Eduardo Belgrano Rawson „Rosas Stimme“

 

Bad News on Radio Havanna

Pro: Der aktuell künstlerisch anspruchsvollste Roman Südamerikas

Contra: Er wird leider nicht in den USA erscheinen

Menschen reden von Hoffnung, von einem Hoffnungsschimmer… und man ist sofort geneigt, diesen Menschen alles Gute dafür zu wünschen, dass ihnen das zuteil werde, auf was auch immer sie gehofft haben mögen. Die meisten Menschen kennen dieses Gefühl des Hoffens nur allzu genau und deswegen ist es für sie scheinbar so einfach, sich mit diesen anderen Hoffenden zu solidarisieren.

Aber Vorsicht damit! Unter Umständen solidarisiert man sich mit Menschen, deren Hoffnungen ja gerade darin bestehen, solidarischen Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen. So sollte man sich stets die Mühe machen und etwas genauer hinschauen… Mit der Schlagzeile.“ Jetzt gibt es einen Hoffnungsschimmer“, machte eine Sonderseite in meiner Tageszeitung auf. Diese Sonderseite war Fidel Castro gewidmet, der wegen einer schweren Erkrankung, seine Amtsgeschäfte vorübergehend abgeben musste. Und auf eben jener Sonderseite, kamen sog. „kubanische Exilanten“ aus Florida zu Wort, denen Castro ein Dorn im Auge ist.

Ich kann Menschen, die anderen Menschen die Pest an den Hals wünschen und hinzufügen, dass jemand einen möglichst langen qualvollen Tod sterben soll (selbst wenn dieser Jemand der Diktator Fidel Castro ist), unmöglich zustimmen; solch ein Hass verdient keine Solidarität, kann keine Solidarität erwarten, da sich Hass und Solidarität ausschließen. Und dieser Hass bringt die Frage nach seiner Ursache auf. Da muss wohl ein Mensch einem anderen Menschen mächtig was angetan haben, damit dieser den Täter so zu hassen beginnt. In der Tat, diejenigen die auf der erwähnten Sonderseite das Wort führten, waren sog. „kubanische Exilanten der ersten Stunde“. Sie flohen mit all ihrer beweglichen Habe, die wohl zumeist aus Geld und anderen Wertsachen bestanden haben mag, kurz nach der erfolgreichen Revolution auf Kuba.

Daraus ergeben sich natürlich weitere Fragen. Z.B. die Frage danach, warum eigentlich eine Revolution erfolgreich sein kann? Anders als ein Putsch oder ein Staatsstreich, kann eine Revolution nur erfolgreich sein, wenn die Bevölkerung den Umsturz unterstützt. Dazu müssen aber die Ziele des Umsturzes mit den Bedürfnissen der Bevölkerung in Übereinstimmung sein und die bestehende Ordnung, der Bevölkerung schaden, die Bevölkerung ausbeuten und unterdrücken. Klar ist, dass Gegner der Revolution meistens befürchten, dass ihnen diese Revolution große Nachteile bringt. Genau das war auch im Falle Kuba so und es ist kein Geheimnis, dass zuerst die Profiteuere des korrupten, auf Gewaltherrschaft beruhenden, von der Revolution beseitigten, Regimes flohen; sie überhaupt Exilanten zu nennen, ist eigentlich schon eine Beleidigung für diejenigen, die tatsächlich politisch verfolgt wurden oder sind und in ein Exil mussten.

Genau diese Leute sind es nun, die davon träumen, dass sich die alten Strukturen auf Kuba reaktivieren lassen und sie wieder in den Besitz all der Pfründe kommen können, auf denen sie sich bereichert haben. Seit Jahrzehnten tun sie alles dafür, die erfolgreiche Revolution auf Kuba zu beseitigen (siehe auch Miguel Mejides „Narben in der Erinnerung“ – hier bei Ciao vorgestellt). Eines der wichtigsten Instrumente dieser Bestrebungen, ist das Embargo, das die USA seit vierzig Jahren über Kuba verhängt haben und dem sich alle Länder anschließen müssen, wenn sie keine Nachteile in den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit den USA riskieren wollen; und welches Land kann sich das schon leisten. Die Opfer dieser Politik sind bezeichnenderweise genau die Menschen, die von den Drahtziehern der Embargo-Politik ehedem auch schon ausgebeutet wurden…

