Derek Walcott „Omeros“

Geburtstag der Kunst


Geburtstag. Ganz gleich ob man sich allen oder gewissen gesellschaftlichen Konventionen verpflichtet fühlt oder sie ganz oder teilweise ablehnt, seinen oder den Geburtstag einer nahe stehenden Person vergisst man nicht, höchstens versäumt man einmal an den Termin zu denken. Etwas anders steht es mit geschichtlichen Daten, die Geburtstage oder Namenstage wichtiger Persönlichkeiten. Wenn es sich nicht gerade um interessierte Menschen handelt, werden solche Daten von der Mehrheit der Gesellschaft nicht oder kaum wahrgenommen. Auch sonstige, jährlich wiederkehrende, Feieranlässe (z.B. nationale oder internationale Gedenktage), finden allenfalls sporadisch Beachtung. Weitestgehend unbeachtet, und dem zufolge ohne entsprechende Gratulationen und Beglückwünschungen, bleibt der Geburtstag von etwas, das für uns Menschen von so zentraler Bedeutung ist, wie atmen, essen und trinken oder Zärtlichkeit: Die Kunst.

 

Nun wird man erstaunt fragen: Die Kunst… hat die denn einen Geburtstag? Antwort: Ja, die Kunst hat einen Geburtstag! Es ist der 17. Januar. Daran wird sich folgerichtig die Frage anschließen: Und, wie alt ist die Kunst denn heute geworden? Die erste Frage mit ja zu beantworten bedeutet, dass in der zweiten Antwort nun eine Alterangabe erfolgen muss: Nun, die Kunst ist heute ganz genau 1.000.045 Jahre alt. In der heutigen Zeit der Skeptiker und Zweifler, in der es die einfachen Behauptungen schwer haben (es sei denn, die einfachen Behauptungen kommen von sog. Experten und sie passen fugenlos ins Mosaik des eigenen Weltbilds – dann werden aus Skeptikern und Zweiflern plötzlich unkritisch Gläubige, welche den Experten vertrauen wie Kleinkinder ihrer Mutter), in der heutigen Zeit, bedarf es also schon der Behauptung eines Experten, um dieses Datum 17. Januar 998037 v.C. als gesichertes Faktum anzuerkennen.

 

Und natürlich findet sich – wie für jede noch so unsinnige Behauptung – ein entsprechender Experte (ein Wort, das für mich seit einigen Jahren Anrecht auf den Titel „Unwort des Jahres“ hätte – besonders in den Formen Terrorismusexperte, Demographieexperte oder auch Demoskopieexperte). Bei dem Experten im Falle der Kunst jedoch, verhält es sich anders, als der letzte Satz nahe legt: Den Geburtstag der Kunst bestimmte nämlich ein Künstler! Und wer anders als ein Künstler wäre imstande, den Geburtstag der Kunst sicher zu bestimmen? Richtig… niemand sonst! Dieser Künstler war Robert Filliou, ein französischer Fluxus-Künstler, war es, der im Jahr 1963 verblüfft feststellte, dass just am Datum seines 37. Geburtstags, dem 17. Januar, die Kunst ebenfalls Geburtstag hatte… und zwar den 1.000.000sten. Das musste natürlich gefeiert werden!

 

Nun, was soll ich sagen, natürlich gab es auch damals Skeptiker und Zweifler (natürlich nicht solche wie heute – sondern eher solche, die man überzeugen musste). Denen erklärte er plausibel wieso es möglich ist, das Datum und sogar die Jahreszahl so genau festzulegen: Es gab nämlich – lt. Filliou – ein Ereignis während dessen die Kunst zur Welt kam. Die Kunst, sagte er, sei just in dem Moment entstanden, als ein Mann einen trockenen Schwamm in einen mit Wasser gefüllten Kübel fallen ließ. Filliou wird mit den Worten zitiert: „Wer dieser Mann war, ist nicht wichtig. Er ist tot, aber die Kunst ist lebendig.“ Dementsprechend gibt es an jedem 17. Januar Gelegenheit zu feiern… was inzwischen auch weltweit in vielfacher Form getan wird; vor allem Künstlerinnen und Künstler feiern in guter Fluxus-Tradition, die in der Idee des fließenden Übergangs zwischen Kunst, Poesie und Leben wurzelt und – unter anderem – die Netzwerk-Idee mitbegründete. Seit 1963 werden die Feiern in einer die Kontinente übergreifenden Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern und Institutionen organisiert und es sind die Künstlerinnen und Künstler, die der Kunst jedes Jahr Geschenke machen.

