Eduardo Galeano – Die Zeit spricht

Titel: Die Gegenwart dauert drei Sekunden

Pro:  Berührend, bedrückend, überzeugend und dennoch poetisch

Contra: Man muss sich zwingen, den Lesefluss zu unterbrechen

 

Zeiten. Wenn ich den Begriff Zeit im Plural schreibe, will ich natürlich nicht andeuten, dass es eventuell meine Meinung sei, dieses physikalische Phänomen

existiere in verschiedenen Varianten. Auch möchte ich nicht über gemessene Zeiträume schreiben, wie sie etwa bei der Berichterstattung über sportliche

Disziplinen häufig vorkommen. Vielmehr möchte ich von Erlebnissen, besser von Erfahrungen, schreiben, die uns als Erinnerungen zur Verfügung stehen können.

Sie sind es, die aus Zeitspannen unterschiedlichster Länge, eben Zeiten macht.

Es sind die in Erinnerungen gespeicherten Erfahrungen, welche diesen Zeiten vor unserem geistigen Auge dann eine Charakterisierung geben. Einfache

Charakterisierungen sind rasch bei der Hand, da es dazu bei der persönlichen Sicht auf sehr elementare Erfahrungen ankommt. Dann werden im Rückblick

persönliche Zeitabschnitte zu guten oder schlechten Zeiten erklärt; manchmal unter Auslassung direkt mit diesen Zeitabschnitten in Verbindung stehenden

Erinnerungen, in denen unter Umständen für die sog. guten oder schlechten Zeiten, auch schlechte oder eben gute Erfahrungen enthalten sein mögen.

Etwas anspruchsvoller und schwieriger mit der Charakterisierung wird es, wenn jemand versucht, seine Erfahrungen in einen Zusammenhang mit anderen Menschen

(meist gleicher Interessenlage) zu stellen. Dabei können Bezeichnungen wie „bewegte Zeiten“ oder „dunkle Zeiten“ auftreten. Meist sind es genau diese Art

Charakterisierungen, die zur Bildung von Legenden beitragen; so waren z.B. die sog. 68er zwar für Einzelne bewegte Zeiten, aber das waren sie mitnichten

für eine Allgemeinheit – worauf man aber kommen könnte, wenn einem die Legende der 68er zu Ohren kommt.

Richtig schlimm allerdings wird es, wenn Menschen Rückschau halten und meist stöhnend ausrufen: „das waren noch Zeiten“. Dabei sind das keineswegs

ausschließlich konservative Vertreter (besser gesagt, solche, die sich als konservativ bezeichnen würden), sondern der Anteil auch solcher Leute, die sich

selbst vielleicht sogar als progressiv beschreiben würden, ist beträchtlich. Hier wird scheinbar eine Objektivität zum Ausdruck gebracht, die aber einer

näheren Überprüfung oft nicht standhält.

Das bringt mich auf die Wahrnehmung der Zeitdauer. Offenbar hängt unser Empfinden der Dauer von Zeit davon ab, was in der Zeit passiert; insofern ist das

eine höchst individuelle Angelegenheit. Ein Zeitraum, erfüllt von Verpflichtungen, Erfordernissen oder Erlebnissen, erscheint kurz; die Zeit „vergeht wie

im Fluge“. Das Gegenteil davon, also Zeiten relativer Ereignislosigkeit (z.B. einfaches Warten) dauern manchmal quälend lange. Dieses Empfinden ist

allerdings nicht allgemeingültig, denn in anderen Kulturen (z.B. mit einer anderen Arbeitsethik) gilt das nicht; insofern scheint die Wahrnehmung der

Zeitdauer Erziehungssache und, darüber hinaus, gesellschaftliche Regel zu sein. Das zeigt sich auch an Begriffen die sich auf dieses Empfinden der

Zeitdauer beziehen (z.B.  Kurzweil oder Langeweile) und wie sie besetzt sind. Langeweile ist bei den meisten Menschen die ich kenne negativ besetzt und die

meisten, darauf angesprochen, beeilen sich zu betonen (so als müssten sie sich für eine Peinlichkeit entschuldigen), dass sie Langeweile nicht kennen.

Es scheint nur auf den ersten Blick paradox, dass wir in unserer Erinnerung das Vergehen der Zeit gerade umgekehrt beschreiben. Es ist deswegen nicht

paradox, dass uns im Rückblick ereignisreiche Zeiten länger während als ereignisarme Zeiten vorkommen, weil wir natürlich in ereignisreichen Zeiten viele

Informationen „gespeichert“ hat und wir viel zu erinnern haben; das dauert natürlich länger.

