Bartolomé de Las Casas „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“

Manchmal passiert es mir, dass sich aus (scheinbar?) zufällig betrachteten Bildern, hinter meiner Stirn ein neues Bild formt, das dann zwar aus den jeweils betrachteten Bildern besteht, das aber – gleich dreier übereinander projizierten Dias – etwas anderes zeigt als es die jeweils einzelnen Bilder vermuten lassen müssten. Ist das zu kompliziert? Nun, ich möchte das am Beispiel wie ich (auch wenn es hierzu auch noch andere Gedanken gab…) auf die Idee zu dieser Buchbesprechung kam verdeutlichen: Das erste Bild sah ich in der Berichterstattung über die Olympischen Spiele… die Erde, vom Weltraum aus betrachtet, in ihrer ganzen Schönheit… und dann, wie mit einem Zoom-Objektiv näher heran gezoomt, den nordamerikanischen Kontinent, die Westküste und die Rocky Mountains, den US-Bundesstaat Utah, Salt Lake City, die Wettkampfstätten usw. und schließlich den Standort des Reporters – von der Erhabenheit des Anblicks der blauen Weltkugel vor dem schwarzen Hintergrund des Weltraums war nichts mehr übrig. Das zweite “Bild” war eine Internet-Umfrage über die Wirkung einer Werbekampagne einer noblen deutschen Automarke… eine Assoziation mit dem legendären Woodstock-Konzert – das nicht stattgefunden hätte, hätte man, der Vernunft gehorchend, das Verbot des Stadtoberhaupts akzeptiert – sollte bewirken, dass man beim Autokauf, ebenfalls die Vernunft beiseite lassen sollte. Das dritte Bild waren streikende Arbeiter einer koreanischen Fabrik, die – kaum genug Lohn um den Lebensunterhalt zu bestreiten – für bessere Lebensbedingungen stritten und dafür von schwer bewaffneter Polizei zusammengeschlagen wurden… in einem Land also, in dem ebenfalls Autos gebaut werden, in dem bald ein großes Sportereignis stattfinden wird… oder das man auch von ferne betrachtet als sehr schön empfinden kann.

Das Bild das hinter meiner Stirne neu entstand, ist das Bild einer paradiesischen Landschaft, in der Menschen weitgehend im Einklang mit der Natur leben, Menschen, die in ihrer Natürlichkeit gegenüber Fremden kein Arg hegen. Wenngleich auch sie nicht immer friedfertig sind und sie religiöse Fanatiker zu sein vermögen, so liegen ihre schlimmsten Frevel doch weit hinter denen sogenannter zivilisierten, modernen Gesellschaften. Mitten hinein in dieses Bild strömt unvermittelt die pure Gewalt, die Zerstörung, der Tod… die Sklaverei, die Profitgier und die Frömmigkeit einer gewalttätigen Kirche. Und plötzlich sind Begriffe wie Globalisierung entzaubert… Ach, das ist ja gar nichts Neues… Das ist ja etwas uraltes… alter Wein in neuen Schläuchen. Und an dieser Stelle kam ich auf die Idee über eines der ältesten, wenn nicht gar das älteste Buch zu schreiben, das hier bei Ciao zu finden ist. Ein Buch, das seit 461 Jahren immer und immer wieder neu erscheint… immer und immer wieder neu anklagt… immer und immer wieder darauf aufmerksam macht, was Menschen anderen Menschen im Streben nach Profit und Macht (gleich welcher Art sie sein mag, weltlich oder geistlich) anzutun in der Lage sind. Das Buch heißt : “Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Inseln” und wurde von einem Priester namens Bartolomé de Las Casas verfasst, der sehr genau wusste was weltliche und geistliche Macht anzurichten in der Lage sind.

