Fernando Sorrentino „Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren“

Das Lachen und die Wirklichkeit

Pro: Die Entdeckung eines meisterlichen Erzählers

Kontra: Leider nur ein dünner Band


Wirklichkeit. Manche Bezeichnungen strahlen eine Selbstverständlichkeit aus, die, bei Lichte betrachtet, nicht mehr viel von dieser vordergründigen Selbstverständlichkeit übrig behalten. Denn schon die einfache Frage heutiger, von Propaganda und falschen Versprechungen entnervter, einfacher Menschen (ob jung oder alt), ob man z.B. den Bildern im Fernsehen noch trauen könne, wirft das Problem auf, ob man den Begriff Wirklichkeit sozusagen als Inbegriff alles Wirklichen betrachten muss, oder ob es lediglich eine Bezeichnung für das Wirklichsein eben dieser Bilder ist.

Ist die Wirklichkeit also nur etwas schon Verwirklichtes, eine Tatsache, etwas Existierendes und also der Gegensatz der Wirklichkeit, die Möglichkeit, keine Wirklichkeit mehr? Oder ist etwas schon dann wirklich, wenn es – wie es die deutsche Übersetzung des lateinischen Wortstamms actualitas nahe legt – eine Wirksamkeit hat? Wie wir wissen, kann auch eine Drohung durchaus eine Wirkung haben, wobei die Wirkung ja gerade darin liegt, dass das Ereignis noch nicht eingetreten ist, bzw. dass man ein bestimmtes Ereignis willentlich eintreten lassen könnte. Dabei könnte man ja noch sagen, dass die ausgesprochene Drohung ja bereits eine Art Wirklichkeit sei…

Etwas anderes ist es dann, wenn uns von einen Kartell von im Hintergrund agierender Geldgeber und, von ihnen bezahlten, prominenter Protagonisten scheinbare Fakten – wobei es sich lediglich um für sie wünschenswerte Zukunftsmodelle handelt – solange für bare Münze verkauft werden, dass sich langsam aber sicher eine Lage herausbildet, in der sich Menschen finden, welche die wünschenswerten Zukunftsmodelle für die Wirklichkeit halten und auf dieser Basis Entscheidungen treffen, die letztlich aus den gefakten Fakten Wirklichkeit werden lassen. Zu kompliziert? Nun, die aktuelle Situation in Deutschland ist genau so ein Fall…

Da gründen die Arbeitgeberverbände ein Institut namens INSM ( Institut Neue Soziale Marktwirtschaft ), statten es für die ersten zehn Jahre mit 100 Millionen Euro aus, beauftragen eine Werbefirma ( berolina.pr in Köln), versammeln prominente „Aushängeschilder“ ( sog. Botschafter ) und machen munter Propaganda für ihre Sache. Das allein wäre ja nicht weiter schlimm… man könnte die Sache (die ja keine Sache im Eigentlichen ist) als solche erkennen und sich kopfschüttelnd abwenden. Aber der Fall liegt anders… Diese sog. Botschafter sind Unternehmensberater wie Roland Berger, Politiker aus allen Parteien, Manager, Medienfachleute und Werbestrategen. Sie geben Interviews, schalten Anzeigen, machen Filme, gehen ins Internet oder in den Hörfunk – Integrierte Kommunikation nennt man das.

Sie werden Stammgäste in bekannten Talk-Shows willfähriger Journalisten (Christiansen, Illner) und bringen ihre Themen auf die politische Tagesordnung. Diese Kampagnen werden von einer Werbeagentur designt (Scholz & Friends in Berlin) und es stört die stolze freie Presse nicht, dass die Grenzen zwischen Journalismus (dabei sagte ich nicht mal kritischen Journalismus) und Werbung verschwimmen. Man nennt das dann Medienpartnerschaften… Renommierte Zeitungen wie „Wirtschaftswoche“, „Impulse“, „Handelsblatt“, „Focus“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ oder auch „Hör Zu“ verkaufen sich für die berühmten Silberlinge. Andere Zeitungen haben nichts Besseres zu tun, als aus solchen Sendungen oder aus Verlautbarungen der genannten Presse unkritisch zu zitieren… und so wird die Meinung flächendeckend verbreitet.

