António Lobo Antunes „Guten Abend ihr Dinge hier unten“

Krieg. Für mich als friedliebender Mensch, der für sich in Anspruch nimmt Pazifist zu sein, gibt es (fast) nichts Widerwärtigeres als Krieg! Und um ein Beispiel dafür zu nennen, was noch widerwärtiger ist als Krieg: Das Geschäft mit dem Krieg ist noch widerwärtiger… Angesichts der Äußerungen des vielleicht zukünftigen us-amerikanischen Präsidenten, mehr Truppen nach Afghanistan zu entsenden oder den immer wieder aufkeimenden Debatten zu Kampfeinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan, die vor dem Hintergrund der Nato-Doktrin „Sicherung der strategischen Rohstoffversorgung“ geführt werden, ist zu befürchten, dass unsere politisch Verantwortlichen eines Tages vor den Lobbyisten einknicken werden und junge Männer/Frauen in großem Stil für Öl, Gas oder Erze verheizt werden; in kleinerem Maßstab werden sie ja schon dafür verheizt.

 

Doch was bedeuten schon diese Maßstäbe… ein einziger toter, verblendeter, verführter, zum kämpfen gegen seine eigenen Interessen verleiteter Mensch, geopfert auf dem Altar der Profitmaximierung, ist zu viel – DAS ist mein Maßstab. Wenn es wenigstens tatsächlich um die Verteidigung der strategischen Rohstoffversorgung oder deren Kontrolle im Interesse eines Staates ginge… aber tatsächlich geht es zum einen um den Nachschub für die entsprechenden, diese Rohstoffe verwertenden Industrien und zum anderen schlicht um das Führen von Krieg an sich. Will man etwas zur Ökonomie des Krieges sagen, dann kommt der ganze Zynismus in dem Satz zum Vorschein: Es ist profitabler, einen Krieg auszubeuten als ihn zu gewinnen. Leider ist das nicht immer offenbar… und wird aus gutem Grund in der öffentlichen Berichterstattung tunlichst verschwiegen. *1

 

Leider, und für die Menschheit unrühmlich, gibt es reichlich Gelegenheit diese Aussage zu überprüfen. Jedenfalls kann man dieses Fazit für eine menschenverachtende Politik aus der Betrachtung der nicht enden wollenden Kriege z.B. in Afrika ziehen, die mittlerweile schon so lange dauern, dass in der Zwischenzeit sämtliche (auch die ehemals geheimen) Details offenbar geworden sind. Es soll bestimmt nicht positiv oder beschönigend klingen: Die Ost-West-Blockkonfrontation hatte einen ordnungspolitischen Einfluss auf Afrika, der sich in einer weitgehenden Stabilität der (auch der unter Umständen unmenschlichen) Verhältnisse ausdrückte. Als nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation Afrika seine geostrategische Bedeutung weitgehend verloren hatte, eröffneten sich autoritären Regierungen, Armeeangehörigen, Bandenchefs, Söldnern und sogar Teilen der Zivilbevölkerung Möglichkeiten einer „Bürgerkriegsökonomie“ und man konnte sich kurzfristige politische Vorteile verschaffen oder sich persönlich bereichern; was oft in einer Gleichzeitigkeit geschah und noch immer geschieht.

 

Ermöglicht wird dies durch den Handel mit dem Norden; natürlich unter den Bedingungen der WTO, des IWF und der Weltbank, die den willfährigen Staatsprofiteuere ihre altbekannten (falschen) Rezepte verordnen: Staatliche Funktionen zurückführen, Einsparungen oder Privatisierung im Sozialbereich, Deregulierung von Arbeitnehmer-Schutzrechten, Marktöffnung für transnationale Konzerne und Kapital. Damit, und durch den Einsatz privater Sicherheitsfirmen (man kann auch Söldner dazu sagen), sorgt man gleichzeitig mit der Schaffung von Abhängigkeiten auch dafür, dass diese Staaten zahlungsfähig bleiben. Ohne diese finanzielle Zufuhr durch den Handel mit Rohstoffen wären viele der afrikanischen Kriege längst am Ende. Das lässt sich besonders „schön“ am Beispiel Angola zeigen. Dort haben die transnationalen Konzerne genauso wenig Interesse an der Beendigung des Konfliktes wie die korrupten Warlords; mittlerweile zählt Angolas Präsident dos Santos zu den reichsten Männern der Welt und sein Widersacher, der UNITA-Führer Jonas Savimbi, gehörte bis vor nicht allzu langer Zeit (bevor er von der Armee getötet wurde) diesem Club ebenfalls an. *2