Woher er das wusste? Nun, er war in jeder Hinsicht Beteiligter: er war Eroberer, er war Geschäftemacher, er war Sklavenhalter und gleichzeitig Pfarrer… letztlich war er sogar Anwalt der Unterdrückten und brachte sich für sie selbst in Gefahr. Sevilla 1484 (oder nach anderen Quellen zehn Jahre früher): Bartolomé de Las Casas wurde in eine Kaufmannsfamilie hinein geboren. Sein Vater nahm 1492 an den Fahrten zur Entdeckung (richtiger gesagt… Eroberung) Amerikas durch Kolumbus teil. Wie Bartolomés frühen Jahre verliefen entzieht sich meiner Kenntnis, jedenfalls nahm er ein Jura- und Theologiestudium an der Universität in Salamanca auf, das er aber schon 1502, noch vor seinem achtzehnten Lebensjahr, wieder aufgab. Er wurde als Legionär für die neu entdeckten Länder angeworben und nahm an Feldzügen zur sogenannten „Befriedung von Indianern“ auf den karibischen Inseln (damals Westindien) teil. Offensichtlich war er hier schon in einer hervorgehobenen Stellung… vielleicht durch den Einfluss des Vaters, vielleicht durch das etwas mehr an Bildung, jedenfalls bekam Las Casas eine Encomienda zugeteilt; wenn man so will, die Erlaubnis Geld zu drucken.
1506 oder 1507, während eines Papstbesuchs in Rom, wurde er zum Priester geweiht; was ihn aber nicht davon abhielt, gerade so weiter zu wirtschaften, auszubeuten, zu unterjochen und letztlich zu töten, wie er es zuvor getan hat; was aber auch nicht untypisch für die Priester in jener Zeit und jenem Landstrich war. Las Casas nahm an der Eroberung Kubas teil, wurde mindestens Zeuge einiger Massaker durch die spanischen Conquistadoren und bekam nach der Unterwerfung der Inselbevölkerung, wiederum zur Belohnung (Belohnung für was wohl?), eine Hälfte eines großen Dorfes, mit den nahebei liegenden Goldminen und eine großen Anzahl von versklavten Indios, mit denen Las Casas eine sehr profitable Gruben- und Plantagenwirtschaft aufzog (kein Wunder… die Lohnkosten waren sehr gering). Immerhin begann er sich etwas mit der Kultur der Amerikaner (eigenartig, es ist nicht mal mehr bekannt, wie diese Menschen ihren Kontinent nannten) zu beschäftigte und sprach mehrere Sprachen verschiedener Völker des Kontinents.

Langsam jedoch machte sich der Einfluss einiger dominikanischer Mönche auf Las Casas bemerkbar, die auf der Insel predigten, dass jeder Encomendero, wenn er nicht die versklavten Indios freilässt, im Stand der Todsünde lebt. 1514 schloss sich Las Casas dann endgültig dieser Kritik an und begann gegen die brutale Unterwerfungs- und Kolonialisierungspolitik der spanischen Krone anzutreten. Er verzichtete öffentlich auf seinen ertragreichen Grundbesitz und entließ die Zwangsarbeiter (natürlich ohne Entschädigung… wiewohl Spanien – und alle anderen beteiligten Mächte – bis auf den heutigen Tag keinen Versuch der Wiedergutmachung machten).

Durch den Einfluss den Las Casas durch glückliche Umstände bei Hofe erlangte, wurde 1516 extra für ihn eine Institution geschaffen, für die Las Casas die nächsten 50 Jahre seines Lebens arbeitete: Er wurde zum „universalen Prokurator aller Indios in Westindien“ und sollte zwischen spanischen Interessen und den Bedürfnissen der unterworfenen Indios vermitteln und eine Reform der gesetzlichen Grundlagen zu erarbeiten. Das mit den Gesetzen dauerte… ein Vierteljahrhundert. Härter noch war es, die Sklavenhalter davon zu überzeugen, dass die Indios nun als freie Untertanen der spanischen Krone anzusehen seien. So scheiterte sein Projekt Venezuela “friedlich” zu kolonisieren und missionieren, weil wieder andere Spanier anfingen, Indios als Sklaven einzufangen, die überfallenen Stämme sich wehrten und ihrerseits einige Missionare umbrachten, was wieder zu Vergeltungsaktionen der Spanier nach sich zog… (war das nicht irgendwie erst gestern in den Nachrichten?).

