César Aira „Humboldts Schatten“

Humboldts Schatten
César Aira
122 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Nagel & Kimche – Aus August 2003
ISBN: 3-312-00321-0
14,90 €
Antiquarisch billiger

Eine Sache der Perspektive

Pro:
Eine vielschichtige Novelle, furiose Sprachkraft, neue Lateinamerikanische Literatur
Kontra:
Leser müssen den Anfang überstehen…

Perspektiven. Natürlich ist der Begriff im weitesten Sinne – von einer Betrachtungsweise oder -möglichkeit bis hin zu einem Aspekt der Maltechnik – zu verstehen, in dem es immer (im gegenständlichen wie im übertragenen Sinne) auf die Festlegung eines Standpunktes ankommt. Aber während es einerseits auf räumliche Verortung ankommt und in diesem Kontext der Wechsel der Perspektive also immer einen Ortswechsel voraussetzt, ist andererseits die Frage des Perspektivwechsels im Sinne von Betrachtungsweise oder -möglichkeit allenfalls damit verbunden, seine innere Verortung, vorübergehend oder dauerhaft zu ändern; sich eine Meinung zu bilden.
Leider ist die allgemeine Kenntnis vom Ursprungs des Wortes Meinung (vom indogermanischen „moino“ für Wechsel oder Tausch) in der Neuzeit aus Versehen (natürlich) verloren gegangen und dem Begriff Meinung ist mehr und mehr etwas Festzulegendes oder gar, bis hin zum Dogma, Festgelegtes zugeordnet worden. Im engeren Sinne ist Meinung die subjektive Ansicht und Einstellung zu Zuständen, Ereignissen oder anderen Personen; wobei letzteres problematisch ist, da damit (nicht nur von Rechts wegen) ein Werturteil verbunden ist.
Die wesentliche Aufgabe von Meinung ist die Bewertung oder Beurteilung, sie sagt aus, wie jemand etwas sieht. Eine Meinung sollte auf der Basis eigener Erfahrungen und eigenen Wissens, vor dem Hintergrund der eigenen gesellschaftlichen Umgebung und Deutungsmuster entstehen. Eine Meinung ist demnach ein psychisch erzeugter Standpunkt, der meist im Grade seiner Plausibilität stabil beibehalten wird, der aber keinesfalls unabänderlich wird. Ist der Standpunkt einer Person unsicher, wird sie einen neuen Prozess des Findens beginnen, neue Informationen sammeln und sich eine mehr oder weniger veränderte oder eine neue Meinung bilden.
Da wir eben bei dem Stichwort Meinung sind, möchte der Autor zu Protokoll geben, dass das hier besprochene Buch ganz gewiss nichts mit Schlagworten wie Herrschende Meinung oder Postulat gemein hat, und wenn ich schon aus dem Wortschatz der Wissenschaften zitiere, dann eignen sich zur Bezeichnung der vorliegenden Geschichte höchstens die Begriffe Minderheitsmeinung oder aber Abweichende Meinung, die – in die Debatte einbezogen – auch eine Triebfeder für die Weiterentwicklung des Erkenntnisprozesses sein kann.
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In dem hier vorzustellenden Buch geht es im engeren und weiteren Sinne um Meinung, um die subjektive Ansicht (des Innen und Außen), um Einstellung zu Zuständen, Ereignissen oder anderen Personen; sogar Historischen Personen. Es geht um Meinungsunterschiede und Erkenntnisprozesse, es geht um unterschiedliche Wertschätzungen und sogar die Malerei. Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, dass ich ein Sachbuch gelesen habe, so ist dieser Eindruck einerseits nicht vollständig falsch, aber andererseits keinesfalls annähernd richtig. Das Werk beginnt quasi wie eine Reiseerzählung aus dem 19. Jahrhundert, entwickelt sich zu einer literarischen Hommage und wird schließlich zu einer Art Abenteuernovelle (wenn es sowas gibt?) oder aber – in guter Argentinischer Literaturtradition – zu einem glänzenden Stück der Gattung Phantastische Literatur.
Natürlich ist Phantastische Literatur kein ausschließlich argentinisches Phänomen, sondern eine in ganz Lateinamerika beliebte Spielart der Literatur. Sie zeichnet sich – laut des argentinischen Autors Adolfo Bioy Casares (auch hier bei Ciao vorgestellt), einem der vornehmsten Vertreter dieser Literatur-Gattung – durch logische und unmögliche Entwürfe aus, die Abenteuer der philosophischen Imagination sind. Kommen diese „logischen und unmöglichen Entwürfe“ einem fähigen Schriftsteller, dann bekommen wir genau das was uns hier vorliegt: Ein virtuos und sprachkräftig erzähltes Werk.