Erinnerungen erzählen uns etwas über die Zeiten; mögen es nun gute, schlechte, bewegte, dunkle oder gar „das waren noch“ Zeiten gewesen sein. Und nun wird

ein weiteres Phänomen sichtbar: Erinnerungen sind nicht einfach lineare Abfolgen von Ereignissen, sondern sie sind oft geprägt von einer gewissen

Gleichzeitigkeit. Selbst zeitlich weit auseinander liegende Erlebnisse, können gleichzeitig erinnert werden; sie werden zu einer Super-Gegenwart. So drängt

sich die Frage auf, was Gegenwart, diese physikalische Unmöglichkeit (im immerwährenden Fortschreiten der Zeit, leben wir quasi in einer permanent

anbrechenden Zukunft…), eigentlich ist.

Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass es eine sinnliche Wahrnehmung von Gegenwart gäbe. Die Wahrnehmung der Gleichzeitigkeit sei komplex und es

käme auf die jeweiligen Sinnesorgane an, die an der Wahrnehmung beteiligt seien. Im Durchschnitt können Menschen verschiedene Eindrücke nur dann

unterscheiden, wenn sie mit wenigstens 30 bis 40 Millisekunden Zeitunterschied wahrnehmbar sind, anderenfalls wir die Ereignisse als gleichzeitig erfolg

betrachten. Im Allgemeinen würden im Prozess der Wahrnehmung unsere sinnlichen Eindrücke nur wenige Sekunden erinnert. Die Wahrnehmung der Gegenwart sei

also mehr oder weniger durch einen Drei-Sekunden-Zeitraum gekennzeichnet; dieser Zeitraum wird als Gegenwartsdauer bezeichnet. Ergo: Die Gegenwart dauert

drei Sekunden…

*  *  *

Spätestens mit diesem Gedankengang bin ich bei an einem Punkt angelangt, an dem ich sozusagen das Wort an einen anderen weitergeben muss; an jemanden, der

sich auf Erinnerungen, Gegenwärtigkeit und den Lauf der Zeiten versteht wie kein Zweiter. Dieser Jemand ist Eduardo Galeano (kurz EG)… und er hat, passend

zum Thema, ein Buch vorgelegt, das alle die Gedanken des Vorworts in seinem zur Meisterschaft entwickelten eigenen Stil unterhaltsam und nachdenklich,

überzeugt und lächelnd, mit Ernsthaftigkeit und großer Poesie zum Ausdruck bringt: „Die Zeit spricht“.

Es ist schon eine gewisse Zeit vergangen, seit ich diesen Autor zuletzt besprochen habe und so erscheint es mir bei der Vorstellung jenes Mannes statthaft,

mich selbst aus meinen früheren Besprechungen zu zitieren. Um diesen Mann zu skizzieren, schrieb ich Sätze wie diesen: „Wenn EG zur Feder greift, dann hat

das Ergebnis seines Schreibens immer etwas mit Geschichte zu tun… mit Geschichten über Geschichte zumeist… und sie sind aus einer Sicht heraus geschrieben,

welche nicht die Sicht der Sieger ist.“ Bei dem Buch „Die Zeit spricht“, um das es hier geht, muss ich diesen Satz erweitern. Es geht nun nicht

ausdrücklich um Geschichte im Sinne von historischen Gegebenheiten, sondern es geht um die Betrachtung der Gegenwart und wie sie sich aus vielen

Gleichzeitigkeiten, Abfolgen und Vorgeschichten heraus entwickelte. Vor dreißig Jahren hat EG Ähnliches unternommen – das Ergebnis war „Die offenen Adern

Lateinamerikas“, ein Buch das an allen Universitäten dieses Erdteils zur Pflichtlektüre geworden ist.

Spätestens seit „Die offenen Adern Lateinamerikas“ ist EG international bekannt, wenn auch nicht überall geachtet. Der 1940 in Montevideo/Uruguay geborene

EG war scheinbar immer schon ein kritischer Mensch… denn nicht umsonst, arbeitete er schon im Alter von fünfzehn Jahren als Karikaturist für die Zeitung

„El Sol“ und setzte dann seine journalistische Laufbahn weiter fort, wurde Chefredakteur der „Marcha“ und schließlich Direktor der Tageszeitung „Epoca“.

Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe

„Tupamaros“, mit denen EG sympathisierte, musste er dann aus politischen Gründen Uruguay verlassen… und fand in Argentinien Exil.

Sofort begann er erneut zu arbeiten und gründete die bekannte Zeitschrift „Crisis“… und wieder wurde er Zielscheibe der Mächtigen. 1976 putschte das

Militär in Argentinien und errichtete eines der schlimmsten Regime auf lateinamerikanischem Boden. EG konnte nach Spanien entkommen, wo er bis 1985 bleiben

musste, ehe er nach Uruguay, das zur Demokratie zurückgekehrt war, zurück konnte. In der ganzen Zeit seines Exils aber, erarbeitete sich EG den Ruf eines

unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen, Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet und ihm im Gegenteil

dazu, unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhält.

*  *  *
Meine mir schon länger zugeneigten Leserinnen und Leser wissen, dass mir die Werke dieses Autors mehr bedeuten als z.B. ein gut komponierter

lateinamerikanischer Roman (selbst wenn der Verfasser zu den Berühmtesten zähle). EG ist einer der wenigen Menschen, von denen ich sage, dass sie mein

Denken maßgeblich und nachhaltig beeinflussten; vor allem was mein Geschichtsverständnis betrifft. In allen seinen Büchern geht es mehr oder weniger darum,

die offizielle Geschichtsschreibung quasi um all das zu ergänzen, was ansonsten der Vergessenheit anheim fiele und für uns verloren wäre. Befasst man sich

mit der „Geschichte der Gegenwart“ (in Lateinamerika oder global), stößt man unweigerlich auf den Chronisten der vergessenen Geschichten, den

menschenfreundlichen Anwalt des scheinbar Bedeutungslosen, dem fabulierenden Sprecher der Verlierer… die bekanntermaßen nie Geschichte schreiben; die

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger.

Während es EG in den schon erwähnten Werken ausdrücklich um historische Betrachtungen ging, geht es ihm in „Die Zeit spricht“ um mehr: Eine Hommage an die

kleinen Dinge der ganzen Welt. EG versuchte die Entwicklung der ganzen Welt in ein einziges Buch zu packen. Von der Schöpfung bis in die Gegenwart, von der

Alge bis zur intelligenten Bombe, von der Poesie bis zur Politik, von den Bettlern bis zu den Diktator und von uralte Mythen bis zu neuen ökonomische

Entwicklungen. EG sagt selbst: „Das hat mit meinen Ideen zu tun, mit meiner Art, die menschliche Geschichte zu sehen. Meine Weltsicht geht aus vom Respekt

für alles, was verachtet wird, für die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge und von meinem tiefen Misstrauen gegenüber allem Großkotzigen, Spektakulären,

Mächtigen.“

Nach eigenen Aussagen ist dieses Buch das Ergebnis von acht Jahren harter Arbeit; es ist seine Kunst, dass man dies dem Buch in keinem Moment der Lektüre

je ansieht. Es besteht aus 333 meist sehr kurzen Geschichten, die schließlich aus all dem vorhandenen Material Eingang gefunden haben. Dabei scheint „Zeit

die spricht“ formal das alte Urteil der Moderne zu bestätigen, dass es keine Zusammenhänge mehr gebe und alles in unzählige Einzelteile zersplittert sei.

Dass beim Lesen des Buches der Eindruck von Zersplitterung nicht entsteht, liegt wohl daran, dass die Geschichten die Verwendung fanden eben jene sind, die

(Zitat EG) „…sich miteinander verknüpft haben, die zusammenpassten. Wie bunte Fäden kommen sie zusammen, um ein Gewebe zu bilden.“

EG bemüht sich nach eigenem Bekunden darum, dass dieses aus vielen bunten Fäden gewebte Geflecht, eine andere Wirklichkeit zum Ausdruck bringt. Er gibt zu

Protokoll: „Ich versuche das zusammenzufügen, was von einem weltweit funktionierenden Mechanismus der Trennungen auseinander gerissen wird, der alles

zerbricht, was er berührt. Er trennt die Seele vom Körper ab, die Vergangenheit von der Gegenwart, das Gefühl vom Verstand.“ Und so schenkt uns EG auf

unnachahmliche Weise eine andere Sicht auf die Welt. Bei den versammelten 333 Texten handelt es sich immer um formal abgeschlossene Geschichten. Aber EG

will uns offenbar Geschichten erzählen, bei denen kein Wort zuviel ist. Trotzdem geht es ihm um die Suche nach den Worten, die – wie er sagt – „aus der

