Edgardo Sanabria Santaliz „Am Tag, als der Mensch den Mond betrat“

Alltag als Ereignis
Alltag. Für die meisten für uns ist dieses Wort ein Begriff, der nicht allzu gut besetzt ist. Er steht für alles Gewöhnliche, für eingefahrene Gleise, für Langeweile und sogar für das Ungemach täglicher Last und Gezänk. Vielleicht ist das ja auch alles richtig… doch von nahem gesehen, sind das doch lediglich Indizien, Symptome des menschlichen Umgangs mit der Situation des Alltags und nicht um Merkmale des Alltags selbst.
Dieser weit verbreitete, Gewöhnlichkeit und Gezänk zulassende, Umgang mit dem Alltäglichen, ist ein Missverständnis, das zu den genannten Symptomen führt. Das, meiner Meinung, größte Missverständnis ist es, eben diesem Alltag jedwede Außergewöhnlichkeit abzusprechen und sie stattdessen in Situationen wie Ferien, Urlaub oder Feste zu vermuten… ja sogar zu meinen, dass Außergewöhnlichkeit nur in diesen Situationen vorkommen könnten.
Ein weiteres, gelinde ausgedrückt, Missverständnis ist es, dass es die Haltung des „Größer-Schneller-Weiter“ augenscheinlich in die Köpfe vieler Menschen geschafft hat (besser gesagt – haben es diejenigen geschafft, die an dieser Haltung profitieren). Es ist die Suche nach immer neuen Thrills, Hypes und Extravaganzen der Spaßgesellschaft, die jene Menschen, welche sich an ihr beteiligen, hindert, den Wert kleiner alltäglicher Geschichten und Vorkommnisse im rechten Licht zu sehen.
Dies jedoch zu tun und den kleinen Dingen des Alltags den rechten Wert beizumessen, würde auch den Begriff als solchen wieder entstauben und neu bestimmen. Das Leben findet nämlich nicht in Sondersituationen statt, sondern im Alltag… und wie interessant es sein kann sich mit Alltäglichem zu beschäftigen, dem normalen Leben seinen Reiz abzugewinnen, ja sogar eine ganz alltägliche Zufriedenheit zu leben, wird demjenigen eine neue Lebensqualität vermitteln, der sich einmal auf diesen Gedanken einlässt.
Es gibt einen Schriftsteller, der sich nicht nur auf diesen Gedanken eingelassen hat, sondern der ihn zur Grundlage seines gesamten Schreibens gemacht hat: Edgardo Sanabria Santaliz. Vielleicht liegt das an seiner Herkunft, oder vielleicht in der Zeit begründet, in der er zu leben begann oder an den Verhältnissen unter denen er aufwuchs… wahrscheinlich lag es – jeweils zu einem gewissen Teil – an allen drei Gründen zusammen. Es entspricht übrigens auch meiner Überzeugung, dass es zum Verständnis seines Werkes unabdingbar ist, jeweils diese drei biographischen Aspekte des Lebens eines Autoren in Augenschein zu nehmen, der das Werk schuf.
Edgardo Sanabria Santaliz (kurz ESS) wurde 1951 auf der Karibikinsel Puerto Rico geboren. Über sein frühes Leben ist mir leider nichts bekannt, wenngleich man die Lebensverhältnisse Puerto Ricos zu jener Zeit als Indiz heranziehen könnte – doch ich möchte nicht spekulieren, keine Biographie erfinden. Gesichert ist, dass er ein ganz passabler Schüler gewesen sein muss und seine Eltern offensichtlich auch die Mittel aufbringen konnten, ihrem Sohn ein Studium zu ermöglichen. Er studierte an der Staatsuniversität Puerto Ricos und an der Brown Universität in den USA.
