Christiane Freudenstein „Brasilien erzählt“

Brasilien erzählt
Christiane Freudenstein (Hrsg.)
336 Seiten – Taschenbuch
Verlag: Fischer Taschenbuch – Aus 8/2013
ISBN: 978-3-596-51311-6
12,- €uro

Pro:
Ein kleines Buch mit großen Erzählern
Kontra:
Ein Lesebändchen wäre chic gewesen
Brasilien ist mehr als die WM
Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, soll der Nobelpreisträger Niels Bohr einmal gesagt haben. Das trifft offenbar auch auf Brasilien zu, denn schon 1941 hatte der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig, in seinem Buch „Brasilien – ein Land der Zukunft“, dem Land eine glorreiche Zeit prophezeit. Das wollte so recht niemand glauben, selbst die Brasilianer nicht, und es wird kolportiert, dass sie dem Buchtitel trotzig anfügten: „…und wird es immer bleiben“. Nun, heute haben wir es mit einem gänzlich anderen Brasilien zu tun und es ist müßig darüber nachzudenken, ob die Prognose aus der Mitte des 20. heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, ihr Zutreffen fand, oder ob der heutige Stand erreicht wurde trotz der, jener Prognose zugrunde liegenden, Parameter.
Brasilien ist ein selbstbewusstes Land und schaut man auf seine über 500jährige Geschichte, haben die Brasilianerinnen und Brasilianer allen Grund dazu. Nach Kolonialismus, dem mühseligen Weg bis zur Unabhängigkeit, dem späten Ende der Sklaverei (als letztes Land Lateinamerikas 1888), die Zeit der Monroe-Doktrin und der „big stick“-Politik, als ganz Lateinamerika eigentlich nur ein Hinterhof der USA war, nach versuchten Revolutionen und furchtbaren Militärdiktaturen, hat das Land den Status als „Dritte-Welt-Land“ hinter sich lassen können. All dies ist Vergangenheit.
Gewiss ist der sprichwörtliche Lack vom Beginn des Jahrtausends, als in Brasilien – ob der wirtschaftlichen Zuwachsraten – noch wahrlich grenzenloser und allgegenwärtiger Optimismus herrschte, etwas abgeblättert; gerade jüngst sorgten Spekulanten für Turbulenzen, als sie Kapital aus dem Land abzogen. Trotzdem zählt Brasilien als Mitglied des BRICS-Quintett (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zu den wirtschaftlich erfolgreichen Schwellenländern.
Dazu kommen verschiedene Großereignisse, die im Land dafür sorgen, dass in diesen Jahren gigantische Bauprojekte in Arbeit sind: die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Darüber hinaus wird 2015 der 450. Geburtstag von Rio de Janeiro gefeiert, das zwei Jahrhunderte lang (1753-1960) die beliebte Hauptstadt des Landes war. Zwar geriet Brasilien selbst hierzulande in die Schlagzeilen, weil auf den Baustellen der Arbeitsschutz nicht funktionierte, doch das ficht die Planer nicht an.
Da haben es die Regierenden schon nicht ganz so einfach: Die gigantischen Probleme, angefangen von der krassen sozialen Ungleichheit, den Favelas mit ihrer Gewalt und Drogenkriminalität, die teure und trotzdem mangelhafte (weil privatisierte!) Infrastruktur, unzureichende Krankenversorgung, gewaltige Transportprobleme, unzureichende Ausbildungsmöglichkeiten etc., sind nicht so einfach zu beseitigen.
Und wir sollten uns beim Betrachten der Sportereignisse daran erinnern, dass es bestürzende Gewalttätigkeiten und Übergriffe der Polizei bei der „Befriedung“ der Favelas gab und dass jüngst, im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft, massenhafte gegen Korruption und Verschwendung öffentlicher Mittel für die „Events“ (Mittel die dringlich erforderlich sind für den Ausbau notwendiger Infrastrukturen für das Volk) protestiert wurde und noch immer wird.
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Natürlich will ich nicht vergessen, dass der Grund für diese Buchbesprechung kein Sachbuch über die aktuelle Lage in Brasilien ist, sondern dass es um einen Band mit ausgewählten Erzählungen brasilianischer Autorinnen und Autoren geht: „Brasilien erzählt“. Die brasilianische Literatur ist, wie der Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz in seinem Essay „Erkundung der lateinamerikanischen Literatur“ schrieb, im Kanon der Lateinamerikanischen Literaturen ein „Spätankömmling“ und eigentlich könne man erst ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts von Brasilianischer Literatur sprechen.
