Antonio Skármeta „Der Dieb und die Tänzerin“

Korruption. Auf meinen Reisen auf dem afrikanischen Kontinent und in den Ländern Arabiens Hatte ich es mit vielen korrupten Leute zu tun und auch wenn ich

mich in den jeweiligen Situationen sehr darüber aufregte, so musste ich doch – mit etwas zeitlicher Distanz – eingestehen, dass es sich eher um mehr oder

weniger harmlose Formen dieses Ärgernisses handelte. Nachdem ich mir in meinem Job in eine verantwortungsvolle Position erarbeitet hatte, begegnete mir

dieses Ärgernis in der schlimmeren Variante.

Korruption bezeichnet Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsannahme und – besonders perfide – Vorteilsgewährung. Immer handelt es sich um den Missbrauch

einer Vertrauensstellung um einen materiellen oder immateriellen Vorteil zu erlangen, auf den kein rechtlich begründeter Anspruch besteht. Nach dieser eher

juristischen Definition für den Einzelfall, möchte ich auf das Politische System kommen und im politischen Sinn ist Korruption nach einer Definition des

Politikwissenschaftlers Harold Dwight Lasswell die Verletzung eines allgemeinen Interesses zu Gunsten eines speziellen Vorteils. Zurecht hält das einfache

Volk die Korruption der politischen Klasse für moralische Verdorbenheit; wenngleich das auch zu kurz gesprungen ist, denn es ist kriminell.

Vielleicht ist die allgemeine Verwendung des Begriffes „moralische Verdorbenheit„ für Korruption ja auch ein Zeichen dafür, dass man es zwar für

schmuddelig hält sich mit kleinen Deals Vorteile zu verschaffen, aber da es so viele machen und kaum mal einer bestraft wird, wird selten der Gesetzesbruch

dahinter gesehen. Die ganze Gesellschaft ist durchdrungen von fadenscheinigem Sponsoring, dass es scheinbar eher die Normalität anstatt die Absurdität

darstellt. Besonders stark verschlüsselt, aber dennoch – beim genaueren Blick darauf – gut erkennbar, ist der Zusammenhang von Vorteilsgewährung und

Parteispenden. Sponsoring und Spenden aber, erfüllen grundsätzlich den objektiven Tatbestand einer Vorteilsgewährung im Sinne der §§ 331 ff. StGB.

Leider ist den Abgeordneten im Bundestag mit dem Strafgesetzbuch nicht beizukommen. Es gibt darin zwar den Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung, aber

der entsprechende § wird aus der Sicht kritischer Juristen als praktisch bedeutungslose „symbolische Gesetzgebung“ angesehen. In der Geschichte der BRD ist

erst einmal ein Abgeordneter nach dieser Norm verurteilt worden… und das ist schon sehr lange her. Sponsoring oder die Spendengewährung, besonders auch

Parteispenden, sind ein Einfallstor für Korruption. Zu korrupten Handlungen gehören auch – allerdings nicht in strafrechtlicher Hinsicht – jene

Stellenbesetzungen in Verwaltungen und öffentlichen Unternehmen, die unter parteipolitischen Gesichtspunkten erfolgen Ämterpatronage (Vetternwirtschaft).

Die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) ist am 16. September 2005 in Kraft getreten. Nach der Konvention muss zudem künftig nach der Rechtsauffassung

von Transparency International auch das verwerfliche Beeinflussen eines Abgeordneten bei der sonstigen Wahrnehmung seines Mandats erfasst werden. Gemeint

ist der überbordende Lobbyismus, mit dem Energieunternehmen, Banken und Versicherungen gesetzliche Regelungen zu ihren Gunsten „beeinflussen“. Die

bisherige Regelung zur Bestechung von Abgeordneten (§ 108e StGB) genügt nach allgemeiner Auffassung nicht den Anforderungen der UNCAC. Bislang konnte sich

der Bundestag nicht auf eine entsprechende Gesetzesänderung verständigen. Ebenso ist die Konvention von Deutschland nicht ratifiziert worden.