 

Es geht um Diamanten und Erdöl. In Angola finanziert der Handel mit Diamanten und Öl einen seit vier Jahrzehnten andauernden Krieg. Weit über 10 Jahre dauerte der bewaffnete Kampf gegen die portugiesische Kolonialherrschaft. Nach der Unabhängigkeit 1974 ging die bewaffnete Auseinandersetzung in einen Bürgerkrieg zwischen der MPLA-Regierung (Volksbewegung für die Befreiung Angolas – unterstützt von der UdSSR und Kuba) und der Rebellenbewegung UNITA (Nationalunion für die volle Unabhängigkeit Angolas – unterstützt von den USA und Apartheid-Südafrika) über. Nach dem Ende der Blockkonfrontation hat Angola nur fünf Jahre eines brüchigen Friedens erlebt, der immer wieder in kriegerischen Aktionen untergeht, die auf dem „Rücken“ der Zivilbevölkerung ausgetragen werden; Zehntausende sind nach Unfällen mit Landminen verkrüppelt, Millionen Minen liegen noch in der Erde und stellen eine permanente Gefahr für die Bevölkerung dar.

Angola ist eines der wirtschaftlich ärmsten Länder überhaupt, aber in Bezug auf Bodenschätze das viertreichste Land der Welt. Der Krieg erlaubt es Regierung wie Rebellen gleichermaßen, die soziale Not der Bevölkerung zu ignorieren – die Menschen werden von beiden Kriegsparteien terrorisiert und ausgeplündert; Hauptfinanzierungsquelle ihrer Kriegsfinanzierung erzielt die UNITA mit „blutigen“ Diamantenverkäufen auf den Märkten Europas; die MPLA-Regierung Angolas finanziert den Krieg mit Erdölverkäufen an die USA. Deshalb haben die USA politisch die Seiten gewechselt und nach über 20 Jahren die Unterstützung der UNITA aufgegeben und unterstützen den ehemaligen „kommunistischen Feind“. Firmen wie Elf Aquitaine und Chevron verdienen doppelt an dem Handel mit Angola, indem sie einerseits Öl exportieren und andererseits über Zwischenhändler Waffen importieren. Der Direktor von Elf-Aquitaine in Angola hat zugegeben, dass sein Vorgänger jahrelang für die UNITA Waffen nach Angola geschmuggelt hat. *3

 

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Wie oben angedeutet, begann das alles schon vor langer Zeit… der Zeit der Kolonialisierung Afrikas durch europäische Mächte. Auch damals ging es schon um nichts anderes als ums Geschäft; gewalttätig, ekelhaft und zynisch. Deswegen ist ein Blick auf die Geschichte gerade Angolas so exemplarisch und kann uns vieles von dem erklären, das heutzutage lieber unerklärt bliebe und über das mit ungeheurer Propagandamacht, alle möglichen Mäntelchen gelegt werden: Der Krieg wegen des Geschäfts und der Krieg als Geschäft. Ein Mann der das alles von „innen“ gesehen hat, Antonio Lobo Antunes (kurz ALA), hat – nach jahrzehntelangem Schweigen – ein Buch zum Thema geschrieben: „Guten Abend ihr Dinge hier unten“. Kaum ein Autor wäre prädestinierter gewesen, einen Stoff wie diesen in einem Roman zu verarbeiten (und sein Geburtstag fällt obendrein auch noch auf den Antikriegstag…), denn er ist selbst verstrickt in diese Geschichte. Nicht nur deswegen ist ein kurzer Blick auf seine Biographie unerlässlich:

 

