Fernando Pessoa „Das Buch der Unruhe“

Das Buch der Unruhe
Fernando Pessoa
674 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Büchergilde – Aus 2007
ISBN: 3-7632-5858-1
24,90 Euro
Antiquarisch billiger

Pro:
Beunruhigend unruhig, berührend ereignislos, faszinierend unbestimmt
Kontra:
Ohne Kenntnis der portugiesischen Mentalität schwer zu verstehen
Der Steinbruch der Unbestimmtheit
Unbestimmtheit. Ob in der Natur, unserem Miteinander oder einem gut komponierten Kunstwerk: Es herrscht eine stetige Auseinandersetzung zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit. Fragt man Menschen, wie sie zur der Bestimmtheit oder der Unbestimmtheit stehen, werden die meisten der Bestimmtheit den Vorzug geben; ja einen solchen Zustand für normal oder gar erstrebenswert ansehen. Denn in einer Ordnung kann man es sich bequem machen; selbst wenn diese Ordnung nicht unseren Interessen entspricht.
Viele mögen es bedauern, man muss allerdings annehmen, dass in der uns umgebenden Welt aber ausgerechnet die ungeordneten Zustände der Normalfall sind; die Unbestimmtheit also. Diese Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Je mehr Kraft wir aufbieten, um diese vertrackte Unbestimmtheit auszuschließen, desto mehr stellen wir fest, wie wenig dies zuweilen nützt. Mehr noch, in dem wir all diese Anstrengungen unternehmen, desto mehr Bedeutung messen wir dieser ungeliebten Unbestimmtheit bei; eigentlich herrscht sie aus dem Nichts heraus.
Lange hat man das wissenschaftlich nicht verstanden (allgemein versteht man das offenbar immer noch nicht) und so konnte der Mythos einer dominierenden Ordnung entstehen, die es dann erlaubt Voraussagen, Prognosen zu treffen. Doch auch die modernen Wissenschaften können sich von der Unbestimmtheit nicht frei machen und müssen sich oft mit der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten begnügen, obwohl doch in technischen, berechenbaren Systemen eine klare Kausalität von Ursache und Wirkung als Grundlage für Regeln und Ordnungen vorherrschen sollte; ganz davon zu schweigen, dass das in sozialen Gebilden eher die Ausnahme ist.
Menschen verursachen oft – bewusst oder unbewusst, durch tun oder nicht tun – Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen von Ursache und Wirkung das Kreuz brechen; es entsteht in der ach so geliebten Ordnung der Zufall, die bekannteste Form der Unbestimmtheit. Wir sollten endlich einsehen, dass die Unbestimmtheit weder aus unserem Leben, geschweige denn aus der Natur getilgt werden kann; im Gegenteil: Unbestimmtheit ist die ureigene, unzerstörbare Natur des Universums und somit auch unserer Welt. Über so einleuchtende Begriffe wie Angst, aber auch weniger klare Begrifflichkeiten wie Freiheit oder Zukunft, wirkt sich Unbestimmtheit auf unseren Alltag aus. So erkannt, kann man mit etwas mehr Selbstbestimmtheit einen gewissen Teil der Unbestimmtheit ohne weiteres eliminieren; das erfordert allerdings einen geschickten Umgang mit der Unbestimmtheit – Erkenntnis der eigenen Interessen.