Es liegt bestimmt nicht nur an den rigiden Methoden, die das Castro-Regime zur Machterhaltung anwendet, dass Castro noch immer an der Macht ist… ich glaube, dass die Bevölkerung weiß, dass diejenigen, die das Wort von der Freiheit Kubas im Munde führen, nichts als die alten Zustände im Sinn haben. Deswegen hat auch dieses längste Embargo aller Zeiten das System auf Kuba nicht destabilisieren können. Aus diesem Grund hat die Regierung der USA vor etwas mehr als einem Jahr, auch unter dem Einfluss der in Florida lebenden 650.000 sog. Exilkubaner (Florida und Bush… eine interessante Geschichte) versucht, bei der UN-Menschenrechtskommission in Genf die Verabschiedung einer Resolution gegen Kuba zu erreichen, die eine Intensivierung der Blockade und sogar die Anwendung von Aggression ermöglichen würde (es ist bezeichnend, dass bei dieser Sitzung zwar über Kuba diskutiert werden konnte, aber über die us-amerikanischen Machenschaften in Gefängnissen wie Abu Ghraib und Guantánamo nicht).

Bis jetzt ist der Wunsch der US-Regierung noch nicht in Erfüllung gegangen und der Resolutions-Entwurf liegt auf Eis. Durch massive Proteste aus vielen Ländern ist es gelungen, die USA in die Schranken zu verweisen. Viele JournalistInnen, SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, DozentInnen, LehrerInnen und die Aktivisten von sozialen Bewegungen haben sich einem Hilfeersuchen Kubas nicht verschlossen und an ihren jeweiligen Positionen den ihnen möglichen Einfluss geltend gemacht, diese gefährliche Machenschaft der Bush-Administration aufzuhalten (siehe auch Anhang1). Und um einen Schriftsteller der als Unterzeichner der kubanischen Position mit seinem Namen einsteht, soll es in dieser Besprechung gehen. Aber nicht nur das. Auch sein Buch steht in unmittelbaren Zusammenhang dazu. Der Stoff zu „Rosas Stimme“ von Eduardo Belgrano Rawson (kurz EBR) ist kubanischer, als vieles was uns hierzulande volkloristisch kubanisch daher kommt: Die Invasion in der Schweinebucht vor 45 Jahren.

Doch bevor ich auf das Buch näher eingehe, möchte ich den Autor vorstellen, zumal dieser, in Südamerika mit vielen Preisen ausgezeichnete und beim Publikum erfolgreiche, Schriftsteller hierzulande kaum bekannt ist. EBR ist Argentinier und wurde 1943 in dem kleinen Dorf San Luis de los Venados im argentinischen Westen, in der Provinz San Luis geboren. Er wird sozusagen in ein intellektuelles Elternhaus hineingeboren, denn sein Vater ist Philosophieprofessor und so ist es nicht verwunderlich, dass der junge EBR sich für Bücher und Nachrichten interessiert; letzteres besonders deswegen, weil er in sehr bewegte Zeiten im Argentinien der vierziger und fünfziger Jahre aufwuchs.

Aber da Buenos Aires weit weg und die Provinz beschaulich ist, war man weit weg vom Weltkrieg, von Militärjunta und innenpolitischen Auseinandersetzungen. Von fern boten die Anden ein phantastisches Panorama und alles ging einen relativ ruhigen Gang. Im Alter von zehn Jahren bekam EBR von seinem Vater die „Leitung“ der Kinder- und Jugendbibliothek „übertragen“ und man könnte sagen, dass damit wohl eine Vorentscheidung über seinen beruflichen Werdegang gefallen war. Er interessiert sich sehr für Nachrichten, die er allerdings nur über die örtliche Presse bekommt; was aber offenbar ausreichte, dem jungen EBR die Lage zu klären und seinen Sinn für soziale Gerechtigkeit zu schärfen, da in jenen Jahren – nach jahrelangem Abbau sozialer Errungenschaften durch die, von den USA gestützten, Militärs – hatte Peron die Regierung übernommen und diskutierte die soziale Frage neu, wurde die Lage der Arbeiterschaft durch modernes Arbeitsrecht, Sozialversicherung, Wohnungsbau, Lohnsteigerungen u. a. verbessert und das Frauenwahlrecht eingeführt.