 

Natürlich will auch ich nicht hintan stehen und meinen Beitrag leisten… schließlich wird die Kunst nur einmal 1.000.045. Meine Idee also: Ich möchte der Kunst etwas über sich selbst schreiben. Meine Leserinnen und Leser sind es gewohnt (oder erwarten es), dass ich hier regelmäßig über ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur schreibe. Um dieser Erwartung und meiner Idee gleichermaßen Rechnung zu tragen, habe ich mir ein ganz besonderes Werk vorgenommen, das Kunst an sich ist (indem ich also über das Werk schreibe, schreibe ich über Kunst) und es kommt aus eben jener Weltgegend, aus der ich regelmäßig berichte. Wenn ich schreibe, dass das Werk Kunst an sich sei, dann ist das keine Übertreibung. Es handelt sich um ein Buch für das sein Autor, Derek Walcott (kurz DW), 1992 den Literatur-Nobelpreis erhielt: „Omeros“

 

Über den Autor, seine Literatur und über die Verleihung des Nobelpreises, schrieb ich anlässlich der Rezension seines Werkes „Das Königreich des Sternapfels“ (auch hier bei Ciao vorgestellt): „Was ich nie vermutete hätte, war auch für die literarisch interessierte Öffentlichkeit hierzulande eine Überraschung besonderer Güte. Zwar hatten die Europäer zur Kenntnis genommen, nehmen müssen, dass von jenseits des Atlantik, aus dem Süden des amerikanischen Kontinents, eine neue überwältigende Literatur unserer eurozentistrischen Auffassung von dem was denn Kultur sei eine Alternative entgegen zu setzen vermochte, die mit Nobelpreisen für Gabriela Mistral (1945), Miguel Asturias (1967), Pablo Neruda (1971), Gabriel Garcia Marquez (1982) und Oktavio Paz (1990) in den Stand der Weltliteratur rückte, aber noch spielte dieser kleine Landstrich der karibische Inseln keine bedeutende Rolle. Gewiss, der Kubaner Alejo Carpentier war schon eine geachtete Persönlichkeit, doch identifizierte man ihn eher mit Paris als mit Havanna, da er schließlich im guten alten Europa seinen Kulturbegriff ausbildete.

 

Ich will die relative Unwissenheit um die karibische Literatur nicht gleich als Ignoranz bezeichnen, liegt doch diese Weltgegend weit ab unserer Wege… und sie selbst hat sich auch eher dem großen Nachbarn USA (in Freundschaft oder Ablehnung) zugewandt. Im Speziellen, was Derek Walcott betrifft, wird die Unwissenheit sicher auch mit dem allgemein etwas schwierigeren Stand der Lyrik gegenüber der Prosa zusammen hängen… aber auch mit der Verlagspolitik: ”Soll einer doch sonstwo bekannt werden (da kostet uns das nichts) und dann drucken wir ihn”, zu tun. Vielleicht war/ist ja auch die etwas rassistisch angehauchte Meinung weit verbreitet, die der aktuelle (mein Zitat stammt aus dem Jahr 2002) Nobelpreisträger V.S. Naipaul vor einiger Zeit geäußert hat, nach der die Karibik nicht imstande sei, Kultur von bleibendem Wert hervorzubringen; einer der Gründe, weswegen ich ihn nicht sehr schätze (nachzulesen auch hier bei Ciao).

 

Wie dem auch sei, Walcott ist auch einer der großen Dramatiker der anglophonen Karibik… In den USA ist er denn auch seit langem eine feste, bewunderte Größe, woran sein Freund Joseph Brodsky (selbst Träger des Literaturnobelpreises von 1987) nicht ganz unbeteiligt war; der zu dem hier besprochenen Buch ein Vorwort beitrug. Dabei hält er sich nicht nur im berühmt/berüchtigten Elfenbeinturm seiner dichterischen oder lehrenden Existenz auf, sondern begibt sich auch in sehr profane Gefilde, wenn er, wie mit Paul Simon zusammen, ein Musical produziert. Jedenfalls war bis zum oben genannten Datum nur Wenigen hierzulande der Name Derek Walcott bekannt und von den Wenigen kannten auch nicht alle seine Gedichte, um die es hier gehen soll. Es war der sehr engagierte Carl Hanser Verlag, der im Februar 1989, also lange vor der Nobelpreisverleihung an Walcott, eine wundervolle Sammlung der teils verstreut erschienen Gedichte heraus brachte: ”Das Königreich des Sternapfels”, zu welcher der Anglist Klaus Martens die Übertragung ins Deutsche besorgte… und das zweisprachig erschienene Buch zu einem wahren Schatz machte.