Ursprünglich wollte ich eine ganz andere Besprechung schreiben: Ich hatte „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann gelesen und den gleichnamigen Film gesehen… beides hat mir ausnehmend gut gefallen. Als jemand, der in jungen Jahren beruflich auf vier Kontinenten unterwegs war, hatte mich die Figur des A. v. Humboldt natürlich besonders fasziniert. Während ich noch darüber nachdachte wie ich die Besprechung anlegen sollte, schlich sich ein Gedanke in mein Nachdenken, den ich nicht mehr los wurde: Ich fragte mich, aus welchen Quellen sich Humboldts Ruhm speist… was ihn schon zu Lebzeiten so berühmt hat werden lassen.
Schon damals waren Expeditionen keine ausschließlichen Abenteuer-Reisen, sondern wohlgeplante, mit viel Geld ausgestattete Unternehmen, die – neben dem wissenschaftlichen Sinn – auch einen propagandistischen Zweck zu erfüllen hatten; die Geldgeber hatten halt auch bescheidene Ansprüche und schon damals war der frei und unabhängig Forschende eine Schimäre. Und ebenfalls schon damals, sagten Bilder mehr als viele Worte. Nach Dieter Hildebrand kommt Bildung von Bild… käme sie von Buch, würde man wohl Buchung sagen.
Ein Charakterzug von mir, ist das Misstrauen gegenüber Autoritäten und Institutionen, das Hinterfragen von Bürgerlichen Bildungsidealen und Personen, welche uns als nachzueifernden Helden präsentiert werden. Angesichts all dieser Aspekte, machte sich die Erinnerung an ein Buch bemerkbar, das ich vor zehn Jahren gelesen hatte: „Humboldts Schatten“ von César Aira. Darin geht es um eben jenen Mann, der all die phantastischen Bilder schuf, die in der gebildeten Welt von damals so viel Begeisterung auslösten, die aber im Wesentlichen nur Humboldt (einen der Ihrigen) hochleben ließ; der Maler aber (keiner der Ihrigen) fiel dem Vergessen anheim.
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Meine Leserinnen und Leser erwarten wahrscheinlich, dass an dieser Stelle eine Vorstellung des Autors folgt. Ich habe nicht die Absicht, diese Erwartungen zu enttäuschen, doch die Vorstellung von CA muss nach einer anderen Methode erfolgen, als den Lebenslauf anhand biographischer Daten nachzuerzählen. Das liegt daran, dass über CA nicht viel mehr in Erfahrung zu bringen ist, als er offenbar selbst bereit ist von sich preiszugeben: Geboren 1949 in Pringles, Provinz Buenos Aires/Argentinien. Seit 1967 wohnhaft in der Argentinischen Hauptstadt selbst. Er arbeitete zunächst als Übersetzer im sog. Literaturbetrieb, bevor er mit seiner eigenen Literarischen Produktion begann. Nach zahlreichen Romanen, Erzählungen, Dramen und Essays ist er heute einer der wichtigsten Schriftsteller Südamerikas.
Das ist nicht viel und fast erscheint es, als wolle CA verhindern, dass man sich näher mit seiner Person beschäftigt. Er meidet bis heute große Literaturfestivals, spricht selten mit Journalistinnen und Journalisten (und wenn – wird kolportiert – mit deutlich spürbarem Widerwillen), weist Ehrungen und Preise freundlich aber bestimmt zurück und als man ihm z.B. die Samuel-Fischer-Gastprofessur der Freien Universität in Berlin antrug, lehnte er dankend ab. Er macht keine Lesereisen für seine Bücher und tritt nicht im Fernsehen auf. Zur Frankfurter Buchmesse 2010 – bei der Argentinien Gastland gewesen ist – reiste er gar nicht erst an. Dennoch (oder gerade deshalb?) ist CA bei Kollegen hoch angesehen…
CA ist ein sehr produktiver Autor: Seit Jahrzehnten verfasst und veröffentlicht er zwei bis vier Romane oder Erzählungen pro Jahr. Aber anstatt er sich an große Verlage mit internationalen Verbindungen wendet, veröffentlicht CA seine Werke in den unterschiedlichsten argentinischen Kleinverlagen; weswegen die Auflagen winzig und nur in wenigen kleinen Buchhandlungen von Buenos Aires zu haben waren. Zwischenzeitlich hat sich das natürlich geändert; zumindest im spanischen Sprachraum ist CA längst kein Geheimtipp der Argentinischen Literatur mehr… er ist ihr anerkannter, wenn auch selten gesehener Meister!
