Fernando Pessoa „Die Stunde des Teufels“

Man hörte von seltsamen Geschichten

Pro: Ein sehr verdienstvolles kleines Buch, das uns einen großen Autor besser erklärt

Contra: Das Okkulte wird mir etwas überbetont


Mythos. Das aus dem Griechischen hergeleitete Wort, beschreibt im engeren Sinne eine mit dem Anspruch auf Wahrheit auftretende Überlieferung oder Geschichte über den Ursprung und die Frühzeit eines Volkes, über heroische Taten und ihre Helden, oft auch über Fürsten oder Könige. Mythen sind so etwas wie eine heilige Geschichten und werden – wie z.B. in religiösen Zusammenhängen – als für die Gegenwart sinnstiftend angenommen. Es soll sozusagen gezeigt werden, dass es aus der Gegenwart direkte Verbindungslinien zum urzeitlichen Anfang gibt, um so eine Ordnung zu konstatieren, die in der unüberschaubaren Vielfalt der geschichtlichen Vorgänge oder der sozialen Komplexität entwickelter Gesellschaften eine vereinfachende Sichtweise anbietet; meist soll damit eine soziale Ordnung und/oder die Herrschaft gerechtfertigt werden.

 

Durch Mythologisierung werden Phänomene in den Bereich der Unerfahrbarkeit gehoben, was dazu führt, dass diese  Erscheinungen dann nicht mehr der Vernunft zugänglich sind und sie so kaum noch rational bearbeitet werden können. Mythologisierung verlangt Glauben und Gefolgschaft, Hinnahme und Ehrfurcht… und unerschütterliche Treue, da es ohne dieses unerschütterliche Festhalten an Althergebrachtem keine Mythenbildung gäbe und – folglich – auch keine daraus ableitbaren Machtansprüche. Gerade wir Deutschen sollten/könnten doch wissen, was solche mythisch überhöhten Machtansprüche anrichten können, wenn von Volk und Blut, Reich und Führer oder gar Rasse schwadroniert wird.

 

Leider aber sind diese abgedroschenen Geschichten immer noch virulent und entfalten immer noch ihrer Wirkungen – das beweisen nicht nur erschütternde Erfolge solcher Ideen bei Wahlen, das beweist noch deutlicher eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung, die unlängst feststellte, dass Millionen Deutsche ein geschlossenes Rechtsradikales Weltbild im Kopf haben und darüber hinaus weitere Millionen „starke Männer“ etc. für erforderlich und gut halten. Selbst im Europäischen Parlament bildete sich vor gestern eine rechtsradikale Fraktion: Unter dem Namen „Identität, Tradition und Souveränität“.  Mit den hinzugekommenen bulgarischen und rumänischen Abgeordneten entstand so, erstmals seit 1994, wieder eine rechtsradikale Fraktion.

 

Doch damit nicht genug: Zu den alten Geschichten kommen immer wieder neue Mythen hinzu. Der über die Maßen erfolgreichste Mythos der letzten Jahrzehnte ist ohne Zweifel der Mythos, dass die Marktwirtschaft nur frei genug sein müsste, damit sie alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Probleme lösen könnte.

 

Die Wirklichkeit in unserem Land und in der Welt beweist, dass dieser Mythos wenig bis nichts zur Lösung des Problems beträgt, sondern selber ein großer Teil des Problems darstellt. Wie blind müssen die politisch Verantwortlichen in diesem Land und weltweit eigentlich sein, dass sie die Fakten nicht sehen und diesem Mythos weiter und weiter folgen? Es wird weiter an der Privatisierung öffentlich wichtiger Bereiche gebastelt, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass der einzige Nutzen darin besteht, den Profit einiger weniger Finanzinvestoren in astronomische Höhen zu treiben. Wir können noch so schön und unkritisch daran glauben, noch so bedingungslos folgen und noch so unerschütterlich treu an diesen Ideen festhalten, sie werden dadurch nicht richtiger, sondern eher gefährlicher für den Rest des Gemeinwesens der noch funktioniert.