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Das Buch um das es in dieser Besprechung gehen soll, kommt mit einem eher harmlosen Titel daher: Der Dieb und die Tänzerin. Wie sich meine Leserinnen und

Leser sicher schon denken, handelt es sich um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur; genauer gesagt, der zeitgenössischen chilenischen Literatur. Was

ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um

ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Der Autor dieses Werkes – Antonio Skármeta – reiht sich mit seinem jüngsten Roman in

diese Reihe ein.

Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach

als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen

Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle

hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans

bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.

Tatsache ist, dass ich – im allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser – in dieser Form des Geschichten-Erzählens, ebenso anspruchsvolle Literatur

entdecken kann, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Gerade Antonio

Skármeta (AS) ist ein Autor, der in der Vergangenheit mit nun schon klassisch zu nennenden Romanen a la „Mit brennender Geduld“ (auch hier bei Ciao

vorgestellt) bekannt
und berühmt wurde. Allerdings war er immer schon ein politischer Mensch und engagierter Autor und so war seine Literatur immer mehr als Unterhaltung; und

das bleibt wohl auch so, ganz gleich in welchem Genre er schreibt.

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Des Autors Haltung wird, speziell die von AS, geprägt von der Summe seiner Erfahrungen. Sicher, das ist ein allgemeingültiger Satz, der für jeden Menschen

zutrifft, aber nicht jeder Mensch schreibt schließlich Romane die recht verstanden werden wollen. Und so habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, eines

Autors Lebenslauf etwas genauer zu betrachten:
AS wurde 1940 in Antofagasta/Chile geboren… Seine Eltern waren jugoslawische Einwanderer, die sich in einer der trockensten, heißesten Städte der Welt,

die am Rande der nordchilenischen Wüste inmitten von nichts als Grau gebaut wurde, niedergelassen hatten, um ihr Glück in den Minen zu suchen. AS wuchs bei

seinen Großeltern auf… und lernte von frühester Kindheit an, was Armut, was existenzielle Ungewissheit, was Einsamkeit ist…

Nach seiner schulischen Grundausbildung, studierte er, trotz all der materiellen Schwierigkeiten von 1958 – 1963 Philosophie und Geisteswissenschaften und

ging schließlich nach New York, wo er mit Hilfe eines Stipendiums weiterstudieren und letztlich seinen Master of Arts an der Columbia Universität (1964 –

1966) mit einer Dissertation über Julio Cortázar (wer das war, kann man in zwei weiteren Berichten von mir lesen) ablegen konnte. Er kehrte in sein

Heimatland zurück und wird bis 1973 in Santiago de Chile als Professor, als Mitarbeiter von Presse, sowie Radio und Fernsehstationen tätig. Während dieser

Tätigkeiten kommt AS mit der Unidad Popular in Kontakt, der Partei des späteren sozialistischen Präsidenten Salvador Allende.

1973, kurz nach dem Putsch des Faschisten Pinochet, und seiner Helfer aus den USA, gegen die Regierung Allendes und dessen, durch die Militär-Junta

erzwungenen, Tod, musste auch AS Chile verlassen und ging zunächst nach Argentinien, später dann nach Deutschland ins Exil. Bis 1989 sollte seine

Abwesenheit von der Heimat andauern… und was das für einen heimatverbundenen Menschen bedeutet, können wir uns schwer vorstellen. Ein Freund von mir,

ehemals Mitarbeiter der Regierung Allendes, den ich in meiner politischen Arbeit für die Unidad Popular kennen lernte, als er ebenfalls in Deutschland Asyl

fand, sprach 25 Jahren lang von Heimweh… und machte mich sensibel; so glaube ich das verstehen zu können.

Ich kann auch verstehen, wie man im Exil immer weiter für das kämpft, sich immer weiter für das engagiert, von dem man vertrieben wurde: Für seine Heimat

und sein Volk.  Nach der Demokratisierung Chiles und dem Zerbrechen der Macht der alten Faschisten, 1989 kehrte AS nach Chile zurück und unterstützte aktiv

den Wiederaufbau Chiles, um dann im Sommer des Jahres 2000 als Botschafter seines Landes nach Berlin entsandt zu werden. In dieser Funktion hatte ich die

Ehre, ihn persönlich kennen zu lernen. Neben seinen Amtspflichten, arbeitet AS fortwährend weiter an seinem Werk.

