Eduardo Galeano „Erinnerung an das Feuer“

Vorlieben werden wohl schon in der Kindheit geprägt… mich jedenfalls faszinieren seit ich denken kann, Geschichten von Inkas, Mayas und Azteken. Mithin könnte ich sagen, dass ich mich immer schon für den Teil der Welt interessiere, den man heute Lateinamerika nennt. Interessierten mich in meiner Kindheit hauptsächlich Geschichten aus Südamerika, wurde es in meiner Jugendzeit zu einem Interesse für Geschichte. Ausgelöst durch mein politisches Engagement für die Unidad Popular, durch meine Freundschaft zu Exilanten nicht nur aus Chile, begann ich mich näher mit der Geschichte des Erdteils zu beschäftigen. Wer sich damals (und das ist heute ebenso) kritisch mit lateinamerikanischer Geschichte auseinander setzen wollte/will, kam/kommt an Eduardo Galeano nicht vorbei. Mit seinem Werk, „Die offenen Adern Lateinamerikas – Die Geschichte eines Kontinents“ schuf er einen Gegenentwurf zur offiziellen Geschichtsschreibung und benannte darin das ganze entsetzliche Ausmaß der Auswirkungen von Kolonialherrschaft… und er benannte die Heuchler, die vor heutigem Elend die Augen schließen.

Seit diesem Buch ist Eduardo Galeano international bekannt… aber nicht nur geachtet. Der 1940 in Montevideo/Uruguay geborene Galeano war scheinbar immer schon ein kritischer Mensch… denn nicht umsonst, arbeitete er schon im Alter von fünfzehn Jahren als Karikaturist für die Zeitung „El Sol“ und setzte dann seine journalistische Laufbahn weiter fort, wurde Chefredakteur der „Marcha“ und schließlich Direktor der Tageszeitung „Epoca“. Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe „Tupamaros“, mit denen Galeano sympathisierte, musste er dann aus politischen Gründen Uruguay verlassen… und fand in Argentinien Exil. Sofort begann er erneut zu arbeiten und gründete die bekannte Zeitschrift „Crisis“… und wurde er wieder Zielscheibe der Mächtigen. 1976 putschte das Militär in Argentinien und errichtete eines der schlimmsten Regime… Galeano konnte nach Spanien entkommen, wo er bis 1985 bleiben musste, ehe er nach Uruguay, das zur Demokratie zurück gekehrt war, zurück konnte. In dieser ganzen Zeit aber, erarbeitete sich Eduardo Galeano den Ruf eines unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen, Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet, ihm Gegenteil dazu unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhält.

Wenn ich zu Beginn Galeanos Standartwerk zur Kolonialgeschichte erwähnte, geschah das deshalb, weil ich gleichermaßen Kompetenz und Sichtweise des Schriftstellers zeigen wollte; Kompetenz in Sachen Geschichtsschreibung und Sichtweise in Sachen politische Wertung geschichtlicher Belege. Das ist wichtig zu wissen, bevor ich anfange über das Werk zu schreiben, um das es hier eigentlich gehen soll: „Erinnerung an das Feuer“.

Das Projekt ist eine neue Form der Geschichtsschreibung und gleichzeitig das, was man getrost einen großen literarischen Wurf nennen kann… Im weitesten Sinne ist dieses dreibändige Werk der Versuch, über „Die offenen Ader…“ hinausgehend, mehr als 500 Jahre geschriebene und wer weiß wie viele Jahrhunderte mündlich überlieferte Geschichte so zu erzählen, dass jeder Mensch etwas damit anfangen kann, etwas davon hat. Eduardo Galeano bekennt, ein schlechter Schüler im Fach Geschichte gewesen zu sein… Aus seinen Bemerkungen geht aber hervor, dass das aber wohl eher an den Lehrern und deren Unterrichtsgestaltung lag: „Die Geschichtsstunden waren wie Besuche im Wachsfigurenkabinett oder im Reich der Toten. Die Vergangenheit war still, hohl, stumm. Man unterrichtete uns über vergangene Zeiten, damit wir uns mit leerem Bewusstsein an die Gegenwart halten sollten; es ging nicht darum die Geschichte zu machen, sondern darum sie hinzunehmen. Arme Geschichte, sie hatte aufgehört zu atmen; verraten in akademischen Schriften, belogen in den Hörsälen, eingeschläfert in den Reden zum Jahresrückblick – man hat sie in die Museen gesperrt, man hat sie zu Grabe getragen mit Blumenbuketts, sie liegt unter der Bronze der Statuen und unter dem Marmor der Denkmäler…“