Obendrein hat der INSM auch eine stattliche Riege von Professoren für sich gewinnen können… die versorgen den Verein nicht nur mit Wissen und spenden ihm ihre Reputation, sondern sie sorgen an ihren Lehrstühlen auch für gleichgesinnten Nachwuchs und diskreditieren alle Gegenentwürfe als unwissenschaftlich und/oder ewig gestrig und/oder per se untauglich. So erreicht die INSM das was sie möchte… einen Meinungsumschwung in der Bevölkerung, Druck auf die Politik (die, bis auf ein paar Halsstarrige, kaum noch Druck braucht, da man sie schon unterwandert hat), ihr Erscheinungsbild vom Ausbeuter zum sozialen Wohltäter zu verwandeln, die natürlich nur unser Bestes wollen.

Mittlerweile sind die vom INSM erfundenen Slogans „Sozial ist was Arbeitsplätze bringt“, „Gewerkschaften sind Saurier“ oder „Wir brauchen noch mehr Reformen“ schon fast zum Allgemeingut geworden… ohne auch nur im Ansatz auf Richtigkeit geprüft oder kritisch hinterfragt zu werden. Stattdessen werden wir auf (ihre) Linie gebracht… und viele Menschen beginnen tatsächlich zu glauben, wir könnten uns einen sozialen Staat nicht mehr erlauben, dabei wollen sie doch nur das bei den Bedürftigen Eingesparte, auf Umwegen in die eigene Kasse stecken. Das ganze Manöver hat die Wirkung eines Raubüberfalls… und wohin das führt, konnten wir letztes Jahr in Argentinien beobachten (siehe auch bei Brennender Zaster von Ricardo Piglia).

Was also ist die Wirklichkeit? Hegel meinte, Wirklichkeit bestünde nur aus jenem Teil der tatsächlichen Welt, der mit ihr in seinem Wesen (seiner Idee) übereinstimme. Und weil er das Wesen mit Vernunft gleichsetzte, konnte er den Satz formulieren: „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Aber der berühmte Mann hatte leider noch nichts von der INSM wissen können… Ein Mann der vielleicht auch nichts von diesem Verein weiß, der sich allerdings mit der Geschichte Argentiniens bestens auskennen dürfte, und der obendrein hinter dem Phänomen der Wirklichkeit her ist, ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller argentinischer Literatur: Fernando Sorrentino (FS). Er sagte einmal, dass ihn solche Literatur fasziniere, die mit Zauber, Fantasie, Humor und Verrücktheit aus der vordergründigen Alltagswelt, eine absurde und groteske Gegenwelt schaffe. Er sollte nicht so bescheiden sein… denn er selbst schreibt solche Literatur par exelance und legte mit dem Erzählband „Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren“ ein Buch vor, das obendrein so humorvoll ist, dass man zuerst herzhaft lachen möchte, wobei dann doch immer die Möglichkeit besteht, dass einem ein ums andere Mal, das Lachen im Halse stecken bleiben wird.

FS wurde 1942 in Buenos Aires/Argentinien geboren… er lebt noch immer in diesem Land, dieser Stadt, wo er Literatur unterrichtet und schreibt. Leider war für mich über seinen Lebenslauf sehr wenig in Erfahrung zu bringen und so kann ich dem hier vorzustellenden Buch leider keine biographischen Daten voranstellen… die, meiner Auffassung nach, für das Verständnis des Werkes unbedingt erforderlich sind. Im Nachwort des Buches, um das es in dieser Besprechung gehen soll, steht zu lesen, dass er schon als junger Mann zu schreiben begonnen hat. Wenn er also schon früh für die Literatur geistig reif genug war, dann muss man voraussetzten, dass ihm die politischen Verhältnisse in seinem Land nicht verborgen geblieben sein können. Letztlich kann man vermuten, dass sich diese Verhältnisse (Militärputsche und Peron-Diktatur) – wie bei der gesamten Generation – auf seine Sozialisierung ausgewirkt haben müssen.