1522 trat Las Casas in den Dominikanerorden ein und arbeitete fast 10 Jahre im Kloster von Santo-Domingo an der Niederschrift seiner sehr umfangreichen theologischen, historischen und juristischen Werke und schrieb das, für damalige Verhältnisse, großartige Geschichtswerk „Geschichte der Westindischen Länder“. 1539 musste er sich dann in Spanien einem Prozess wegen Hochverrates stellen: Er hatte vor Soldaten einer Sklavenfang-Expedition gepredigt und damit bewirkt, dass die meisten der einfachen Soldateska meuterten und ihre Teilnahme verweigerten. Auch die Inquisition untersuchte den Fall… jedoch das Verfahren war kurz… und endete mit einem Freispruch für Las Casas. Im Zuge dieses Verfahrens hielt er sich vier Jahre lang in Spanien auf und verfasste schließlich 1541 das Buch, mit dem er unvergesslich berühmt wurde und das es hier geht: „Kurzgefassten Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“. Kurz danach, 1542, traten dann die von ihm maßgeblich entworfenen “Indianergesetze” in Kraft, die jedoch von den Kolonialherrn nie beachtet wurden, und die unter dem Druck der Wirtschaft, der Kirche, des Militärs, der Verwaltung und Justiz, nach etwas weniger als drei Jahren durch Karl V. wieder abgeschafft wurden. Damit war für weitere knapp 200 Jahre die Ausbeutung und Vernichtung der lateinamerikanischen Bevölkerung mit Hilfe eines System wirtschaftlicher Ausbeutung und militärischer Interventionspolitik fest geschrieben. Die beiden letzen Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Las Casas in Spanien, wo er am 18. Juli 1566 im Alter von 82 Jahren, und im Bewusstsein seines Scheiterns, in Madrid starb.

Die Erfindung des Buchdrucks sorgte dafür, dass der „Kurzgefasste Bericht…“ sehr schnell in ganz Europa bekannt wurde. Die erste Veröffentlichung erfolgt schon 1579 in Paris… danach folgten bis auf den heutigen Tag unzählige Auflagen überall auf der Welt. Aber das Buch wurde auch instrumentalisiert; je nach Standpunkt des Betrachters zu guten oder weniger guten Zwecken. Im 16. Jahrhundert wollten die Engländer damit belegen, wie schlimm es die Spanier getrieben hatten oder noch treiben… vielleicht um die eigenen Handlungen in ein besseres Licht zu stellen? Wenn zwei das selbe tun, so ist das noch lange nicht das Selbe… wie uns die gegenwärtige us-amerikanische Politik belehrt. In der sogenannten Periode der Aufklärung, vor allem in Frankreich, benutzte man später die Darstellungen Las Casas, um, von den begangenen Grausamkeiten durch spanische Christen ausgehend, einen Beweis für die Unmenschlichkeit von Religion im Allgemeinen und Christentum im Besonderen zu erbringen.

Zwischen 1810 und 1830 gewann der “Kurzgefasste Bericht…” in Lateinamerika großen Einfluss, in dem er dem Führer der Unabhängigkeitskriege gegen die spanischen Besatzer, Simon Bolivar (siehe auch die Besprechung “Der General in seinem Labyrinth” hier bei Ciao), so etwas wie moralische Grundlage war… was auch noch im spanisch-amerikanischen Krieg von 1899, in dem sich die Vereinigten Staaten von Amerika die Kontrolle über den karibischen Raum und die Phillipinen sicherten, so war. Noch im 20. Jahrhundert wurden seine Darstellungen von spanischen Nationalisten, welche die Untaten ableugneten die im Namen ihrer Nationen begangen wurden, als Quelle von Ärger (und Schlimmerem) empfunden… Las Casas wurde von verschiedenen, den Nationalisten willfährigen, spanischen Historikern abwechselnd oder alles zusammen als „Geisteskranker“, als „Anarchist“ oder „Marxist“, als „gemeingefährlicher Demagoge“ oder gar als einen „vom Teufel besessenen Gleichmacher“ verschrien (wen das an die Aufregungen um die Wehrmachtsausstellung unlängst in Bochum erinnert, liegt da nicht gänzlich falsch…).