Dafür, dass sie spät kam, verlief ihre Entwicklung in der ersten Jahrhunderthälfte so großartig, dass sie schon seit den 1960er Jahren weltweit gelesen und bewundert wurde. Sicher haben auch brasilianische Autorinnen und Autoren auch vom sog. „Boom“ profitiert, während dem auch Werke übersetzt wurden, die es qualitativ sonst international eher nicht geschafft hätten. Aber einige brasilianische Autoren wurden auch als Kandidaten für den Nobelpreis gehandelt: der Romancier Jorge Amado und die Lyriker Carlos Drummond de Andrade und Joao Cabral de Melo Neto. Aber während ersterer politisch zu links stand um beim Komitee Anklang zu finden, hatten die beiden anderen (oft genannten) das Pech, dass sie vor einer möglichen Ehrung starben.
Ein Querschnitt durch die Brasilianische Literatur insgesamt, muss also mit einem Rückgriff auf jene Autoren starten, wobei natürlich auch die aktuellen Künstler nicht fehlen dürfen. Die Literatur Brasiliens entwickelte sich trotz der Repressionen (Zensur) durch Diktatoren und Militärs, damit werden natürlich auch die Künstler jener Epoche ein wichtiger Bestandteil einer Anthologie sein müssen; auch jene, die im Exil schrieben, also wenn man so will, muss auch brasilianische Exil-Literatur vorgestellt werden, ohne die aktuelle Literatur nicht denkbar wäre.
Mit der Demokratisierung und der politischen Öffnung Brasiliens, ab etwa 1979, kam es zu einer neuen Blüte in der Literatur Brasiliens. Sicher auch unter dem Einfluss des sog. Magischen Realismus im übrigen Lateinamerika, traten viele Künstler hervor, die wahrlich wunderbar erzählten; z.B. Joao Ubaldo Ribeiro, der mit „Brasilien, Brasilien“, ein Meisterwerk der Weltliteratur vorlegte (auch hier bei Ciao vorgestellt). Dann aber kam ein Bruch, es fiel und fällt den Schriftstellern seit den 1990er Jahren immer schwerer, Aufmerksamkeit und Interesse bei der Leserschaft zu finden.
Vielleicht hängt das mit dem (Medien-)Konsumverhalten des Brasilianischen Publikums zusammen, das lieber Seifenopern im TV anschaut, anstatt Bücher zu lesen. Für die Autoren ist es deutlich lukrativer, für die Fernsehsender oder die Werbeindustrie zu schreiben, als einen Roman zu publizieren, mit dem man nur ein mühseliges und kümmerliches Dasein fristen könnte, wenn man davon leben wollte oder müsste. Die gute Nachricht ist: es gibt die große brasilianische Erzähltradition noch und es gibt wieder eine Vielzahl neuer Stimmen; auch wenn kaum einer der jungen Autorinnen und Autoren wirklich glaubt, den Lebensunterhalt allein durch das Schreiben von Büchern bestreiten zu können.
Für jene die sich mit der literarischen Weltgegend intensiver beschäftigen steht fest: Es gibt so etwas wie kreative Unruhe und das unübersehbare Bemühen junger Schreibenden; was auch bei der Buchmesse Frankfurt zum Ausdruck kam, bei der Brasilien 2013 Gastland gewesen ist. Insofern wäre eine Anthologie mit dem Titel „Brasilien Erzählt“ nicht vollständig, wenn nicht auch diese ganz jungen Leute zu Wort kämen. Ihre Texte sind eine Einladung, sich mit Brasilien näher zu beschäftigen, das faszinierende Land mit Hilfe ihrer Texte etwas besser kennenzulernen, als es sicher durch das Anschauen einer Sportübertragung möglich wäre. Dafür ist der Herausgeberin Christina Freudenberg innig zu danken.
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Christina Freudenberg, *1958, ist Germanistin und Bibliothekarin. Nach Lektoratstätigkeit für das „Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ hat die Redakteurin von „Kindlers Literatur Lexikon“ verschiedene Anthologien herausgegeben.
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Zum Inhalt der Anthologie: Der gebotenen Kürze wegen, möchte ich lediglich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler und die von ihnen beigesteuerten Titel kurz aufzeigen. Zu den biographischen Daten der jeweiligen Autorinnen und Autoren sowie den Quellen der Beiträge, gibt es einen umfangreichen Anhang, weswegen ich es mir ersparen kann, diese Angaben hier zu machen; wenn hier bei Ciao schon eine Besprechung vorliegt, mache ich einen *Vermerk. Der in die Anthologie aufgenommene Essay von Stefan Zweig verdient Erwähnung; auch wenn es ihm natürlich an Aktualität fehlt, so wirft er dennoch ein Schlaglicht auf die Kultur Brasiliens.
Zè do Rock* – Brasilianischer Piranha-Grill
Ein witziges kleines Stück, über die Schwierigkeiten für Deutsche Piranhas zu grillen und für Piranhas Deutsche zuzubereiten…

Carlos Drummond de Andrade – Feldpredigt (der kein Gehör zu schenken ist)
Der Form nach scheinen es Seligpreisungen aus dem Matthäus-Evangelium zu sein… dem Sinn entsprechend, sind es allerdings Satiren auf die Fußball-Fanatiker.

