Antonio Lobo Antunes „Der Tod des Carlos Gardel“

Manche Bücher bleiben viel zu lange ungelesen in meinem Bücherregal stehen… es ist mir nicht möglich zu sagen, warum es das eine Buch betrifft und andere eben nicht. Schon oft habe ich mir darüber Gedanken gemacht, an was es wohl liegen könnt… Ist es vielleicht ein momentaner Sättigungsgrad betreffs des Autors, der Themen oder des Genre? Liegt es an momentanen Stimmungen, Neigungen/Abneigungen oder persönlichen Erfordernissen? Kann es an der Liebe, der Trauer oder der Müdigkeit liegen? Ja, es kann an all dem liegen. Aber bei diesem Buch lag das einfach daran, dass ich im letzten Jahr mit dem Tod familiär so nahe konfrontiert war, dass ich ihn nicht auch noch sozusagen literarisch vor Augen haben wollte… Außerdem sprang mir als begeistertem Liebhaber des Tango, mir, als Sehnsüchtigen des Tango, mir, als Melancholiker der Name im Titel auf… und ich wollte nicht an die Vergangenheit erinnert werden… einer Vergangenheit, in der viele längst verblichene Bilder im besänftigenden Dunkel lagen. Manchmal also, muss ein Buch im Regal liegen bleiben… wegen ein/zwei Worte im Titel…

So verhielt es sich auch mit dem Buch von Antonio Lobo Antunes (ALA) „Der Tod des Carlos Gardel“, das im Zuge eines hierzulande wachsenden Bekanntheitsgrades des Autors im letzten Jahr in Deutschland erschien, während es bereits im Jahre 1994 in Portugal, wie eigentlich alle Bücher von ALA, Furore machte. Es verhielt sich bei diesem Buch aber auch so, weil vom, wie ihn Katharina Döbler nennt, „Verfasser der traurigsten Romane der Weltliteratur“ einfach keine erheiternde Literatur erwartet werden kann und ich mich nicht in der Verfassung sah, all die zu erwartenden emotionalen Berührungen zu ertragen. Noch glaubte ich, dass es sich tatsächliche um einen Roman über Carlos Gardel handelt, der am 24. Juni 1935 durch einen, bis heute ungeklärten, Flugzeugabsturz ums Leben kam und die Verkörperung des Tangos war, der für und mit dem Tango lebte, der sozusagen ganz und gar aus Tango bestand. Für viele Argentinier (und andere Adepten) ist der Sänger nicht wirklich gestorben. Er lebt weiter: In allen Tangos von Buenos Aires. Nun, die letzte Bemerkung musste sein, denn sie gibt einen Hinweis auf einen Hintergrund, vor dem ALA den Roman schrieb…

Wer ist nun der „Verfasser der traurigsten Romane der Weltliteratur“ ? Man erlaube mir, mich selbst zu zitieren, da ich ALA in anderen Berichten schon charakterisierte und das Rad nicht noch einmal erfinden will: Nun, in dürren Fakten aufgelistet, ist das schnell erklärt, wer ALA ist: „…geboren 1942 in Lissabon, Studium der Medizin, Wehrdienst und Einsatz im Angola-Krieg, danach Arzt einer psychiatrischen Klinik, dann freier Schriftsteller. Natürlich können wir uns vorstellen, dass hinter all den mageren Fakten eine Geschichte steht, dass all diese Geschichten den Mann prägten und, dass all diese Prägungen das unverwechselbare Profil dieses Menschen ausmachen. Über ALA ist an sich sehr wenig zu erfahren, selbst in Portugal wird er nicht sehr häufig öffentlich vorgestellt, was damit zu tun haben mag, dass er als Nestbeschmutzer gilt… Aber seit wann ist einer ein Nestbeschmutzer, wenn er Dreck aus dem Nest HINAUS wirft? Wie dem auch sei, ALA erklärt sich, seine Prägungen, seine Geschichte, sein Leben in seiner Literatur… „

Bei diesem Buch geht es weniger um seine gefürchteten, verachteten, missbilligten historisch/portugiesischen Themen, wobei es selbstverständlich ist, dass in den Beschreibungen gewissermaßen auch immer das jeweilige Gesellschaftsbild des Autors einfließt. In „Der Tod des Carlos Gardel“ geht es um einen Einblick in die menschliche/familiäre Psyche… also einem Themenbereich, dem sich ALA schon beruflich gewidmet hat und in dem er sicher sehr authentische Erfahrungen verarbeitet hab. Es geht um die Mitglieder einer zerrütteten und sich in Auflösung befindlichen Familie in Lissabon, die sich zur Musik des Carlos Gardel bewegt, der im Romans mehr und mehr als Synonym der Vergänglichkeit der Gefühle, der Vergänglichkeit von Beziehungen, der Vergänglichkeit des Lebens, der Vergänglichkeit an sich… stilisiert wird – wie eben ein Tango all das sein kann. Es geht um fünf Menschen, über die jeweils in einem Kapitel erzählt wird… Lebensumstände, Stärken/Schwächen, Befindlichkeiten, Beziehungen zueinander… und jeweils ein Tango-Lied.