 

Statt davon zu quatschen, welche soziale Sau als nächstes durchs Dorf getrieben wird, sollten wir der neoliberalen Mythologisierung des Kapitalismus endlich die Maske von Gesicht reißen und mit der Entmythologisierung beginnen… mit der Entlarvung derjenigen, denen der Mythos – zum Schaden der Allgemeinheit – nützlich ist. Wir sollten endlich damit beginnen, solche Mythen rational zu erfassen uns sie, frei von Überhöhungen und mythischen Beimengungen zu diskutieren. Die Fakten liegen sozusagen weltweit auf dem Tisch… und es wäre wieder Zeit, für eine neue Phase der Aufklärung, wie sie schon einmal zum Wohle der Allgemeinheit für Fortschritt gesorgt hat

 

Meine Leserinnen und Leser werden vermuten, dass an dieser Stelle die Erwähnung eines Werkes der lateinamerikanischen Literatur folgt… dem ist aber in diesem Falle nicht so. Ich habe mit dem Begriff dieser Einleitung einen Autoren im Sinn, der schon zu Lebzeiten – und erst recht in den Jahren nach seinem Tod – selbst zu einem Mythos geworden ist, der aber gleichzeitig auch sein eigener Aufklärer war, den zu Lebzeiten niemand mochte und nach seinem Tode alle folgte, der sich selbst erfand und selbst zerstörte: Der portugiesische Dichter, Essayist, Prosaist, Rezensent, Übersetzer, Esoteriker und philosophische Schriftsteller Fernando Pessoa (FP). Vielen an portugiesischer Literatur interessierten Leserinnen und Lesern wird dieser Mann, zumindest dem Namen nach, als Schöpfer des berühmten Buches „Das Buch der Unruhe“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) bekannt. FP ist aber viel mehr… Er ist nicht nur der Begründer der modernen Dichtung seines Landes, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der gesamtem zeitgenössischen Literatur überhaupt.

 

Diesen Schriftsteller hier im Rahmen einer Besprechung vorzustellen ist unmöglich und ich weise vorsorglich schon mal auf das Buch „Algebra der Geheimnisse“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) hin, in dem das Schaffen des Autors von sehr sachverständigen Menschen (z.B. dem Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz) in mehreren fundierten Aufsätzen erläutert wird. Dennoch möchte ich kein Buch von FP besprechen, ohne wenigstens den Versuch eines Überblicks auf seine Biographie und seine Persönlichkeit zu wagen; für viele Menschen liegt gerade in der schillernden Persönlichkeit des Schriftstellers die Faszination für die Vielfältigkeit seines Werkes und die selbe Vielfältigkeit ist auch so etwas wie die Tragik seines Lebens, das sich schon sehr früh in einer Leberzirrhose auflöste.

 

FP wurde am 13.6.1888 in Lissabon/Portugal geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater. Seine Mutter heiratete erneut und zog mit ihrem Mann, der als portugiesischer Konsul im diplomatischen Dienst tätig war, nach Durban/Süd Afrika. Hier wuchs FP wohlbehütet und – was für sein zukünftiges Schaffen von größter Bedeutung sein sollte – zweisprachig (englisch und portugiesisch) auf; er hatte sozusagen zwei Muttersprachen. 1905 kehrte FP nach Portugal zurück und lebte fortan bis zu seinem Lebensende ausschließlich in Lissabon. In dieser Stadt ging FP unauffällig in der Masse auf, sein Habitus und sein Auftreten waren so unauffällig, als versuche er sich unentwegt aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit herauszulösen. Doch das ist nur die Vorderseite der berühmten Medaille, dass er unentwegt schrieb ist der Beleg dafür, dass er dem Thema Nachruhm keineswegs gleichgültig gegenüber stand.

 

Wer nun war dieser FP wirklich? Eine einfach daherkommende Frage… aber wie einfach daherkommenden Fragen oft einen Kosmos von Antworten erzeugen können, ist es auch in diesem Falle, da sich – auch wenn sich das eigenartig anhören sollte – allein schon der Mensch FP nicht auf eine einzelne Person reduzieren lässt. Dieser unscheinbarer kleine Mann, der Jahrzehnte ein unauffälliges Leben als Übersetzer von Handelspapieren in Lissabon zubrachte, war gleichzeitig ein Gigant des Denkens, der das intellektuelle Klima in Portugal mit seinem Denken beeinflusste. Natürlich wusste man, dass er schrieb; er veröffentlichte Beiträge über viele Themengebiete in wichtigen zeitgenössischen Zeitschriften. Dennoch war er nur einem kleinen Kreis von Leuten (z.B. Literaturkritikern) als Schriftsteller bekannt, da er außer einem Band Gedichte zu Lebzeiten nichts veröffentlichte.