Anfang der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann für die puertoricanische Literatur eine Umbruchphase, die dadurch geprägt war, dass sich einerseits eine Abkehr vom unmittelbar Politischen abzeichnete und andererseits junge Schriftsteller neu über traditionelles Erzählstrukturen und Formen nachdachten und sie schließlich zu verändern begannen. Das fiel in die Zeit, in der im lateinamerikanischen Raum der sog. Boom viele Autoren auf die Bühne der Weltliteratur brachte. Für die Literaturszene Puerto Ricos, mit seinen – für lateinamerikanische Verhältnisse untypischen – guten Beziehungen zur USA (was auch den literarischen puertoricanischen Blick eher auf den großen Nachbarn im Norden, als auf die südlichen oder die karibischen Nachbarn lenkte), ergab sich dabei zwar eine Teilhabe an den neuen Techniken und Themen (zumal ja die Sprache auch das Spanische ist), aber keine Teilnahme an den politisch motivierten Agitationen, die viele lateinamerikanische Werke ja auch sind.
ESS widmete sich schon relativ früh in seinem Leben dem Genre der Kurzgeschichten; einen entscheidenden Impuls dafür erhielt er schon 1976/77 bei einem Schreibseminar, das Emilio Diaz Valcárcel – ein bekannter Autor auf der Insel – im Puertoricanischen Kulturinstitut organisierte. Schon 1978 erschien sein erstes Buch, das eine Sammlung eben solcher Kurzgeschichten enthielt. ESS fiel nie als politischer Autor auf, auch sonst sind keine politischen Aktivitäten (auch nicht aus seiner Studienzeit) bekannt – außer man betrachtet das Schreiben an sich schon als einen politischen Akt… zumal in Puerto Rico zu jener Zeit; und nicht nur da.
Er interessiert sich vielmehr um Musik (klassische wie populäre), Bücher, Filme – und die katholische Kirche und nimmt in seinem Werk fast immer alltäglichen Begebenheiten auf. Alltagserfahrungen in der Familie oder in Beziehungen kommen genau so vor, wie das ewig junge Thema Liebe… aber auch das Altern und der Tod, das Scheitern und der Selbstmord sind sein Stoff. So auch in dem Buch, das ich hier vorstellen möchte und das ein Kompendium seiner bisher erschienen Sammlungen von Kurzgeschichten darstellt: „Am Tag, als der Mensch den Mond betrat“. Das Buch umfasst fünfzehn Kurzgeschichten:
Papier
Leticia ist ein junges Mädchen, dem – um zu überleben – im Grunde nicht anderes übrig bleibt als die althergebrachten familiären Strukturen aufzubrechen. Sie muss sich gegen ihren gewalttätigen und saufenden Vater behaupten. Auch in dieser Geschichte geht es wieder um das Thema Gewalt, diesmal um Gewalt in der Familie. Es geht auch wieder um das Aufbrechen von einem gesellschaftlichen Tabu: Missbrauch. Doch die Erzählung wartet mit etwas Überraschendem auf. Letivia setzt nämlich den Vergewaltigungsversuch, den ihr Vater an ihr begangen hat, als Druckmittel gegen ihn ein und hat damit Erfolg.
Die Hunde des Kardinals
Auch wenn ESS starke religiöse Ambitionen hat und ein gläubiger Mensch ist, hindert es ihn dennoch nicht daran, die Kirchenoberen zu kritisieren – wenngleich er es auch in einer satirischen Form tut. Dennoch werden die angesprochenen Kirchenfürsten diese Geschichte nicht mögen; auch wenn sie noch so lustig ist. Es geht um die Selbstüberhöhung der römischen Kurie, die Frömmigkeit oder die Frömmlerei des Volkes, sowie die Dekadenz eines Kirchenfürsten… und das alles wird aufs Korn genommen. Hauptbestandteil der Geschichte dreht sich um die Tötung der vier, nach den Evangelisten benannten, Hunde des Kardinals und die damit einhergehenden Ereignisse.
1898
Das Thema dieser Erzählung ist angelehnt an ein geschichtliches Ereignis: der Invasion us-amerikanischer Truppen und die Annexion Puerto Ricos durch die USA. Aber die Erzählung verläuft anders als man vielleicht denken könnte… Der Protagonist ist ein Mann namens Tonilos ist der Führer einer Revolte. Doch seine Analyse der Ausgangslage ist falsch und somit verläuft das gesamte Unternehmen schlecht. Letztlich wird sichtbar, dass die Revolte von vorn herein keine Chance hatte. ESS ist auch hier kein politisch motivierter Autor: obwohl es um einen gewalttätigen Überfall auf sein Land und eine lang anhaltende Besetzung  gab, sind die Aggressoren nicht die Schlechten.