 

Ganz generell ist das Wissen um das Herkommen, den Lebenslauf und den Hintergrund vor dem sich die Lebenserfahrung hat bilden können, das Wissen um die kulturellen, sozialen und geschichtlichen Hintergründe wichtig, um ein Verständnis für einen Menschen entwickeln zu können. Dieses Wissen ist um so wichtiger, wenn man die Äußerungen eines Schreibenden einordnen und erfassen möchte… und ist sozusagen unabdingbar wichtig, wenn es sich bei dem Schreibenden um einen Lyriker handelt, da man sonst in dessen Metapherbildung und die literarische Verdichtung der verwendeten Sprache keinen Zugang bekommen kann. Deswegen möchte ich Derek Walcott etwas genauer, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, vorstellen: Er wurde 1930 in Castries auf der Karibikinsel St. Lucia geboren, der zweitgrößten Insel der Windward Islands. Über seine Kindheit kann ich sonst nicht viel sagen… nur so viel, dass er später selbst gesagt hat, die Erfahrungen seines Aufwachsens auf dieser isolierten Vulkaninsel habe ihm Erfahrungen gebracht, welche für sein späteres Leben ausschlaggebend waren. Sein Vater war ein Bohemien und malte amateurhaft Aquarelle; Walcott kannte ihn kaum… da er starb, als er und sein Zwillingsbruder noch kleine Kinder waren. Es ist somit nicht verwunderlich, dass er schon in seiner Jugend daran dachte Maler zu werden und in dem, ebenfalls von St. Lucia stammenden, Maler Dunsten St. Omer einen Mentor und Freund fand. Er besuchte zunächst eine Methodistenschule, schon mit dem Ziel, später zu studieren, was er dann zunächst im  St. Mary’s College auf St. Lucia und dann auf der University of West Indies auf Jamaika tat.

 

Walcott studierte die Weltliteratur… alle die weltberühmten Dichter. Von T.S. Eliot bis Dylan Thomas, von John Donne bis Wallas Stevens, am treffendsten gesagt: Von Homer bis Walt Whitman nahm er dichtungstheoretisch, technisch und thematisch alle vorhandenen Fäden auf und machte daraus das Garn, aus dem er seine Gedichte webt. Dazu kamen noch Studien in den bildenden Künsten; worin er sich ebenfalls umfassende Kenntnisse aneignete. Er lebte mehrere Jahre auf Trinidad, wo er ein Nationaltheater aufbauen wollte, er aber über den Versuch nicht hinaus kam. Hier erschienen auch seine ersten Gedichte; heraus gegeben von einem kleinen Verlag in Port of Spain. Seit nunmehr über zwanzig Jahren wohnt und arbeitet er teils auf Trinidad, wo er schreibt, und teils in Boston, wo er sowohl an der Boston University, als auch an der Harvard University Lehraufträge für Literatur innehat. Mit Paul Simon schrieb er das Musical „The Capeman“, das am Broadway uraufgeführt wurde… was wohl am deutlichsten zeigt (mit einem Seitenblick auf Naipaul), dass wir es hier nicht mit einem Drittweltdichter im schlechten Sinne, so einem pamphletären Verseschmied, zu tun zu haben.“

 

Nun, bei seinem über 300 Seiten umfassenden Werk „Omeros“ handelt es sich nicht um eine Lyrik-Sammlung, sondern es handelt sich um ein einziges Gedicht… und allein deshalb – aber natürlich nicht nur deswegen – wird der Autor mit Homer und sein Werk mit der Odyssee verglichen. Natürlich muss ein gescheiter Rezensent vorsichtig mit Vergleichen umgehen und an anderer Stelle schrieb ich: „Rezensenten sollten nicht zu vorschnell die Werke anderer Autoren, die man seit langem bequem schubladisiert hat, als Referenzpunkte heranzuziehen.“ In diesem speziellen Fall aber, ist der Vergleich durchaus angebracht, denn der Autor selbst legt ihn nahe, wenn er in seinem Werk deutliche Spuren legt; z.B. wenn den Streit der beiden karibischen Fischer Archill und Philoctete um die schöne Helena lyrisch betrachtet. Doch der Reihe nach.