Im deutschen Sprachraum wird es sicher noch sehr lange dauern (wenn es überhaupt je geschieht), bis CA bei einem größeren Publikum bekannt, anerkannt oder gar beliebt sein wird; allmählich beginnt man damit sein Werk bei uns zu veröffentlichen… aber von den nahezu 70 (!) Büchern des Autors, liegen erst sechs (!) in deutscher Übersetzung vor. Das ist einerseits, in Anbetracht des Renommees dieses Autors, kümmerlich, andererseits aber, bleibt den Lesenden die seine Werke kennen und schätzen lernten, noch ein wunderbar langer Zeitraum voller Entdeckungen; dafür, dass es sich beim Werk von CA um solche handelt, verbürge ich mich.
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Johann Moritz Rugendas war Maler in Diensten von Alexander von Humboldt und er begleitete den Forscher auf seiner Expedition durch Südamerika. Er hatte zu malen was sein Herr ihm zu malen befahl; und das bezieht sich nicht nur auf die Objekte, sondern auch auf die Art und Weise der Ausführung. Insofern tritt einer jener seltenen Fälle ein, in denen ein vom deutschen Verlag gewählter Titel stimmiger als der Originaltitel ist. Johann Moritz Rugendas war eben der „Schatten“ des Forschers und die im vorliegenden Buch erzählte Geschichte ist eben mehr als „Eine Episode im Leben des Reisemalers“ – wie das Buch im Original betitelt ist.
Die Figur des Malers ist wie gesagt keine Fiktion. Johann Moritz Rugendas war der letzte Spross einer angesehenen Augsburger Familie von sog. Schlachtenmalern, die für ihre jeweiligen Herrn, die Scharmützel der Schlachtfelder propagandistisch in Szene setzten. Gebroen1802, drohte ihn der Große Friede nach der Verbannung Napoleon (man kann auch Niederschlagung der Revolutionen und Restauration der alten Machtverhältnisse dazu sagen) brotlos zu machen. Da man ja aber essen muss, entschloss er sich dazu die Natur zu malen… das brachte ihm die Aufmerksamkeit Humboldts ein und er bekam von ihm einen attraktiven Job: Bildberichterstatter einer Brasilien-Expedition.
Dem jungen Künstler, der, über die Expedition hinaus, noch drei Jahre länger in Brasilien blieb und malte, brachte diese Reise Ruhm: Sein ab 1827 in Paris veröffentlichtes Bilderwerk „Voyage pittoresque dans le Brésil“ begeisterte das Publikum. Alexander von Humboldt überzeugte den Maler ihn erneut zu begleiten, als er 1831 erneut nach Lateinamerika aufbrach. Von dieser Reise wiederum, kehrte Rugendas erst 1846 nach Augsburg zurück. In der Kunstgeschichte der deutschen Romantik gilt sein Werk so gut wie nichts, in der Lateinamerikanischen Malerei aber, ist er unter dem Namen Juan Mauricio Rugendas, sehr bekannt – ja geradezu berühmt – und hoch geachtet.
Für den deutschen Maler wird die Überquerung der Anden von Santiago de Chile nach Buenos Aires zu einer künstlerischen Entdeckungsreise UND zu einer persönlichen Katastrophe. Eines Tages gerät Rugendas in ein schreckliches Gewitter und er wird vom Blitz getroffen. Sein Fuß verfängt sich im Steigbügel und das erschreckte Pferd schleift ihn hinter sich her. In der Nähe von Mendoza kommt er in ein Krankenhaus und wird unter Morphium gesetzt. Rugendas – sein Gesicht wird sehr entstellt – kann seine Schmerzen nur unter dem ständigen Genuss von Drogen ertragen. Sein Gesicht verhüllt er fortan mit einer Mantilla.