Pascual
Hauptperson dieser Geschichte ist ein kleiner Junge, den nach seinem Namen zu fragen im Verlaufe der Kurzgeschichte scheinbar niemand für nötig findet und den ich deswegen – des Titels wegen – Pascual nenne. Pascual flieht aus einem Kinderheim und muss auf der Strasse, die er offensichtlich gut kennt, um sein Überleben kämpfen. Wie schlimm muss es in diesem Heim zugegangen sein, dass das Leben als Straßenkind das kleinere Übel darstellt. Die Geschichte gleicht einem erzählten Traum, den der Junge immer wieder träumt und der mit der Horrorvorstellung endet, dass er wieder ins Heim muss. Es ist in dieser Erzählung aber auch von Mitmenschlichkeit die Rede… wenn die beiden alten Leute diesen Jungen – nicht mal nach dem Namens zu fragend – aufnehmen. Dennoch kann sich der Junge ein schöneres Leben vorstellen… als Symbol sozusagen, sich nicht mit dem Mindeststandart zufrieden zu geben.
Die Tage mit Großmutter
Im Großen und Ganzen ist diese Kurzgeschichte eine Liebeserklärung an das Leben auf Puerto Rico und speziell in der Stadt San Juan. Sehr detailgetreu beschreibt ESS das Milieu der Stadt, das Mitte der Achtziger Jahre des letzten Jahrhundert (die Erzählung entstand etwa1982 und erschien 1984) noch sehr viele dörfliche Merkmale aufwies. Außerdem ist die Geschichte auch eine Liebeserklärung des Autors an seine Großmutter. Die von einer gewissen Melancholie getragene Erzählung ist meine Lieblingsstory, besonders da die Protagonistin der Geschichte, die alte Frau, quasi sanft einschläft, wie man sich den Tod seiner Großmutter, der gewiss eintreten wird, wünschen mag. Als Gleichnis auf die rasanten Veränderungen in den Lebensbedingungen und den damit verbundenen Verlust von liebenswerten Lebensumständen, geht die Großmutter in einem Labyrinth aus Zeitungsstapeln verloren…
Nach dem Wirbelsturm
In dieser vielleicht bekanntesten Kurzgeschichte von ESS, verarbeitet er einen Märchenstoff. Nach einem Hurrikan, der das Meer brutal aufwühlte, fängt ein ganz durchschnittlicher Mann eine Nixe, ein sirenenartiges Fabelwesen. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden, die allerdings – wie man sich vielleicht denken wird – nicht gut ausgehen kann. Es werden Geschehnisse berichtet, die sich alle in ganz alltäglichen Szenen abspielen… und letztlich in einen Liebestod gipfeln.
Dunkle Nacht
Der Titel dieser Kurzgeschichte stellt mindestens in zweifacher Hinsicht auf den Text ab. Einmal ist es Nacht, als ein Autofahrer um ein Haar eine Rollstuhlfahrerin überfuhr und zum anderen ist diese Frau blind… Die Geschichte blendet in ihrem Verlauf mehrfach in der Zeit zurück, ohne allerdings eindeutig zu klären, weswegen sich die Frau in diesem bedauerlichen Zustand befindet. Eine weitere Dimension dieser Kurzgeschichte eröffnet sich aus dem Titel, der sich auf den Titel eines berühmten Gedichts des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz bezieht. Vor jedes Kapitel der Geschichte stellt ESS eine Zeile dieses Gedichtes. Die Stimmung dieser Erzählung erschließt sich schon sehr gut, wenn man sich lediglich die vom Autoren verwendeten Zeilen vergegenwärtigt: „Ich ging hinaus, und niemand sah mich.“, „Und der Fächer aus Zedern Kühlung schaffte.“, „In einer Gegend, in der niemand erschien.“ und „Alles hörte auf, und ich ließ mich fallen.“.