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Ein weites Feld der Unbestimmtheit ist die Kunst. Für Künstler ist die Unbestimmtheit sogar Voraussetzung und Gegenstand ihrer Arbeit; weswegen es gerade hier ein verbrieftes Recht auf Freiheit gibt. So wie der Lauf der Dinge niemals vollständig bestimmt sein wird, ist auch jenes Irritierende, Poetische, Undeutliche, mit dem uns ein Kunstwerk berührt, oft kaum zu benennen. Was man benennen kann ist das Beispiel. Meine Leserinnen und Leser werden vermuten, dass an dieser Stelle die Erwähnung eines Werkes der lateinamerikanischen Literatur folgt… dem ist aber in diesem Falle nicht so. Ich habe mit dem Begriff dieser Einleitung einen Autoren im Sinn, der schon zu Lebzeiten – und erst recht in den Jahren nach seinem Tod – selbst zu etwas Unbestimmtem geworden, der aber gleichzeitig auch seine eigene Bestimmung gewesen ist; den zu Lebzeiten niemand mochte und dem nach seinem Tode viele folgten; der sich selbst erfand und selbst zerstörte: Der portugiesische Dichter, Essayist, Prosaist, Rezensent, Übersetzer, Esoteriker und philosophische Schriftsteller Fernando Pessoa (FP).
Selbst sehr vielen an Literatur wirklich interessierten Leserinnen und Lesern wird dieser Name nichts sagen, vielen an portugiesischer Literatur interessierten Leserinnen und Lesern wird dieser Mann zwar, zumindest dem Namen nach, bekannt sein, wenige aber haben sein berühmtestes Werk gelesen, um das es im Folgenden gehen soll: „Das Buch der Unruhe“. Das ist recht seltsam, handelt es sich doch bei diesem Autor um einen der einflussreichsten Schriftsteller der modernen Literatur (er ist nicht nur der Begründer der modernen Dichtung seines Landes, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der gesamtem zeitgenössischen Literatur überhaupt), und seltsam auch deshalb, weil es sich bei diesem Buch schon um so etwas wie ein Kultobjekt handelt.
Diesen Schriftsteller hier im Rahmen einer Besprechung vorzustellen ist unmöglich und ich weise vorsorglich schon mal auf das Buch „Algebra der Geheimnisse“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) hin, in dem das Schaffen des Autors von sehr sachverständigen Menschen (z.B. dem Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz) in mehreren fundierten Aufsätzen erläutert wird. Dennoch möchte ich kein Buch von FP besprechen, ohne wenigstens den Versuch eines Überblicks auf seine Biographie und seine Persönlichkeit zu wagen; für viele Menschen liegt gerade in der schillernden Persönlichkeit des Schriftstellers die Faszination für die Vielfältigkeit seines Werkes und die selbe Vielfältigkeit ist auch so etwas wie die Tragik seines Lebens, das sich schon sehr früh in einer Leberzirrhose auflöste. Dazu zitiere ich mich selbst:
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FP wurde am 13.6.1888 in Lissabon/Portugal geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater. Seine Mutter heiratete erneut und zog mit ihrem Mann, der als portugiesischer Konsul im diplomatischen Dienst tätig war, nach Durban/Süd Afrika. Hier wuchs FP wohlbehütet und – was für sein zukünftiges Schaffen von größter Bedeutung sein sollte – zweisprachig (englisch und portugiesisch) auf; er hatte sozusagen zwei Muttersprachen. 1905 kehrte FP nach Portugal zurück und lebte fortan bis zu seinem Lebensende ausschließlich in Lissabon. In dieser Stadt ging FP unauffällig in der Masse auf, sein Habitus und sein Auftreten waren so unauffällig, als versuche er sich unentwegt aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit herauszulösen. Doch das ist nur die Vorderseite der berühmten Medaille, dass er unentwegt schrieb ist der Beleg dafür, dass er dem Thema Nachruhm keineswegs gleichgültig gegenüber stand.
