Eduardo Galeano „Das Buch der Umarmungen“

Liebevolle Gesten

Pro: Mit Phantasie angereicherte Möglichkeitsbilder

Contra: Manchmal etwas zu provokant; unbequem


Gesten. Die meisten Bewegungen und Regungen unseres Körpers, wenn es nicht um gezielte Tätigkeiten geht, sind unwillkürlich, ungesteuert und haben keine bestimmte Bedeutung. Aber eben nur die meisten… nicht alle. Diese Ausnahmen sind die Gesten. Um diese Gesten, besonders über ihre Herkunft, gibt es bis heute keine klare wissenschaftliche Meinung. Dass es sie gibt ist unstrittig. Ob sie allerdings angeboren sind oder aber es sich bei ihnen um ein kulturelles/soziales Erbe handelt, darüber ist man uneins.

Ich lernte in meinem ereignisreichen Leben, die lebenspraktische Formel des „sowohl als auch“ im Gegensatz zum „entweder – oder“  sehr zu schätzen und also nehme ich an, dass wohl beides stimmen mag. Für das Vorhandensein angeborener Gesten spricht eine Geste, die – ganz gleich in welcher Kultur wir uns bewegen – überall verstanden wird: das Deuten mit dem Zeigefinger, das schon Säuglinge beherrschen. Allerdings gibt es meiner bescheidenen Erfahrung nach auch Gesten, die unter Umständen völlig missverstanden werden können. So ist der von der Faust abgespreizte Daumen hierzulande für das anzeigen der Eins gebräuchlich… in Japan zeigt man so die Fünf… oder im us-amerikanischen Raum, gilt diese Geste als Zeichen für „gut gemacht“.

Aber ganz gleich welchen Kulturraum wir betrachten wollen, Gesten sind nicht gleich Gesten – es gibt ihrer unterschiedliche Arten; was nun in der Wissenschaft ausnahmsweise mal wieder nicht strittig ist. Zunächst, ich beginne mit dem Einfachen, möchte die Geste als einfaches Zeichen nennen, das die gesprochene Sprache ersetzt z.B. das Fingerstrecken in der Schule. Solche Gesten, die auf sehr diffizile Weise die gesprochene Sprache unterstützen, welche das Gesagte akzentuieren, die auf Analogien im Raum oder in der Zeit verweisen, sind da schon ein wenig komplizierter zu betrachten.  Diese Gesten fallen uns aber meist erst dann auf, wenn das Gesprochene und die Gesten nicht zusammenpassen. So kann der Eindruck entstehen, dass der Sprecher selbst nicht glaubt, was er gerade sagt.

Komplizierter wird es dann bei jenen Gesten, welche – völlig sprachunabhängig – emotionale Spannungen anzeigen. Mancher wird sicher an dieser Stelle, ob der Länge der Einleitung, schon die Stirn runzeln… und dabei handelt es eben um genau eine solche emotionale Spannung anzeigende Geste. Mir geht es hier um eine Geste, die sehr viele Deutungen und Bedeutungen haben kann: Die Umarmung. Sie kann ebenso das innere kindliche Bedürfnis nach Nähe, als auch ein momentaner Ausdruck von erwachsener Dankbarkeit sein… sie kann Suche nach Halt ebenso sein, wie Suche nach erotischer Zärtlichkeit… oder sie sind lediglich eine konventionelle Formel der Begrüßung.

Umarmungen waren und sind aber darüber hinaus auch in anderer Hinsicht bedeutungsvoll. So etwa sind sie uns aus alten Riten – wenn z.B. der Großmeister eines Ritterordens, die Zeremonie der Aufnahme eines Ritters mit einer Umarmung besiegelte –  schon lange bekannt. Aber Umarmung ist auch eine Bezeichnung aus der Sprache der Buchdrucker, die für Klammern auf Partiturblättern verwendet werden. In der Sagenwelt der Antike, z.B. in der Sage vom goldenen Flies, sollten die Helden in den Umarmungen schöner Frauen den Zweck ihrer Mission vergessen… aber auch die Art wie Bären ihre Feinde töten nennt man Umarmung.

