Edouard Glissant „Mahagony“

Karibische Impressionen

Pro: Ein Werk das einen faszinierenden Erlebnis- und Erkenntnisraum eröffnet

Contra: Widersetzt sich üblichen Lesegewohnheiten

Du bist Deutschland. Kaum ein Werbeslogan – wenn man das Gestammel überhaupt so nennen darf – ging mir in letzter Zeit so gehörig auf die Nerven! Was soll uns da vorgemacht werden und zu welchem Zweck? Nun, zur Beantwortung solcher Fragen, eignet sich eine Gegenfrage: Wem nützt es? Auf die Spur einer Antwort kommt man auch, wenn man die Quelle solchen Unsinns findet: Verbände der Industrie. Es ist wohl der Versuch, uns alten Wein in neuen Schläuchen zu offerieren. Früher hieß das einmal: Jeder ist seines Glückes Schmied. Doch bei allem Wollen und allem Schmieden, kommt es – besonders bei den sog. kleinen Leuten – doch auch noch auf ganz andere Dinge an. Schlimm finde ich, dass sich Leute für diese Kampagne verkauften, die – nach eigenem Bekunden – genau für diese kleinen Leute arbeiten: Für die Fans. Was sind das für Leute, die sich erst von den kleinen Leuten bejubeln lassen und sie dann in die Pfanne hauen?

 

Es wird uns da ein Bild gezeigt, das – in seiner Einfachheit – geeignet ist, ohne großartiges Nachdenken verinnerlicht zu werden. Damit gleicht es einem schmackhaften Köder, der besonders schmackhaften Fischen vor die Nase gehängt wird. Wer zum Schluss Nutznießer solchen Tun ist, steht von vorn herein fest. Es ist mir ein großes Vergnügen, dass der Spruch offenbar nicht zur weit verbreiteten Floskel geworden ist, wie es mit anderen Werbesprüchen schon oft geschah… Offenbar haben die Menschen den Braten gerochen, da sich das eigene Erleben der Wirklichkeit nicht mit dem Spruch in Übereinstimmung bringen lässt.

 

Im Gegenteil: Mit solch platten Slogans beleidigen die Macher den gesunden Menschenverstand. Es gelingt ihnen nicht uns glauben zu machen, das wir Deutschland sind, weil die Auftraggeber in den Konzernzentralen jeden noch so geschickt unternommenen Versuch der von ihnen beauftragten Werbefachleute gleich wieder durch gegenteilige Maßnahmen zunichte machen. Es ist eben nicht JEDER seines Glückes Schmied. Jene, die – trotz (um im Bild zu bleiben) noch so engagiertem Schmiedens – sich plötzlich auf die Strasse gesetzt sehen, gehören sicher nicht dazu.

 

Aber warum nur wird dieser untaugliche Versuch eigentlich unternommen? Womöglich deshalb, um eine Stimmung zu verbreiten, die ihnen genehmer ist. Wenn wir nur glauben, dass wir ganz allein all das verwirklichen können was wir gerne verwirklichen würden, dann führt das zu einer Entsolidarisierung, zu Konkurrenz und damit zur Schwächung der Möglichkeiten der Mehrheit der Bevölkerung, die – was ein Blick in die Geschichte beweisen könnte – immer nur dann etwas für sich erreichte, wenn sie sich gemeinsam um ihre Interessen kümmerte. Außerdem wird wohl bemerkt, dass wir nicht mehr so schwungvoll an den allgemeinen Nutzen der sog. Reformen glauben wollen, die in Wirklichkeit nur den Auftraggebern der Werbeaktion nützlich waren; was wiederum ein Blick in ihre Bilanzen beweist.

 

Das Wahlergebnis der letzten Bundestagswahl beweist, dass das Wahlvolk sich nicht mehr mit den neoliberalen Konzepten abspeisen lassen will. Themen wie Chancengleichheit, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit stehen eindeutig höher im Kurs, als Studiengebühren, das Recht für die Stärkeren und ungewisse Zukunft. So gesehen, wird aus dem so schlicht daher kommenden Slogan eine Stimme wirklich mächtiger Interessengruppen, die uns ihre Sprache in die Köpfe pflanzen wollen und mit ihrer Sprache auch gleich ihre Philosophie; was mich an die orwellsche Umdeutung der Worte erinnert. Dem sollten wir die Stimmen der Mehrheit entgegen halten und ihnen Worte wie solidarisches Miteinander, nachhaltige Teilhabe und kooperative Weiterentwicklung entgegen schreiben.