 

Wenn je die Schriftsteller-Floskeln „Er schrieb für die Schublade“ stimmte, dann stimmt sie, weil das für FP zutrifft. Er schrieb über dreißig Jahre lang überaus fleißig und produktiv…für die berühmteste Wäschetruhe der Welt. Rein schon vom Umfang her gesehen, ist sein Werk, das er wie gesagt sorgfältig in einer Truhe aufbewahrte, erstaunlich und umfasst über 28.000 Manuskripte, die lange Zeit unveröffentlicht blieben. Erst Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, erlangte man eine Ahnung davon, was, wer und wie wichtig er war und hat in Portugal nach und nach seine Werke herausgebracht; nur ein kleiner Teil davon liegt in Deutsch vor. Und immer noch mühen sich sehr kluge Leute mit der Wäschetruhe ab, die nicht leer zu werden scheint… und immer noch fördern sie Erstaunliches aus dieser Truhe heraus.

 

FP erstaunt (oder verwirrt) nicht nur ob seines vielfältigen und komplexen Schaffens, sondern auch wegen der „Vielfältigkeit“ seiner eigenen Persönlichkeit. Es will uns vorkommen, dass sein Familienname Pessoa so etwas wie Programm für ihn wurde, denn Pessoa ist auch das portugiesische Wort für Person, Maske, Fiktion, Jemand oder Niemand. Es leitet sich von ‚persona‘ ab, der Maske der römischen Schauspieler – und FP machte sozusagen diesem Namen alle Ehre. Er dichtete, schrieb, dachte und philosophierte nicht nur als FP, sondern die Person Pessoa spaltet sich in verschiedene Persönlichkeiten auf, die er seine Heteronyme nannte. Aus seiner Korrespondenz geht hervor, dass er der Überzeugung war, diese Heteronyme seien in seinem Inneren aufgetaucht und führten ein Eigenleben; teilweise hatten sie auch eigene Biographien (siehe auch „Das Todesjahr von Ricardo Reis“ – auch hier bei Ciao vorgestellt). Das Wichtigste aber, diese Heteronyme schrieben – jedes für sich – grundverschiedene Arten von Literatur, die sich wiederum teilweise durchaus völlig widersprechen konnte. Wie er in „Algebra der Geheimnisse“ selber sagt, war er des Literaturbetrieb überdrüssig und meinte, dass wenn man Neues lesen wolle, müsse man sich seine Literatur selbst schreiben.

 

Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, ob FP in sich selbst wirklich so labyrinthisch verschlungenen war (was sehr ernst zu nehmende Leute für durchaus wahrscheinlich halten), oder ob die Wahrheit über seine Heteronyme eher in seinem überbordenden Erfindungsreichtum liegt und eher ein Spiel war (was viele annehmen, die sich multiple Persönlichkeiten nicht recht vorstellen können oder vorstellen mögen). Wie dem auch sei, fest steht, dass von dieser – für uns – befremdlichen Vielfältigkeit bis heute eine große Faszination ausgeht. Um einen kleinen Überblick zu geben: Dem wohl bekanntesten Heteronym, dem Autor von „Das Buch der Unruhe“, Bernardo Soares, folgen die ebenfalls bekannten Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos, die formal und thematisch völlig verschiedenartige Lyrik schrieben. Etwas im Hintergrund blieben etwa António Mora, Raphael Baldaya und Pero Botelho, die sozusagen die Philosophen dieses FP-Universums waren. Last but not least sollen auch die weithin unbekannten, und selbst auch im Universum Pessoa etwas blass gebliebenen Heteronyme zur Geltung kommen, um die es in dieser Besprechung in der Hauptsache gehen wird: Alexander Search, Charles Robert Anon und Dr. Abilio Fernandes Quaresma. Auch wenn es so aussieht, dass FP auch für sein erzählerisches Schaffen drei Verkörperungen hervor brachte, so muss doch gesagt werden, dass sie beileibe nicht so ausgeprägt und „lebendig“ sind wie die Erstgenannten.