Da ist zunächst Alvaro, der sozusagen den Tango mit ins Spiel bringt, weil er ein fanatischer Bewunderer eben des Tangosängers Carlos Gardel ist. Wie jeder Fanatiker, sammelt er Erinnerungsstücke, Bilder, Andenken an sein Idol und lebt quasi in seiner selbst eingerichteten Wahrheit, seiner selbst zurecht gelegten Sicht auf die Wirklichkeit, in der die Musik von Gardel, seine unverwechselbare Stimme alles ist. Er wird nach und nach einsam… wie alle Fanatiker nach und nach einsam werden, weil man ihnen in ihren Fanatismus nicht folgen kann… sofern man nicht dem selben Faszinosum anhängt.

Claudia, seine geschiedene Frau, lebt schon lange von ihm getrennt und nur der gemeinsame Sohn Nuno ist sozusagen Claudias Bindeglied zu Alvaro. Claudia hat einen neuen Freund und Nono ist eifersüchtig… aber seinen Vater mag er auch nicht; auch wenn er ihn hin und wieder besucht. Claudia spürt nicht, wie Nono abrutscht…

Nunos empfindet seine Situation immer bedrückender und auswegloser… was ihn schließlich in die Heroinsucht treibt. Gerade diese Darstellung der Dinge, ist – wie überall – aber im sehr familiären Portugal provokant. Drogensucht ist immer ein Übel, dass von Außen verursacht wird… allenfalls von einer persönlichen Schwäche; der man schließlich auch verzeihen kann, um die man sich familiär kümmert. Niemals aber darf die heilige Familie als Verursacher verantwortlich gemacht werden… das ist gesellschaftlicher Sprengstoff; den ich aus eigener Betrachtung vor Ort auch schon mal explodieren sah. Nono wird an seiner Sucht sterben… dem kleinen Junkie kann die Familie nicht mehr helfen.

Vielleicht hätten sie es gekonnt… aber sie sind schon zu weit von ihm weg… distanzieren sich, vielleicht um nicht vom Opfer als Täter beschuldigt zu werden, wo es doch viel bequemer ist, sich als Opfer darzustellen, besonders wenn man insgeheim ahnt, dass man verantwortlich ist. Vielleicht hätten sie ihn retten können… wird ihnen klar… vor Jahren schon hätten sie ihn retten MÜSSEN. Aber sie verdrängen ihre Schuldgefühle erfolgreich und versuchen sich in einem neuen Leben einzurichten, man versucht fortzulaufen… versucht sich zu befreien. Aber je weiter man wegläuft, desto näher kommt man dem Problem… weil es in uns selbst ist. Alvaro rennt offenbar weiter als alle anderen… in seinen Wahnvorstellungen begegnet er dann Carlos Gardel…

In der künstlerischen Bewertung des Romans fühle ich mich in bester Gesellschaft namhafterer Rezensenten als ich es bin. Anerkannterweise zählt das Werk Antonio Lobo Antunes schon in seiner Gesamtheit zur Weltliteratur… doch in diesem Buch bringt er, meiner Auffassung nach, sein ganzes Potential zur Entfaltung. Die besondere, eigentümliche Erzählweise Antunes (die nicht einfach zu lesen ist und oftmals in der Sprachverwendung eher an Lyrik erinnert als an die lineare Sprache des Romans), die stilistische Brillanz (die Antunes in diesem Roman – einmal mehr – vom Beginn bis zum Schluss bruchlos durchhält) und die großartige Konstruktion des vorliegenden Romans (die in den Handlungsebenen und Beziehungen der Personen des Romans eine erstaunlich subtile Struktur aufweist, die aber dennoch tragfähig… sprich durchschaubar bleibt) sucht seinesgleichen in der aktuellen Literatur.

So habe ich das Buch also doch noch gelesen… für gute Bücher ist es eigentlich nie zu spät sie zu lesen. Es hat mir viel gegeben, eingedenk meiner eigenen familiären Geschichte, aber auch eingedenk meiner literarischen Vorlieben. „Der Tod des Carlos Gardel“ ist das großartigste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Ich kann das Leseerlebnis, das mir Antunes bereitete am besten mit einer Metapher beschreiben: Die Wehmut die mich befiel ist eben wie ein Tango… und wie ein Tango ist auch dieses Buch.

Wilfried John

Der Tod des Carlos Gardel
Antonio Lobo Antunes
420 Seiten – gebundene Ausgabe
Luchterhand Literaturverlag von 2000
ISBN: 3-6308-7062-7
24,53 €

Die Taschenbuchausgabe wird im Dezember diesen Jahres erscheinen.
Verlag Fischer – TB
ISBN: 3-596-14193-1
10,17 €