Antonio Lobo Antunes wurde am 1. September 1942 in Lissabon/Portugal geboren. In Europa und der Welt tobte der Krieg, in Portugal herrschten die Faschisten und die Geschäfte mit dem Krieg liefen glänzend. ALA wurde in eine Familie hineingeboren, die als Teil der portugiesischen Groß-Bourgeoisie in diese Geschäfte verstrickt war. Seine Kindheit verlief, soweit man annehmen kann, sorgenfrei. Schon früh entdeckte ALA die Literatur und es wird kolportiert, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren „entschlossen“ hatte Schriftsteller zu werden; was nicht im Interesse seines Vaters war. Es wird berichtet, dass ALA im Alter von 16 von seinem Vater zum Medizinstudium „geschickt“ wurde. ALA studierte zwar fleißig, aber offenbar befasste er sich schon während seines Studiums intensiv mit Literatur und schrieb auch selbst.

 

Sein Medizinstudium machte Fortschritte und er spezialisierte sich in der Psychiatrie. An der Universität politisierte sich ALA und während der Salazar-Dikatatur war er Mitglied der KP im Untergrund. Nach seiner Ausbildung musste er die „militaristische Tradition“ seiner Familie fortsetzen und musste in die Armee, was ihn zur Teilnahme am Krieg in Angola zwang; ALA verrichtete seinen Militärdienst in einem Militärhospital, was sich nachhaltig auf sein Leben auswirken sollte, da er hier seine Sicht auf den Tod und seine Sicht auf die Verhältnisse des afrikanischen Lebens prägte. 1973 kam er aus Afrika zurück und nahm seine berufliche Arbeit als Mediziner auf; zunächst arbeitete er einige Monate in Deutschland und Belgien, dann wurde er für mehrere Jahre Chefarzt einer psychiatrischen Klinik in Lissabon gearbeitet. Die Diktatur in Portugal lag in den letzten Zügen und 1974 beendete die sog. Nelkenrevolution die 52 Jahre andauernde Herrschaft der portugiesischen Faschisten.

 

1976 veröffentlichte ALA seinen ersten Roman „Elefantengedächtnis“, in dem er seine Scheidung verarbeitete und 1979 erfolgte dann, mit der Veröffentlichung von „Der Judaskuss“ der erste Paukenschlag: Seine damals unverhohlene Kritik an bürgerlichen Intellektuellen und politischen Mitstreitern, sein unkonventioneller Gebrauch von Umgangssprache, brachte ALA massive Ablehnung von Seiten der portugiesischen Kulturelite ein. Wohingegen die Vertreter der dogmatischen Linken den unqualifizierten Vorwurf erhoben, seine Romane seien unpolitisch und eine kleinbürgerliche Nabelschau; offensichtlich fühlten sich beide Seiten vorgeführt.

Durch den Erfolg seiner ersten Romane beschloss ALA, seinen medizinischen Beruf teilweise aufgeben und zu schreiben. Mittlerweile liegen 17 Romane vor, die in alle wichtigen Sprachen übersetzt wurden.

 

Dabei handelte es sich um psychologisch fundierte Studien, die von tragischen Biographien, von Tod und Krankheit, Trennungen und unerfülltem Leben erzählen. In seinen besten Romanen thematisiert er die gesellschaftlichen Verhältnisse Portugals während der Diktatur und vor allem die unselige Rolle Portugals in Afrika; was ihm bis heute in Portugal verübelt wird. Auch setzt er sich intensiv und kritisch mit der gegenwärtigen portugiesischen Gesellschaft auseinander und vermeidet weder „heilige“ Themen wie Familie, noch das glorifizierte Geschichtsbild der Portugiesen; er ist deshalb daheim unbeliebt und gilt als Nestbeschmutzer. Sein Werk gilt als Weltliteratur und mehrfach wurde er schon mit dem Literatur-Nobelpreis in Verbindung gebracht. ALA zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Heute lebt er als Schriftsteller in Lissabon.