 

Ich möchte diese Gedanken zum Anlass nehmen und hier einen Roman vorstellen, der mir geeignet erscheint, über den Zusammenhang von Sprache und Denken, von interessengeleiteter Besetzung von Begriffen und Bewusstsein Auskunft zu geben. Dazu lasse ich sozusagen einen Mann zu Wort kommen, der wie kaum ein anderer sein Schaffen in den Dienst einer unabhängigen Sicht auf die eigene Wirklichkeit gestellt hat; der also weit besser als ich es kann, über das Thema reflektiert und das auch noch kunstvoll tut. Das Werk um das es hier geht ist der Roman „Mahagony“ und geschrieben hat es Edouard Glissant (kurz EG).

 

Für die biographischen Daten des Autors zitiere ich mich am besten selbst, da ich sie hier bei Ciao schon für eine andere Besprechung seines Werks („Traktat über die Welt“) verwendet habe: Der Dichter, Erzähler, Essayist und Dramatiker ÉG wurde 1928 auf einer Plantage der karibischen Insel Martinique geboren. Grundschule und Gymnasium in Fort de France, wo er bei einem Wettbewerb ein Stipendium der französischen Regierung gewann und mit dem er 1946 nach Paris kam, um dort Geschichte, Literatur, Ethnologie und Philosophie zu studieren. Bald schon schloss er sich künstlerisch-literarischen Zirkeln an und engagierte sich in antikolonialistischen Bewegungen. Nie hat er dabei seine karibische Heimat (von 1946 an französisches Departement) vergessen… Auch die anderen besetzten Länder liegen ihm am Herzen und er besucht sie regelmäßig; so wurde er 1961 wegen der Gründung einer Bewegung, welche die Befreiung des Volkes der Antillen und Guayanas fordert, von Guadeloupe ausgewiesen und erhielt eine Anweisung, seinen Wohnsitz in Frankreich zu nehmen.

 

Er war offenbar mit seinen veröffentlichten Gedichten, Romanen, Essays und Stücken schon zu bekannt, um ihm stärkeres anzutun; immerhin hatte EG 1958 den sehr begehrten und berühmten PRIX RENAUDOT erhalten. 1965 geht er wieder zurück nach Martinique und gründet dort das Martinique Studieninstitut, sowie eine Zeitschrift, die immerhin bis 1973 erschien. Er forschte über die Möglichkeiten, den Menschen der Antillen ihre Identität zurück zugeben. 1982 – 1988 wird er Direktor der UNESCO-Zeitschrift und befindet sich damit an einem idealen Beobachtungsposten, um seine Überlegungen zu seinen Themen der Beziehungen in der Welt und die kulturelle Rassenmischung zu entwickeln. EG gilt als der bedeutendste Autor der französischsprachigen Karibik und als intellektueller Vordenker zu Fragen postkolonialer Identität und Kulturtheorie. Er lebt in Martinique, Paris und New York und lehrt an der City University New York und istVizepräsident des Internationalen Schriftsteller-Parlaments

 

Sehr lange war EG hierzulande, außerhalb kleiner Zirkel von Karibik-Spezialisten und Leuten die sich mit kreolischer Kultur befassten, kaum bekannt. Erst als im Heidelberger Wunderhorn-Verlag in den frühen achtziger Jahren die Romane und Essays EGs in deutscher Übersetzung herausgebracht wurden, wurde die Zahl der Bewunderer etwas größer… was sich allerdings eher auf die Kritik bezieht, als auf eine breite Leserschaft; EG wurde gelobt aber nicht gelesen. Erst als vor etwas mehr als einem Jahrzehnt die Kulturschaffenden der zentralamerikanisch/karibischen Region, nicht zuletzt durch die beiden Nobelpreise 1992, Friedensnobelpreis für die Guatemaltekin Rigoberta Menchú und Literaturnobelpreis für Derek Walcott (mit „Das Königreich des Sternapfels“ auch hier bei Ciao vorgestellt), ins Licht der Öffentlichkeit rückten, wurde auch EG mehr und mehr zur Kenntnis genommen.