 

Betrachten wir uns nur die literarischen Verkörperungen oder Heteronymen von FP, so haben sie (also hat FP…)  fast im Alleingang die ganze moderne portugiesische Literatur geschaffen. Obendrein kommen zu diesen sozusagen fest gefügten Heteronymen noch einige andere, meist flüchtig in Erscheinung tretende Gestalten, die sich zudem teilweise metamorphosengleich in andere Verkörperungen verwandeln. Da alle diese Heteronyme, Pseudonyme und FP unter eigenem Namen noch dazu fortwährend essayistisch in Zeitschriften tätig waren und zu philosophischen, historischen, politische und vielen anderen Themen Stellung nahmen und außerdem noch Beiträge in die englische und französische Literatur einbrachten, kann man getrost behaupten, dass FP der unbekannteste der einflussreichsten europäischen Schriftsteller war… und immer noch ist.

 

Das Buch um das es hier gehen soll, ist schon seit geraumer Zeit im – vor allem was FP angeht – überaus verdienstvollen Schweizer Verlag Ammann erschienen. Ammann ist schon seit über zwanzig Jahren die „deutschsprachige Adresse“ des berühmtesten Portugiesen der Neuzeit und kümmert sich (dankenswerterweise) in einem mutigen und überaus langfristigen Projekt um die Herausgabe des Lebenswerkes von FP. Mit dem Titel „Die Stunde des Teufels“ versucht uns der Verlag, und namentlich Frank Henseleit-Lucke, das erzählerische Werk von FP näher zu bringen. Dazu hat man praktisch den Versuch unternommen, die teilweise fragmentarisch vorliegenden Prosa-Stücke, die FP unter eigenem Namen geschrieben hat und die quasi durch seine Heteronyme entstanden, zu sammeln und zu editieren.

 

Die Bandbreite der in diesem Buch enthaltenen Erzählungen variiert von der Schauergeschichte bis zur Kriminalerzählung oder von der paradoxen  Geschichte bis zur finsteren psychologischen Prosa, a la Edgar Ellen Poe. Ich möchte versuchen, die einzelnen Erzählungen zu beschreiben und halte mich dabei an die Anordnung, wie sie die Herausgeber vorgesehen haben und verweise hier schon auf die „Anmerkungen“ und vor allem das „Nachwort“ im Anhang, in denen die Herausgeber weitere Erklärungen geben. Die Gliederung in einzelne Kapitel folgt dem thematischen Inhalt der einzelnen darin enthaltenen Erzählungen:

 

Kapitel I

 

„Ein höchst originelles Abendessen“

Diese Erzählung wird einem der vielen Heteronyme zugeschrieben, das ansonsten allerdings nicht weiter „auffällig“ geworden ist; Alexander Search. Während einer Jahrestagung der Gastronomischen Gesellschaft, entbrennt ein heftiger Streit über Originalität in der Kochkunst. Der Vorsitzende der Gesellschaft war ein Herr mit dem bezeichnenden Namen Wilhelm Prosit, der eine seltsame, undurchsichtige Vergangenheit hatte. Dennoch war er Vorsitzender der vornehmen Gesellschaft geworden, weil er mit einer seltenen, aber heimtückischen, Energie ausgestattet war, die in der Lage war, die meist harmlosen Geister mitzureißen.

 

Der Wortführer der Debatte, der übrigens die Originalität der Kochkunst als mangelhaft bezeichnete, forderte den Vorsitzenden heraus…und dieser konterte mit einer Einladung an alle Anwesenden zu einem Abendessen, das – wie er sagte – höchst originell werden sollte. Fünf junge Leute aus Frankfurt, die zufällig anwesend waren und eigentlich nicht der Gesellschaft angehörten, fragten bei Prosit nach, ob auch sie in die Einladung eingeschlossen seien; was dieser bejahte. Am fraglichen Tag waren alle überpünktlich und neugierig erschienen… nur von den fünf jungen Leuten fehlte jede Spur.

 

Die Erzählung legt prompt den Vergleich zu Edgar Ellen Poe nahe. Eigentlich hatte FP mit solcher Art Literatur nichts zu tun haben wollen, aber er hatte unter eigenem Namen Poes Gedicht „The Raven“ ins Portugiesische übertragen; die Übertragung der Poe’ schen Prosa überließ er – unter anderem – seinen Heteronymen. Insofern muss man bei FP die Kenntnis des Genres voraussetzten… und dass es einem Sprachgenie wie es FP ein Leichtes war (auch) diesen Stil zu beherrschen, erscheint mir eine Selbstverständlichkeit.