EBR war ein gelehriger Schüler und wollte studieren. Dazu musste er allerdings die Provinz verlassen und so ging er schließlich im Alter von 18 Jahren zur Universität von Buenos Aires, um zunächst Recht zu studieren. Sehr bald stellte er aber fest, dass das wohl nicht das Richtige für ihn war und verlegte sich auf die Studienfächer Journalismus und Film. Die Zeiten wurden härter. 1955 war Peron vom Militär, mit Unterstützung der katholischen Kirche (welcher die Trennung von Kirche und Staat missfiel) und Liberalen (denen eine starke Arbeiterschaft ein Dorn im Auge ist), weg geputscht worden und innenpolitische Unruhen waren die Folge. Diese Unruhen wiederum führten zu mehr repressiver Polizeistaatlichkeit, bis 1966 schließlich das Militär sämtliche (verbliebenen) demokratischen Rechte außer Kraft setzte.

EBR musste sich sein Studium selbst verdienen und begann, unter Pseudonym, zunächst Untertiteln für politische Karikaturen zu den Leitartikeln der berühmten Zeitschrift Columbia u schreiben. In diese Zeit sind wohl auch seine ersten Versuche anzusiedeln, sich als Schriftsteller zu etablieren. Es sollte unter den gegebenen Umständen noch bis 1975 dauern, ehe er seinen ersten Roman veröffentlichen konnte. Er wurde dabei vom großen Julio Cortazar (auch hier bei Ciao vorgestellt) unterstützt, der schon früh erkannte, dass er einen vielversprechenden Autor vor sich hat. 1979 erschien dann der Roman „Schiffbruch der Sterne“, für den er, neben anderen Literaturpreisen, den begehrten Preis für den besten Roman vom Club de los XIII erhielt und der 2001 ein Achtungs-Erfolg der Kritik in Deutschland erlangte.

Zwischen 1975 und 1987 unternahm EBR – in Argentinien herrschte das Militär in grausamster Schreckensherrschaft – mehrere Reisen nach Feuerland. Eigentlich wollte er für einen neuen Roman über die Forschungsreisen von Charles Darwin recherchieren. Er durchquerte den Archipel zu Fuß und zu Pferd, schlief am Strand und bei den einfachen Leuten… und schrieb schließlich ein Buch, das mit Darwin rein gar nichts zu tun hatte – den Roman „In Feuerland“, der 1991 erschien und in Argentinien als Metapher für die Opfer der Militärherrschaft verstanden wurde. Hierzulande wurde EBR mit diesem Werk einem größeren Publikum bekannt, ohne jedoch wirklich populär zu werden; was er bei uns, meiner Meinung nach, auch nie werden wird. EBR lebt heute als freier Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor in Buenos Aires… und in seinem Geburtsort San Luis de los Venados.

In der kurzen Bibliographie erwähne ich lediglich die in Deutschland erschienen Werke; es hätte ja auch derzeit wenig Sinn alle sieben Romane zu nennen, insofern sie hier weder übersetzt, noch erhältlich sind. Nun also (Juli 2006) legt der Verlag C. H. Beck den neusten Roman von EBR vor; just in einem Augenblick der Weltgeschichte, da das Thema auf der Tagesordnung steht. Eine ausdrückliche Erwähnung verdient Lisa Grüneisen, die – wie bei den oben erwähnten Romanen – für die Übertragung ins Deutsche verantwortlich zeichnet… denn „Rosas Stimme“ ist kein einfacher Roman und es gehört schon ein gerüttelt Maß an Erfahrung und Sachverstand dazu, um das Genre von EBR zu übersetzen.

Auf dem Buchdeckel kündigt der Verlag den Roman „Rosas Stimme“ folgendermaßen an: „In seinem faszinierenden, groß angelegten und vielstimmigen Roman nimmt Eduardo Belgrano Rawson die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht zum Ausgangspunkt für eine ebenso phantastisch-sinnliche wie genau recherchierte Geschichte der Heimsuchungen des karibischen Raums.“ Der Roman steht also in unmittelbaren Zusammenhang mit der in der Einleitung beschriebenen Situation und den Bestrebungen der USA, bei den Vereinten Nationen eine Resolution durchzusetzen, die einen erneuten direkten Angriff auf Kuba zu „legalisieren“ würde. Insofern ist das Werk nicht nur ein Artefakt, sondern außerdem ein genauestens recherchiertes politisches Buch, das den Autor sowohl als Schriftsteller des Magischen Realismus, als auch Journalisten auszeichnet. Es ist eigentlich nicht sehr  erstaunlich, dass dieser Roman ausgerechnet in dieser Zeit erscheint… Castro ist alt und krank. Aber es erstaunt doch etwas, dass uns da ein eminent politisches, kritisches Buch vorgelegt wird, das obendrein als ein subtiler Polit-Thriller uns Leserinnen und Leser in seinen Bann ziehen kann.