Wer nun war dieser FP wirklich? Eine einfach daherkommende Frage… aber wie einfach daherkommenden Fragen oft einen Kosmos von Antworten erzeugen können, ist es auch in diesem Falle, da sich – auch wenn sich das eigenartig anhören sollte – allein schon der Mensch FP nicht auf eine einzelne Person reduzieren lässt. Dieser unscheinbarer kleine Mann, der Jahrzehnte ein unauffälliges Leben als Übersetzer von Handelspapieren in Lissabon zubrachte, war gleichzeitig ein Gigant des Denkens, der das intellektuelle Klima in Portugal mit seinem Denken beeinflusste. Natürlich wusste man, dass er schrieb; er veröffentlichte Beiträge über viele Themengebiete in wichtigen zeitgenössischen Zeitschriften. Dennoch war er nur einem kleinen Kreis von Leuten (z.B. Literaturkritikern) als Schriftsteller bekannt, da er außer einem Band Gedichte zu Lebzeiten nichts veröffentlichte.
Wenn je die Schriftsteller-Floskeln „Er schrieb für die Schublade“ stimmte, dann stimmt sie, weil das für FP zutrifft. Er schrieb über dreißig Jahre lang überaus fleißig und produktiv…für die berühmteste Wäschetruhe der Welt. Rein schon vom Umfang her gesehen, ist sein Werk, das er sorgfältig in der eben erwähnten Truhe aufbewahrte, erstaunlich und umfasst über 28.000 Manuskripte, die lange Zeit unveröffentlicht blieben. Erst Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, erlangte man eine Ahnung davon, was, wer und wie wichtig er war und hat in Portugal nach und nach seine Werke herausgebracht; nur ein kleiner Teil davon liegt in Deutsch vor. Und immer noch mühen sich sehr kluge Leute mit der Wäschetruhe ab, die nicht leer zu werden scheint… und immer noch fördern sie Erstaunliches aus dieser Truhe heraus; das ist auch der Grund für diese Besprechung.
FP erstaunt (oder verwirrt) nicht nur ob seines vielfältigen und komplexen Schaffens, sondern auch wegen der „Vielfältigkeit“ seiner eigenen Persönlichkeit. Es will uns vorkommen, dass sein Familienname Pessoa so etwas wie Programm für ihn wurde, denn Pessoa ist auch das portugiesische Wort für Person, Maske, Fiktion, Jemand oder Niemand. Es leitet sich von ‚persona‘ ab, der Maske der römischen Schauspieler – und FP machte sozusagen diesem Namen alle Ehre. Er dichtete, schrieb, dachte und philosophierte nicht nur als FP, sondern die Person Pessoa spaltet sich in verschiedene Persönlichkeiten auf, die er seine Heteronyme nannte. Aus seiner Korrespondenz geht hervor, dass er der Überzeugung war, diese Heteronyme seien in seinem Inneren aufgetaucht und führten ein Eigenleben; teilweise hatten sie auch eigene Biographien (siehe auch „Das Todesjahr von Ricardo Reis“ – auch hier bei Ciao vorgestellt). Das Wichtigste aber, diese Heteronyme schrieben – jedes für sich – grundverschiedene Arten von Literatur, die sich wiederum teilweise durchaus völlig widersprechen konnte. Wie er in „Algebra der Geheimnisse“ selber sagt, war er des Literaturbetrieb überdrüssig und meinte, dass wenn man Neues lesen wolle, müsse man sich seine Literatur selbst schreiben.
Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, ob FP in sich selbst wirklich so labyrinthisch verschlungenen war (was sehr ernst zu nehmende Leute für durchaus wahrscheinlich halten), oder ob die Wahrheit über seine Heteronyme eher in seinem überbordenden Erfindungsreichtum liegt und eher ein Spiel war (was viele annehmen, die sich multiple Persönlichkeiten nicht recht vorstellen können oder vorstellen mögen). Wie dem auch sei, fest steht, dass von dieser – für uns – befremdlichen Vielfältigkeit bis heute eine große Faszination ausgeht. Um einen kleinen Überblick zu geben: Dem wohl bekanntesten (Teil-) Heteronym, dem fiktiven Autor von „Das Buch der Unruhe“, Bernardo Soares, folgen die ebenfalls bekannten Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos, die formal und thematisch völlig verschiedenartige Lyrik schrieben. Etwas im Hintergrund blieben etwa António Mora, Raphael Baldaya und Pero Botelho, die sozusagen die Philosophen dieses FP-Universums waren. Last but not least sollen auch die weithin unbekannten, und selbst auch im Universum Pessoa etwas blass gebliebenen Heteronyme zur Nennung kommen: Alexander Search, Charles Robert Anon und Dr. Abilio Fernandes Quaresma (siehe auch „Die Stunde des Teufels“ – hier bei Ciao vorgestellt).
