte man nicht verkennen, dass ALA sich auch an ein – ihm nicht immer wohlgesonnenes – portugiesisches Publikum wendet. Schon allein darum wird er sich – auch wenn´s „nur“ für die Zeitung ist – sicher keine Blöße geben und nicht auch in diesen Miniaturen sein ganze Meisterschaft entfalten.
Buch der Chroniken versammelt geistreiche, brillant formulierte Stücke, kleine literarische Schätze, die sich sprachlich-stilistisch im Einflussbereich der Glossen oder der Aphorismen bewegen; es wäre sicher auch möglich – wegen ihrer regelmäßigen Veröffentlichung in einer Tageszeitung – sie in die Nähe einer Kolumne stellen (ganz ähnlich: Dornröschens Flugzeug von Gabriel Garcia Marquez – auch hier bei Ciao vorgestellt). Aber während Marquez (gesellschafts-)politische Themen verarbeitete, richtet ALA einen sehr persönlichen Blick auf seine eigene Vergangenheit, erzählt er von den Helden seiner Kindheit, erzählt von seiner Familie und seinen Kindern, von Freunden und von flüchtigen Erlebnissen mit Unbekannten. Er erzählt aus seinem Leben.
Insofern gibt er uns mit Leichtigkeit – neben dem Vergnügen beim Lesen seiner Geschichten – auch all jene Einblicke in sein Leben, seine Vorstellungen davon oder Erklärungen darüber, die (wenn überhaupt) in seinen großen Romanen schwer zu finden sind. Dazu nimmt ALA die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens her, verzichtet auf die große (Welt-)Politik, schreibt – typisch Kolumne eben – über die sprichwörtlichen Themen „Gott und die Welt“. Ganz wie im Alltag zuhause am Küchentisch, reihen sich die Themen aus Beruf, Gehörtem, im Vertrauen Geflüstertem und Freizeitbeschäftigung aneinander. Es sind Geschichten über Fußball, die Buchmesse, Karneval und die Erfahrungen des Autors mit der Psychiatrie.
Die kleinen Texte scheinen sich auf den ersten Blick völlig vom großen, gewaltigen, reißenden Fluss seiner Romane zu unterscheiden; aber eben nur auf den ersten Blick. ALA gelingt es aber meisterlich, dass sich aus irgendeiner – fast beiläufig erzählten – Nebensächlichkeit, ebenso wie in seinen Romanen, ein ganzer Kosmos aus Gedanken und Empfindungen in uns erschließt; obwohl wir doch oft von den beschriebenen Leuten, Orten oder Verhältnissen keine persönliche Erfahrung haben.
Die erste Geschichte des Bandes „Lob der Vorstadt“, die im Lissaboner Stadtteil Benfica zur Zeit der Kindheit des Autors spielt, ist schon quasi eine programmatische Einstimmung ins Folgende: ALA beschreibt die gegensätzlichen Welten von wohlhabenden Familien (aus einer von ihnen stammt er) und den armen Leuten, er beschreibt uns riesige Anwesen zwischen Armensiedlungen und kleinen Werkstätten, und er träumt sich zurück in die kindliche Naivität, während er gleichzeitig die Veränderungen von damals zu heute registriert. Diese Gleichzeitigkeit von Erinnerung und Gegenwart kann natürlich nur als geistige Substanz bestehen und das Verblüffende: ALA gelingt es, uns darin einzubeziehen… wie es scheint.
Natürlich spielen die persönlichen Traumata des Autors in diesen Geschichten auch eine Rolle; z.B. das Kriegs-Trauma aus dem Angola-Einsatz oder das kritische soziale Gewissen der Oberschicht sich selbst gegenüber. Aber das Ganze kommt – wie man sich denken wird – nicht einfach nur als formale, eindimensionale, grobschlächtige Gesellschaftskritik daher, sondern in einer Art, welche die Vielschichtigkeit eines schicksalhaften Zusammenlebens von Individuen in einer Gesellschaft nicht außer Acht lässt.

Meine persönliche Meinung müsste ich – glaube ich – eigentlich nicht mehr extra zu Protokoll geben: Ich bin von den „Chroniken“ begeistert. Diese literarischen Miniaturen, über das Ambiente von Lissabons Häusern und Gärten, über Zeiten und Jahreszeiten, über eigene Gedanken und Gedanken anderer, über Fremde und Familie sind manchmal komisch und ironisch, immer liebevoll und von einer eminenten Zärtlichkeit…
Natürlich musste ich davon ausgehen, dass der Autor die Stilmittel von Groteske, Ironie und Sarkasmus ebenso meisterhaft beherrscht, wie Tragödie und Drama. Aber das so perfekt vor Augen geführt zu bekommen, ist wahrlich ein großartiges Erlebnis. Klar, auch der klassische Portugiese, der mit seiner ambivalenten Melancholie, die selbst im rotesten Apfel der nagenden Wurm schon sieht, der sich am Schmerz beglücken kann und inmitten seines Glückes den Schmerz des Vergehens spürt, auch dieser Portugiese kommt in den Geschichten vor.
ALA, der mit seinen großen Romanen oftmals sehr verklausuliert, fast hermetisch, sehr distanziert, die Abgründe der menschlichen Seele untersucht (und damit kein großes Publikum erreicht), schreibt in den „Chroniken“ über ganz ähnliche Themen sehr zugänglich, sehr vergnüglich und obendrein sehr persönlich… was mir dazu geeignet erscheint, dass ein größeres Publikum Zugang zu einem der größten Schriftsteller unserer Zeit zu bekommen kann.
Aber Vorsicht… „Buch der Chroniken“ ist sozusagen eine Einstiegsdroge… die wohl den geschätzten Kollegen Albert Ostermaier dermaßen stimulierte, dass er seiner Begeisterung mit folgenden Worten (und weil ich keine besseren finde zitiere ich sie) Ausdruck verleih: „Das ist ein Buch wie ein tiefes Luftholen vor dem nächsten Höllenkreis… wie das Licht, bevor man in den Schatten tritt, und das man nicht vergisst, auf der Haut, in den Augen. Es zeigt das Lächeln vor den Zornesfalten, das Augenzwinkern vor dem sich verdüsternden Blick, das Glauben an den Menschen vor der Ungläubigkeit und der späteren Gewissheit, wozu er fähig ist.“
Wilfried John