 

 

Kapitel II

 

„Die Stunde des Teufels“

Auch diese Erzählung wird einem Heteronym zugeschrieben, Charles Robert Anon, der aus einer der erwähnten Metamorphosen aus einem Anderen entwickelt hatte. Es ist mir nicht leicht diese Geschichte zu charakterisieren, da ich persönlich nicht sonderlich viel mit Esoterik am ominösen Hut habe. Und um genau dieses Thema geht es. Die Hauptperson ist nämlich der Leibhaftige höchst persönlich und er versucht die esoterischen Überzeugungen von FP in Worte zu kleiden. Ohne feste Strukturen, ohne einen definierten Anfang und ein festgelegtes Ende, wird eigentlich eine Ideengeschichte erzählt, in der der Teufel über die Geschichte der Welt und der christlichen Religion rätselt.

 

Eine Frau verließ den Bahnhof und stellt mit Erstaunen fest, dass sie sich plötzlich in der eigenen Straße, unweit ihres Hauses, befand. Sofort wollte sie ihrem Begleiter ihr Erstaunen mitteilen und musste im Umdrehen erschreckt feststellen, dass weder der Bahnhof noch ihr Begleiter da waren. Sie ging nach Hause und zog sich sofort in ihr Schlafzimmer zurück. Plötzlich erinnerte sie sich an ihren Sohn… diese Erinnerungen gleichen Sequenzen aus dem Neuen Testament, als der Teufel Jesus in Versuchung führen wollte, und die Art und Weise wie die Frau sich an ihren Sohn erinnerte, legt den Schluss nahe, dass es sich bei dieser Frau um Maria handelt.

 

Ähnlich wie er es bei Jesus getan hat, nimmt er sich jetzt seine Mutter vor. Was folgt sind recht amüsante Reflexionen über Religion, über Gut und Böse und über Gott und die Welt; dabei spricht der Teufel nicht allzu gern über Gott, da er diese Dinge als Familienangelegenheiten bezeichnet und über seinen Bruder nicht gerne reden mag. Er beschwert sich sehr über das was man ihm so alles nachsagt und einzig Shakespeare habe seine wahre Natur erkannt, als er ihn einen Gentleman nannte. Und ein Gentleman verführt keine Maria… bald kam jedoch ein Kind zur Welt.

 

„Die genaue und ergreifende Geschichte über den Conto Vigario“

Diese sehr kurze, aber sehr originelle, Erzählung ist nun die erste in diesem Buch, die mit dem Namen FP gezeichnet ist. Es geht um sehr schlecht gefälschte Banknoten, die man „keinem Blinden andrehen könnte“ und darum, wie man sie geldgierigen Leuten doch unterschieben kann. Mit der Bauernschläue die in dieser Geschichte zum Ausdruck kommt, identifizieren sich die Leute vom Land gerne…

 

„Czarkresko“

Auch diese Erzählung ist direkt FP zuzuschreiben, wenngleich in ihr eine Person das Wort ergreifen wird, die wiederum später von FP als ein in ihm erschienenes Heteronym bezeichnet wurde. Um eine oberflächliche Charakterisierung der Geschichte vorzunehmen, könnte es genügen, sie als die Geschichte vom verrückten Professor zu beschreiben, der skurrile Experimente durchführt. In diesem Fall, experimentierte dieser Professor mit einem Medium, um mit dem Totenreich in Kontakt zu treten, damit die Lebenden etwas über geschichtliche Personen oder historische Ereignisse erfahren können…

 

„Die Seidenrose“

Diese sehr kurze Fabel, wurde seinerzeit von FP in der Zeitschrift „O Journal“ veröffentlicht. Es geht um die vergebliche Suche nach einer realen Sache, die genauestens einer idealisierten Vorstellung entspricht. In dieser Geschichte sucht eine Seidenstickerin, die den Auftrag hat eine weiße Rose auf ein Seidentuch zu sticken, die ideale weiße Rose. Mal aber ist die gefundene Rose nicht weiß genug, mal nicht regelmäßig geformt. Schließlich stickte sie die Rose nach ihrer Vorstellung… und das Ergebnis war besser als die Realität.

 

„Eine Autolackierung“

Diese kurze Erzählung erschien lange nach dem Tod des Autors erstmals in einer Literaturzeitschrift und ist eine – für die Verhältnisse von FP – fröhlich zu nennende Geschichte, in der es darum geht, dass man von einem Menschen der einem Gutes will, trotzdem schlecht behandelt werden kann.

