Antonio Skarmeta „Mit brennender Geduld“

Als ich für diesen Bericht die dürren Fakten des Lebenslaufes Antonio Skarmetas zusammen getragen hatte und mir dieses erbärmlich kleine Häufchen Buchstaben besah, überfiel mich der erschreckende Gedanke, dass letztlich von niemandem viel mehr bleiben wird, als eben dies: Ein erbärmliches Häufchen Daten, Fakten, Buchstaben… Es sei denn, dachte ich, man sorgt aus sich selbst heraus dafür, dass dieser Ansammlung von Buchstaben, die über das eigene Leben zusammen getragen werden können, die über ein geführtes Leben Auskunft geben, mehr als nur die Zeichen der amtlichen Akten zur Verfügung stehen.

Nun, mein Gedanke wird vielleicht besser verständlich, wenn ich ihn am ersten Satz festmache, den ich zur Vorstellung des Schriftstellers Antonio Skarmeta aufschreibe: Er wurde 1940 in Antofagasta/Chile geboren… Das hört sich wie ein einfacher Satz an, dessen Einfachheit dem Informationsgehalt entspricht. Ausgehend von meinem Gedanken zu Beginn des Berichtes, möchte ich eine andere Erzählweise verwenden und damit auch gleich denjenigen Leserinnen und Lesern die meinten, dass meine Autorenportraits zu ausführlich seinen, sagen, dass es eben nicht damit getan ist, die dürren Fakten aufzusammeln und aufzuschreiben. Wie hört sich das an? Antonio Skarmetas Eltern waren jugoslawische Einwanderer, die sich in einer der trockensten, heißesten Städte der Welt, die am Rande der nordchilenischen Wüste inmitten von nichts als Grau gebaut wurde, niedergelassen hatten, um ihr Glück in den Minen zu suchen. Skarmeta wuchs bei seinen Großeltern aus… und lernte von frühester Kindheit an, was Armut ist, was existenzielle Ungewissheit ist, was Einsamkeit ist…

Nach seiner schulischen Grundausbildung, studierte er, trotz all der materiellen Schwierigkeiten von 1958 – 1963 Philosophie und Geisteswissenschaften und ging schließlich nach New York, wo er mit Hilfe eines Stipendiums weiterstudieren und letztlich seinen Master of Arts an der Columbia Universität (1964 – 1966) mit einer Dissertation über Julio Cortázar (wer das war, kann man in zwei weiteren Berichten von mir lesen) ablegen konnte. Er kehrte in sein Heimatland zurück und wird bis 1973 in Santiago de Chile als Professor, als Mitarbeiter von Presse, sowie Radio und Fernsehstationen tätig. Während dieser Tätigkeiten kommt Skarmeta mit der Unidad Popular in Kontakt, der Partei des späteren sozialistischen Präsidenten Salvador Allende… dieser Teil der chilenischen Geschichte dürft sehr bekannt sein und ich erspare mir, sie weiter auszuführen. Für die Besprechung scheint mir es an dieser Stelle aber wichtig zu sein zu erwähnen, dass er in dieser Zeit natürlich auch den größten Dichter des letzten Jahrhunderts Pablo Neruda kennen und schätzen, auch verehren lernte, der ja seinerseits auch untrennbar mit der politischen Geschichte des Landes verbunden ist.

1973, kurz nach dem Putsch des Faschisten Pinochet, und seiner Helfer aus den USA, gegen die Regierung Allendes und dessen Ermordung durch die Militär-Junta, musste auch Skarmeta Chile verlassen und ging zunächst nach Argentinien, später dann nach Deutschland ins Exil. Bis 1989 sollte seine Abwesenheit von der Heimat andauern… und was das für einen heimatverbundenen Menschen bedeutet, können wir uns schwer vorstellen. Ein Freund von mir, ehemals Mitarbeiter der Regierung Allendes, den ich in meiner politischen Arbeit für die Unidad Popular kennen lernte, als er ebenfalls in Deutschland Asyl fand, spricht seit nunmehr 25 Jahren von Heimweh… und machte mich sensibel; so glaube ich das verstehen zu können… kann auch verstehen, wie man im Exil immer weiter für das kämpft, sich immer weiter für das engagiert, von dem man vertrieben wurde: Für seine Heimat und sein Volk. Nach der Demokratisierung Chiles und dem Zerbrechen der Macht der alten Faschisten, 1989 kehrte Antonio Skarmeta nach Chile zurück und unterstützte aktiv den Wiederaufbau Chiles, um dann im Sommer des Jahres 2000 als Botschafter seines Landes nach Berlin entsandt zu werden.