Viele der handelnden Figuren im Roman, sind historisch belegte Personen und was sie im Roman tun, stimmt völlig mit der Wirklichkeit überein. So ist die Figur, der dieser Roman seinen Titel verdankt, die ehemalige Prostituierte Clara Bilbao, die, Rosa genannt, als Ansagerin bei Radio Swan mit „der heißesten Stimme der Antillen“ allabendlich ein Radio-Programm moderiert. Auch diesen Sender gab es wirklich und er sendete von einer kleinen Insel vor der Küste von Honduras aus, im Auftrag und auf Kosten der CIA, us-amerikanische Propaganda; die vor allem für die Ohren Kubas bestimmt war (siehe auch unter Miguel Mejides „Narben in der Erinnerung“ in der Erzählung „Ich bleibe ich“ – hier bei Ciao vorgestellt).

Dieser Sender ist für die eigentliche Romanhandlung (wie auch für die historischen Vorkommnisse) von entscheidender Bedeutung. Rosa verliest bei der Abendsendung vom 17. April 1961 von Radio Swan, zwischen den einzelnen Liedern als Ansagen getarnte verschlüsselte Meldungen der CIA. Es ist der Beginn der Invasion in der Schweinebucht auf Kuba, bei der eine Söldnerarmee sog. Exilkubaner – ausgebildete und bezahlt von der CIA und von der regulären us-amerikanischen Marine mit Schiffen und Kampfflugzeugen unterstützt  –  auf Befehl des Präsidenten Kennedy auf Kuba landen sollten, um Fidel Castro zu stürzen und die erfolgreiche Revolution von 1959 wieder zu beseitigen. EBR schreibt hier zwar nicht als Journalist der er ja auch ist… aber er bleibt auch als Künstler seinem Handwerk treu und recherchiert akribisch genau. So kommen in den vierzehn Kapiteln des Romans „Rosas Stimme“ völlig unterschiedliche Personen zu Wort, werden viele Ereignissen, historisch bedeutsame oder banale, verarbeitet und in einzelnen Erzählsträngen dargestellt, bis sie – zusammen gewoben – eine genaues Bild der Ereignisse ergeben.

Aber wie gesagt, „Rosas Stimme“ ist nicht nur irgendein durch und durch kunstvoll komponierte Werk, sondern es ist ein großartiger, vielschichtigen, politischer Roman. EBR beschreibt in den 14 Kapiteln nicht nur die versuchte Invasion Kubas 1961, sondern er bettet dieses Thema quasi in einen geschichtlichen Zusammenhang ein. Dieser Zusammenhang sozusagen, sind die Machenschaften der USA in Süd- und Mittelamerika und besonders das Kapitel 13 „Todesanzeigen“ gerät praktisch zu einem Gesamtüberblick der Putsche und politischen Morde, die USA in den letzten 50 Jahren zu verantworten hatten, in Guatemala, in Nicaragua usw., nicht zu vergessen die Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende am 11. September 1973.

Natürlich wäre es nicht eines guten Journalisten gemäß, nicht wenigstens zu versuchen, ein Thema möglichst umfassend aufzuarbeiten. EBR ist auch ein besonders guter Journalist, der nun als Roman-Autor auftritt. So beschränkt er sich eben nicht nur auf die unmittelbaren Ereignisse auf Kuba und die sonstigen außenpolitischen Machenschaften der USA, er durchleuchtet auch die innenpolitischen Verhältnisse in den USA der frühen sechziger Jahre, die solche Machenschaften ermöglichten. Er zeigt Zusammenhänge von us-amerikanischer Politik und die Geschäftspraktiken multinationaler Konzerne in Lateinamerika, wie z.B. der United Fruit Company (siehe auch Miguel Angel Asturias „Sturm“ – auch hier bei Ciao vorgestellt) EBR zeigt Verquickungen der CIA, der das Nachtleben im damaligen Havanna beherrschenden Mafia und der Ermordung Kennedys und schlägt thematisch eine Brücke bis in die Gegenwart, bis zu George W. Bush und bis zum 11. September 2001.