AS nennt sich selbst „Schriftsteller der Alltäglichkeit“ und sein literarisches Schaffen umfasst Essays, Novellen, Hörspiele, Kurzgeschichten und Romane;

auch Drehbücher für erfolgreiche deutsche Filme (z.B. Peter Lilienthals „Es herrscht Ruhe im Land” und „Der Aufstand”). Sein Erfolg kann sich durchaus

sehen lassen und für einen Dichter im Exil, ist es schon nahe zu phantastisch, wenn die meisten seiner Werke in über 20 Sprachen übersetzt wurden.

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Wenn ich annehme, dass ich den in meiner Einleitung gebrauchten Satz vom Durchdrungensein der ganzen Gesellschaft von fadenscheinigem Sponsoring (dem

Einfallstor von Korruption) für richtig halten darf, und die Bemerkung, dass dies in der Bevölkerung scheinbar eher als die Normalität anstatt die

Absurdität gesehen wird ebenso richtig ist, dann haben wir hier das Stichwort Alltäglichkeit, für die AS schreibt. In seinem jüngsten Roman „Der Dieb und

die Tänzerin“ zeichnet der chilenische Autor zwar ein durchaus poetisches Bild der gegenwärtigen chilenischen Gesellschaft, doch auch die Stichworte

Machtmissbrauch, Vorteilsnahme und Korruption bezeichnen Kernelemente der Handlung.

Romanort ist Santiago de Chile, die Romanzeit ist der Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine der Hauptfiguren ist Nicolás Vergara Grey; einer der letzten

Gentleman-Ganoven alter Schule. Wir kommen gerade rechtzeitig dazu, als er nach fünf Jahren Gefängnis, dank einer von der Regierung erlassenen allgemeinen

Amnestie, frühzeitig aus der Haft entlassen wird. Zur gleichen Zeit lässt auch der wegen Pferdediebstahls verurteilte junge Ángel Santiago die

Gefängnismauern hinter sich; in der Tasche den Plan zu einem Riesencoup, den ihm einer seiner Mitinhaftierten anvertraut hat. Sein Auftrag lautet, den

genialen Plan dem stadtbekannten und verehrten Panzerknacker Vergara Grey zu überbringen. Doch noch bevor es zu einem ersten Zusammentreffen zwischen den

beiden kommt, lernt Ángel die 17-jährige Tänzerin Victoria Ponce kennen – und verliebt sich in sie.

Nach und nach treten weitere prägnante Persönlichkeiten aus den Kulissen; als solche nimmt AS kurzerhand die chilenische Hauptstadt. Seine offensichtlich

profunden Ortskenntnisse lassen die sprachlichen Stadtbilder plastisch hervor treten. In das Stadtbild setzt er also weitere Handelnde. Einer für den Roman

wichtigsten, der Bösewicht: Ein korrupter Gefängnisdirektor. Sein skrupelloser Helfershelfer: Ein gedungener Mörder. Unterstützerin der jungen Helden Ángel

und Victoria: Viktorias engagierte Kunstlehrerin… und weitere Nebenfiguren.

Schon bald wird deutlich, dass der große Coup und die Lebensträume der drei Hauptfiguren nur die vordergründige Handlung für eine Darstellung der

chilenischen Gesellschaft bilden. Das eigentliche Thema des Romans, das sich wie ein roter Faden durch den Text zieht, ist die von der chilenischen

Gesellschaft unverarbeitet gebliebene Militärdiktatur. So wurde Victorias Vater als Oppositioneller von Pinochets Schergen ermordet; der Gefängnisdirektor,

der Ángel bei seiner Ankunft im Gefängnis hat vergewaltigen und misshandeln lassen, ist ein ehemaliger Folterer in neuer Uniform, der aus Angst vor Ángels

Rache einen Mörder aus dem Gefängnis auf ihn ansetzt. Und bei dem Geld und dem Schmuck, den die beiden Ganoven beim großen Coup erbeuten, handelt es sich

um das unangetastete schmutzige Vermögen des ehemaligen Geheimdienstchefs des Diktators, General Canteros.