Jeden Nachmittag Delfia
In dieser Kurzgeschichte berührt ESS ein in lateinamerikanischen Gesellschaften (und nicht nur da vorhandenes) vorherrschendes gesellschaftliches Tabu: Die Homosexualität. Delfia ist eine unstabile Person. Sie leidet unter ihrer Leibesfülle und ihr Seelenzustand ist starken Schwankungen unterlegen. Als sie von ihrem gut aussehenden jungen Geliebten Marcial verlassen wird, bringt sie sich um. Was das wahre Motiv für ihre Selbsttötung war, entwickelt diese Erzählung erst in ihrem späteren Verlauf… und lässt sich auf Grund des Eingangssatzes dieses Abschnitts vielleicht erahnen.
Vor dem letzten Tag
Die Story spielt in einem kirchlich geführten Altersheim, das von einem Priester geleitet wird, der seinen Glauben voller Inbrunst vor sich herträgt. Diese religiöse Inbrunst ist allerdings nur die Tarnung seiner, etwas unappetitlich dargestellten, sexuellen Erregung, die er für die Männer empfindet. Ein junger Mann ist dort angestellt, der die alten Männer im Heim rasiert. Während nun der junge Mann auch den Heimleiter rasiert,  versucht dieser den jungen Mann zu verführen. Wie das bei einer Rasur nun mal ist, sollte man jedwede Ablenkung tunlichst vermeiden und prompt schneidet der junge Mann den Priester in die Wange. Überstürzt flieht der junge Mann…
Am Tag, als der Mensch den Mond betrat
Das der Geschichte zugrunde liegende Ereignis ist die erste Mondlandung. Das damals noch junge Fernsehen preist das Ereignis als Zeichen der Größe der mächtigen USA. ESS verlagert das Geschehen in eine ganz alltägliche puertoricanische kleinbürgerliche Familie und stellt sozusagen die Berichterstattung wieder vom Kopf auf die Füße, in dem er die Reaktionen und Wunschvorstellungen der Familienmitglieder in den Vordergrund rückt. Die Titelgeschichte dieses Buches ist ein Beleg dafür, dass ESS durchaus im Kontext zu anderen karibischen Literaturen steht: Dieses Anschreiben gegen die Macht der USA. Allerdings geht die Geschichte für zwei Familienmitglieder tödlich aus.
Die Nereiden
Dies ist wohl die skurrilste Erzählung im ganzen Buch und handelt von einer jungen Frau, die als gesundes, lebenslustiges Mädchen zu einem Fest ging und von diesem als körperlich und geistig völlig zerrütteten Wesen zurück kam, wobei die Umstände, die dazu führten, nie geklärt wurden. Sie erzählt ständig die unglaublichsten Geschichten, wobei sie historische Personen und Ereignisse in immer neuen Varianten mit einander vermischt. Auch meint sie, dass sie tot war und nur deswegen noch einmal auf die Erde kam, weil sie noch nicht alle Gedichte – die sie eigentlich immer in sich getragen hatte – aufgeschrieben hatte. Einem imaginären Erzähler trägt sie diese Gedichte vor, so dass sie, wie selbstverständlich, als Bestandteil der Erzählung zu lesen sind…
Purpurrote Stunden
Hier dringen wir in die Welt des Phantastischen ein… bei dieser Geschichte handelt es sich um so etwas wie eine karibische Dracula-Parodie. In gleichsam halluzinatorischen Szenen in einem Beerdigungsinstitut, erfindet ESS eine Schauergeschichte, die sicher keinen Anspruch auf eine ernstzunehmende Story erhebt. Allerdings macht sie deutlich, dass der Autor vielen Sätteln gerecht sein kann… oder aber auch nur, dass er seinen E. A. Poe gelesen zu haben scheint.
Ein gewisser unausweichlicher Tod
Die Erzählung setzt sich mit der familiären Auseinandersetzung mit dem Tod auseinander. Der Tote ist ein Mann. Er war Ehemann, Vater, ja sogar schon Großvater… eine Aufzählung, wie man sie auch hierzulande in vielen Todesanzeigen zu lesen bekommt. Im Laufe der Geschichte wird die Erzählung mehr und mehr zu einem vielschichtigen  Portrait der Familie des Toten und des Ortes in dem er lebte. Hier verarbeitet ESS mehrere in seinem Werk oft wiederkehrenden Themen: Verführung, Verrat und Gewalt.