EBR hat in diesem Roman – wie in seinen anderen Werken auch – eine schier unglaubliche Anzahl von dokumentarischen Quellen angezapft… Das halte ich zwar auch bei anderen Autoren für eine selbstverständliche Vorgehensweise, aber EBR offenbart uns all diese Quellen in einem recht umfangreichen Anhang. Und wer jetzt glaubt, bei diesen Quellen könne es sich wohl nur um Gegenpropaganda zur USA handeln, der irrt in diesem Punkt. Das erklärt sich wie von selbst, wenn man sich die Liste der verwendeten Zeitungen anschaut – da findet man von The New York Times und The Washington Post bis zum The Miami Harold und zum Wall Street Journal alles was Rang und Namen hat; keine Quellen, die auch nur im Entferntesten im Verdacht stünden, Castro zu unterstützen. EBR verwendet Meldungen der großen Nachrichtenagenturen Reuters oder UP ebenso selbstverständlich, wie er auf Sachbücher wie z.B. „The Cultural Cold War. The CIA and the World of Arts and Letters“ von F.Stone Sanders über die Einflussnahme des Geheimdiensts in den Kunstbetrieb hinein (übrigens auch in der BRD) zurückgreift. Ebenso selbstverständlich scheint es ihm zu sein, sich von Kollegen unterstützen zu lassen… in diesem Falle kein Geringerer als Gabriel Garcia Marquez, der mit seinen journalistischen Arbeiten aus dem Buch „Frei sein und unabhängig“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) ebenfalls Material beisteuerte.

Bei all den politischen Ambitionen des Autors, dürfen aber auch die schieren Literaturfreundinnen und –freunde nicht vergessen werden, die sich mit den eigentlichen Hintergründen nicht in dieser Tiefe beschäftigen wollen, sondern für die der schiere Lesegenuss im Vordergrund steht. Da ich eben schon Marquez erwähnte, ist es nicht mehr weit zum Begriff des Magischen Realismus (Begriffsklärung siehe Anhang 2). EBR sieht sich als Vertreter dieser Stilrichtung – dabei hebt er besonders auf den letzten Wortteil des Begriffs ab, wenn er „Rosas Stimme“ einen „Non-Fiction-Roman“ nennt, der dem Realismus großen Wert beimisst. Doch wie diese Realität erzählt wird, ist nun wieder Magie!

EBR ist ein Großer unter den Autoren Argentiniens (was allein schon etwas bedeutet), unter den Autoren Lateinamerikas (was noch mehr zu sagen hat) und hat wohl mit diesem Roman ein Stück Weltliteratur geschaffen, das von manchen begeisterten Kolleginnen und Kollegen schon mit „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt) verglichen wird. Nun, ich lehne den Vergleich ab… aber nicht etwa weil ich „Rosas Stimme“ für schlecht hielte, sondern weil man ein solch singuläres Werk nicht vergleichen kann. Möglicherweise wurden der Vergleich von der überaus reichen Sprache des in „Rosas Stimme“ provoziert, die – wie in der Vorankündigung des Verlags zutreffend bezeichnet – faszinierend und vielstimmig, eine Prosa erzeugt, welche die Leserschaft in deftiger, humorvoller Weise zu begeistern vermag.

EBR schildert uns in mannigfaltigen Facetten die Ereignisse aus der Sicht von Guerilleros und Diktatoren, Geheimagenten und Söldnern, Piloten und ihren Mechanikern, Fischern und Zuckerrohr-Bauern, Lehrerinnen und Schülern, Prostituierten und Barmännern, Gringos und Exilanten etc. und dabei ist der sog. rote Faden, es uns zu überlassen, wie wir die einzelnen Facetten auf uns wirken lassen, da sich der Autor eines jeden Kommentierens enthält. Je nach dem über welche Vorinformationen die Lesenden verfügen, werden sich Hintergründe und Verbindungen mehr oder weniger deutlich erschließen – in diesem Sinne erlaubte ich mir in der relativ langen Einleitung einige dieser Hintergründe zu erwähnen.