 

Kriminalgeschichten aus der Serie „Quaresma, der Dechiffrierer“

Die Kriminalgeschichten sind nicht einmal zu Lebzeiten des Autors nennenswert weit über das Planungsstadium hinaus gekommen. Insofern liegen diese Geschichten quasi als Fragmente vor. Um sie dennoch lesbar zu machen, haben kompetente Pessoa-Kenner sowohl kurze Einführungen in die erzählte Situation in den Text eingefügt und durch Zwischenerläuterungen die einzelnen Textfragmente miteinander verbunden. Diese  Geschichten werden wieder einem der Heteronyme zugeschrieben: Abilio Fernandes Quaresma.

 

Die drei Hauptpersonen der Kriminalgeschichten, die in bester Sherlock Holmes-Manier daher kommen, sind: Dr. Quaresma, im eigentlichen Beruf Zahnarzt, der sozusagen dem Prototypen der Detektive gleichzusetzen ist; Inspektor Guedes, der, in der oben genannten Analogie, die Rolle des Dr. Watson einnimmt; und eine Figur namens Tio Porco, in der sich offenbar der Autor in die Geschichte hinein schrieb. Die Geschichten im Einzelnen:

 

„Vorwort“

„Das schmale Fenster“

„Der Diebstahl auf der Quinta das Vinhas“

„Der verzauberte Brief“

 

Kapitel III

 

„Der Bankier als Anarchist“

Zum Schluss noch die paradoxe Geschichte eines Anarchisten, der Bankier wurde, um seine politischen Vorstellungen besser durchsetzen zu können. Diese Geschichte ist in zwei Fassungen im Buch enthalten: Die erste Fassung, die ursprüngliche, die 1922 in eine Zeitschrift in Lissabon veröffentlich wurde und eine Fassung, die FP in seinem Todesjahr neu fasste und redaktionell überarbeitet hat; was er auch einem Freund schriftlich mitteilte und somit die Urheberschaft in seltener Klarheit feststeht.

 

In dieser Geschichte begründet ein Bankier, dass er ein gründlicherer Anarchist sei, als es Umstürzler und Bombenleger sein könnten. Er habe zwar mit diesen Leuten die Auflehnung gegen alle Konventionen und gesellschaftlichen Formeln, sowie das Ziel der Abschaffung dieser Dinge gemeinsam, aber im Gegensatz ihnen, will er die freie Gesellschaft nicht mit Gewalt erreichen, sondern die gesellschaftlichen Zusammenhänge mit einer auf die praktischen Lebensumstände der Menschen gerichtete sog. direkten Aktion bekämpfen und sie dadurch überwinden.

 

Diese Aktionen sollten sich gegen die Repräsentanten der bürgerlichen Gesellschaft richten, diese aber natürlich nicht töten, sonders sie unterjochen und so zwingen, sich zu verhalten, wie es dem Bankier vorschwebte. Da er glaube, dass die machtvollste gesellschaftliche Konvention sich ums Geld dreht, will er so viel wie möglich an sich bringen und wird er Banker. Zudem glaubt er, dass er nicht nur für eine abstrakte Zukunft kämpfen kann, ohne  zunächst einmal sich selbst zu befreien; damit – meinte er – habe er sein Ziel erreicht und sein Teil für die Freiheit geleistet, alle anderen müssen es eben nur nachmachen. Fest stünde, dass er so die gesellschaftlichen Zustände verändert…

 

***

 

Nicht umsonst stelle ich meinen Besprechungen eine mehr oder minder ausführliche Beschreibung des Autors voran… in den meisten Fällen, geht nur aus dieser Kenntnis, ein gründlicheres Verständnis des Werkes hervor. Selbst wenn diese Behauptung ansonsten nie stimmen würde, trifft sie auf FP ohne Abstriche zu. Die in diesem Buch versammelten Erzählungen haben immer etwas mit der Programmatik der vielgestaltigen Person zu tun, die FP nun mal war: Er wollte Originelles schaffen, er erzeugte seltsame „Kinder“, er brachte listenreich „falsche Banknoten“ unter die Leute, er arbeitete wie im Fieber, materialisierte seine Vorstellungen und war ein Querdenker… und mit der letzten Erzählung, schließt sich auch der Kreis zu meiner Einleitung.