Betrachten wir uns nur die literarischen Verkörperungen oder Heteronymen von FP, so haben sie (also hat FP…) fast im Alleingang die ganze moderne portugiesische Literatur geschaffen. Obendrein kommen zu diesen sozusagen fest gefügten Heteronymen noch einige andere, meist flüchtig in Erscheinung tretende Gestalten, die sich zudem teilweise metamorphosengleich in andere Verkörperungen verwandeln. Da alle diese Heteronyme, Pseudonyme und FP unter eigenem Namen noch dazu fortwährend essayistisch in Zeitschriften tätig waren und zu philosophischen, historischen, politische und vielen anderen Themen Stellung nahmen und außerdem noch Beiträge in die englische und französische Literatur einbrachten, kann man getrost behaupten, dass FP der unbekannteste der einflussreichsten europäischen Schriftsteller war… und immer noch ist.
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Ursprünglich wurden die Texte für „Das Buch der Unruhe“ in jener berüchtigten Truhe gefunden, die als Nachlass des Dichters in der Portugiesischen Nationalbibliothek die Jahrzehnte überdauert hat: 1935 hinterließ FP das Werk als lose Fragment-Sammlung und es fanden sich lediglich ein paar Notizen und Hinweise auf die endgültige Zusammenstellung des künftigen Inhaltes. In deutscher Sprache liegt das Buch seit 1985 vor; veröffentlicht vom, nicht nur in Sachen FP, äußerst verdienstvollen Amman-Verlag. Lange Zeit galt dieser Text als vollständig und das Werk somit als abgeschlossen.
Wie schon angedeutet, möchte ich diese Besprechung des wohl bekanntesten und gleichzeitig auch umfangreichsten Buchs von FP, der berühmteste Wäschetruhe der Welt widmen; Grund: Erst kürzlich aufgefundene Texte ergänzen die bereits bekannten Fragmente um 280 Seiten (!). Meine sehr geschätzte Büchergilde eröffnet uns mit einem preisgünstigen Nachdruck der Amman-Ausgabe in der Reihe „Büchergilde Klassik“ nun die Chance, das Buch in einer auf den neuesten Stand der Forschung gebrachten Ausgabe – ergänzt um die zusätzlichen Texte – lesend kennen zu lernen.
Wie es für Büchergilde-Ausgaben üblich ist, wird darauf geachtet, dass nicht die kleinste Kleinigkeit der Originale verloren geht; was in diesem Fall auch fürchterlich wäre. Ich verweise an dieser Stelle schon einmal vorsorglich auf die beiden Nachworte im Anhang des Werkes: Zum einen schreibt die Übersetzerin Inés Koebel darüber, wie sie ihre Aufgabe bewältigt hat und bemerkt: „Hätte Pessoa sein Buch der Unruhe selbst veröffentlicht, wäre dies vielleicht in einer anderen als der uns vorliegenden Form geschehen. So aber gibt es Einblick in Größe und Delirium eines vielfältigen Ichs, einer beunruhigend unruhigen, faszinierenden Existenz.“. Zum anderen schreibt Egon Amman persönlich einen kurzen Essay über FP und die Geschichte des vorliegenden Buches „Das Drama im Menschen“ und sorgt so für ein besseres Verstehen der Fragment-Sammlung.
