Eduardo Galeano „Kinder der Tage“

Kinder der Tage
Eduardo Galeano
420 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag:Hammer – Aus 2013
ISBN-10: 3779504359
ISBN-13: 978-3779504351
24,00 €
Antiquarisch billiger

Pro:
Erzählerische Leichtigkeit, feiner Humor und dennoch politische Schärfe
Kontra:
Erzählerische Leichtigkeit, feiner Humor und dennoch politische Schärfe
Jeden Tag eine Geschichte – Geschichte jeden Tag

Meinungsfreiheit. Kaum ein anderes Wort – und die dahinter stehende Haltung – ist für ein demokratisches Gemeinwesen so wichtig, wie die Meinungsfreiheit und kaum ein anderes Datum als der 10. Mai erscheint mir geeigneter, um – einmal mehr – über dieses Thema zu schreiben. Nun, ich hätte ja auch am 23. April, dem am 1995 von der UNESCO ausgerufenen Internationalen Tag des Buches (dem Todestag von Shakespeare und Cervantes) über das Thema schreiben können, doch hierzulande ist schon seit 1947 der 10. Mai als Tag des Buches ein Gedenktag; aber (vielleicht aus guten Gründen?) ist dieser Tag in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sonderlich bekannt. Aber dieses Datum kennzeichnet einen Übergriff auf die Meinungsfreiheit, wie er in der Weltgeschichte zwar (leider) nicht einmalig ist, wie er allerdings sozusagen als Synonym – wie kaum ein anderer – für die Unterdrückung von Meinung steht: Am 10. Mai 1933 fanden in Deutschland – initiiert von der SA und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes – Bücherverbrennungen statt.
Das was man Freiheit und Demokratie nennt, basiert auf der Meinungs- und Gedankenfreiheit, also auf die Freiheit des geschriebenen oder gesprochenen Wortes. Dazu gehört – und ist damit untrennbar verbunden – eine demokratische Bildung, denn erst die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens schaffen eine unabdingbare Voraussetzung, damit die Bürgerinnen und Bürger an der gesellschaftlichen Entwicklung teilnehmen und sie beeinflussen können. So stehen von je her Schreibende, Intellektuelle und Philosophen, als Denker die das geistige und literarische Material liefern, mit dem Bürger politische und gesellschaftliche Freiräume denken und sich erkämpfen können, im Fadenkreuz der staatlichen Stellen; oft genug ist dabei das Wort Fadenkreuz sehr wörtlich zu nehmen.
Für mich als Mitglied der schreibenden Zunft ist also dieses Datum 10. Mai nicht nur deshalb von herausragender Bedeutung weil es mit dem Gedenken an eine lange zurückliegende Vergangenheit zusammenhängt, sondern auch deshalb, weil das wofür es steht eben nicht nur Vergangenheit ist: Gängelung, Bespitzelung und Verfolgung von Schreibenden, die – suchen sie nicht rechtzeitig das Weite oder finden sie kein sicheres Exil – sogar bis zur physischen Vernichtung geht, sind an der Tagesordnung (siehe auch Alfred Döblin / November 1918 – hier bei Ciao vorgestellt). Die internationale Schriftstellerorganisation P.E.N. sieht sich deshalb gezwungen, regelmäßig auf das Schicksal von verfolgten Schriftstellern aufmerksam zu machen und versucht mit der Aktion „Writers-in-Prison“ (die jeder/jede unterstützen kann – siehe auch Nachsatz *1) gefährdeten oder bereits verfolgten Kolleginnen und Kollegen zu helfen, oder wenigstens an ihnen begangene Verbrechen aufzuklären.
Offenbar sind Worte, ganz gleich ob in Printmedien gedruckter, ins WWW gestellter, verfilmter oder gesprochener Form, eine mächtige Waffe. Machthaber und Machthaberinnen in derzeit etwa 100 Ländern auf der Erde halten Worte offenbar für so mächtig, dass sie deren Urheber/Urheberinnen – Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Autorinnen und Autoren und natürlich Journalistinnen und Journalisten verfolgen. Üblich dabei ist, die Verfolgten als Kriminelle abzustempeln – manche werden verhaftet, strafrechtlich verfolgt oder unter Hausarrest gestellt. Andere „verschwinden“, wieder andere werden ermordet (aktuellster Fall, die Pressefotografin, die in Afghanistan ermordet wurde).
Karin Clark vom „Writers-in-Prison-Komitee“ erklärt, dass seit dem 11. September 2001 Terrorverdacht ein sehr beliebtes Argument für Übergriffe auf Kolleginnen und Kollegen ist und die Zahl der Fälle von Verhaftung oder Verfolgung oppositioneller Schreiberinnen und Schreiber ist drastisch gestiegen; leider auch in Lateinamerika setzen viele Staaten wieder Einschüchterung, Bedrohung,
Verfolgung und Inhaftierung als Waffe gegen Oppositionelle ein und besonders die Regierungen in Kolumbien, Chile und Peru sind hier zu nennen – allesamt Länder, aus denen hervorragende Vertreter der lateinamerikanischen Literatur und Träger des Literatur-Nobelpreises stammen ( Gabriel Garcia Marquez, Pablo Neruda oder Mario Vargas Llosa – alle hier bei Ciao vorgestellt).