 

Homer wurde ursprünglich lediglich für einen (mehr oder weniger guten) Dichter gehalten. Erst später sollte sich herausstellen, dass sein Werk eben nicht nur Ausfluss der Phantasie des Autors ist, sondern er sich durchaus auf geschichtliche (im Sinne von historisch) Fakten bezieht: Troja wurde gefunden. DW geht denselben Weg und auch wenn es sich bei seinem geschichtlichen Muster um kein Troja handelt, steht für viele (hauptsächlich europäische Menschen) die Entdeckung der Karibik noch immer aus. Für viele von uns, ist das Bild das uns von der Karibik bekannt ist, oft auf Klischees aus Urlaubsprospekten beschränkt – auf den Gedanken an Sonne, Exotik, Meer und Strand. Auch leiden wir Mangel an geschichtlichen Grundkenntnissen, die sich leider allzu oft in historischen Klischees – wie zum Beispiel dem Klischee der Entdeckung Amerikas – erschöpfen.

 

Von jeher spielt in den Dramen und Gedichten des Autors die Geschichte der Karibik eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle. Es ist dies natürlich auch die Geschichte der Entdeckung eines bis dato in Europa unbekannten Kontinents, aber vor allem ist es die Geschichte von der Kolonialherrschaft der Spanier und der Engländer oder die Geschichte der Sklaven aus Afrika, die für die Bewirtschaftung der Plantagen ins Joch gezwungen wurden. Auch wenn uns das hierzulande als historischer Fakt noch bekannt ist, so ist uns doch oft die Gegenwart unbekannt… diese Gegenwart ist das Erbe der Kolonisation und das durch die gewaltsame Verpflanzung der Schwarzen in die Karibik entstandene Gefühl der Entwurzelung.

 

Dieses Thema wird zwar in der Literatur der Karibik immer wieder thematisiert (z.B. von Edouard Glissant – auch hier bei Ciao vorgestellt). Dadurch aber, dass diese Autoren in der öffentlichen Wahrnehmung hierzulande kaum stattfinden, ist dieses eigenartige Trauma, das ohne die Kenntnis der Alltagserfahrungen schwer zu verstehen ist, wie ein unentdecktes Land. Gerade DW greift das Thema der immer noch andauernden Suche nach einer neuen Identität in einem „fremden“ Land, das doch eigentlich das eigene ist, oft auf. Er wird gern mit den folgenden Zeilen aus einem seiner Werke zitiert, um die Situation der Bevölkerung der karibischen Inseln darzustellen: “ Ich bin ein roter Nigger, der lieben das Meer, / Bin ich, mit echtem kolonialen Diplom; / Hab Holländisch, Nigger und Englisch in mir, /Bin entweder niemand oder eine Nation.“ Er zeigt dadurch, wie Rene Depestre oder Eduard Glissant (auch hier bei Ciao vorgestellt) auch, das Problem auf, das im Zusammentreffen verschiedener Kulturen (wovon eine über die andere herrscht) entsteht und sich fortgesetzt, in der Suche nach der eigenen Identität, nach Jahrhunderten der Fremdbestimmung. DW hat für sich einen Weg gefunden, indem er versucht, gerade in der Vielseitigkeit verschiedener Einflüsse eine neue Heimat zu gewinnen – in der Integration traditioneller Wurzeln in das Hier und Jetzt.