 

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Der Roman „Guten Abend ihr Dinge hier unten“, bei uns 2005 veröffentlicht, ist eines der wichtigsten Bücher von ALA. Nicht allein deswegen weil er ein dunkles Kapitel der portugiesischen Geschichte behandelt (und im übertragenen Sinne auch Licht in die Gegenwart trägt), sondern auch weil ALA biographische Fakten seiner Zeit als Militärarzt in Angola verarbeitet. Zwar muss man bei der Verwendung von Wertungen eines einzelnen Buches – im Kontext des Gesamtwerkes – eines Autors vorsichtig sein, zumal das Werk an sich schon beträchtlichen Umfang erreicht hat und sozusagen mit diesem Werk ein großartiger Zyklus zustande kam (um nur drei thematisch zusammenhängende Titel zu nennen „Handbuch der Inquisitoren“, „Portugals strahlende Größe“ und „Anweisungen an die Krokodile“), aber meiner bescheidenen Meinung nach, ist ALA mit diesem Titel ein großer Wurf gelungen; was diesen großartigen Roman über all die anderen großartigen Romane aus seiner Feder hebt.

 

Seit ALA schreibt, tauchen in seinen Büchern immer wieder die persönlichen, traumatischen Kriegserfahrung als Militärarzt in Angola auf. Nach eigenen Aussagen hielt ALA es lange nicht für möglich, einen Roman „nur“ über Angola zu schreiben. Aber so ist das oft: Etwas für nicht möglich zu halten bedeutet nicht, dass es tatsächlich unmöglich ist. In „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ liegt dieser Roman also doch vor. Das Werk ist nichts Geringeres als ein Porträt Angolas der letzten fünfzig Jahre, vom der zu Ende gehenden jahrhundertelangen Kolonialzeit in einem blutigen Bürgerkrieg, bis zu Korruption und Gewalt in der Gegenwart. Erzählt wird eine haarsträubende Geschichte von Macht, Korruption und Gewalt. Allerdings ist es alles andere als ein gewöhnliches Geschichtsbuch… eher ist es ein Geschichtenbuch a la Eduardo Galeano (auch hier bei Ciao vorgestellt), in dem jene zu Wort kommen, denen es nicht gelingt, sich zu bereichern, die Verlierer, die Schwachen, die Betrogenen, die Fallengelassen, die im Wege stehen und letztlich getötet werden: eine Geschichte von unten.

 

Während es aber die Bücher des oben angesprochenen Eduardo Galeano – bei all den in ihnen versammelten gewichtigen Inhalten – den meisten Leserinnen und Lesern gutmütig verzeihen, wenn sie ihre Lektüre unterbrechen, ist „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ widerspenstig und verzeiht nicht. Ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich über die Jahrzehnte ein in vielen Stilen geübter Leser geworden bin, doch ich brauchte mehrere Anläufe, das Buch lesend zu erfassen… wenn ich mit der Lektüre aussetzte, ging mir der Überblick im Dickicht der Romanzeiten, Protagonisten und Erzählstränge und -ebenen verloren. Doch wenn man sich die Zeit für 750 Seiten dichteste Prosa nimmt, wird man eines der aufregendsten Leseabenteuer in einem Kosmos der Niedertracht von Kriegsprofiteuren erleben.

 

ALA ist ein Künstler, ein Sprachvirtuose und seine Bücher erfordern eben, wie jedes Kunstwerk, ein hohes Maß an Aufmerksamkeit; zumal es quasi zu einem Markenzeichen von ALA geworden ist, den üblichen Lesegewohnheiten gegen den Strich zu bürsten. Wie in anderen Titeln des Autors auch schon, kann man das Ende eines der 32 Kapitels von „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ daran erkennen, dass ALA hier – und nur hier – den Satz mit einem Punkt beschließt. Streng genommen, besteht also das gesamte 750-Seiten-Werk aus 32 Sätzen von jeweils rund 25 Seiten Länge. Innerhalb der Kapitel wird lediglich das Komma geduldet und die Verwendung von Spiegelstrichen, mit denen die wörtliche Rede ankündigt wird, sorgt leidlich für etwas Ordnung. An wen diese gerichtet ist, wer spricht und wer hört, ob überhaupt geredet und nicht nur gedacht wird, erschließt sich oft erst im Nachhinein, eine Zeile, eine Seite, vier Kapitel später.