Nun, man könnte ja auf die Idee kommen, dass das weit weg passiert… und mit uns doch nichts zu tun hat. Aber grade auch hier ist die Freiheit des Wortes gefährdet, natürlich weniger durch physische Gewalt, aber es genügt als Repression und Zensur schon, wenn man mit Berufsverbot, Einschränkung von Veröffentlichungsmöglichkeiten oder teuren Gerichtsprozessen droht. Seit einiger Zeit – auch mit dem Argument Terrorgefahr – werden die Freiräume für Kolleginnen und Kollegen auch in den westlichen Demokratien enger, denn nach den Anschlägen vom 9/11 ist eine schleichende Zunahme autoritärer Strukturen (nicht nur in den USA) zu beobachten. Dabei werden allerdings nicht nur die Täter verfolgt, es zeigt sich, dass man mit dem Instrumentarium der staatlichen Zensur auch sehr gut alle sonstigen unliebsamen Meinungen bekämpfen kann.
Caesar soll am Morgen jenes Tages an dem er ermordet wurde, einen zusammengefalteten Zettel mit einer Warnung erhalten haben. Als man ihm den Zettel zusteckte, soll er gesagt haben: „Cras legam“ – Morgen werde ich es lesen. Nun, was dann geschah, steht in den Geschichtsbüchern. Es könnte sein, dass sich Geschichte in dem Sinne wiederholt, dass wir ebenfalls „cras legam“ nicht mehr können… diesmal aber, weil heute durch Zensur verhindert wurde, dass jemand etwas aufschreibt und die Folgen könnten für die Gesellschaft ähnlich fatal sein, wie sie für Caesar persönlich gewesen sind. Wir sollten wahrhaftige Verfassungsbürgerinnen und -bürger sein und den Artikel 5 unseres Grundgesetzes verteidigen, nach dem Zensur in diesem Land in keiner Weise stattfinden darf. Aber wie bei so vielen Rechten die nur auf dem Papier stehen, aber nicht von einer aufmerksamen Bevölkerung gelebt werden, wird dieser Artikel schon seit langer Zeit mehr und mehr ausgehöhlt (siehe auch Nachsatz *2).
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Da es sich hier um eine Buchbesprechung handelt, bin ich spätestens mit diesem Gedankengang bei an einem Punkt angelangt, an dem ich sozusagen das Wort an einen anderen weitergeben muss; an jemanden, der sich mit der Materie bestens auskennt, weil er sie größtenteils selbst erleiden musste. Dieser Jemand ist Eduardo Galeano (kurz EG)… und er hat, passend zum Thema, ein Buch vorgelegt, das alle die Gedanken des Vorworts in seinem zur Meisterschaft entwickelten eigenen Stil unterhaltsam und nachdenklich, überzeugt und lächelnd, mit Ernsthaftigkeit und großer Poesie zum Ausdruck bringt: „Kinder der Tage“
Es ist schon eine gewisse Zeit vergangen, seit ich diesen Autor zuletzt besprochen habe und so erscheint es mir bei der Vorstellung jenes Mannes statthaft, mich selbst aus meinen früheren Besprechungen zu zitieren. Um diesen Mann zu skizzieren, schrieb ich Sätze wie diesen: „Wenn EG zur Feder greift, dann hat das Ergebnis seines Schreibens immer etwas mit Geschichte zu tun… mit Geschichten über Geschichte zumeist… und sie sind aus einer Sicht heraus geschrieben, welche nicht die Sicht der Sieger ist.“ Bei dem Buch „Kinder der Taget“ ist das ganz genau passend.
Spätestens seit „Die offenen Adern Lateinamerikas“ von 1971 ist EG international bekannt, wenn auch nicht überall geachtet. Der 1940 in Montevideo/Uruguay geborene EG war scheinbar immer schon ein kritischer Mensch… denn nicht umsonst, arbeitete er schon im Alter von fünfzehn Jahren als Karikaturist für die Zeitung „El Sol“ und setzte dann seine journalistische Laufbahn weiter fort, wurde Chefredakteur der „Marcha“ und schließlich Direktor der Tageszeitung „Epoca“. Nach jahrelanger autoritärer Innenpolitik in Uruguay und Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit, nach Kämpfen der linken Partisanengruppe „Tupamaros“, mit denen EG sympathisierte, musste er dann aus politischen Gründen Uruguay verlassen… und fand in Argentinien Exil.