Neben den schon erwähnten 280 neu entdeckten Seiten, wurden in weiteren Anhängen zwei erhellende Briefe abgedruckt, in denen FP das Werk „Das Buch der Unruhe“ erwähnt und darlegt wie er es sich vorstellt. Obendrein werden uns weitere Texte zur Kenntnis gebracht, die FP zum Thema Buchveröffentlichung geschrieben hat; auch das vertieft das Verständnis des Werkes. Schließlich werden uns als Anhang Textfragmente zugänglich gemacht, die nicht in die Textausgabe von „Das Buch der Unruhe“ aufgenommen wurden; wohl weil sie wissenschaftlich nicht eindeutig zuordenbar sind.
Bevor ich mich nun um „Das Buch der Unruhe“ kümmern kann, muss ich natürlich noch etwas zu seinem Autor sagen. Wie, etwas zum Autor sagen? Die biographischen Anmerkungen über FP haben wir doch schon gelesen. Ja, die biographischen Daten von FP haben wir schon gehabt, aber der Autor dieses Buches ist nicht FP, sondern ein gewisser Bernardo Soares… so erklärt es uns jedenfalls das Vorwort zur aktuellen Auflage, in dem FP uns diesen Mann vorstellt. Wie ich oben schon einschränkend schrieb ist Bernardo Soares kein „echtes Heteronym“, sondern es handelt sich eher um eine literarische Persönlichkeit, welche im Wesentlichen die Züge von FP persönlich trägt. Nun könnte man – eingedenk des Einsatzes eines Alter Ego bei anderen Autoren – allgemein von einem Pseudonym sprechen, doch FP besteht darauf, dass er persönlich das Werk „Das Buch der Unruhe“ NICHT geschrieben hat.
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„Das Buch der Unruhe“ beginnt mit der ersten Seite… will sagen, dass wir den ersten Seiten unsere ganze Aufmerksamkeit widmen müssen, denn in einer unglaublichen Selbstbeschreibung stellt sich der Hilfsbuchhalters Bernardo Soares selbst vor. Diese gesellschaftliche Randfigur, diese gänzlich unbeachtete Existenz zieht einen sofort in Bann und sie ist gleichzeitig mehr als nur eine literarische Köstlichkeit dieses Buches. Was folgt ist sozusagen ein fiktives Tagebuch (allesamt kürzere oder längere Textfragmente) das nachdenklich macht. So kurz diese Texte auch sein mögen (und manchmal auch so widersprüchlich), sie sind brunnentief und zwingen uns fast zum Innehalten; so wird „Das Buch der Unruhe“ zu einem „Buch des ruhigen Überlegens“. Allerdings weise ich auf eine Weisheit der alten Arbeiterbewegung hin: Es gibt Gedanken, die man nicht denken kann, ohne sein Leben zu ändern; das macht wieder unruhig…
Natürlich wird man sich dieses Tagebuch anders vorstellen müssen, als man es gemeinhin bei Tagebüchern tut; nur sehr selten schreibt der Autor von seinen Verrichtungen im beruflichen oder privaten Alltag. So wie er sich und seine kümmerliche Existenz schonungslos bissig und mit unverhohlener Verachtung beschreibt, setzt er sich auch mit der ihn umgebenden Gesellschaft auseinander. Doch so bitter er sich seine Nichtigkeit auch vorhalten mag (er schreibt, er sei ein Nichts, eine leere Geste… untauglich für alles, was das Leben von ihm verlangt), es schwingt immer auch ein gewisser Stolz auf die Unverwechselbarkeit seiner Person; er ist eben gerade kein Mensch des Alltäglichen (wie alle anderen), sondern etwas Besonderes: eine empfindsame Seele.