Er arbeitete in verschiedenen Verlagen und war selbst Herausgeber von Anthologien, er schrieb Beiträge für die Feuilletons überregionaler Zeitungen und Kinderbücher, es liegt ein Roman von ihm vor (leider noch nicht in Deutsch) und er machte sich vor allem einen (auch international) klangvollen Namen mit zwei Interview-Büchern mit den Ikonen der argentinischen Literatur Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Das persönliche Verhältnis von FS und den politischen Machthabern lässt sich nicht so einfach bestimmen. So z.B. sind seine Texte nie der in Argentinien über lange Zeit von Militärs und Diktatur extensiv ausgeübten Zensur zum Opfer gefallen… wobei FS selbst sagt, dass erstens seine Literatur per se nicht zensierbar sei und er, zweitens, ja schließlich auch keine politischen Texte schriebe.

Doch eingedenk der in Argentinien allgegenwärtigen traumatisierenden Erfahrungen von Willkür und Folter, von Machtmissbrauch und Gewalt, und eingedenk der in seinen Texten eingearbeiteten Allegorien und den skurrilen Darstellungen von Unterdrückung und Indoktrination, scheint mir als Bezeichnung für die Haltung des Autors gegenüber den Machthabern das Wort subversiv angebracht. Anders ist es auch kaum zu erklären, warum keine einzige der, in sechs Bänden erschienen, ca. 100 Erzählungen angegriffen wurden… es sei denn, man möchte den Militärs Fantasielosigkeit, Borniertheit, Dummheit und das Tragen von Scheuklappen nachsagen (was ja sicher nicht ohne weiteres ganz falsch wäre). Das ist umso erstaunlicher, da FS oft die Themen Macht, Herrschaft, Abhängigkeit, Übermacht der Bürokratie und des Staates untersucht.

FS wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und es muss uns eigentlich verwundern, dass er hierzulande noch (fast) völlig unbekannt ist, zumal schon 1988 eine Sammlung seiner Erzählungen selbst in den USA veröffentlich wurde. Vielleicht liegt es daran, dass FS nicht so schreibt, wie es die Leserschaft hierzulande von lateinamerikanischen Autoren erwartet. Seine Erzählungen sind nicht im Stile des Magischen Realismus verfasst… es finden sich darin auch keine Versatzstücke typischer südamerikanischer Klischees… auch von einer exotischen Natur, Abenteuern und/oder Abenteurern ist darin nicht die Rede… und in seinen Erzählungen werden wir auch nicht politisch agitiert… Vielmehr geht es FS offensichtlich darum uns zu verwirren. Der Autor treibt sein eigenes Spiel mit der Realität und beteiligt uns in diesem Spiel mit unseren Annahmen von Realität.

In „Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren“ geht das Spiel geht so: In allen Erzählungen nimmt uns ein Ich-Erzähler in eine ganz normal anmutende Situation mit. Die Ansichten dieses Erzählers scheinen zunächst vernünftig und logisch, was es den Leserinnen und Lesern ermöglicht, sich auf das Spiel einzulassen. Doch das Vertrauen in den Erzähler und seine Vernunft und Logik gerät nach und nach ins Wanken, seine Glaubwürdigkeit wird fadenscheinig, je länger wir seiner Geschichte unsere Akzeptanz angedeihen lassen. Letztlich wird der vordergründigen Normalität der Boden entzogen… unsere Vorannahmen von der Wirklichkeit werden zerrüttet und so verliert man nach und nach den Glauben an das, was wir als gültige, feststehende Gewissheiten hatten.

FS versammelt im vorliegenden Buch Erzählungen aus fast 30 Jahren seines Schaffens und ich bin geneigt zu sagen, dass man das den Geschichten anmerken kann. In chronologischer Ordnung (von 1969 – 1994) sind 14 Erzählungen in den Band aufgenommen und wenn die ersten noch von duftiger Lockerheit sind, so scheinen die letzten von einem eher desillusionierten Autor zu stammen… was schließlich, ob der Lebenswirklichkeit in Argentinien, auch nicht erstaunen wird. Aber wenngleich diese Stimmungslagen auch bemerkbar sind, so behalten die Erzählungen dennoch ihre hervorragende Qualität und folgen immer den von Autor festgelegten Regeln. Um einen kurzen Überblick über die Inhalte der Erzählungen zu geben, möchte ich im Folgenden jede einzeln kurz beleuchten:

Mein Freund Lucas

Ein imaginärer Erzähler, von dem man sofort annimmt, dass es sich um den Autor handelt, berichtet uns einfühlsam von einem seiner Freunde… eben diesem Lucas. Aus der Beschreibung tritt ein sehr durchschnittlicher, eher schüchterner, ängstlicher, unscheinbarer Mensch hervor, der nicht ernst genommen wird… einer jener Menschen, dem man mit Vorliebe Streiche spielt, weil man darauf vertrauen kann, dass er es sich gefallen lassen wird.