Um einen Eindruck dessen zu vermitteln, was die geneigten Leser und Leserinnen in diesem Buch zu Gesicht bekommen, möchte ich an dieser Stelle ein paar Abschnitte aus dem „Kurzgefassten Bericht über die Zerstörung der Westindischen Länder“ in Auszügen zitieren und erinnere daran, dass die Zeilen 1541 geschrieben wurden… nicht dass jemand auf den Gedanken kommt, die Texte seien aktueller. Die jeweiligen Zitate sind mit Stichwort-Überschriften versehen und ich halte mich dabei an ein Schema, das auch in anderen Veröffentlichungen schon gebraucht wurde:

Goldgier

“Die sogenannten Christen wählten zwei ganz untrügliche Mittel, diese bejammernswürdigen Nationen auszurotten und sie gänzlich von der Oberfläche der Erde zu vertilgen. Fürs erste bekriegten sie dieselben auf die ungerechteste, grausamste, blutgierigste Art; und zweitens brachten sie alle diejenigen ums Leben, von denen sie fürchteten, dass sie nach Freiheit seufzen, danach schmachten, nur daran denken, oder den Martern, welche sie erdulden mussten, entspringen möchten. So verfuhren sie mit all den Großen des Landes, und allen freigeborenen Untertanen; im Kriege aber ließen sie überhaupt nur Frauen und Kinder am Leben. Sie bürdeten denselben die härtesten, schwersten, drückensten Lasten auf, die nicht einmal Vieh ertragen kann, geschweige denn Menschen. Die einzige und wahre Grundursache, warum die Christen eine so ungeheure Menge schuldloser Menschen ermordeten und zugrunde richteten, war bloß diese, dass sie ihr Gold in ihre Gewalt zu bekommen suchten. Sie wünschten nämlich, in wenigen Tagen sich mit ihren Schätzen zu bereichern, und sodann sich ungleich höher empor zu schwingen, als es ihr Stand und ihre Verhältnisse erlaubten. Es geschah, ich muss es nur sagen, weil sie einen so unersättlichen Geiz und Stolz besaßen, dass ihresgleichen in der ganzen Welt wohl schwerlich zu finden ist. Es geschah, weil sie in diesen reichen und fruchtbaren Ländern sich festzusetzen wünschten, und weil die Bewohner derselben so demütig, so geduldig, so leicht zu unterjochen waren. In der Tat, sie achteten und schonten sie weit weniger als ihr Vieh, sie achteten sie nicht höher, ja noch weit geringer als den Kot auf den Straßen.”

Tod durch Arbeit und Unterernährung

“Die Männer schickten sie in die Bergwerke, um nach Gold zu graben, welches ein fast unerträgliche Arbeit ist. Die Frauen aber schickten sie auf ihre sogenannten Stationen oder Meiereien, wo sie den Feldbau besorgen mussten; eine Arbeit, die sich nur für starke und rüstige Männer gehört. Diesen wie jenen gaben sie nichts anderes zu essen als Kräuter und dergleichen Sachen, die keine Kraft haben. Säugenden Müttern vertrocknete die Milch in den Brüsten und in kurzer Zeit starben alle kleinen Kinder dahin. Die Männer mussten abgesondert leben, durften nicht den mindesten Umgang mit ihren Frauen haben; mithin hörte die Fortpflanzung gänzlich auf. Jene kamen vor Arbeit und Hunger in den Bergwerken um; und diese starben auf die nämliche Art in den Meiereien oder sogenannten Stationen. So wurde die ganze zahlreiche Volksmenge auf dieser Insel vertilgt; und auf solche Weise hätte man die sämtlichen Bewohner der Erde ausrotten können.”

Eine christliche Bekehrung

“…Die Spanier beschlossen, einen Caziquen lebendig zu verbrennen. Als er bereits an den Pfahl gebunden war, sagte ein Geistlicher vom Orden des Heiligen Franziskus, ein gottseliger Mann, der sich dort aufhielt, Verschiedenes von Gott und unserem Glauben, wovon der Cazique noch nie gehört hatte. Der Geistliche suchte sich die wenige Zeit, welche ihm die Henkersknechte verstatteten, so gut als möglich zunutze zu machen, und versicherte ihm endlich, wenn er dasjenige, was er ihm da sage, glauben wolle, so werde er in den Himmel kommen, und ewige Freude und Ruhe daselbst genießen; widrigenfalls aber werde er in der Hölle ewige Qual und Pein leiden müssen. Der Cazique dachte hierüber ein wenig nach, und fragte sodann den Geistlichen, ob denn auch Christen in den Himmel kämen. Allerdings, sagte der Geistliche, kommen alle guten Christen hinein. Sogleich, und ohne weiteres Bedenken, erwiderte der Cazique, dort wolle er nicht hin, sondern lieber in die Hölle, damit er nur dergleichen grausame Leute nicht mehr sehen, noch da sich aufhalten müsse, wo sie zugegen wären. So beförderten die Spanier, welche sich nach Indien begaben, die Ehre Gottes und unserer Religion.”