Antonio Skarmeta nennt sich selbst „Schriftsteller der Alltäglichkeit“ und sein literarisches Schaffen umfasst Essays, Novellen, Hörspiele, Kurzgeschichten und Romane; auch Drehbücher für erfolgreiche deutsche Filme (z.B. Peter Lilienthals „Es herrscht Ruhe im Land” und „Der Aufstand”). Sein Erfolg kann sich durchaus sehen lassen und für einen Dichter im Exil, ist es schon nahe zu phantastisch, wenn die meisten seiner Werke in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Um seinen erfolgreichsten Roman soll es in dieser Besprechung gehen: „Mit brennender Geduld“. Er schrieb ihn 1984, nach langen Jahren des Exils und vergeblichem kämpfen und hoffen darauf, dass die Faschisten in Chile ihre Macht entrissen bekommen. Deshalb soll als Hintergrund ein Zitat von ihm den literarischen Teil der Besprechung einleiten. Er schrieb: „Bitte verzeihen sie mir wenn mein Deutsch etwas schlecht ist , doch möchte ich ihnen sagen, wie wichtig mir es ist, das diese Buch richtig verstanden wird. Mir ging es darum der Welt zu zeigen wie wichtig es ist eine eigene poetische Meinung haben zu dürfen was bei uns immer noch nicht der Fall ist. Menschen werden noch immer umgetötet und verfolgt, ich kämpfe mit diesem Buch gegen diese Tyranei! Danke“

In seinem Roman „Mit brennender Geduld“ zollt er sozusagen seinem Landsmann und Kollegen Pablo Neruda Tribut… besser gesagt, er würdigte mit seinem Roman den toten (er starb am 23.9.1973) chilenischen Nobelpreisträger und widmete das Buch obendrein der Witwe Nerudas, Matilde Urrutia. Skarmeta verarbeitet eine Fülle von aktuellen politischen Ereignissen, persönlichen Ansichten und Überzeugungen und auch persönlichen Momenten in diesem Roman, der dennoch, und das ist seine poetische Leistung, kein Geschichtsbuch, keine Biographie wird. Sicher ist der große Dichter und sein Werdegang, seiner Rolle bei der Wahl Allendes, seiner Tätigkeit als Botschafter des Landes in Paris, seiner Rückkehr als sehr kranker, dem Sterben naher Mann, seines inländischen Exils auf der Isla Negra im unwirtlichen Süden Chiles, ein großer Bestandteil der erzählten Geschichte. Aber sie wird nicht von außen erzählt, sondern macht sich fast an einer anderen Figur: nämlich einem Siebzehnjährigen, der unfreiwillig den Beruf eines Fischerjungen mit dem eines Postboten vertauschte, der diesem Großen der Literatur die Post zu bringen hatte.

Skarmeta schafft es, mit der Beschreibung der Bewunderung, welche der ungelenke Mario Jiménez dem nationalen Monument, dem Dichter des Canto General (des Großen Gesangs) Pablo Neruda entgegen bringt, eine menschlich einfache Perspektive einzunehmen, aus der heraus er sich dem großen Literaten nähert. In der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Neruda und Mario ist alles nachvollziehbar und nacherlebbar… vielleicht empfinden ja auch wir Ehrfrucht vor großen Namen? Neruda wird als ein sehr einfühlsamer Mensch beschrieben, der so gar nichts von dem Starkult an sich hat, der um ihn gemacht wird… er ist reduziert auf seine Menschlichkeit, wenn er sich der Jungen annimmt, der sich in seiner Seelennot an ihn wendet: Mario ist nämlich verliebt… in eine unerreichbar scheinende Frau. Und Neruda lässt sich von Mario dazu einspannen, sein bislang ergebnisloses Werben zu unterstützen. Diese, mit herbem Charme und manchmal derbem Witz geschriebenen Passagen, sind unglaublich nahegehend und berühren zutiefst.

