Antonio Lobo Antunes „Das Handbuch der Inquisitoren“

1997 Buchmesse Frankfurt… Ich tummelte mich durch die Hallen der Ausstellung und freute mich still und leise, dass die Literatur, die Autorinnen und Autoren „meines“, klammheimlich zur zweiten Heimat erklärten, Portugals, das diesjährige Schwerpunktthema und so endlich eine größere Öffentlichkeit für wundervolle Bücher in Deutschland geschaffen war. In der Folgezeit sollte sich beweisen, dass es in der Tat gelungen war, viel Aufmerksamkeit auf die Portugiesische Literatur zu lenken… immerhin erhielt im Folgejahr José Saramago den Nobelpreis für Literatur. Aber leider wurden nicht alle Autorinnen und Autoren gleichermaßen mit Aufmerksamkeit bedacht… und einer den das nicht stören muss und wird, der aber dennoch nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit genießt, ist Antonio Lobo Antunes (ALA).

ALA wird seit langer Zeit von einem eher kleinen Kreis von Leserinnen und Leser hierzulande sehr geschätzt… und leider hat die oben erwähnte Frankfurter Buchmesse seine Leserschaft nicht entscheidend erweitern können. Der zeitgenössische portugiesische Autor zählt zwar anerkanntermaßen zu den Schriftstellern der Weltliteratur, aber er wird, gemessen an seiner Bedeutung, regelmäßig bei großen Auszeichnungen „vergessen“. Nicht, dass man denken möge, ich gönnte Saramago den Nobelpreis nicht… ganz im Gegenteil halte ich die Verleihung an ihn aus literarischer Sicht, für die nachvollziehbarste des letzten Jahrzehnts… aber die Frage stellt sich mir einfach: Wann wird ALA den Nobelpreis in Händen halten?

Wer ist eigentlich, ALA? Nun, in dürren Fakten aufgelistet, ist das schnell erklärt: geboren 1942 in Lissabon, Studium der Medizin, Wehrdienst und Einsatz im Angola-Krieg, danach Arzt einer psychiatrischen Klinik, dann freier Schriftsteller. Natürlich können wir uns vorstellen, dass hinter all den mageren Fakten eine Geschichte steht, dass all diese Geschichten den Mann prägten und, dass all diese Prägungen das unverwechselbare Profil dieses Menschen ausmachen. Über ALA ist an sich sehr wenig zu erfahren, selbst in Portugal wird er nicht sehr häufig öffentlich vorgestellt, was damit zu tun haben mag, dass er als Nestbeschmutzer gilt… Aber seit wann ist einer ein Nestbeschmutzer, wenn er Dreck aus dem Nest HINAUS wirft? Wie dem auch sei, ALA erklärt sich, seine Prägungen, seine Geschichte, sein Leben in seiner Literatur… wovon der Roman um den es hier gehen soll, ein herausragendes Beispiel ist. Ich will gerne gestehen, dass sich mir der Autor auch nicht sofort erschlossen hat…

ALA ist seit langem so etwas wie ein Kronzeuge des politischen Grauens einer untergehenden, zum Untergang verdammten Diktatur. In seinen Büchern verarbeitet er immer Geschehnisse der jüngsten portugiesischen Geschichte, mal in persönlich gehaltenen (z.B. Anweisung an die Krokodile – Besprechung folgt noch), mal aber auch in kunstfertig komponierten gedichtsgleichen Texten (z.B. Die Rückkehr der Karavellen). Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund wenn es darum geht, einer sich fast für die Geschichte genierenden Öffentlichkeit, unbequeme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen, wenn er von den Schrecken der faschistischen Diktatur Salazars oder die Grausamkeit des Kolonialkriegs in Angola erzählt. Portugal hat bis heute seine Geschichte nicht verarbeitet, schlimmer noch, viele leben in einer noch ferneren Vergangenheit, den glorreichen Zeiten des Weltreichs, und sind noch gar nicht im zwanzigsten Jahrhundert angekommen. Kein Wunder also , wenn ALA in Portugal nicht wirklich geliebt wird.

„Das Handbuch der Inquisitoren“ nun, spielt kurz vor und kurz nach der sog. Nelkenrevolution, durch die das faschistische Salazar-Regime am 25.4.1974, nach fast 52 Jahren Herrschaft, endlich beseitigt . Unbestrittene Hauptperson des Romans ist ein Großgrundbesitzer, den alle nur den Herrn Doktor nennen und der früher einmal Minister des Salazar-Regimes war. Er hat sich viele Privilegien gesichert und nennt ein Landgut sein Eigen, auf dem er quasi regiert… auf dem er so im Kleinen regiert, wie das Regime es im Großen tut/tat. Er duldet keinen Widerspruch, nimmt sich alles was er will, wenn es sein muss mit Gewalt und bestimmt über die Lebensläufe seiner Bediensteten – kurz, er gebärdet sich so, wie sich eben dem Klischee nach ein Großgrundbesitzer seinen Leibeigenen gegenüber gebärdet.