Bernardo Soares führt sein Leben so, dass man präzise die Uhr nach ihm stellen könnte. Tag für Tag erhebt sich im Morgengrauen, verlässt sein bescheidenes Untermieter-Quartier, geht gemessenen Schrittes durch die Straßen der Lissabonner Unterstadt, hin zum Kontor in dem er geknechtet wird; das Kontor von Vasques & Co. in der Rua dos Douradores, die Strasse der Vergolder. Bei meinen Waderungen durch Lissabon habe ich natürlich die Strasse der Vergolder besucht, bedauerlicherweise weist keine Erinnerungstafel oä. auf FP hin. Wenn man allerdings mit den Beschreibungen des Bernardo Soares durch Lissabons Unterstadt geht ist es, würde man ihm jeden Moment begegnen. Bernardo Soares, ein äußerst korrekt gekleideter Herr mittleren Alters, klein (1,70 m) und hager (61 kg) von Statur, die runde Nickelbrille vor den Augen, den breitkrempigen Hut leicht auf dem Hinterkopf, verdient sein kümmerliches Gehalt als Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft; aber seine Leidenschaft gehört der Literatur. Hier wird die Ähnlichkeit der literarischen Person des Bernardo Soares mit seinem Schöpfer FP überdeutlich; ganz so hat man sich FP vorzustellen.
Das gilt umso mehr, als FP der typische portugiesische Hauptstädter ist; für sie besteht Portugal aus Lissabon mit etwas Land drum herum. Dementsprechend finden wir wunderbar eindringliche Passagen, fast Liebeserklärungen zu Lissabon, den Tejo, die Stimmungen der Tageszeiten in der Stadt. Aber diese Stellen, diese Tagebucheinträge sind eher die Ausnahme, denn Bernardo Soares schaut eigentlich überwiegend nicht nach außen, auf die Welt, auf die Gesellschaft, auf die Menschen, sondern er schaut nach innen; an einer Stelle schreibt er: „… ich bin stets hier, im Inneren, umschlossen von den hohen Mauern des Hofs meines Bewusstseins, meiner selbst.“ Und obendrein – quasi so, als würde ihm dieser Hof nicht genügen – treibt er eine Verinnerlichung des Außen; Landschaften werden zu Seelenzuständen, jeder noch so kleine Kontakt mit der Welt, wird Anlass zu einem Tauchgang in die Tiefe des eigenen Ichs; das er auch „glitschiger Brunnen ohne Wände“ nennt. Dieser Bernardo Soares tut sich sehr schwer mit dem Leben; er bezeichnet es als „unheilbare Krankheit“.
Bernardo Soares empfindet quasi körperlich die Unbestimmtheit, die uns – wie ich oben schrieb – aus allen Winkeln der Welt entgegentritt. Angesichts seiner Haltung zum Leben, resultiert daraus eine Art Überdruss am Leben. Er notiert: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem der Überdruss Person geworden ist, die fiktive Verkörperung meines Seins mit mir.“ So schreibt Bernardo Soares, freilich ohne Fakten zu nennen, eine Biographie des FP, welche das Drama seines Lebens aufs Genaueste widerspiegelt; was einem Bekenntnis gleichkommt.
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Zwar schreibt Bernardo Soares: „Es sind Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so, weil ich nichts zu sagen habe.“ Da kommt nun wieder die Eitelkeit des Stolzes zum Vorschein, wenn er mit solchen Aussagen kokettiert; er hat nämlich sehr viel zu sagen. Er schreibt über das Bewusste und Unbewusste, über die Natur absichtsloser Empfindungen, die ihm widerwärtige Gesellschaft und über die Religionen… und den daraus entstehenden andauernden Überdruss. Und nicht zuletzt – wie könnte es auch anders sein – schreibt er auch über die Macht der Literatur, die uns das miese Leben vergessen zu lässt. Denn: „Wir alle, die wir träumen und denken, sind Hilfsbuchhalter in irgendeinem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir zählen zusammen und gehen weiter; wir ziehen Bilanz und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.“
„Das Buch der Unruhe“ ist – meiner Lesart zufolge – auch ein politisches Buch. Zwar ist Bernardo Soares kein Demokrat, so wenig wie FP selbst, aber was wir hier erkennen können, ist auch eine Reaktion auf die innenpolitischen Verhältnisse Portugals an Anfang des 20. Jahrhunderts, als das einstige weltumspannende Kolonialreich bereits dem Untergang geweiht war und die Monarchie (der FP anhing) einem chaotischen Wechselspiel demokratischer und diktatorischer Kräfte Platz gemacht hatte und Salazar anschickt, seinen autoritären und letztlich faschistischen „Estado Novo“ errichtete, der schließlich 54 Jahre Bestand haben sollte.