Lucas ist mit einer herrischen Frau verheiratet, die ihm gehörig auf der Nase herumtanzt und hat einen groß gewachsenen, blonden Sohn (der Erzähler fragt sich, wie Lucas den wohl zustande gebracht hat), der, was Temperament und Charakter betrifft, ganz nach seiner Mutter kommt.

Lucas arbeitet bei einem halsabschneiderischen Kaufmann für ein kümmerliches Gehalt, mit dem er die Familie ernährt. Er lässt sich eine Gehaltskürzung ebenso gefallen, wie die steigenden Ansprüche seiner Frau, lieber verzichtet er auf die eigenen kargen Vergnügen…eine Tageszeitung. Das alles erträgt er mit einer offenbar grenzenlosen Gelassenheit. Nachdem wir schon zu staunen beginnen, wie dieser Mensch imstande ist diese Gelassenheit aufzubringen, berichtet uns der Erzähler von einer außergewöhnlichen anderen Seite von Lucas…

Warten auf eine Erklärung

Diesmal erzählt ein Mann von seiner eigenen Situation und schon sein erster Satz lässt einem die Haare zu Berge stehen: Ich werde von einer Mücke beherrscht. Offenbar hat dieser Mann eine solche Angst vor dieser Mücke, dass er ihr gegenüber sogar so etwas wie Dankbarkeit zeigt, weil sie ihre Macht über ihn (bisher) nicht missbrauchte.

Diese Mücke sitzt den lieben langen Tag über dem Rahmen eines Ölgemäldes, das an der Esszimmerwand hängt. Ihr scheinbar zielloses Umherfliegen im Haus, wird von diesem Mann natürlich völlig durchschaut: Es ist ein Inspektionsflug durch ihren Machtbereich! Sie soll sich nur nicht einbilden, dass er das nicht durchschauen würde…

Dieser Zustand der Unterjochung, den der Mann gezwungen ist zu ertragen, dauert nun schon seit zwanzig Jahren an… wiewohl er weiß, dass Mücken eigentlich nicht sehr lange leben, ist er sich nicht sicher, ob es sich bei dieser nicht doch anders verhält…

Da ist ein Mann, der die Gewohnheit hat, mir mit einem Schirm auf den Kopf zu schlagen

Auch in dieser Geschichte erzählt ein Mann von sich selbst und die Überschrift ist auch gleichzeitig der erste Satz der Erzählung. Jetzt sollte man nicht denken, dass es sich vielleicht um eine kurze Begegnung handelt, bei welcher der Mann mit dem Schirm seiner Gewohnheit frönt; nein, diese Situation dauert seit fünf Jahren an.

Der Berichterstatter schildert das Zustandekommen der ganzen Situation, stellt Betrachtungen über seinen Quälgeist an und sinniert über mögliche Konsequenzen, wenn er sich diesen einfach vom Leib schaffte.

Aus Angst, die Konsequenz könnte etwas Unaussprechliches sein, arrangiert sich der Erzähler lieber mit dem absonderlichen Zustand und versucht dem Ganzen auch noch eine nützliche, positive Seite abzugewinnen; was er auch scheinbar mühelos schafft…

Imponiergehabe

Wieder erzählt ein direkt Betroffener. Diesmal geht es darum, wie es in einer beliebigen Stadt, einer beliebigen Strasse, einem beliebigen Wohnhaus dazu kam, dass sich Nachbarn mit dem Besitz von Haustieren zu übertrumpfen suchen…