Aber die Zeiten ändern sich für ihn unbemerkt… wie eben ein Mensch der nie auf anderes als auf sich zu achten musste, nichts von Veränderungen außerhalb seiner unmittelbaren Nähe mitbekommt. Sein Landgut, auf dem er sich früher mit Salzar, Ministern und Militärs zum Kaffee traf, gerät schon in Verfall. Die Felder liegen brach… So wie die Macht des Regimes verfällt, so verfällt auch die Bedeutung des Herrn Doktor und seines Landgutes… das man sich andernorts beginnt intrigant unter den Nagel zu reißen, um aus dem schön gelegenen Gelände eine Ferienanlage zu machen… So wie der Diktator gestürzt wurde, so wird auch der Herr Doktor gestürzt und liegt letztlich siech in einem Krankenhaus.

Die Geschichte, dieses Romans wird quasi von den im Buch vorkommen die Personen, die unter dem Herrn Doktor zu leiden hatten, selbst erzählt; ALA fügt dem Ablauf keinen außenstehenden Erzähler bei, kein Moderator kommt zu Wort. Zu Wort kommen neunzehn Figuren… u.a. der nichtsnutzige Sohn, die alte Haushälterin, die Magd, der Chauffeur, der Tierarzt, der gezwungen wird, das vom Herrn Doktor regelmäßig vergewaltigte Dienstmädchen im Stall zu entbinden, und der Doktor selbst… Sie berichten teil angeekelt, teil auch verwundert, teil erschüttert, aber auch teils von alter Bewunderung für den Herrn Doktor getragen, von der Vergangenheit vom Untergang einer Welt. Es ist wirklich unglaublich, wie ALA es schafft, immer wieder die große Geschichte Portugals, an der Geschichte des Gutes und der Familie zu reflektieren… immer genauer wurden meine Vorstellungen von einem Leben in der Diktatur, von einem Leben in der Rechtlosigkeit, von einem Leben, in dem man einer scheinbar willkürlich ausgeübten Gewalt ausgeliefert war.

ALA verarbeitet in „Das Handbuch der Inquisitoren“ zwar vordergründig ein portugiesisches Thema, aber dieses Buch scheint von einer gewissen Allgemeingültigkeit zu sein. Auch wenn so manche Passage des Romans völlig absurd erscheint, so ist das dennoch nichts weiter, als die Darstellung der Absurdität von selbstgefälliger Machtbesessenheit und Dünkel, von elitärem Machtanspruch und kleingeistiger Angst vor Anschlägen. Es ist die Absurdität des Irrglaubens des Mächtigen, dass ihm doch alles gehorchen muss, weil er es nicht anders gewohnt ist, da alle immer vorauseilend gehorchen. Ein Beleg für diese Absurdität, ein Beispiel ist die wunderbare Passage, in der Salazar die Geheimpolizei Salazars PIDE dazu benutzen will, die Raben, welche auf dem Landgut nisten, zum Gehorsam zu zwingen und die PIDE in einem bewaffneten Überraschungsangriff die Vögel jagt.

ALA beschreibt in „Das Handbuch der Inquisition“ eine Gesellschaftskritik… prangert Duckmäusertum an, beschreibt den Übergang von der Diktatur zu Demokratie, in der die handelnden Personen im Hintergrund die selben bleiben… in der es von Wendehälsen nur so wimmelt. Er entblößt eine Gesellschaft, in der die Menschen nach oben buckeln und nach unten treten… und macht sich so abermals keine Freunde im eigenen Land. Wir kennen das doch nicht etwa aus der jüngsten Geschichte in Deutschland?

ALA erzählt in Handbuch der Inquisitoren in einer unglaublich virtuosen Sprache, mit wenigen Worten schafft er es, Bilder ganzer Landschaften, innerer wie äußerer, zu malen, die mich nach kurzer Zeit schon in seinen Bann zogen. In einem Interview sagte ALA: „Ein Autor schreibt wirklich gut, wenn er in der Lage ist, das auszudrücken, was nicht vorhanden ist und man dabei trotzdem spürt, was er sagen will.“ Vielleicht ist er als Arzt der sich mit der
Psychoanalyse beschäftigt prädestiniert Erzähltechniken einzusetzen, die ungewöhnliche Perspektiven vermitteln… In jedem Falle aber, muss seine Leserschaft bewundernd anerkennen, dass die Perspektiven nur deshalb ungewöhnlich scheinen, weil sie selten so wundervoll eindringlich beschrieben werden. Mich jedenfalls hat das Buch fasziniert… und es war mir, trotz des ernsten Themas, eine Freude es zu lesen.

Wilfried John

Das Handbuch der Inquisitoren
Antonio Lobo Antunes
456 Seiten – gebundene Ausgabe
Luchterhand Literaturverlag von 1997
ISBN: 363086967X
24,53 Euro

Die Taschenbuchausgabe
456 Seiten
Verlag Fischer TB von 1999
ISBN: 3596141915
10,17 Euro