Notwendigkeit geboren werden, dass man sie ausspricht, die es wert sind zu existieren, die besser sind als die Stille.“

In diesen Geschichten nimmt der Autor die unterschiedlichsten Perspektiven ein und beschreibt uns scheinbare Beiläufigkeiten ein ums andere mal

überraschend anders als nach dem lesen der Textüberschrift erwartet. Dem staunenden Blick eines Kindes folgt der Forschergeist eines Wissenschaftlers, der

von Fatalismus geprägten Gelassenheit eines Nomaden folgt schamanischer Wunderglaube, dem analytischen Verstand eines aufrichtigen Journalisten folgt

schließlich die lebensbejahende leidenschaftliche Suche nach Glück. Wie in jedem seiner Bücher hatte ich den Eindruck, dass EG engagiert beobachtet, selten

jedoch wurde mir so bewusst, welche Wertschätzung man gegenüber eines Augenblicks haben kann.

Auch in „Die Zeit spricht“ sind alle Qualitäten des Autors zu finden. EG schreibt gern und bevorzugt gegen den Strom, weil seine Sehnsucht nach den

wirklichen Quellen menschlichen Lebens zum inneren Qualitätsmaßstab heranreifte. Auch und gerade die historischen Begebenheit wird von ihm in frischer

Unmittelbarkeit erzählt. EG kann zu jedem Menschen sprechen. Seine Geschichten atmen universalen Geist, durchstreifen die Elemente und repräsentieren die

zärtlichsten und heftigsten menschlichen Gefühle. Wer dieses Buch langsam, ausdauernd, auch mit größeren Unterbrechungen, liest, weitet seinen inneren

Lebenshorizont.

Es war schon immer die besondere Gabe des Autors, im bloßen Ausatmen der Menschen Geschichten zu hören und sie kunstvoll zu erzählen, seinen scharfen Blick

auf unscheinbare Begebenheiten zu richten und hervortreten zu lassen, Zusammenhänge zu einzufangen, die sonst kaum jemand wahrnimmt. So versammelt EG in

„Zeit die spricht“ eben 333 kurze Geschichten und durchquert dabei das Leben selbst: das Wasser, die Erde, die Kindheit, die Liebe, das Wort, die Angst,

die Macht, die Niedertracht, den Krieg, den Zorn und den Tod. EG spielt in gewohnt meisterlicher Art seine literarischen Stärken aus. Eigentlich schreibt

er gar keine Prosa… er schreibt Gedichte, die halt wie Prosa aussehen. Dabei helfen ihm historische Anekdoten aus verschiedenen Epochen, kurze Reportagen

und Skizzen unerhörter Biografien.

Ein Beispiel gefällig? Unter der Überschrift „Arbeitskraft“ finden wir den Text: „Mohammed Ashraf geht nicht zur Schule. Von Sonnenaufgang bis der Mond am

Himmel steht, schneidet und schnippelt er, stanzt und heftet und näht Fußbälle, die vom pakistanischen Dorf Umar Kot aus in die Stadien der Welt rollen.

Mohammed ist elf Jahre alt. Er macht das, seit er fünf ist.
Wenn er lesen könnte, dann würde er die Aufschrift verstehen, die er auf jedes seiner Werke klebt: Dieser Ball wurde nicht von Kindern genäht.“

Ein anderes Beispiel ist „Die Armut“. In knappen Worten entlarvt EG ein komplexes System: „Die Statistiken sagen, dass es viele Arme gibt, doch die Armen

der Welt sind viel mehr als die vielen, die sie zu sein scheinen. Die junge Forscherin Catalina Álvarez Insúa hat auf ein nützliches Kriterium hingewiesen,

mit dem die Zahlen korrigiert werden können: „Arm sind diejenigen, die ihre Tür verschlossen halten“, sagte sie. Als sie ihre Definition formulierte, war

sie drei Jahre alt. Das beste Alter, um die Welt zu betrachten und zu erkennen.“

Was an dieser „Zeit die spricht“ sofort auffällt, wenn man sein Werk nur einigermaßen kennt ist, dass fast alle seine Geschichten scheinen sozusagen vom

Leben selbst erzählt zu werden… und das Leben lächelt. selbst wenn die geschilderten Begebenheiten alles andere als heiter sind. Und anders als in anderen

Büchern zuvor, werden diese teils unscheinbaren Begebenheiten zu kleinen theatralischen Skizzen arrangiert, zu Szenen eines permanenten Theaters von Gut

und Böse. Gut und Böse, Böse und Gut, die Akteure wechseln die Masken. Helden werden zu Monstern, und die Monster werden zu Helden, je nachdem, wie es jene

im gesellschaftlichen Hintergrund verlangen, die das Drama wirklich schreiben.