 

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Ein Kollege nahm für der Beschreibung von „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ eine Anleihe bei Dantes Werk „Die Göttliche Komödie“, indem er ALA mit Vergil verglich, der uns sozusagen in die Unterwelt mitnimmt, um uns den Horror der faschistischen Vergangenheit Portugals zu zeigen. In der Tat führt uns ALA in die Untergeschosse der portugiesischen Kolonialgeschichte, in deren Archiven nicht nur jede Menge alter Akten, sondern auch Tote lagern, die es nach offizieller Lesart nie gegeben hat. Aber es wäre zu kurz gegriffen es dabei zu belassen, denn ALA erzählt uns auch, dass das was in Angola geschah, kein einfacher, schmutziger, kleiner Kolonialkrieg war, der mit der Entlassung Angolas in die Unabhängigkeit endete, sondern dass dann das Morden erst richtig anfing. Er erzählt, wie Angola der natürliche Reichtum des Landes zum Fluch geriert, der den sich selbst finanzierenden Krieg scheinbar endlos verlängert; und somit spiegelt das Werk auch Aktualität… denn nach wie vor geht es um Diamanten und Erdöl; nicht nur in Angola.

 

Den Plot des Romans zu beschreiben ist schwierig, da er in der Struktur nicht linear erzählt ist, kann es nur einen Überblick über Hintergründe, Protagonisten und Beziehungen geben. Natürlich gibt es einen Haupterzählstrang, sozusagen einen Gegenstand des Romans… oder sollte ich besser den Plural verwenden und Gegenstände sagen: Diamanten. Genauer gesagt, geht es um eine zynische Geheimdienstintrige, deren Ziel und Zweck sich – wie in einem guten Thriller – den Lesenden erst allmählich erschließt. In einer gut getarnten Dienststelle des portugiesischen Geheimdienstes, werden junge Männer von Lissabon nach Luanda in Marsch gesetzt. Diese, nennen wir sie, Hauptprotagonisten tragen zwar unterschiedliche Namen (zuerst Seabra, später Migueis und dann Morais), doch es will scheinen, dass sie nur austauschbare Mittel zu immer demselben Zweck sind. Im Auftrag ihrer Vorgesetzten sollen sie eine – wie es heißt – lapidare Routineangelegenheit regeln, die in vier, fünf Tagen erledigt wäre. In Wahrheit aber ist es weder eine Routineangelegenheit, noch dauert ihre Erledigung weniger als eine Woche… ihr Aufenthalt in Angola wird Monate oder Jahre dauern und mit dem Tod einer „Zielperson“ enden, die jeweils der zuvor ausgesandte Agent selbst ist.

 

Der Hintergrund sind die Diamanten, mit denen Portugals Geheimdienst, im Zusammenspiel mit der CIA, verdeckte Operationen finanziert. Diese Diamanten werden denen zum Verhängnis, die zu ihrer Beschaffung ausgesandt wurden; keinem von ihnen gelingt es, die Aufgabe zu bewältigen. Keiner von ihnen kehrt ins Heimatland zurück… Dieses aus Abenteuerromanen bekannte Modell dient dem Autor als Vehikel, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen, die wenig mit Diamanten zu tun hat, aber um so mehr mit Portugal, das seine deklassierte Landbevölkerung in die Kolonien exportiert, wo die ungelösten Widersprüche sich dann gewaltsam entladen. Jeder Protagonist des Romans schleppt das Übergepäck einer unbewältigten Vergangenheit mit sich herum, die Kindheit in einem tristen Vorort von Lissabon, den Selbstmord der Mutter oder den sexuellen Missbrauch durch einen katholischen Pater, und der Traum vom schnellen Reichtum in den Kolonien wird zum Albtraum.

Außer diesen Hauptprotagonisten treten natürlich – gemäß meiner Behauptung, dass hier eine Geschichte von unten erzählt wird – auch noch andere Personen auf. Neben den schon genannten Geheimdienstlern, sind dies in erster Linie Diamantenschmuggler, Prostituierte und Soldaten, die von ihren Erlebnissen oder auch nur von ihren Gedanken oder Wahnvorstellungen in Angola und Portugal erzählen. In der Verschmelzung all dieser persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen entsteht eine schonungslose, ergreifende Abrechnung mit den Verhältnissen. Eingedenk seiner politischen Prägungen überrascht uns ALA nicht, dass und wie er gegen die politische Opportunität verstößt und, statt das portugiesische Vorgehen in Afrika schönzureden, damit auch gleich gelagerte aktuelle Schandtaten zu entlarvt, und die „Dinge da unten“ beim Namen nennt.