Kannibalismus

“Wenn dieser Eroberer (Pedro de Alvarado) darauf ausging, einen Ort oder eine Provinz zu überfallen, so pflegte er gewöhnlich von solchen Indianern, die schon unter seiner Botmäßigkeit standen, so viele mitzunehmen, als er nur konnte, damit sie die anderen bekriegen mussten. Da er nun oft zehn bis zwanzig tausend Mann bei sich hatte, denen er nichts zu essen gab; so erlaubte er ihnen, dass sie die Indianer, welche sie zu Gefangenen machten, verzehren durften.
In seinem Lager hielt er sogar eine öffentliche Schlachtbank, wo Menschenfleisch feil war, und wo in seiner Gegenwart kleine Kinder geschlachtet und gebraten wurden. Erwachsene Leute wurden oft nur der Hände und der Füße wegen, welche für Leckerbissen gehalten wurden, ermordet. Als die Bewohner anderer Länder von diesen unmenschlichen Verfahren hörten, wussten sie sich vor Furcht und Entsetzen nicht zu bergen.”

Perlenfischerei

“Fast alle können diese abscheuliche Lebensart (Perlenfischerei) nur wenige Tage ertragen. Denn es ist schlechterdings unmöglich, dass Menschen, die ohne Atem zu schöpfen unter Wasser arbeiten müssen, lange leben können. Ihr Körper wird unaufhörlich von Kälte durchdrungen, ihre Brust wird vom häufigen Zurückhalten des Atems zusammengepresst, mithin bekommen sie Blutspeien und Durchfall und sterben daran. Ihr Haar, das von Natur schwarz ist, bekommt eine ganz andere Farbe und wird brandrot, wie das Fell der Meerwölfe. Auf ihrem Rücken schlägt Salpeter aus; kurz, sie sehen wie Ungeheuer in Menschengestalt aus, oder doch wenigstens wie Menschen von einer ganz anderen Art. Durch diese unerträgliche Arbeit und wahre Höllenqual richteten die Spanier die sämtlichen Bewohner dieser Insel hin.”

Bluthunde und Indianerjagd

“Ich sagte bereits, dass die in Indien befindlichen Spanier blutgierige Hunde halten, die darauf abgerichtet sind, die Indianer zu erwürgen und in Stücke zu reißen. Zur Verpflegung dieser Hunde führen sie auf ihren Märschen eine Menge Indianer bei sich, die in Ketten gehen und wie ein Herde Schweine einher getrieben werden.
Man schlachtet Diesselben und bietet Menschenfleisch öffentlich feil. Dann sagt einer zum anderen: Borge mir doch einmal ein Viertel von einem dieser Schurken, ich werde demnächst auch einen schlachten; dann geb ich dir`s wieder. Nicht anders, als wenn sie einander ein Viertel von einem Schwein oder Schaf liehen.
Andere gehen des Morgens mit ihren Hunden auf die Jagd; wenn sie dann um die Tischzeit zurückkommen, und man fragt sie: wie ging`s? so geben sie zur Antwort: Recht gut! Meine Hunde haben wohl fünfzehn bis zwanzig Schurken auf dem Platz gelassen. Diese und andere teuflische Handlungen sind sogar gerichtlich und durch Prozesse erwiesen, welche diese Tyrannen mit einander führten. Lässt sich wohl etwas grausameres, abscheulicheres und unmenschlicheres denken?”