Mit diesen Vorgedanken möchte ich nun auf ein Buch aufmerksam machen, welches es – ob  der darin zum Ausdruck gebrachten Vielfältigkeit – verdient, selbst mit dieser Geste der Umarmung verglichen zu werden, zumal es auch noch einen bezeichnenden Namen trägt: „Das Buch der Umarmungen“ von Eduardo Galeano. Wenn Eduardo Galeano (EG) zur Feder greift, dann hat das Ergebnis seines Schreibens immer etwas mit Geschichte zu tun… mit Geschichten über Geschichte zumeist… und sind aus einer Sicht heraus geschrieben, welche nicht die Sicht der Sieger ist. Um ihn exemplarisch zu zitieren, verwende ich einen meiner Lieblingssätze aus dem Buch der Umarmungen: „Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten weiterhin den Jäger verherrlichen.“

Spätestens seit „Die offenen Adern Lateinamerikas“ ist EG international bekannt, wenn auch nicht überall geachtet. Zur Vorstellung des Autor zitiere ich seinen Lebenslauf aus einem meiner früheren Besprechungen… ich kann ihm ja keine andere Biographie erfinden: Der 1940 in Montevideo/Uruguay geborene Galeano war scheinbar immer schon ein kritischer Mensch… denn nicht umsonst, arbeitete er schon im Alter von fünfzehn Jahren als Karikaturist für die Zeitung „El Sol“ und setzte dann seine journalistische Laufbahn weiter fort, wurde Chefredakteur der „Marcha“ und schließlich Direktor der Tageszeitung „Epoca“. Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe „Tupamaros“, mit denen Galeano sympathisierte, musste er dann aus politischen Gründen Uruguay verlassen… und fand in Argentinien Exil.

Sofort begann er erneut zu arbeiten und gründete die bekannte Zeitschrift „Crisis“… und wurde er wieder Zielscheibe der Mächtigen. 1976 putschte das Militär in Argentinien und errichtete eines der schlimmsten Regime auf lateinamerikanischem Boden… Galeano konnte nach Spanien entkommen, wo er bis 1985 bleiben musste, ehe er nach Uruguay, das zur Demokratie zurückgekehrt war, zurück konnte. In der ganzen Zeit seines Exils aber, erarbeitete sich EG den Ruf eines unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen, Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet, ihm Gegenteil dazu unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhält.

Wenn ich vor der Biographie EGs sein Standartwerk zur Kolonialgeschichte Lateinamerikas erwähnte, geschah das zum einen deshalb, weil ich gleichermaßen Kompetenz und Sichtweise des Schriftstellers zeigen wollte; Kompetenz in Sachen Geschichtsschreibung und Sichtweise in Sachen politische Wertung geschichtlicher Belege. Und zum anderen, weil es hier nun um die Geschichten hinter den harten Fakten geht… ähnlich wie schon in seinem Werk „Erinnerung an das Feuer“ (auch hier bei Ciao besprochen). Das ist wichtig zu wissen, bevor ich nun vom „Buch der Umarmungen“ sprechen möchte.

Die Buchdeckel von „Das Buch der Umarmungen“ aufzuklappen, ist wie das Aufklappen des Deckels einer Schatztruhe… einer Schatztruhe allerdings, die vielleicht einem jener Magier uralter Zeiten gehörte. Es ist nicht immer ratsam solche Schatztruhen zu öffnen… leicht könnten sie sich zur einer Büchse der Pandora entpuppen. Wenn wir dennoch einen Blick hinein wagen wollen, dann finden wir darin wundervolle kleine Geschichten, Fabeln aus einem Lateinamerika, das wir versunken wähnen, das aber noch sehr lebendig ist… wir finden Chroniken und Manifeste… und wir finden niedergeschriebene Gedanken über die bedeutungslos erscheinenden Dinge des täglichen Lebens.

Hier handelt es sich um ein Buch mit Texten, in denen das Leben als Rohprodukt diente und, veredelt durch die Zärtlichkeit seiner Gedanken, lässt EG dieses Rohmaterial mit der Poesie tanzen. Aber trotzdem ist dieses Buch nicht bequem oder gar nur schön. Es kann bei näherer Betrachtung auch einen großen Schraubstock um das Denken legen und mit den Schilderungen gedanklich jene Quetschungen spürbar machen, die im wirklichen Leben tagtäglich in Folterkellern anderen Menschen an Leib und Seele zugefügt werden. EG bietet uns mit Texten, die kaum jemals länger als eine Buchseite sind, eine Mischung zwischen Realem und Fantastischem  an. Und EG versteht es, uns – die Lesenden – subtil zu veranlassen, ihm in sein eigenes Universum zu folgen.