 

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Ich habe schon viele Bücher gelesen, sehr viele Bücher… Bücher mit sehr viel oder ohne jeden Unterhaltungswert, Bücher die ich verschlungen habe oder Bücher die mich ob ihrer komplizierten Erzählstruktur quälten, Bücher die ich wieder vergessen habe und Meisterwerke der Literatur, die mir nie mehr aus dem Sinne gehen. „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ ist ein seltsames Buch: Es ist unbestritten ein Meisterwerk, das mir nie aus dem Sinn geht, das aber das Gegenteil des heute so hochgeschätzten Unterhaltungswerts darstellt, es ist ein Buch das mich –  trotzdem es das Gegenteil von leichter Lesbarkeit darstellt – dennoch nicht quälte.

 

Auch wenn ALA darauf verzichtet mir eine klar strukturierte Geschichte zu erzählen, ist es gerade das was mich so sehr fasziniert. Auch wenn das Wort Faszination, ob der sich manchmal quälend wiederholenden Bildern von äußerster und innerer Gewalt, vielleicht deplaziert erscheinen mag, mich hat das Werk regelrecht für sich eingenommen; auch weil ich mir sicher bin, dass da einer erzählt, der mit seiner Person authentisch für die Geschichte steht. Auch weil ich Portugal als meine zweite Heimat betrachte und mich dementsprechend auch um die Vergangenheit des Landes kümmere, ist mir die Tatsache bewusst , dass all diese im Werk zu Worte kommenden Versagertypen, diese Zyniker und Profiteure keine landestypische portugiesische Spezialität sind. Das Buch überbietet die vermutbare Portugalbezogenheit und verschaffte mir deshalb Einblicke allgemeiner Natur. So gelesen, können auch Menschen mit weniger Vorkenntnissen in portugiesischer Geschichte mit diesem Buch Erkenntnisse gewinnen.

 

Bleibt mir noch, ein Wort zu der gelegentlich geäußerten Kritik an ALA zu sagen, er sei unpolitisch. Generell muss man diesen Kritikern sagen, dass wer in meisterhaften Roman nach einer eindeutigen Botschaft sucht, sich selbst enttäuscht; eindeutige Botschaften stehen nur weniger guten Romanen. Bessere Romane werden von guten Schriftstellern geschrieben, und gute Autoren schreiben so, dass es den Lesenden überlassen bleiben kann, den Text politisch sinnstiftend zu interpretieren. Die Kritik, dass ALA in „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ keine Kritik am politischen System formuliert, ist unsinnig oder wenigstens trifft diese Aussage auf mich nicht zu; auch aus diesem Grund gefällt mir das Buch außergewöhnlich gut.

 

Im Zusammenhang mit dem Werk von ALA lese ich immer wieder, dass der Autor die traurigsten Romane der Welt schriebe; das ist natürlich weder ganz richtig, noch ist es ganz falsch. Wer die portugiesische Mentalität nur etwas kennt, wird von der Melancholie als der portugiesischen Grundhaltung wissen. Nun sind aber Traurigkeit und Melancholie zwei verschiedene Dinge – während Traurigkeit deprimieren kann, lässt die Melancholie in uns keine Bedrängnis aufkommen. Wenn Tschechow Recht damit hatte, als er sagte, dass große Kunst nie deprimierend ist, dann lässt sich das mit den Romanen von ALA bezeugen… höchstens lassen sie uns nachdenklich zurück. Nachdenklichkeit ist aber nie traurig, sondern war in allen Zeiten schon und heute besonders ganz bestimmt, höchst erforderlich. Diese Nachdenklichkeit hat ALA mir mit seinem Werk geschenkt…

 

Wilfried John

 

 

Guten Abend, ihr Dinge hier unten

António Lobo Antunes

752 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Literaturverlag – Aus 2005

ISBN: 3-6308-7205-0

24,90 Euro