Joao Ubaldo Ribeiro* – Erinnerung an Bücher
Aracaju, die Hauptstadt des kleinsten brasilianischen Bundesstaats (etwa so groß wie die Schweiz). Das Leben ist beschaulich, den Leuten geht es leidlich gut. Wo es den Menschen gut geht, gibt es auch Bücher.

Vinicius de Moraes – Samba des Segens
Es ist besser froh zu sein, denn Frohsinn ist wie Licht im Herzen. Um aber einen wirklich schönen Samba zu machen, braucht man schon ein bisschen Traurigkeit… was kaum jemand weiß, der Samba stammt aus dem Fado.

Stefan Zweig* – Blick auf die brasilianische Kultur
Ein Essay über Brasilien aus den 1940er Jahren. Natürlich fehlt die Aktualität, doch der Brasilien-Freund Zweig zeigt auch tiefer liegende Details, die zeitlos sind.

Joao Guimaraes Rosa – Substanz
Bräuche, Sitten, Gepflogenheiten auf dem Lande, stehen im Ruf nicht eben besonders fortschrittlich zu sein… hierzulande nicht und in einem Land Lateinamerikas erst recht nicht. Dennoch wird dort geliebt.

Afonso Henriques de Lima Barreto – Der Mann, der Javanisch konnte
Eine Abenteuergeschichte, in der z.B. ein Arzt aus Manaos erzählt, er habe den Patienten verschwiegen, dass er Medizin studiert habe, damit er ihr Vertrauen nicht verliert; sie kamen zu ihm, weil sie ihn für einen Zauberer hielten.

Jorge de Lima – Vater Joao
Ein erschütterndes Gedicht.

Moacyr Scliar – Produktionsverhältnisse
Überall Automatisierung… auch bei der Lohnabrechnung. Computer machen einfach keine Fehler und wenn dem Mitarbeiter das 10fache Gehalt überwiesen wurde, dann – meint der Buchhalter – hat das seine Richtigkeit.

Jorge Amado* – Vom Tod des Pedro Archanjo
Man sagt, in den letzten Momenten, zieht uns das ganze Leben noch einmal vor dem inneren Auge vorbei. Bei Pedro Archanjo stimmt das nicht…

Manuel Bandeira – Die Landstraße
Eine lyrische Analogie

Joao Chabral de Melo Neto – Die beiden Städte
Ein langes Gedicht über die brasilianische Großstadt… die in sich zwei Städte ist.

Aluizo Azevedo – Die Mutter
Die Erzählung berichtet vom latenten und offensichtlichen Rassismus in Brasilien. Auch wenn die Sklaverei offiziell abgeschafft ist, ist sie noch da.

Marcio Souza – Galvez, Kaiser von Amazonien
Eine in Miniaturen gegliederte Geschichte, die nicht insgesamt gelesen werden muss… Ein Beispiel der Amazonischen Literatur, für die der Autor berühmt ist.

Adélia Prado – Hochzeit
Ein erotisches Gedicht.

Nélida Pinon – Schöne Zeit
Nicht nur in Brasilien ist die sog. klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau offenbar nicht zu überwinden…

Darcy Ribeiro – Hé Muhere Té
Mütter machen die Welt, Väter machen sie ihnen streitig. Von der Heldentat der Geburt und dem Versuch des Mannes, sie klein zu reden und damit seine Bedeutung zu erhöhen…

Mario de Andrade – Macunaima
Ein klassisches Dschungelmärchen…

Chico Buarque – Schneestürme toben
Eine moderne (Beziehungs-)Geschichte eines Scheiterns.

Luis Fernando Verissimo – Müll
Über Gelegenheiten mit dem unbekannten Nachbarn ins Gespräch zu kommen; z.B. beim Müll wegbringen. Und was man aus dem Abfall über andere erfährt…

Osman Lins – Der durchsichtige Vogel
Vom Werden und Vergehen, vom Wachsen und Sterben, von Macht und Ohnmacht des Menschen…

Claris Lispector – Liebe
In der Straßenbahn, auf dem Weg nach Hause, denkt Ana über ihr Leben nach… das kleinbürgerliche städtische Leben scheint in Brasilien nicht anders zu sein wie hier.