Mit „Erinnerung an das Feuer“ will der schlechte Schüler im Fach Geschichte, der Geschichte ihren Atem und ihre Freiheit wieder geben und sie selbst zu Wort kommen lassen. Das perfide an der Geschichtsschreibung ist, dass sie immer von den Siegern aufgeschrieben wird… und so wird den Verlierern nicht nur Land, Bodenschätze, Kultur und Lebensstil geraubt, den Verlierern droht außerdem der Raub des kollektiven Gedächtnisses… und ohne das Bewusstsein eigener Wurzeln, gibt es kein Wachsen und Werden… nur ein Verbleiben im Verlust; während die Sieger immer weiter die Geschichte aufschreiben. Eduardo Galeano versuchte in diesem großen Essay, das ausschließlich aus sogenannten historisch gesicherten Quellen schöpft, eine Chronik seines Kontinents zu erstellen, die – ähnlich wie in den „Offenen Adern…“ – die Geschichte als Lebenswirklichkeit erfahrbar zu machen. Im Laufe der Jahre 1982 bis 1986 entstehen so die drei Bände dieses Projektes: 1982 der Band „Geburten“, 1984 der Band „Gesichter und Masken“ und schließlich 1986 der dritte Band „Das Jahrhundert des Sturms“. Eduardo Galeano entwirft sich dabei zwar eine Chronologie traditioneller Art, in dem er sich an die Reihenfolge der geschichtlichen Ereignisse hält, präsentiert aber das was er uns an geschichtlichen Informationen gibt in einer ganz eigenen, literarischen, ja wirklich unterhaltsamen Form.

Band 1 „Geburten“

Das erste Buch dieses Projektes legt quasi die Basis, den Rahmen zu einem gewaltigen Mosaik, das am Ende all die Szenen der Geschichte Lateinamerikas zeigen wird. Das Buch ist in zwei Teile aufgegliedert und behandelt im ersten Teil das vorkolumbische Amerika (eigenartigerweise wissen wir nicht einmal mehr, wie die damalige Bevölkerung selbst ihren Kontinent genannt haben… und sagen einfach Amerika), während der zweite Teil die Phase der kolonialen Unterdrückung beschreibt.

Im ersten Teil des Buches also, der mit dem Untertitel „Erste Stimmen“ versehen ist, lässt Galeano die Mythen der Urbevölkerung über die Entstehung der Welt sprechen; interessant ist, dass auch darin eine Schöpfungsgeschichte gibt – sie dauert allerdings dreizehn Tage. Erstaunlich ist auch, dass die Motive der christlichen Genesis auch in diesen Mythen thematisiert werden; von der Entstehung des Himmels und der Gestirne, bis hin zur ersten Begegnung von Mann und Frau. Das Vorhandensein des Paradieses und des Baums der Erkenntnis verblüfft, auch wenn das da „Baum des Überflusses“ genannt wird, der einst alle Bewohner der Erde ernährte. Als dann noch die Sintflut genannt wurde, die entstand weil die selbstherrlichen Menschen den Baum gefällt hatten, war das schon fast nicht mehr überraschend. Am Ende des ersten Teils, zerrt dann doch noch ein Prophet an den Nerven; der sogenannte Jaguar-Priester von Yucatán kündet von der bevorstehenden Zeit: „Die singenden Frauen und die singenden Männer und alle, die singen, werden über die Welt verstreut… Keiner kommt davon, keiner wird gerettet… In den Jahren, da die Habsucht regiert, wird große Not herrschen. Die Menschen werden zu Sklaven. Das Antlitz der Sonne verdüstert sich… Die Welt wird entvölkert, verkleinert und gedemütigt…“ Meinte er wirklich nur die nähere Zukunft, die bevorstehende Landung der Konquistadoren?

Im zweiten Teil des Buches, der mit „Alte neue Welt“ überschrieben ist, wird die ganze unselige Geschichte der Eroberung durch die Europäer anhand von aufgearbeiteten Dokumenten , Briefen und fragmentarisch zusammengestellten, literarischen Texten beschrieben. Dieser Teil umfasst also die Jahre 1492 bis 1700 und es scheint so, als seinen die Texte nichts anderes als der unfreiwillige Beleg, für die Richtigkeit der Ankündigungen des Jaguar-Priesters.

Band 2 „Gesichter und Masken“

Dieser Band umfasst das 18. und 19. Jahrhundert., die Periode der allmählichen Auflösung und Beseitigung der Kolonialherrschaft, zugunsten anderer – manchmal nicht weniger schlimmen – Zustände; aber auch zu sehr fortschrittlichen Ideen, so gab es Demokratien und Republiken auf lateinamerikanischem Boden, als hierzulande die Fürsten vor Königen und Kaisern auf den Knien krochen. In einer Vielzahl von kurzen Texten, Gedichten oder Fabeln, werden Episoden der Geschichte erzählt. Jedem Text ist die Jahreszahl und der Ort der Begebenheit vorangestellt und natürlich verweisen Fußziffern auf das vollständige Quellenverzeichnis, das (wie übrigens bei allen drei Bänden) am Ende des Buches alle Werke und Quellen nennt, aus denen der Autor zitiert hat. Ein unbeschreiblich dicht gewobenes Buch… ich versuche erst gar nicht, diesen Band näher zu beschreiben.