In meiner Besprechung zu „Algebra der Geheimnisse“ schrieb ich: „Oft ist diese vielschichtige Persönlichkeit als Schizophrenie gedeutet worden, und vielleicht geht das nicht mal in die falsche Richtung, denn er litt – wie er sich selbst bescheinigte – unter einer Art Neurasthenie, und schließlich sind da noch die Visionen von Astralleibern und sein Röntgenblick, die er in seiner ‚mystischen‘ Phase beschrieb. Ob das nun Wahnsinn war oder nicht… Sagt man nicht auch, dass Wahnsinn und das Genie nah beieinander liegen? Und vielleicht war er auch einfach nur so überragend genial, dass es ihm nicht genügte eine Person zu sein… dass er ein für uns normal-genialen Leute undurchschaubares Spiel spielte. Das macht es, meiner Meinung nach, auch letztlich unmöglich, eine Deutung seines Gesamtwerkes vorzunehmen.“

 

Schon seit vielen Jahren beschäftigt mich FP… genauer, seit ich vor über zwanzig Jahren „Das Buch der Unruhe“ las. Ich habe mich lange sowohl mit diesem Buch, als auch mit seinem Autor abgeplagt, ohne rechten Zugang zu ihm zu finden. Erst in der Heimat des Autors gelang es mir, den verborgenen Zugang zu entdecken. Heute würde es mir leichter fallen, da ich mit „Die Stunde des Teufels“ ein sehr viel leichter verständliches Werk von FP in Händen halte. Nichts desto weniger ist die Beschäftigung mit FP, mithin das Lesen seiner Literatur, schwierig genug, aber – jedenfalls für Interessierte – sicher von großem Reiz. Immerhin beschäftigen wir uns mit einem Stück Literaturgeschichte.

 

Vor genau zwanzig Jahren stand ich im Herzen des portugiesischen National-Denkmals, dem Kloster des heiligen Hieronymus in Lissabon, erstaunt vor einem Denkmal für offenbar vier Menschen. Welche Menschen – um Himmelswillen – konnten für Portugal so wichtig sein, dass man ihnen sozusagen ein Denkmal auf dem Denkmal setzte? Es ist das Denkmal für Fernando Pessoa…und für seine Heteronyme Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos. Für mich ist jedes Buch, das mir einen Menschen näher bringt wichtiger als ein Denkmal aus Stein… und jedes Buch das mir FP näher bringt, bedeutet mir ein größeres Verständnis für meine zweite Heimat Portugal.
Um zu beschreiben was die Lektüre des Meisters für mich ist und damit zu Protokoll zu geben, wie ich persönlich beim Lesen empfinde, möchte ich zum Abschluss FP selbst zu Wort kommen lassen, der über Literatur im Allgemeinen, und seine Literatur im Besonderen, sagte: „Die Literatur, die eine mit dem Denken vermählte Kunst und eine Verwirklichung ohne den Mangel der Wirklichkeit ist, scheint mir das Ziel zu sein, das jede menschliche Anstrengung ansteuern sollte, wenn sie wahrhaft menschlich und nicht Überrest der Tierhaftigkeit wäre. Ich glaube, eine Sache ausdrücken heißt ihre Kraft bewahren und ihr den Schrecken zu nehmen. Sich bewegen heißt leben, sich aussagen heißt überleben.“ Und wie er überlebte!

 

 

Wilfried John

 

 

Fernando Pessoa

Die Stunde des Teufels

281 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Ammann – Aus Oktober 1997

ISBN: 3-2501-0381-0

10,90 €

 

PS: Ich war über Weihnachten und Neujahr mal wieder in Portugal. Während es bei uns Brauch ist, Freunden und Bekannten alles Gute fürs neue Jahr zu wünschen, wünschen sich die Portugiesen: So viel Gesundheit wie möglich… und so viel Glück wie man braucht. Das ist mir sehr viel sympathischer als dieses überschwängliche ALLES GUTE, das man sich hierzulande wünscht. Also, ich wünsche ich allen meinen treuen Leserinnen und Lesern fürs kommende Jahr auf portugiesisch…

 

Nachsatz: Als Informationsquelle über die Vorgänge im Europäischen Parlament diente mir die Adresse: http://www.europaradio.info/component/option,com_jimtawl/task,show_news/id,1064