Edi in der Urne
Ging es in „Die Hunde des Kardinals“ um Religion in seinen Ausformungen, so geht es in dieser Geschichte um den Spiritismus, wie er – nicht nur in der Karibik – recht weit verbreitet ist, dort allerdings ziemlich ausufernde Dimensionen erreicht. Auch die Wundergläubigkeit des Volkes, welche gerne von de Kirche für ihre Zwecke vereinnahmt wird, wird hier zur Groteske verarbeitet. Es geht um Reliquien besonderer Art: Exkremente einen noch lebenden Heiligen… die – unter einer Art Käseglocke präsentiert – heiß begehrte Objekte der spiritistischen Begierde sind. Hier kommt der Humor sicher nicht zu kurz… ganz wie vom Autor beabsichtigt.
Borinquen Restaurant
In dieser, auch etwas skurrilen, Geschichte, verarbeitet ESS ironisch den Machismo. Es geht ein weiteres Mal um sexuelle Anziehung oder in diesem Falle, besser gesagt, um Hörigkeit. Ein, in den Augen eines Heterosexuellen, etwas seltsam anmutendes Paar wird von einem Mob verfolgt. Ein allseits bekannter, vor Kraft strotzender, Kerl und ein, zum Superweib hochstilisierten, Transvestit sind auf der Flucht durch die Nacht. Diese nächtliche Szene bildet sozusagen den Hintergrund für ESS, die Skurrilität so weit zu treiben, dass die beiden im Zoo, in den sie sich geflüchtet hatten, von einem Eisbären gefressen werden…
Seine Affinität zur katholischen Kirche hat ESS letztlich dazu gebracht in den Dominikanerorden einzutreten; er selbst soll angegeben haben, dass das sein Ziel gewesen sei. Seit der Zeit hat er nichts mehr veröffentlicht, was aus meiner Sicht ein Verlust für die karibische Literatur ist, denn er ist einer der wenigen Schriftsteller, welche die Kunst der Vermischung von scheinbar Alltäglichem und Unerhörtem beherrschen. Dabei fasziniert mich am meisten, dass er selbst skurrilste Geschichten meistens in einem nachvollziehbaren, ja alltäglichen Rahmen erzählt.
ESS steht für mich nicht nur für seine typische – scheinbar einfache – Sprache, sondern ist genau so, wie viele karibische Kollegen, in der Lage, diese barock ausladende Sprache zu schreiben, wie sie allgemein für diese Weltgegend als typisch gehalten wird. Seine stilistischen Mittel umfassen viele Fassetten – von feiner Ironie bis bitterer Satire und der Persiflage. Seine Sprache ist die Alltagssprache ebenso, wie die hochstilisierte literarische Sprache. Es war für mich mithin ein Genuss diese Sammlung seiner besten Kurzgeschichte zu lesen, auch wenn mir seine Themen manchmal den ungetrübten Genuss hätten schmälern können.
Ich sage völlig absichtlich „hätten schmälern können“, weil ich genaue Vorstellungen von Wirklichkeiten des Alltags habe. Nietzsche meinte: „Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden.“ Und Safranski sagte: „Wir leben zwischen drei großen Dunkelheiten: der Dunkelheit vor der eigenen Geburt, der Dunkelheit nach dem eigenen Tod und dazwischen der Dunkelheit der fernen Welt. Es kommt also darauf an, wenigstens ein bisschen Licht in das eigene Leben zu bringen.“ Ich habe die Erzählungen von ESS auf jeder Seite so empfunden… dass sie mir einerseits ein bisschen Licht in mein Leben brachte und andererseits so, dass mir die nächsten Dinge etwas bessere Nachbarn wurden.
Wilfried John
Edgardo Sanabria Santaliz
Am Tag, als der Mensch den Mond betrat
285 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Rotpunktverlag – aus 1998
ISBN: 3-8586-9132-1
Ca. 10 €