Er lädt uns ein, mit seinem Buch zu spielen, lädt uns ein, seine Gedanken lesend zu erforschen. Der Kürze wegen, kann man mühelos einzelne Geschichten, Aphorismen und Anekdoten wieder und wieder lesen, um aus ihnen die inneren Wahrheiten oder die inneren Lügen zu extrahieren. Damit provoziert das Buch auch eine Beschäftigung mit sich selbst… und manchmal werden auch Gefühle geweckt, die man hätte lieber weiter schlafen lassen wollen. Immerhin, es gibt in der zeitgenössischen Literatur nicht sehr viele Beispiele, von denen ich uneingeschränkt solches sagen möchte.

Ich möchte es mir und den geneigten Lesenden ersparen das komplette Inhaltsverzeichnis hier abzutippen. Dennoch möchte ich, um einen Überblick zu geben, etwas von den im Buch vorkommenden Themen aufschreiben. Wohlgemerkt, so glatt auch die Oberfläche der Themen aussehen mag, es findet sich in den Worten nicht immer das wieder, was wir vorher vermutet hätten. So z.B. schreibt EG in seinem Buch einige Chroniken amerikanischer Städte auf. Von Santiago bis Caracas, von Buenos Aires bis Havanna… von Rio über Mexiko bis New York. Wer sich aber einerseits vergegenwärtigt, dass die Chronik von New York nicht ganz eine Buchseite umfasst und sich andererseits vorstellen mag, dass die gesamte Geschichte einer Stadt in einem einzigen Moment eingefangen sein kann, wird sich nicht wundern über das was er da liest…

Wirklich bezaubernd sind die Portaits weltberühmter lateinamerikanischer Schriftsteller wie Onetti, Arguedas, Cortazar oder Neruda. Es sind im Grunde wieder nur Beschreibungen jeweils eines Momentes, in dem sich zwei Menschen, zufällig oder verabredet, trafen. Die Beschreibung dieses besonderen Moments zeigt so viel von dem, was die jeweils beteiligten Personen miteinander und voneinander hatten. Ich bin mit gewissen Worten in Buchbesprechungen immer sehr vorsichtig, aber wenn ich sagen soll, mit welchem Wort ich diese Miniaturen charakterisieren soll, müsste ich sie mit „liebevoll geschrieben“ bezeichnen.

Die Fabeln sind eine wundervolle phantasievolle Welt innerhalb der gesamten Buches… eingebettet zwischen persönlichen Reflexionen des Autors z.B. über die Aufgabe von Kunst und einem Traktat über die Diplomatie in Lateinamerika, lesen wir Geschichten über die Erschaffung der Welt oder über einen Mann, der einmal kurz in den Himmel durfte um die Welt von dort aus zu sehen. Diese kleinen Geschichten möchte ich beispielgebend hier zitieren, damit man sich eine Vorstellung davon machen kann, über was ich die ganze Zeit schwärme:

Die Welt

„Ein Mann aus dem Dorf Neguá, an der Küste Kolumbiens, durfte in den Himmel auffahren. Als er zurück war, begann er zu erzählen. Er sagte, er habe von dort oben das Leben der Menschen betrachtet. Und er sagte, wir seien ein Meer kleiner Lichter. „Das ist die Welt“, sagte er, „Ein Haufen Leute, ein Meer kleiner Lichter“. Jeder Mensch leuchtet mit eigenem Licht. Man findet keine zwei Lichter, die gleich sind… Da sind Leute mit ruhigem Licht, das kein Windstoß zum Flackern bringt und solche mit Lichtern, die wie verrückt Funken sprühen… Lichter gibt es, die weder scheinen noch wärmen, aber andere bringen das Leben mit solcher Inbrunst zum Glühen, dass man sie gar nicht ansehen kann, ohne ständug mit der Wimper zu zucken und wer ihnen zu nahe kommt, fängt Feuer.“

Die Erschaffung der Welt

Vor wenigen Jahren war der Krieg in Spanien zu Ende gegangen, und Kreuz und Schwert herrschten über die Ruinen der Republik. Einer der Besiegten, ein anarchistischer Maurer, war gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und suchte Arbeit. Vergeblich lief er sich Sohlen wund. Es gab keine Arbeit für die Roten. Alle sahen ihn schief an, zuckten mit den Achseln oder kehrten ihm den Rücken. Mit keinem verstand er sich, niemand hörte ihn an. Der Wein war sein einziger Freund, der ihm Gesellschaft leistete. Abends, vor den leeren Tellern, ließ er sich wortlos die Vorwürfe seiner frömmelnden Frau über sich ergehen, die jeden Tag zur Messe lief, während ihr Sohn, ein kleiner Junge, ihm den Katechismus aufsagte.