Fernando Sabino – Ein Mensch stürzt sich zu Tode
Eduardo wohnt im Hotel. Als er vom Strand zurück kommt, fährt er zufällig mit der Frau zusammen im Aufzug nach oben, die sich später aus dem Fenster stürzte. Der Zufall wollte es, dass er sie stürzen sah und dieser Zufall hat Folgen…

Rafael Cardoso – Mariellen, Jacarepagua, 24
Die Geschichte eines Jungen im heutigen Brasilien.

Luisa Geisler – Der Orangenbaum
In Faustos Kneipe steht nur ein 20Zoll-Fernseher, überdies mit schlechtem Empfang. Trotzdem versammeln sich dort Freunde und Bekannte, um Fußball-Übertragungen zu schauen. Aber eines Abends ist es nicht wie immer…

Luiz Ruffato – Unser Treffen
Am 19. Mai eines jeden Jahres, findet seit 14 Jahren ein Treffen von fünf Leuten statt; ehemalige Aktivisten, die während der Diktatur Widerstand leisteten. Aber diese Gemeinsamkeit ist schon lange her… heute hat jeder so seine eigenen Sorgen.

Rubens Figueiredo – Solange der Pfeil fliegt
Vom inneren Konflikt einer Hotelangestellten mit dürftigem Gehalt, angesichts der vielen Reisenden, die sich offenbar alles leisten können.
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Für mich enthielt die Anthologie durchweg anspruchsvolle Unterhaltung; was man nicht von jeder Anthologie sagen kann. Es war teilweise wie ein Klassentreffen und dem Wiedersehen von lieben Leuten, die man lange nicht sah. Hin und wieder musste ich mich fragen, warum ich bisher nicht den einen oder anderen Autoren hier besprochen habe; verdient hätten sie es wohl. Aber ich fand auch die angekündigten „neuen Stimmen“ überaus unterhaltsam und würdig, das Erzählerland Brasilien zu repräsentieren. Gratulation an die Herausgeberin.
Im Klappentext steht zu lesen: „Brasilien. Der Zuckerhut, das „Girl from Ipanema“, magische Sehnsucht, das alles kennen wir. Die unbekannte Seite des Landes, seinen besonderen Zauber, kann man durch dieses Lesebuch entdecken – mit Geschichten berühmter und unbekannter Autoren…“ Wie ich finde, sind das keine leeren – von Werbetextern platzierten – Worte, sondern der Anspruch ist eingelöst. Die köstliche Mischung von witzigen kleinen Stücken (z.B. Piranha-Grill) bis zu melancholischen Texten (z.B. Vom Tod des Pedro Archanjo), von hintergründigen Betrachtungen (z.B. Müll) bis zu ernsten Gedichten (z.B. Vater Joao) hält wahrlich für jeden Geschmack etwas bereit.
Ebenfalls witzig finde ich das Format dieser Anthologie: Das Buch hat die Maße von etwa zwei nebeneinander gelegte Bierdeckel (Maßangabe für – nicht nur – die Fußballfans), was dem Begriff Taschenbuch endlich eine stimmige Bedeutung gibt, da es denn tatsächlich in die (Hosen-)Tasche passt. Auf mehr als 300 Seiten versammelt das kleine Buch die Großen der älteren und jüngeren brasilianischen Literatur. Meiner bescheidenen Meinung nach, lässt die Sammlung die Leserschaft ein Brasilien jenseits der Klischees und der Fußball-WM und der Olympischen Spiele entdecken.
Zum guten Schluss und zur Versöhnung mit allen Fußball-Fans, denen ich ihre WM bestimmt nicht madig machen wollte, augenzwinkernd zitiert, ein Ausschnitt aus „Feldpredigt (der kein Gehör zu schenken ist)“ von Carlos Drummond de Andrade:
„Selig sind, die weder etwas von Fußball verstehen noch danach streben, etwas davon zu verstehen, denn ihnen ist das Reich der Gelassenheit.
Selig sind, die sich, weil sie etwas von Fußball verstehen, nicht dem Risiko aussetzen, den Spielen zuzuschauen, denn sie kehren nicht enttäuscht oder mit einem Infarkt zurück.
Selig sind, die nicht mit einer Mannschaft fiebern, denn sie leiden nicht das ganze Jahr, versüßt nur von wenigen Balsamtröpfchen, oder nicht einmal davon.

Selig sind, die nicht als Sportreporter arbeiten, denn sie müssen nicht das Unerklärbare erklären und vernünftige Worte für den Wahnsinn finden.
…“
Viel Spaß bei der WM

Wilfried John