Aber in diesem Werk kommen auch ganz andere Dimensionen zum Vorschein… immer im Fluss der Geschichte eingebunden und niemals schulmeisternd. Z.B. fragt Mario den Meister, was eine Metapher sei, was Poesie sei – und Neruda erklärt es sozusagen praktisch. Er lehrt Mario, wie er sich der Sprache, der erotisierenden Kraft der Worte bedienen kann… erlaubt ihm, auch Zitate von ihm der Angebeteten zukommen zu lassen. Die Mutter der immer mehr von Mario hingerissenen jungen Frau, ist wiederum so etwas wie der kritische Gegenpol und will die Tochter warnen; z.B. sagt sie ihr, anknüpfend an eine Gedichtszeile Nerudas: „Mein liebes Kind, die Wasser der Flüsse ziehen Steine über den Grund und Worte Schwangerschaften nach sich.“ Die Mutter ist vielleicht naiv, doch sie ist durchaus lebenserfahren…. sie ist vielleicht ungebildet, aber dadurch noch lange nicht ohne Ahnung von Leben und von der Macht der Worte und ihrer Bedeutung..

Indem Skarmeta den berühmten Mann als (übertrieben formuliert) Handlanger des Jungen werden lässt, reduziert den „Dichter der Elemente und Lebensfülle“ in keiner Weise, sondern erhöht ihn, ohne ihn auf einen Denkmalssockel zu heben. Letztlich erfüllt sich die Liebesgeschichte des jungen Marion… es kommt zum Happy End. Was aus dieser, für mich gelungensten Passage des Romans hervor geht und übrig bleibt, ist die Neugierde auf die Gedichte, die Lust das Werk Nerudas selber zu lesen. Insofern ist es Skarmeta in der Tat gelungen, seinem verehrten Dichter posthum „einen Dienst zu erweisen“.

Im letzten Teil des Buches beschäftigt sich Skarmeta mit dem Sterben Pablo Nerudas, erzählt vom faschistischen Putsch, den die Militärs gegen die demokratisch gewählte Linke verübt (übrigens wurde, wie so oft, das Signal zum Putsch durch ein vom Radio ausgestrahltes Zeichen gegeben, dem deutschen Militärmarsch „Alte Kameraden“… Was ich damit sagen will? Nun, ich wollte es einfach erwähnen…). Natürlich bleiben die handelnden Figuren des Romans auch in diesem Teil des Buches vorhanden und aktiv. Skarmeta beschreibt die Bespitzelung Marios durch die Geheimpolizei… aber er beschreibt auch, wie sich der junge Mann immer mehr des Wortes bedienen lernt und seinen Weg hin zu einem Dichter zu beschreiten beginnt – wahrscheinlich trägt dieser Teil auch starke autobiographische Momente.

Antonio Skarmeta ist mit dem Roman „Mit brennender Geduld“ ein wundervolles Buch über Neruda und die kleinen Leute von Chile, über Poesie und die Kraft der Worte, über Liebe, Leidenschaft und Politik, über Geschichte und Wahrhaftigkeit gelungen, in dem nichts glorifiziert, sondern auf das menschliche Maß reduziert ist. Ich habe bisher noch kein Buch gelesen, das die schwierige politische Episode Chiles ebenso eindringlich wie leise beschreibt, und außer in „Mein Leben mit Pablo Neruda“ von seiner Frau Matilde Urrutia, habe ich niemals jemand so zärtlich und liebevoll über Neruda sprechen hören wie Antonio Skarmeta. Dieses Buch ist mir jederzeit sowohl ein literarischer Genuss, als auch eine ergreifende Unterhaltung gewesen. Das wird sich sogar die Filmindustrie gedacht haben… Denn der Roman wurde 1995 unter dem Titel „Der Postmann“ verfilm und weltweit in die Kinos gebracht… er ist einer der meistgesehenen ausländischen Filmen in den USA… aller Zeiten! Er wurde für fünf Oskars nominiert, von denen er schließlich einen gewann… Mir persönlich gefällt allerdings die Adaption des ZDF von 1983 weitaus besser… weil sie poetischer ist, weil sie näher am Roman bleibt, weil sie dem treu bleibt, was der Autor zu zeigen hatte…

Wilfried John

Mit brennender Geduld.
Antonio Skarmeta
149 Seiten – Taschenbuch
Verlag Piper von 2000
ISBN: 3-4922-2678-7
8,13 €