 

„Mahagony“ ist so etwas wie die Fortsetzung eines Projekts, das EG seit 1959 in allen seinen Romanen immer weiter vorantreibt: Es geht dabei um die Erkundung und – manchmal auch – um die Inszenierung der Geschichte Martiniques, die hierzulande, wie die genaue Geschichte des gesamtem karibischen Archipels, so gut wie unbekannt ist oder wenn sie bekannt ist, dann besteht das Kennen aus Informationen, die von kolonialistischer Seite angefertigt und aufbewahrt werden. EG ist einer jener Autoren, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nicht immer die Geschichte der Sieger zu repetieren, sondern der versucht, die Geschichte aus der Sicht der Unterlegenen zu rekonstruieren… rekonstruieren deshalb, weil es einer Detektivarbeit gleichkommt, in den offiziellen Dokumenten Fakten bezüglich derjenigen zu finden, die man als nicht nennenswert ansah. Aber es gibt Spuren… und denen folgt auch EG und macht es mindestens ebenso gut wie der Protagonist solcher Art Geschichtsschreibung, der Uruguayer Eduardo Galeano (siehe auch „Erinnerungen an das Feuer“ – auch hier bei Ciao vorgestellt).

 

In diesem Werk entwirft der Autor am Beispiel von drei Familien ein Bild kolonialer Geschichte, mit all seinen menschenverachtenden Ausprägungen, das aber, wie gesagt, aus einer Perspektive von unten entwickelt wird. Der Plot des Buches ist an sich relativ einfach zu Beschreiben: Ein Erzähler, wenn man so will die eigentliche Hauptperson, versucht eine lineare, chronologisch exakte Geschichte der Sklaverei auf Martinique schreiben. Als Mittel zur Darstellung dieser Geschichte sollen ihm drei entflohene Sklaven dienen, die in der Bevölkerung fast Heldenstatus erreichen und Marron genannt werden; fast schon ein Ehrentitel. Aber deren Schicksal anhand der Fakten zu beschreiben, würde bedeuten, diese Männer nur in nackten Zahlen darzustellen; das Schicksal könnte nur benannt, nicht aber wirklich gezeigt werden. Und so gruppiert sich die Erzählung um drei chronologische Daten: 1830, 1935 und 1979.

 

Man könnte oberflächlich sagen, dass der Roman eben nur von den drei angesprochenen Marrons handelt, deren Namen Gani, Maho und Mani sind. Allen drei ist gemeinsam, dass sie fliehen. Doch spätestens jetzt wird das Werk komplexer und das was zunächst als einfach aussehender Plot erscheint, gerät zu einem komplizierten Geflecht, in dem diese Fluchten mit den unterschiedlichen Jahreszahlen und unterschiedlichen Fluchtursachen verwoben werden und das darstellt, dass ihm doch wieder eine gemeinsame Konstante zugrunde liegt: Nichtbeachtung menschlicher Bedürfnisse (was mich zum Eingangsgedanken brachte). Die Spannweite der geschichtlichen Daten, von 1830 bis 1979, steht dabei auch für eine Konstante, nämlich die der Unterdrückung – wobei es dann gleichgültig ist, ob es sich um die Perversion der Sklaverei des frühen neunzehnten Jahrhunderts oder um moderne Formen sozialer und wirtschaftlicher Ausbeutung handelt.

 

Gani, der erste Marron in dieser Reihe, ist eigentlich noch ein Kind als er flieht und er wird auch über das Jugendalter nicht hinaus kommen; er wird nur sechzehn Jahre alt. Seine Flucht begann, als er sich als Kind die unerhörte Freiheit nahm und die Grenzen der Plantage missachtete. Maho ist, gut hundert Jahre später, Verwalter; vielleicht der erste Schwarze in diesem Rang. Dennoch flieht er. Er ist psychisch labil und er kann die unaufhaltsame Entfremdung gegenüber seiner Gemeinschaft nicht ertragen. Mani ist ein Marron der Gegenwart, der sozusagen belegt, dass sich an den Verhältnissen auf den Plantagen auch heute kaum was geändert hat. Allen ist die Unterstützung ihrer Leute gewiss. Man versorgt sie mit Essen und anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Als Symbol für diese Konstante steht ein alter Mahagonibaum; der Ort, an dem man sich subversiv trifft. Trotz der Unterstützung geht es allerdings für die Drei nicht gut aus. Je nach dem zu welcher Zeit sie gelebt hatten, wurden sie entweder umgebracht oder aber – was letztlich auf das Gleiche heraus kommt und vielleicht noch schlimmer ist – ihre Spur verliert sich einfach im Ungewissen.