Im Namen Gottes und des Königs

“Dieser Gouverneur (Pedro Arias d`Avila) traf die Verfügung, daß die Ortschaften, worin man Gold gewahr geworden war, und welche sie berauben und plündern wollten, nicht eher überfallen werden durften, bis sich die Indianer in ihren Wohnungen ganz sicher glaubten. Dann näherten sich diese unmenschlichen spanischen Räuber einem solchen Orte bei Nachtzeit bis etwa auf eine halbe Meile, verkündigten oder verlasen jene Befehle noch in der nämlichen Nacht unter sich selbst, und riefen sodann: ihr Caziquen und Indianer dieses auf dem Festland befindlichen Ortes! Wir tun euch hiermit kund zu wissen, daß es nur Einen Gott, Einen Papst und Einen König von Kastilien gibt, welcher Herr von diesem Lande ist. Kommt augenblicklich herbei, unterwerft euch ihm usw. Wo nicht, so wisset, dass wir euch bekriegen, totschlagen, gefangen nehmen werden usw.
Gegen vier Uhr des Morgens, wenn diese Unschuldigen nebst ihren Frauen und Kindern noch schliefen, stürmten sie in den Ort; warfen Feuer in die Häuser, die gewöhnlich nur von Stroh waren; verbrannten Frauen und Kinder lebendig, so dass viele kaum wussten wie ihnen geschah, schlugen tot was sie wollten, und taten denjenigen, welche sie leben ließen, alle nur erdenklichen Martern an, damit sie entweder noch mehr Gold, als sie daselbst fanden, herbeischaffen, oder andere Ortschaften angeben sollten, wo dergleichen zu finden sei; brandmarkten die, welche sie übrig ließen, als Sklaven und suchten sodann, wenn das Feuer getilgt oder erloschen war, das Gold zusammen, welches sich in den Häusern befunden hatte.”

Nun, ich sollte natürlich noch etwas zu meinen Leseerfahrungen sagen und will hier deutlich unterstreichen, dass dieses Buch alles ist… aber bestimmt kein Lesevergnügen. Es ist mithin ein unbequemes Buch, gleichwohl es schon so lange in der Welt ist… oder gerade deswegen. Das Buch vermochte mich tief zu berühren, weil es nicht künstelt, weil die Sprache keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass hier das Handeln von Menschen wider andere Menschen beschrieben wird. Dabei liefen mir nicht nur ein Schauder den Rücken hinab… und es waren andere Schauder als die, welche ich beim lesen eines Grusel-Romans empfinde. Dieses Buch machte mich traurig… unendlich traurig. Und dieses Buch machte mich wütend… wirklich sehr wütend. Aber diese Wut, und das möchte ich hier ausdrücklich betonen, richtet sich ganz bestimmt nicht gegen heutige spanische Menschen… sie richtet sich gegen das, was man gemeinhin das System nennt (übrigens das selbe, das es auch heute noch schafft, wenn auch meist mit anderen Mitteln und unter verschleiernden Bezeichnungen wie Neoliberalismus, ganze Kontinente, Gesellschaften und Völker auszubeuten).

Für mich war dieses Buch eines jener Bücher, von denen man sagt, dass man sie nicht lesen könne, ohne dass man sein Leben ändert… und das will etwas bedeuten, bei einem gerade mal 152 Seiten umfassenden Bändchen. Meines Wissens nach, steht bis heute – aus verständlichen Gründen – in ganz Mexiko kein Denkmal des Hernan Cortez… aber warum in ganz Spanien bis zum heutigen Tage keines für Bartolomé de Las Casas steht, vermag ich mir nicht vorzustellen; man hat sich nicht einmal darum gekümmert, herauszufinden wo genau sich das Grab des Mannes befindet. Vielleicht war auch dieser Gedanke ein Grund dafür, diese Besprechung zu schreiben. Jedenfalls möchte ich das Buch all jenen empfehlen, die sich trauen ihr Gewissen auf den Prüfstand zu stellen… Es gibt viele Möglichkeiten die Lehren, die man lesend aus dem vierhunderteinundsechzig Jahre alten Buch ziehen kann, in der Gegenwart zu leben, z.B. in dem man die ATTAK-Bewegung unterstützt. Die Schilderungen Las Casas sind ein beredtes Zeugnis dafür, dass wir die Begegnung mit anderen Kulturen niemals ausschließlich unter kommerziellen Gesichtspunkten sehen dürfen, welche sich nur um Verwendbarkeit, Verfügbarkeit und Kosten kümmern will… gerade wenn es, wie aktuelle hier in unserem Land, um eine Debatte über ein Zuwanderungsgesetz geht. Und ganz sicher war der Gedanke an diese Debatte einer der Gründe für die Entstehung dieser Besprechung.

Wilfried John

Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder
Bartolomé de Las Casas
152 Seiten Taschenbuch
Verlag Insel – Taschenbuch Nr.553
ISBN 3-4583-2253-1
7.50 €