Für mich ist es Kunst, sich in einer Art und Weise auszudrücken, dass die erzählten Worte gleichsam als Symbol wirken. Dabei ist Kunst für uns umso annehmbarer, je eleganter, freier und authentischer sie einer Realität angenähert bleibt. Für mich trifft diese Feststellung vollständig auf EBR’s aktuellen Roman „Rosas Stimme“, als auch auf sein Schreiben  insgesamt zu. Sein Werk in den letzten 30 Jahren bestätigt das auf fast einzigartige Art. Dabei trifft der Autor auf meine ungeteilte Zustimmung, wenn er mir Texte von gewichtiger Einfachheit und mit schnörkelloser Eleganz vorlegt, wenn er mich in einer sprachlichen   Verzauberung und überwältigten Stimmung an seinem Werk teilhaben lässt. Dabei vermeidet es der Argentinier EBR, der Versuchung nachzugeben, sich den für Buenos Aires typischen, ständig kritisierenden Unterton anzunehmen und der Pedanterie anheim zu fallen, wie es leider für viele seiner argentinischen, aber auch lateinamerikanischen, Kolleginnen und Kollegen zu konstatieren ist.

Die Arbeit von EBR durchzieht eine ganz spezielle Stimmung, nennen wir sie eine Stimmung des flüchtigen Blicks… Der Autor beschreibt uns die Farbe eines Kristalls ebenso, wie er uns von menschliche Tragödien berichtet, er erzählt uns Abenteuergeschichten ebenso, wie er uns Romanzen schildert. Auch wenn er selbst von sich sagt, dass ihn historische Romane langweilen, sind seine Romane immer auch Dokumente amerikanischer Geschichte und voll von historisch bedeutsamen oder nahezu anonymen Personen, von denen er oft erzählt als seinen es nachbarskinder. Mir hat in „Rosas Stimme“ das besonders gefallen, was EBR mit eben jenem flüchtigen Blick erfasste und mir erzählte. Dabei will ich nicht verhehlen, dass ich natürlich auch jene Stellen als überaus gelungen betrachte, an denen EBR Aspekte der Ereignisse mit großer Lupe untersucht. Der ganze Text ist einfach großartig, ohne eine Spur von Pathos. Ich entdecke die zutiefst menschliche Haltung des Autors, die mir sehr nahe ist. Kinder des Nachbars.

Das macht es für mich generell sehr angenehm EBR zu lesen, das gilt auch für „Rosas Stimme“ uneingeschränkt, obwohl mich das Thema schon seit langer Zeit immer wieder beschäftigt und unsagbar zornig macht. So reihten sich also die einzelnen Kapitel des Romans, seine namenlosen und namentlich genannten Protagonisten, die banal beschriebenen Ereignisse des Alltags an jenem 17. April 1961 und das historisch bedeutsame Weltgeschehen dieses Tages in eine endlose Kette des Gefallens. Wie ein vorzügliches Dinner komponiert, von der Vorspeise bis zu den Süßigkeiten des Desserts, lässt sich „Rosas Stimme“ lesend verspeisen… und jeder einzelne Bissen ist vorzüglich. Dazu gibt es dann noch einen vorzüglichen Schnaps aus Realität und Spannung, aus Kritik und politischer Anklage… am Ende des Menüs, das mich sagen lässt: Das ist Leben.

Wilfried John

Rosas Stimme

Eduardo Belgrano Rawson

384 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: C.H. Beck – Aus Juli 2006

ISBN: 3-4065-5064-9

19,90 Euro

Anhang1: Der kubanische Aufruf, gegen die Bestrebungen der USA bei der UN-Menschenrechtskommission: http://www.botschaft-kuba.de/d147_aktuelles.html

Anhang 2: Romane des magischen Realismus enthalten ein magisches Element, das aberfest in einen realistischen Kontext eingebunden ist. Dieser Kontext entsteht durch die exakte Beschreibung gewöhnlicher und alltäglicher Details. Dadurch werden die scheinbar so klaren Grenzen zwischen Realität und Fantasie, zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen hinterfragt und demontiert. Besonders häufig findet man diese Art des Erzählens in der südamerikanischen Literatur; ein klassisches Beispiel ist Gabriel Garcia Marquez.