 

Das Werk strahlt, trotzdem DW die soziale Realität der Heimatregion nicht außen vor hält, eine auffallende Gelassenheit aus. Durch die Brillanz seiner Metaphorik und die Intensität seiner geschriebenen Bilder, gelingt es ihm in „Omeros“, trotz der beschrieben sozialen Realität, auch die Schönheit der karibischen Landschaft nachvollziehbar zu beschreiben, ohne dass es, wie DW es etwas verächtlich bezeichnet, „postkartenkitschig“ wirkt. Ein weiteres Merkmal dafür, dass DW kein regionaler Dichter ist und das Werk zu recht auf eine Stufe mit der Odyssee gestellt werden kann, ist schon allein der Titel seines Buches: Omeros – neugriechisch für Homer und dadurch auf ihn Bezug genommen. DW fühlt sich von seiner Herkunft auch in eine gewisse Verantwortung genommen; etwa wenn er sagt: „Von Anfang an spürte ich den Menschen der Karibik gegenüber eine Verantwortung, weil sie keine echte Möglichkeit zur Artikulation haben.“ Und trotzdem er in seinem Werk viele, und weit verzweigte, Anspielungen auf die Geisteswelt von Eliot über Poe bis Pasternack macht, sagt er von sich ebenfalls zu recht, dass er trotz der europäischen Elemente in seinen Dramen und Gedichten nie ein westlicher Dichter geworden ist.

 

Es wäre natürlich fahrlässig, in einem Sinne von „Omeros“ zu sprechen, die den Eindruck erweckt, als habe der Autor sozusagen ein etwas besseres Plagiat vorgelegt; sollte der Eindruck entstanden sein, entschuldige ich mich hiermit dafür. Schon allein die Unterschiedlichkeit der handelnden Personen und die Verformung von Handlung und Konstellation der Ebenen, unterscheiden sich sehr von Homers „Odyssee“.  DW sagt selbst, dass die Parallele in den verglichenen Werken, in der zum Ausdruck gebrachten Bewunderung für die überwältigende Größe des Meeres ist; hier die karibische, dort die ägäische See. Er sagt: „Diese Bewunderung gibt es schon lange bevor Homer lebte, bevor sie in Versen artikuliert wurde. Ich versuche lediglich, die Gefühle aufzuzeichnen, die man empfindet, wenn man auf einer Insel lebt, aufzuzeichnen, wie sich das Leben vollzieht, angesichts der Weite des Meeres und des Himmels.“ Weiter meint er: „Dieses Gedicht ist eine Anpreisung dieser Elemente. Ich habe Bezüge durch die Namen hergestellt, Hector, Achill, Namen, wie sie den Menschen in der Karibik täglich gegeben werden, auch Helena. Diese Menschen wissen nicht, nach wem sie benannt sind, aber die Qualitäten dieser Menschen entsprechen denjenigen der Helden, nach denen sie benannt wurden. Diese Gestalten, wie sie bei Homer vorkommen, können auch außerhalb der Literatur auftreten, können in der Karibik wiederkehren, müssen nicht literarisch sein.“

 

„Omeros“ ist ein Versepos, das als moderne Odyssee die Geschichte der Schwarzen erkundet und es ist eine beeindruckende Leseerfahrung, in einem modernen Versepos der Geschichte einer Selbstbehauptung über die Zeiten hinweg zu folgen. DW bildet diese Selbstbehauptung in verschiedenen Gestalten an verschiedenen Orten ab, und man kann dieses Epos als eine Geschichte des schwarzen Teils des karibischen Volkes lesen. Das Woher und Wohin ist durchwirkt von Geschichten über Verschleppung und Sklaverei, Ausbeutung, Rassismus und Selbstbehauptung. Aber nicht darin liegt das Außergewöhnliche dieses Werkes, sondern in der souveränen Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Das reicht von den „homerartigen“ Epen, bis zum Werben um ein schwarzes Hausmädchen in einem Café auf St. Lucia. In „Omeros“ konzentriert sich die facettenreiche Geschichte – sowohl „Story“ als auch „history“ –  im Fischermilieu, das weit über seinen Alltag hinausweist. Hier finden wir Homer als Seven Seas, zusammen mit Hector und Achilles. Natürlich kann da auch Helena nicht weit sein.