Es ist durchaus erhellend, wenn ein Nichtdemokrat über politische Reformen und Revolution schreibt; sowohl in Hinsicht auf die Ausdeutung der Begriffe selbst, als auch zur Selbstreflexion derer, die Reformen oder Revolutionen anstreben. Aus diesen Reflexionen kann man als Demokrat oder Revolutionär durchaus lernen: „Revolutionär oder Reformer – sie erliegen dem gleichen Irrtum. Unfähig, die eigene Haltung zum Leben, das alles ist, oder zum eigenen Sein, das fast alles ist, zu beherrschen oder zu ändern, ergreift der Mensch die Flucht nach vorn, indem er versucht, die anderen und die Außenwelt zu verändern. Jeder Revolutionär, jeder Reformer ist ein Flüchtiger. Kämpfen heißt außerstande sein, sich selbst zu bekämpfen. Reformieren heißt, selbst nicht verbesserungsfähig sein.“
Aus der im Werk enthaltenen Beschreibung der politischen Haltung des Autors, die wir verallgemeinernd auf alle Gesellschaften beziehen können, können wir lernen, warum autoritäre Regime entstehen können. Bernardo Soares verwendet einen Gedanken von Ernst Haeckel, wonach der Abstand vom überlegenen zum gewöhnlichen Menschen viel größer sei als der von diesem zum Affen, und verlängert ihn sogar: „Doch zwischen mir und dem Bauern gibt es einen Qualitätsunterschied, zurückzuführen auf die Existenz abstrakten Denkens in mir und uneigennütziger Gefühle; zwischen ihm und der Katze hingegen besteht in geistiger Hinsicht nur ein gradueller Unterschied.“ Es sind diese Dünkel, diese Übermensch-Phantasien, diese Überlegenheits-Rhetorik (wenn sie im Volk verankert ist), die den Aufstieg von Faschismus möglich macht.
Aber natürlich wäre es unsinnig auf diese Seite des Werkes mehr Gewicht als nötig zu legen; es ist halt nur ein Aspekt. Hauptsächlich beschreibt Bernardo Soares in 481 Fragmenten fortwährend sein eigenes Ich: seine seelische Befindlichkeit in all ihren Abstufungen, die Bedeutung des Traums, der eine wahrhaftigere Existenzform zu versprechen scheint als das Leben, und den Wunsch, sich in verschiedene Personen aufzusplittern. Es ist kein Handlungsstrang zu erkennen, es wird uns keine Geschichte erzählt, nicht einmal eine Bündelung der Themen ist in der Fragmentierung auszumachen.
Daraus ergibt sich auch die Handhabung dieses Buch, das man schlechterdings nicht als Ganzheit aufnehmen kann; was auch der Intention des Autors entspricht, der absichtlich auf erzählerische oder philosophische Zusammenhänge verzichtet. Dieses Werk wirkt quasi als Fundgrube – und ob der Schwere könnte man auch Steinbruch sagen – von Beobachtungsfragmenten, Gedankensplittern und Aphorismen. Wir stoßen auf poetische Betrachtungen von Gefühlen bis hin zu Ausführungen über die Natur des Schmerzes, aber man kann den Eindruck gewinnen, als beobachtete Soares einen anderen (in diesem Falle bestimmt FP persönlich).