Band 3 „Das Jahrhundert des Sturms“

Der letzte Band des Projekts beginnt 1900 und endet im Jahr 1984… Warum 1984? „Weil damals mein Exil endete“, sagte Eduardo Galeano auf die Frage eines Journalisten. Dieser Band ähnelt, ebenso wie der zweite, einem Lesebuch eher als einem Geschichtswerk. Ich möchte den Eintrag von 1984 hier zitieren… er soll beschreiben, wie Galeano Geschichte schreibt: >> In den Bergen von Nayarit in Mexiko gab es eine Gemeinschaft, die keinen Namen hatte. Seit Jahrhunderten suchte diese Gemeinschaft von Huichol-Indianern schon einem Namen. Carlos Gonzáles fand ihn rein zufällig. Dieser Huichol-Indio war in die Stadt Tepic gekommen, um Saatgut zu kaufen und Verwandte zu besuchen. Beim Überqueren einer Müllhalde fand er zwischen den weggeworfenen Dingen ein Buch. Vor langen Jahren hatte Carlos die spanische Sprache erlernt und beherrschte sie mehr schlecht als recht. Er setzte sich in den Schatten eines Vordachs und begann, die Seiten zu entziffern. Das Buch erzählte von einem Land mit einem merkwürdigen Namen, von dem Carlos noch nie gehört hatte, das jedoch sehr weit weg sein musste, und von einer Geschichte, die vor ein paar Jahren geschehen war. Auf dem Rückweg in die Berge las Carlos weiter. Er konnte sich nicht losmachen von dieser Geschichte voller Schrecken und Heldentum. Im Mittelpunkt des Buches stand ein Mann, der es verstanden hatte, Wort zu halten. Als er in sein Dorf kam, verkündete Carlos begeistert: „Endlich haben wir einen Namen!“ Und er las den anderen das Buch laut vor. Fast eine Woche brauchte er dazu, bei seinem stockenden Lesen. Dann stimmten die einhundertfünfzig Familien ab. Alle waren dafür. Mit Tanz und Gesang wurde die Taufe gefeiert. Jetzt haben sie endlich einen Namen, nach dem sie sich nennen können. Diese Gemeinschaft trägt den Namen eines würdigen Menschen, der nicht zögerte, als es darum ging, zwischen Verrat und Tod zu wählen: „Ich gehe nach Salvador Allende“, sagen heute die Wanderer.<<

Dieser letzte Band Galeanos „Erinnerung an das Feuer“, der sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt, ist von Fernando Birri, unter dem Originaltitel „Das Jahrhundert des Sturms“ verfilmt worden. Birri meinte: Die literarische Vorlage, in ihrer fragmentarischen Struktur, hätte ihm die filmische Umsetzung sehr erleichtert. Fernando Birri, wenn man so will der Begründer des Neuen im lateinamerikanischen Kino, benutzt selbst auch in seinem Schaffen die gleiche Erzähltechnik wie Geleano – also fügte er die historischen Fragmente mit seinen visuellen Bruchstücken zusammen und schuf einen schon mehrmals ausgezeichneten Film; der allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit, kein Kassenschlager werden wird.

Eduardo Galeano bedeutet mir sehr viel… und seine Bücher sind – das kann ich mit einiger Gewissheit sagen – sehr bedeutsam für mich.; wahrscheinlich hat kein anderer Autor mich in meinem Geschichtsbewusstsein maßgeblicher beeinflusst. Der Bedeutung dieser Bücher für mein Leben gemäß (so übertrieben sich das auch anhören mag), kann ich ebenso wenig ein objektives Urteil abgeben, wie Eduardo Galeano objektiv Geschichte erzählen wollte. Für mich sind seine Bücher immer wieder Quelle von Lust, Freude, Besinnung und Zorn. Seit vielen Jahren sind sie mir Begleitung… und niemals haben sie mich gelangweilt. Ich kann sagen, dass es sich prachtvoll mit ihnen leben lässt.

Wilfried John

Erinnerung an das Feuer. Dreibändige Ausgabe
Geburten / Gesichter und Masken / Das Jahrhundert des Sturms.
Eduardo Galeano
Taschenbücher, zus. 1117 Seiten
Peter Hammer Verlag , von 1991
ISBN: 3-87294-395-2
29,80 DM

Einzelbände

Geburten
367 Seiten
ISBN 3-87294-212-3
12,- DM

Gesichter und Masken
352 Seiten
ISBN 3-87294-291-3
12,-DM

Das Jahrhundert des Sturms
398 Seiten
ISBN 3-87294-361-8
12,-DM