 

Natürlich kann man von einem Autor der Klasse von EG mehr erwarten. Und ebenso natürlich, bekommen wir mehr geboten… und zwar sehr viel mehr. Ich werde versuchen, das an einigen Fakten und Interpretationen zu erläutern. Zunächst möchte ich auf die Erzähltechnik aufmerksam machen. Wie EG – sozusagen auf horizontaler Ebene – in der Zusammenführung verschiedener Erzählstränge, verschiedener Zeiten und Personen immer wieder auf übergeordnete Konstanten aufmerksam macht, so besteht der Roman auch aus einer Vielzahl vertikal angeordneter Ebenen. Auf jeder dieser Ebenen legt der Autor verschiedene Aspekte seiner Poetik an und vermittelt uns – quasi nebenher – Einblicke in sein Denken, seine Philosophie und dem von ihm maßgeblich vertretenen Projekt des kooperativen Nebeneinander von kultureller Vielfalt.

 

Er verwendet dabei Erzähltechniken, die es uns zunächst etwas schwer machen, uns den Roman in gewohnter Leseweise zu erschließen. Aber gerade diese Erzählweisen sind es, die das Werk auf eine hohe Stufe der Sprachkunst heben. Als Beispiel mag dienen, wenn der Autor sich in seinem Text mit dem Ich-Erzähler Mathieu Beluse unterhält und so in den Text einen Diskurs über die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Art und Weise von Geschichtsschreibung einbaut. Ironisch teil er dem Erzähler – der ja die Geschichte der Insel schreiben will – mit, dass die europäisch geprägte Geschichtsschreibung zur Darstellung der Geschichte der Unterdrückung nicht geeignet ist. Er konstatiert, dass, wie er es nennt, ein Schrei notwendig sei, in dem das alltägliche Grauen und die Hoffnungslosigkeit erfahrbar wird, wie sie in den offiziellen Geschichtsbüchern nicht erfahrbar sei. EG zersetzt Mathieus europäisch zu nennenden Rekonstruktionsversuch der Vergangenheit, mit der Einfügung vieler mündlicher Erzählstimmen, die in Akademikerkreisen im Allgemeinen nicht als literaturwürdig oder geschichtsrelevant gelten.

 

Die Geschichten der Märchenerzähler vermitteln eben etwas Anderes als die logisch-rational geordneten Geschichtsfakten. Sie durchbrechen die dürre chronologische Oberfläche einer Handlung und bringt neue, sonst vernachlässigte, Seiten des Vergangenen hervor. EG schreibt Geschichte so: „Da war wieder die Katzenmusik der Generationen, der Wahnsinn trostloser Missgeschicke, der gähnende Raum von einem Talglicht zum nächsten, das Gepolter der Jahre, die dir im Kopf hinabkugelten wie Zebus auf der Flucht vor dem Feuer; das alles bleibt unbemerkt – und war um so quälender – da es sich unter der erfreulichen Banalität aller Dinge verbarg.“ Ebenso verfährt EG auch mit Betrachtungen der Natur, die ihm auch Metapher ist. Der alte Mahagonibaum z.B. dient nicht nur als Romanort, sondern auch als Zeuge, der Auskunft über die Schrecken der Unterdrückung geben kann, und ist so selbstverständlich  auch in die Geschichtsschreibung einzubinden. Natur und Geschichte verschränken sich so zu einer Einheit, wenn EG ausführt: „Wir sehen die alten Bäume nicht, bevor wir ihnen einen Platz in ihrer Geschichte gegeben haben, bevor sie in ihrer Sprache zu uns gesprochen haben. Das Wesen des alten Baumes entzieht sich, solange man nicht versucht hat um ihn herum zu gehen und, bei einem kleinen Stückchen Rinde beginnend, sein gesamtes Mastwerk zu rekonstruieren.“

 

Ein weiteres Moment, eine weitere vertikale Ebene, verankert sich auch mit diesem Baum. Er steht an einem Ort, an den – wie gesagt – die Flüchtlinge immer wieder zurückkehren. Im Laufe der Handlung wird der Baum gewissermaßen zu einem Zeichen, zu einem Symbol verdichtet. Er repräsentiert aber nicht nur eben einen Zufluchtsort, sondern ist gleichzeitig eine Metapher für dreihundert Jahre Sklaverei und Bevormundung und die Hoffnungslosigkeit. Da er auch noch in der Gegenwart an seinem Platz steht, symbolisiert er eben auch die immer noch nicht beendete Abhängigkeit von den alten Machtverhältnissen, die durchaus mit veränderten Bedingungen einhergehen können; früher die Plantagen, heute die Touristen – aber an der wirtschaftliche Lage der kleinen Leute änderte sich nichts.