Sofort begann er erneut zu arbeiten und gründete die bekannte Zeitschrift „Crisis“… und wieder wurde er Zielscheibe der Mächtigen. 1976 putschte das Militär in Argentinien und errichtete eines der schlimmsten Regime auf lateinamerikanischem Boden. EG konnte nach Spanien entkommen, wo er bis 1985 bleiben musste, ehe er nach Uruguay, das zur Demokratie zurückgekehrt war, zurück konnte. In der ganzen Zeit seines Exils aber, erarbeitete sich EG den Ruf eines unabhängigen Journalisten und Publizisten, der dem ungehemmten, ausbeuterischen, Wirtschaftsliberalismus eben nicht das Wort redet und ihm im Gegenteil dazu, unerschütterlich einen sozialistischen Gegenentwurf vorhält. Galeano arbeitet nach wie vor politisch und engagiert sich vor allem mit attac (als Beispiel siehe auch Nachsatz *3)
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Für mich gehören Bücher einfach zum Alltag und das nicht nur weil ich beruflich viel lesen muss, sondern weil lesen bei mir auch der Unterhaltung und Entspannung dient. Noch besser, wenn lesen der angeregten Unterhaltung dient und es mir entspannt Erkenntnis vermittelt. Viele werden einwenden, dass sie doch keine Zeit fürs lesen hätten und, dass der Fernseher für diesen Zweck dem Buch vorzuziehen wäre. Natürlich weiß ich, dass lesen auch ein gewisses Maß an Arbeit erfordert und man nach einem anstrengenden Arbeitstag, einer stressigen Schicht oder langen Autofahrten als Pendler keine rechte Lust hat, dicke Bücher in die Hand zu nehmen.
Hier kommt nun die frohe Botschaft: Das hier zu besprechende Buch „Kinder der Tage“ von Eduardo Galeano (EG) schafft Abhilfe! Bei „Kinder der Tage“ handelt es sich nämlich um ein Jahresbuch, das – gleich der berüchtigten Kalender, mit einer Spruchweisheit für jeden Tag – mit 365 kleinen Stücken Literatur aufwartet. Da diese literarischen Kleinode höchstens eine Seite lang sind, eignet sich das immerhin 420 Seiten dicke Buch dennoch, um es alle Tage – vielleicht zum entsprechenden Tag – zur Hand zu nehmen. Für jeden Tag des Jahres gibt es mal ein Zitat von berühmten oder weniger berühmten Personen, mal ein kleines poetisches Werk von diversen Autoren oder einen kleinen eigenen Text von EG.
EG versammelt die Texte in seinem ganz eigenen, mittlerweile zur Perfektion gereiften Stil, den wir aus Werken wie „Die Zeit spricht“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) kennen. Das Buch beginnt wie jedes neue Jahr (im westlichen Kulturraum) mit dem 1. Januar und endet mit dem 31. Dezember, die Texte die den einzelnen Tagen zugeordnet sind, beziehen sich auf Ereignisse, welche an einem solchen Tag im Kalender geschehen sind; darüber hinaus haben sie allerdings keinen unmittelbaren chronologischen, historischen oder inhaltliche Zusammenhang. Es wäre natürlich absurd zu behaupten, EG hätte mit dem kleinen Besen und der Schaufel alles irgendwie Übriggebliebene von seinem Schreibtisch gefegt und in die Seiten gefüllt. Wer EG kennt wird wissen, dass es einen übergeordneten Zusammenhang dennoch gibt: Alles in diesem Buch, gibt jenen eine Stimme, die unbeachtet blieben, mundtot gemacht wurden oder die als Verlierer der Geschichte gelten.
Was dabei heraus kam, ist ein Springen kreuz und quer durch die Menschheitsgeschichte, über Kontinente hinweg und in wechselnden Gestalten. Typisch EG, und ganz nach dem Credo vieler lateinamerikanischen Autoren, die sich den Leser als Komplizen wünschen, fordert er die Lesenden dazu auf dem scheinbar Unbedeutenden mehr Beachtung zu schenken, denn in diesem Unbedeutenden finden wir Normalos unser Leben… und nicht etwa in den Hochglanz-Berichten über die Prominenten oder im Hofschranzen-Journalismus über die Mächtigen. Dabei scheint es auch diesmal die Intention des Autors zu sein, uns zu überraschen und selbst mich – der für sich in Anspruch nimmt – ganz ähnlich zu ticken wie EG (immerhin ist er mir seit vielen Jahren literarisches Vorbild) erwischt er ein ums andere Mal.