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Für mich ist dieses exemplarisch beschriebene Dasein des Angestellten in einer Lissabonner Stoffhandlung, zum Gleichnis der modernen Existenz geworden, die bei vielen Menschen den Eindruck völliger Sinnlosigkeit erzeugt. Das Werk ist für mich wie ein Almanach, den ich über Jahre hinweg mit mir herum tragen und jederzeit aufschlagen kann… um mich mit jedem gelesenen Abschnitt, über die Merkwürdigkeiten des Lebens belehren lassen.
Ich erinnere mich an meine ersten Leseversuche des Jahres 1985; über mehrere Jahre hinweg wollte es mir nicht gelingen, dieses berühmte Werk lesend für mich nutzbar zu machen. Damals hatte ich schon längst Portugal als Urlaubsland für mich entdeckt, es aber ebenso wenig verstanden wie das Buch. Erst als ich entdeckte, dass es eine Seelenverwandtschaft zwischen mir und der Portugiesischen Mentalität gibt UND das Buch in Portugal las, konnte ich begreifen, wie mich diese in „Das Buch der Unruhe“ zum Ausdruck gebrachte, die Seele umspannende, sehnsüchtige Traurigkeit dennoch nicht verzweifeln lässt.
Im Gegenteil. FP offenbart die Erkenntnis, dass man sich von Hektik und Konsumdenken befreien kann, indem man zu einer besseren Innerlichkeit gelangt. Aus der Einsicht um die vorherrschende Unbestimmtheit des Lebens und der Welt, entstand die portugiesische Bescheidenheit, entstand das Gefühl der Saudade; welches das Alleinsein, die Einsamkeit und jede mögliche daraus entspringende Sehnsucht beschreibt. Die Bescheidenheit drängt nicht zum Ruhm und Triumph; FP schreibt dazu: „Weiß ich denn wonach es schmeckt? Vielleicht schmeckt Ruhm nach Tod und Nichtigkeit und riecht Triumph nach Fäulnis.“
Das dunkle, brennende Auge der Saudade sieht den Wurm im Apfel, das Gerippe als Kern der menschlichen Schönheit. Das Durchdringen alles Seienden mit diesem Wissen von Vergänglichkeit bringt uns das was den Menschen auszeichnet – eine besondere Humanität (ich bezeichne mich in diesem Sinne als Humanist…) und daraus erwächst eine eigentümliche, hochmütige Lebenslust; die Sehnsucht aber ist eine starke Triebfeder des Lebens.
Alle die von dem „Apfel der Saudade“ gegessen haben, wollen diesen Geschmack nicht mehr loswerden, denn es hieße auch eine unterscheidende Menschlichkeit verlieren, es hieße dem Schein zum Opfer fallen und dem Vorläufigen vertrauen. Aus diesem Hochmut kommt „o gusto de ser triste“, der schmerzliche Genuss an der Traurigkeit. So sollte „Das Buch der Unruhe“ gelesen werden, dann wird es ein tiefgreifendes Leseerlebnis; eines der tiefgreifendsten Leseerlebnisse, das ich je hatte. Obwohl ich „Das Buch der Unruhe“ schon kannte, kann ich mit Fug und Recht sagen, dass ich die Neuausgabe für ein literarisches Ereignis halte. Außerdem ist das was vorliegt, ein – wie man es von der Büchergilde erwarten darf – sorgfältig schön gemachtes Buch; was seinem Rang als eines der Schlüsselwerke der europäischen Literatur Ehre macht.
Wilfried John

Weitere Ausgaben:

Die Amman-Ausgabe:
574 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag: Ammann – Aus Februar 2006
ISBN: 3-2501-0450-7
58,- Euro

In Vorbereitung bei Amman:
600 Seiten – Gebundene Ausgabe:
Verlag: Ammann – Auflage: 1 (11. März 2010)
ISBN: 3-2501-0807-3
16,95 Euro

Leseproben Deutsch/Portugiesisch
http://www.arlindo-correia.com/060104.html