*  *  *

EG lieferte mir auf knapp vierhundert Seiten 333 Geschichten vom Leben. Die zum Teil äußerst kurzen Geschichten aus dem Alltag – bescheidene Beobachtungen

großer Vorgänge, Anekdoten, Skurrilitäten – haben mir in jeder Hinsicht die Freude gemacht, mich in ihnen spiegeln zu können. Nach meinem Dafürhalten sind

diese knapp vierhundert Seiten mehr, viel mehr als sie erscheinen… und es wollte mir vorkommen, als stecke in fast jedem einzelnen Fragment eine

mehrbändige philosophische Abhandlung, ein Roman… und mach einer dieser äußerst kurzen Texte wäre eine Verfilmung wert.

Wenn ich es nicht besser wüsste, kämen mir die kleinen Splitter vor, als seien sie, in der weit ausladenden Geste eines Sämannes, vor mich hingestreut; dem

ist natürlich nicht so. Aber selbst wenn es so wäre, auch einfach so hingestreut – oder vielleicht gerade darum – sind diese Fragmente für mich wertvoll,

fügen sie sich – gleich einem aus wertlosen Scherben kunstvoll zusammengesetztes Mosaik – doch zu einem Ganzen, das in seiner Vielfalt und

Widersprüchlichkeit wahrhaft Faszination ausübt, dem ich mich unmöglich entziehen konnte. Denn hier erhält der Mensch ein Gesicht und die Welt, die er

schafft und in der er lebt, leben muss, wird sichtbar.

EG lädt mich mit anrührender Poesie ein, mich hoffnungsvoll offen zu halten für die Zeit mit ihren unvorhersehbaren Überraschungen, die zu erkunden und zu

erlauschen bleiben. Was mir erneut vor Augen und – vor allem – vor den Geist geführt wurde ist, dass alle beschriebenen, beschworenen oder besungenen

Wesen, Dinge und Phänomene gleichberechtigt sind: Farben, Wasser, Bäume, Liebe, Armut, Krieg, Kinder, Alte etc. Dazu passt es auch, dass das Buch mit

Bildern aus der peruanischen Region Cajamarca illustriert ist; die meisten hat ein Freund von EG entdeckt… einige von ihnen sind 10.000 bis 15.000 Jahre

alt und sie sind phantastisch. Sie sehen aus, als wären sie letzte Woche entstanden… aber es sind anonyme, in Felsen eingravierte Werke. Nach der Lektüre

aber ahnt man Großes hinter dem Kleinen und Vielen.

Zum Schluss möchte ich den Autor – in übertragenem Sinne – mir einer seiner eigenen Geschichten loben und ihm meinen Respekt erweisen:

Der Sänger

Als Alfredo Zitarrosa in Montevideo starb, fuhr sein Freund Juceca mit ihm zum Tor des Paradieses auf, um ihn nicht allein zu lassen bei den Formalitäten.

Und als er zurückkam, erzählte uns Juceca, was er dort gehört hatte.
Der Heilige Petrus fragte nach dem Namen, dem Alter, dem Beruf.
„Sänger“, sagte Alfredo.
Der Wächter wollte wissen: „Sänger von was?“
„Milongas“, antwortete Alfredo.
Der Heilige Petrus kannte sie nicht. Neugierig geworden, befahl er:
„Singen Sie mal.“
Alfredo sang. Eine Milonga, zwei, hundert. Der Heilige Petrus wollte, dass es nie wieder aufhörte. Alfredos Stimme, die so sehr die Erde hatte erzittern

lassen, ließ jetzt die Himmel erzittern.
Und Gott, der auch dort unterwegs war und Wolken hütete, spitzte die Ohren. Und Juceca erzählte, dies sei das einzige Mal gewesen, dass Gott nicht wusste,

wer Gott war.
Wilfried John
Zeit die spricht
Eduardo Galeano
398 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Peter Hammer Verlag – Aus 2007
ISBN: 3-7795-0027-2
22,- Euro
Antiquarisch billiger