Bevor ich den Lesenden mit meinen beschreibenden Worten weiter die Zeit stehle, nenne ich ein Textbeispiel. Was liegt näher als den Text für den Tag hier einzufügen, mit dem ich diesen Beitrag begonnen habe? Eben. Also unter 10. Mai steht zu lesen:
„Der Unverzeihliche“
Der Dichter Roque Dalton war frech und aufmüpfig. Niemals lernte er den Mund zu halten und zu gehorchen, und er legte einen herausfordernden Sinn für Launiges und Liebe an den Tag. In der heutigen Nacht des Jahres 1975 töteten ihn seine Kameraden aus der Guerilla in El Salvador mit einer Kugel, während er schlief. Verbrecher: Die Freiheitskämpfer, die töten, um den Meinungsunterschied zu bestrafen, sind ebensolche Verbrecher wie die Kämpfer des Militärs, die töten, um die Ungerechtigkeit aufrecht zu erhalten.“
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EG scheint besessen von dem Wunsch, Geschichte zu erinnern. Aber der Schein trügt, er ist nicht besessen, sondern hat gelernt, dass es nur über die Kenntnis seiner Geschichte möglich ist, die eigene Zukunft zu gestalten. Denn in dieser Geschichte finden wir all die nützlichen Ideen, hilfreichen Zusammenhänge und auch diejenigen, die schon uns schon immer dabei behinderten, die eigene Zukunft in unserem Sinne zu schaffen. Wie ich schon sagte, hat EG eine besondere Art dies zu tun: In sprachlich eleganten Miniaturen, kaum mehr als eine halbe Seite lang, erzählt er von kuriosen, empörenden, bemerkenswerten Begebenheiten.
Für mich ist es die Kunst des Autors, bei all der Unterschiedlichkeit der Texte, die durchaus sehr humorvoll sein können, diese Miniaturen immer zu einer Art Anklage all derer geraten zu lassen, welche die Welt in ihrem Sinne und nur zu ihrem eigenen Vorteil zu lenken wussten. Ich bekenne, dass ich nach dem lesen des täglichen Textschnipsels hin und wieder auch beschämt zurück blieb, weil EG mir aufzeigte, was er unter tiefempfundener Solidarität mit den Unterdrückten dieser Welt versteht. Dabei fühle ich mich allerdings niemals ermahnt, belehrt oder gar mit der moralischen Keule geschlagen.
Ich habe das Experiment gemacht und von September 2012 bis August 2013 am jedem Morgen den entsprechenden Eintrag gelesen. Oft ist es mir so gegangen, dass mir dieser Text im Laufe des Tages immer wieder in den Sinn kam und so begleitete mich EG durch den Tag. Es war mir mit der Zeit ein wirkliches Vergnügen, jeden Tag mit „Kinder der Tage“ zu beginnen, denn Leichtigkeit und feiner Humor nehmen den Geschichten zwar nie die Schärfe, machen sie aber auch zum großen Lesevergnügen… sogar am frühen oder nicht so frühen Morgen.
In der Kontrazeile schrieb ich, dass ich mir ein Vorwort wünschte, denn stattdessen stehen ein da paar Zeilen aus dem Schöpfungsmythos der Maya:
Und die Tage begannen zu schreiten
Und sie, die Tage, schufen uns
Und so wurden wir geboren
die Kinder der Tage
die Erforscher
die Sucher des Lebens.
Diese Zeilen stellt EG diesem ungewöhnlichen Buch also voraus und jetzt, da ich mich nochmal intensiv mit dem Werk beschäftigt habe, könnte ich meine Meinung anders formulieren: Ein erläuterndes, ausführliches Vorwort hätte uns bevormundet und wir wären eben nicht mehr die Suchenden des Lebens… wäre wirklich schade gewesen, denn ich bin es nach wie vor gern.
Wilfried John

Nachsatz *1
Wer WIP unterstützen will, findet Kontakt unter: http://www.pen-deutschland.de/de/themen/writers-in-prison/

Nachsatz *2
Wer sich über Zensur in Deutschland ein informieren möchte: http://www.cras-legam.de

Nachsatz *3
Als Beispiel einer Zusammenarbeit http://www.staytuned.at/sig/0020/32890.html