 

EG bezieht sich auf einer weiteren Ebene – indem er die drei verschiedenen Gründen beschreibt, wegen derer die Sklaven geflohenen waren – auf eine Gesamtgesellschaftliche Ebene, die augenscheinlich natürlich zuerst mit der afro-antillianischen Gesellschaft der Karibik gleichzusetzen ist, aber auch mit vielen, auch sog. modernen, Gesellschaften (zumindest latent) vergleichbar ist. In der Beschreibung der überharten Strafen für geringste Verstöße gegen die Ordnung (die auch schon mal willkürlich verändert wird), oder in der Darstellung der überharten, monotonen  Arbeit in den Plantage (mir fielen sofort Arbeitslager ein), die Betrachtungen von durch Vergewaltigungen und Kinderreichtum abgestumpften Frauen und vor allem die Klage über das Machterhaltungsinstrument der Vorenthaltung von Bildung, gleicht schon einem Auszug aus Machiavellis „Der Fürst“ – ein Buch, das, meines Wissens nach, nicht selten in den Bücherschränken moderner Machtpolitiker steht… und, was schlimmer ist, von ihnen auch gelesen wird.

 

Und gerade dieses Element in der Arbeit des Autors ist ihm besonders wichtig. In der Vorenthaltung von Bildung und in der Verhinderung der Entwicklung einer kreolischen Schriftsprache durch die Kolonialmächte, soll verhindert werden, dass sich ein gesellschaftliches Bewusstsein von – in diesem Falle – karibischer Geschichte bildet, aus dem sich dann politische Ansprüche und Forderungen ableiten ließe. Schlussfolgerung: Wer also die Sprache beherrscht, bestimmt auch die geltenden Machtverhältnisse. Gerade auf dieser Ebene ist EG stark, was nicht zuletzt mit seiner jahrzehntelangen Arbeit für eine eigenständige kreolische Identität, für eigene Kategorien zur Interpretation der Wirklichkeit und für die Unabhängigkeit von der französischen Sprache, mit deren Benutzung ja wiederum nur das französische Denken übernommen würde.

 

„Mahagony“ war für mich wirklich ein anstrengendes Buch – und das, obwohl ich in aller Bescheidenheit sagen kann, dass ich mich mit karibischer Literatur im Allgemeinen und EG im Besonderen etwas auskenne. Verbunden ist die Anstrengung damit, dass EG ständig versucht, unsere gängigen europäischen Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen. Allgemein als gültig angenommene Grenzen, z.B. zwischen Lebendem und Totem oder zwischen Emotion und Reflexion, werden von EG regelmäßig überschritten. Auch die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen und Geschichte, auch solchen aus weit von einander liegenden Zeiten, oder das Beharren auf die karibische Wirklichkeits-Wahrnehmung, nach der sich in der Geschichte lediglich Grausamkeiten wiederholen und mit dem EG sich so dem europäischen Fortschrittsglauben  entgegen stellt, erforderte meine Anstrengung.

 

EG adaptierte in seiner Erzählweise auch die kreolischen Erzähltradition, die ja wegen der fehlenden Schriftsprache, nur eine mündliche Weitergabe von Geschichten erlaubte und die sich vom westlichen Analysieren und Erklären absetzt. Aber es geht dem Autor gar nicht so sehr um Klarheit und Eindeutigkeit… so versteht er die Welt nicht. Es geht ihm um die Entdeckung von Interdependenzen und von korrespondierenden verschiedenen Wirklichkeiten, es geht ihm um die Wahrnehmung des Außen auch durch Sinnlichkeit, was nicht nur zu einer vernünftigen Ausdeutung der Welt führt, sondern auch zu einer Erfahrung des elementar Schönen. Und genau deswegen fasziniert mich dieses Buch.

 

Dass das Buch keine leichte belletristisch Kost für mich war soll aber nicht bedeuten, dass es mir deswegen weniger gefallen hätte – im Gegenteil. Das sich den gewohnten Lesegewohnheiten widersetzende Werk forderte mich heraus und die manchmal irritierende Handlung, die sprachlichen Ausschweifungen und die komplizierte Erzählstruktur steht für mich in einem erfrischenden Gegensatz zu der modern gewordenen Fast-Food-Literatur, in der es oft nur um unterhaltsam-süffiges Aufnehmen von Texten geht. EG erhob für mich die Welt vom bloßen Rohstofflieferanten zu einem vielgestaltigen Erlebnis- und Erkenntnisraum und so ist das Buch für mich eine Bereicherung gewesen.

 

 

 

Wilfried John

 

 

Mahagony

Edouard Glissant

216 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Wunderhorn – Aus 1989

ISBN: 3-8842-3057-3