Viele Jahre später hat mir Josep Verdura, der Sohn jenes unglücklichen Arbeiters, diese Geschichte erzählt. Er hat sie mir in Barcelona erzählt, zu Beginn meines Lebens im Exil. Und so erzähle ich sie: Er war ein verzweifeltes Kind, das seinen Vater vor der ewigen Verdammnis retten wollte, und dieser verstockte Heide, dieser Dickschädel ließ sich einfach nicht bekehren. „Aber Papa“, sagte Josep schmunzelnd, „Wenn es keinen Gott gibt, wer hat dann die Welt erschaffen?“ „Dummkopf“, murmelte der Mann mit gesenkten Kopf, leise, als würde er ein Geheimnis preisgeben, „Dummkopf. Die Welt haben wir erschaffen, wir Maurer.“

EG zollt der Wirklichkeit Tribut und macht so manches Mal für uns eine ästhetische Freude daraus. Viele Sequenzen sind eine Synthese aus Reflexion und Empfehlung… immer ganz dem alten Gedanken verhaftet, den viele lateinamerikanische Autoren zur Grundlage ihres Schreibens gemacht haben: Sich die Lesenden als Komplizen wünschen. Welchen Nutzen wir daraus ziehen möchten, das überlässt er uns natürlich selbst… auch wenn es nur der Nutzen einer schönen Unterhaltung gewesen wäre.

Für mich persönlich stellt sich die Frage nicht, welchen Nutzen ich von diesem Buch habe. Schon sehr lange bin ich ein begeisterter EG-Leser. Doch nicht nur das, ich fühle mich auch über die Bücher hinaus mit diesem Mann verbunden und das vor allem in politische Hinsicht und in den Perspektiven, aus denen heraus EG Geschichte beschreibt. Die vielen kleinen Text-Fragmente in diesem Buch fügten sich für mich immer harmonisch, wenn auch nicht immer gefällig, zu einem Ganzen. Die Geschichten handeln immer von einer realen Gegenwart und kamen mir doch sehr häufig wie Erzählungen aus einer fernen Vergangenheit vor. Vielleicht ist es das was das Buch so schön zu lesen macht… die erzählerisch erzeugte Distanz zum Jetzt; bekanntlich verklärt die vergangene Zeit so manche schlimme Realität.

Die Geschichten überzeugten mich auch, weil in ihnen die Erfahrungen eines ungewöhnlichen Mannes mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf zu Wort kommen… und wie sie zu Wort kommen. Dieser Autor ist ein begnadeter Erzähler, der seine Erzählungen nicht erklärt, sondern für sich selbst wirken lässt. Diese Wirkung ist, das vielleicht hoffnungslos Erscheinende der gegenwärtigen Realität in mit Phantasie angereicherte Möglichkeitsbilder umzuwandeln und somit für eine bessere Wirklichkeit möglich erscheinen zu lassen.

Erwähnung sollen unbedingt auch die Illustrationen erfahren… sie machen aus diesem Buch wirklich auch einen ästhetischen Genuss. Ich möchte mit einem Satz von EG schließen, mit dem auch er sein Werk abschloss und den er sich auf dem hintern Buchdeckel hat drucken lassen. In diesem Satz kommt noch einmal die ganze Einstellung, Haltung und Intention des Autors zum Vorschein, wofür ich ihn wirklich bewundere: „In den schlimmsten Jahren der Militärdiktatur war der König aller chilenischen Bettler einer, der Mitleid erregte, in dem er sagte: „Ich bin Zivilist.“

Wilfried John

Das Buch der Umarmungen

Eduardo Galeano

271 Seiten – Broschierte Ausgabe

Verlag: Unionsverlag – aus 1998
ISBN: 3-2932-0114-8

8,90 €