Hier beginnt das Werk – fast unmerklich – aus der Gestalt der Schilderung ins Fiktive hinein zu gleiten und ehe man sich versieht, ist man in einen dieser „logischen und unmöglichen Entwürfe“ einbezogen, von denen Adolfo Bioy Casares sprach. Im Drogen-Rausch malt er weiter und schafft atemberaubende Bilder und vielleicht entspringt auch aus diesem Rausch sein morphiumverseuchter Wunsch, einmal einen Malon, einen Überfall auf die Siedlungen der Viehzüchter durch nomadisierende Indígenas, zu zeichnen. Tatsächlich erfüll sich sein Drogentraum und es gelingt ihm tatsächlich: Verkleidet in ein Frauenkostüm begibt er sich außerhalb der verbarrikadierten Höfe und skizziert in irrsinniger Geschwindigkeit galoppierende Gestalten…
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Ich muss zugeben, dass am Anfang des Buches zunächst nicht so recht wusste womit ich mich gerade beschäftigte; die kalkuliert kühle, sachbuchartige Beschreibung des Geschehens, die Einführung in die novelleske Situation, kostete mich etwas Kraft, aber mein Durchhalten wurde schließlich belohnt. Fast unmerklich verstrickte ich mich in die – auf sehr einfühlsamen Weise erzählte – Handlung und erlebte die Intensität der Sprache des Autors. Was mich zunächst nicht so recht ansprach, erwies sich als gekonnt konstruierter Spannungsbogen: Vom akkuraten Reisebericht, über das Essayistische, ins Phantastische.
„Humboldts Schatten“ ist eine raffinierte Novelle, die sehr detailreich, fast etwas zu unterkühlt erzählt ist. Fast könnte man auf das Gegenteil dessen was wir vor uns sehen kommen: Johann Moritz Rugendas, dessen Katalog 3353 Nummern enthält, gab es wirklich, aber man kann ihn – zumal als Lesender, ohne die entsprechenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Malerei – auch für frei erfunden halten. Dennoch sind die Anteile des Erfundenen sehr gering… doch auf das Hinzugedichtete kommt es in der Novelle bekanntlich an. An dieser Stelle sei auf das ergänzende Nachwort des Potsdamer Romanisten Ottmar Ette hingewiesen, das sehr erhellend über die Hintergründe des Werkes Auskunft gibt.
Immer noch verbinden die Lesenden hierzulande sehr oft Lateinamerikanische Literatur mit dem Magischen Realismus á la Gabriel Garcia Marquez oder Miguel Angel Asturias (auch hier bei Ciao vorgestellt), ohne zu realisieren, dass die nächste (und sogar schon die übernächste) Generation von Autorinnen und Autoren die Lateinamerikanische Literatur weiterentwickelt hat. CA ist ein Autor, den man getrost als Beispiel oder einer der anerkanntesten Autoren dieser Weiterentwicklung bezeichnen kann, der sich sprachlich von der barocken Erzählweise eines Alejo Carpentier (auch hier bei Ciao vorgestellt) eher in Richtung von Borges bewegt und in dieser auf das Wesentlichste reduzierten Sprache dennoch meisterlich erzählen kann. CA zeigt in „Humboldts Schatten“ ein hohes Niveau, das die Wahrnehmung aktueller Lateinamerikanischer Literatur hierzulande wesentlich bereichern kann. Der große mexikanischen Autor Carlos Fuentes (auch hierbei Ciao vorgestellt) schätzt CA über die Massen und prophezeit ihm den Literaturnobelpreis (aber auf den warten auch andere schon lange und Lateinamerika war ja erst 2010 dran).
Sieht man über den vielleicht missverständlichen Titel hinweg, der den Namen Humboldt ungebührlich hervor hebt, hat mich diese Novelle völlig überzeugt… auch wenn ich mich anfangs etwas auf die falsche Fährte gesetzt fühlte; mit romantischen Reiseberichten hat das Werk nichts gemein. Zum Schluss will ich noch auf das bewährte Deutungsmuster für Historische Literatur hinweisen, nach dem wer über vergangene Zeiten schreibt, in erster Linie über seine eigene Gegenwart spricht. Eingedenk dessen was ich über ihn in seiner Vorstellung schrieb, trifft das in besonderem Maße auf César Airas zu. Er vergleicht sich selbst mit den großen Klassikern und meint doch zu wissen, dass ihn heute kaum einer liest. Ich gehöre inzwischen gerne zu den Wenigen… und der leider viel zu früh verstorbene Roberto Bolaño (auch hier bei Ciao vorgestellt) gab zu Protokoll: Wer ein Buch von Aira gelesen hat, wird süchtig danach.
Wilfried John