 

DW ist in dieser monumentalen Versdichtung auch ein Erzähler… ein weißäugiger afrikanischer Geschichtenerzähler ebenso, wie ein Londoner Tramp und ein blinder Fischer auf der karibischen Insel St. Lucia. Kunstvoll verwebt er gegenwärtige und vergangene Motive, die kleinen Liebeshändel der karibischen Fischer und die großen Kabalen der Weltgeschichte zu seiner „schwarzen Odyssee“, einem Epos vom Kampf des schwarzen Volkes um Selbstbehauptung und Menschenwürde. Ein Kritiker vergleicht „Omeros“ gar mit der „Göttlichen Komödie“ von Dante, weil er im Werk von DW den Versuch zu erkennen meint, die gesamte westliche Tradition im Zusammenhang zu sehen. Nun, ich möchte das nicht abwerten, doch möchte ich das Werk auch nicht überfrachten. Für mich ist es DW gelungen, die der allgemeinen Lesegewohnheit fremde Form Lyrik so zu schreiben, dass man dieses Fremde nicht fühlt.

 

Das liegt vor allem an der bilderreichen, fließenden und mitreißenden Sprache, die DW meisterhaft einsetzt. Das Werk ist wahrlich im besten Sinne ein Epos und kann durchaus mit der antiken und mittelalterlichen lyrischen Großform verglichen werden und es steht dicht neben Ilias und Odyssee. Ich weiß nicht mehr wer es gesagt hat: Wer DW liest, der wird geheilt. Das hört sich auf den ersten Moment etwas überzogen an, aber es ist so. Die Heilung (von allem Möglichen) erfolgt durch die farbige, wie mit einem dicken Pinsel auf Leinwand aufgetragene, Sprache, die dennoch nie verschwommen wirkt und die uns gleichsam in eine andere Welt tragen kann. Dabei ist der Bezug zur Malerei nicht einmal weit her geholt, da der Dichter auch ein begnadeter Maler ist; er sogar Maler war, bevor er Dichter wurde.

 

Das Buch ist nicht nur deswegen ein Werk der besonderen Art, weil es mir etwas aus der Karibik und ihrer Geschichte und Gegenwart erzählt, sondern weil es interessanter Weise auch auf all das Bezug nimmt, was wir kulturhistorisch Renaissance nennen; weiter oben hatte ich ja schon darauf hingewiesen, dass er viele Anspielungen auf die europäische Geisteswelt verarbeitet hat. DW ist für mich ohne Zweifel ein Virtuose, der das Instrument der Sprache meisterhaft beherrscht… der aber zugegebenermaßen etwas anders schreibt als wir es gewohnt sind, nämlich gegen die Natur der Renaissance. Interessant ist das deswegen, weil z.B. unser Ästhetikbegriff, d.h. der Begriff von Schönheit, aus dieser Zeit stammt. DW kann uns deshalb auch in dieser Hinsicht mit seinem Schaffen viel sagen (wie es manchmal sozusagen eines nicht betriebsblinden Außenstehenden bedarf, der uns die Wahrheit zu sagen imstande ist). Von dieser Warte aus gesehen, kann uns DW mit seinem „Omeros“ dabei helfen, unser Verständnis von und für Kunst zu verbessern.

 

Damit schlage ich auch den Bogen zum Anfang dieses Textes: Wenn es stimmt, dass Kunst für uns von so zentraler Bedeutung ist, wie atmen, essen und trinken oder Zärtlichkeit, dann hilft „Omeros“ nicht nur zum besseren Verständnis von Kunst (und damit der Kunst), sondern das Werk kann uns helfen besser und gesünder zu leben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definierte Gesundheit so: Gesundheit ist nicht nur Abwesenheit von Krankheit, sondern das vollständige Wohlbefinden in körperlicher, geistiger und sozialer Hinsicht. Hierzulande sind wir meist körperlich am gesündesten… Kunst kann uns in geistiger und sozialer Hinsicht fördern; „Omeros“ ist sozusagen das Medikament, ein Medikament, das uns sogar sinnlich berühren kann und neugierig uns Staunen macht. DW sagt: „Ich komme eben aus dieser Landschaft der Überfülle.“ Und das habe ich diesem Kleinod der Weltliteratur auch angemerkt. Ich möchte mit den Worten des Entdeckers des Kunstgeburtstags schließen: „Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.“

 

 

Wilfried John

 

 

Omeros

Derek Walcot

344 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Hanser – Aus 1995

ISBN: 3-4461-8299-3

Antiquarisch ab ca. 23,50 €

 

Im englischen Original:

 

325 Seiten – Taschenbuch

Verlag: Holtzbrink Publishers – Auflage Reprint

ISBN: 0-3745-2350-9

14,50 €