Bei einer vornehmen Feier würde der Gastgeber nun verkünden: Das Buffet ist eröffnet. Und ganz genauso wie sich nun die Gäste auf ein opulentes Mahl

verlassen können, kann sich die Leserschaft auf einen spannungsgeladenen, erschreckenden und erschütternden, aber auch auf einen wunderbar fließenden,

teils sehr humorvollen und poetisch verfassten Roman freuen; von dem ich nicht allzu viel verraten möchte. AS beherrscht es meisterhaft sich seine

gesellschaftliche Kritik von den Klischees transportieren zu lassen:

Die arme Tänzerin, die sich prostituiert, um ihre Tanzstunden bezahlen zu können, trifft auf den jungen, impulsiven Pferdedieb, der auf einem alten

Rennpferd durch Santiago reitet. Der galante und kluge Ganove, dessen bisherige Raubzüge ausgeklügelte „Kunstwerke“ waren, bei denen niemals Personen zu

Schaden gekommen sind, verlässt das Gefängnis mit dem Vorsatz, ein ehrliches Leben zu beginnen und um die Liebe seiner Familie zu kämpfen. Und dann ist da

noch der mehrfache Mörder, dem stets eine Meute Hunde auf den Fersen folgt, die er auf mysteriöse Weise anzieht.

Aber der Roman äußert auf diese Weise Kritik an der Korruption und dem mehr oder weniger verdeckten Fortbestehen der alten Strukturen und Protagonisten aus

Zeiten der Diktatur, die den Staatsapparat nach wie vor beherrschen. Es ist zwar durch und durch ein chilenischer Roman, doch gelingt es uns Lesenden

mühelos; die Handlung und vor allem die Botschaft des Werkes auf hiesige Verhältnisse zu übersetzen.

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Für mich ist dieser Roman eine der Sternstunden meiner Leseleidenschaft für die Lateinamerikanische Literatur… und das will für etwas bedeuten, da ich mich

seit über dreißig Jahren mit der Literatur dieses Kontinents – nicht nur sporadisch – beschäftige. Das Besondere für mich war, dass die Atmosphäre des

Romans, trotz des überaus ärgerlichen Themas, alles andere als düster daher kommt. Es kam mir vor, als flösse die Handlung wie ein in klaren und

sättigenden Farben gedrehter fabelhafter Film Szene für Szene vor meinem geistigen Auge vorüber; und es sollte mich nicht wundern, wenn das Buch irgendwann

tatsächlich verfilmt würde.

Einerseits liegt das an der auf ihre Art sehr poetische und humorvolle Sprache derer sich AS bedient, andererseits an den bereits erwähnten Szenen des

Romanortes Santiago de Chile. Sicher, diese Bilder vermitteln – unkritisch gelesen – ein idealisiertes Bild dieser großen Stadt; die (wie alle großen

Städte) natürlich auch ihre Schattenseite hat, doch das Gegengewicht zur dieser vielleicht allzu märchenhaften Schönheit, sind die tragischen Momente des

Romans; in ihnen spiegelt sich der Moloch einer Mega-City.

Doch AS setzt gerade diese Poetisierung der Wirklichkeit als Stilmittel dafür ein, dass uns – um im Bild des oben genannten Gastgebers zu bleiben – der

Happen nicht im Halse stecken bleibt. Die Poetisierung macht „Der Dieb und die Tänzerin“ zu einem auch sprachlich sehr schönen Roman, der obendrein durch

Spannung und seine liebevoll gezeichneten Charaktere besticht.
Anhand von verschiedenen parallel laufenden oder zusammenführenden Erzählsträngen gelingt es AS, uns die verschiedene Figuren, die chilenischen Hauptstadt

und ein Stück ihres Alltags kunstvoll darzustellen; insofern hat er seinen eigenen Anspruch, der „Schriftsteller der Alltäglichkeit“ zu sein, ein weiteres

Mal voll erfüllt. Nicht umsonst wurde der Autor im Jahr 2003 mit dem Premio Planeta, dem höchstdotierten spanischen Literaturpreis, ausgezeichnet.
Pessoa
Der Dieb und die Tänzerin
Antonio Skármeta
398 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Piper – Aus Oktober 2005
ISBN-10: 349204719X
22,90 €uro

400 Seiten – Broschierte Ausgabe
Verlag: Piper (Januar 2007)
ISBN-10: 3492248594
10, – €uro

Beide Ausgaben sind schon antiquarisch sehr viel günstiger zu haben.