Für die Gäste nur das Beste

In dieser Erzählung geht es um ein Thema, das wie das in der vorigen Geschichte, den meisten Leserinnen und Lesern nicht ganz unbekannt sein dürfte: Es geht um Menschen, die sich uns ungebetener weise an den Hals werfen sich, aufdrängen. Aber es geht auch um gesellschaftliche Konventionen, denen man zwar nichts abgewinnen kann, an die man sich aber – zwar widerstrebend, aber dann mit freundlichem Gesicht – letztlich doch hält, weil man ja nie weiß…

Hier allerdings erzählt ein Mann, wie seine Frau und er sich gegen die Konvention auflehnen, in dem sie zwar den Konventionen (es geht um Einladungen zu Festen…) gegen den Strich bürsten, es aber nicht fertig bringen, sich von ihnen zu befreien. Im Gegenteil. Sie beginnen ein Doppelspiel: Sie entschädigen sich einerseits für den gesellschaftlichen Zwang, in dem sie sich gegenüber eigenen Gästen genau im Gegenteil zur Überschrift verhalten und verhalten sich formvollendet, wenn sie selber eingeladen sind. Das ruft wiederum Leute auf den Plan, die sich freuen würden, von diesem vorbildlichen Paar eingeladen zu werden…

Ein erhellendes Buch

Jemand, es ist nicht erkennbar ob Mann oder Frau, erzählt uns vom einem Buch. Es ist das Buch eines Biologen und Verhaltensforscher namens Dr. Ludwig Boitus, der über das bislang fast völlig unbekannte Sachgebiet der assimilierenden Anziehungskraft von Stelzvögeln schreibt. Dass es sich weder bei dem Buch noch bei dem Federvieh um tatsächlich existierende Dinge handelt wird zwar recht schnell klar, aber die Erzählung ist so skurril, dass uns diese Erkenntnis nicht vom weiteren genüsslichen Lesen abhält. Vielleicht muss ich das nicht extra hervorheben, diese Erzählung ist mein Favorit ist…

Das Reich der Cotorritas

Wieder ist der berühmte Dr. Ludwig Boitus am Werke. Dieses Mal geht es um Insekten, deren Name in der Überschrift zu finden ist. Diese fliegenden Quälgeister, die ansonsten völlig harmlos sind, verhalten sich einfach nur blöd. Während sich z.B. Kakerlaken nicht einfach so erledigen lassen, weil sie durch Flucht der auf sie herabfallenden Klatsche zu entgehen suchen (was vernünftig scheint…), zeigen die Cotorritas in ähnlicher Situation keinerlei Fluchttendenzen.

Dr. Ludwig Boitus fragt sich nun, ob das Verhalten der Cotorritas wirklich unsinnig ist. Aber er hält sich nicht lange bei der Frage auf, sondern er gibt sich gleich anschließend selbst die Antwort…

Wie man Skorpione bekämpft

Wie von einer Selbstverständlichkeit, erzählt uns (scheinbar ein Mann), dass alle Welt überrascht, verängstigt oder gekränkt die Vermehrung von Skorpionen zur Kenntnis nimmt und Buenos Aires von einer Plage dieser Spinnentiere heimgesucht wird. Er zählt ein paar traditionelle Methoden der Bekämpfung dieser Tiere (z.B. Gift oder natürliche Fressfeinde), die allerdings erbärmlich scheiterten.

Nun hebt dieser Mann an, uns seine – von ihm selbst entwickelte – Methode zu erläutern, die er, ohne – wie er beteuert – sich etwas darauf einzubilden, für die einzig mögliche Methode zur Bekämpfung der Skorpionplage hält. Das grundlegende Prinzip sei, die Skorpione nicht merken zu lassen, dass wir ihre Feinde seien und sie nicht offen anzugreifen, sondern immer wieder einmal (wie zufällig) einige Exemplare zu Tode zu bringen. Er ist sich zwar zum Schluss der Erzählung nicht ganz sicher, dass er mit dieser Methode der Subversion vollen Erfolg haben wird, aber er meint, es sei ihm noch nichts besseres eingefallen…

Unbegründete Ängste

Ein Mann, der sich selbst als nicht sehr umgänglich beschreibt und gesteht, dass er manchmal seine Freunde vernachlässigt, besucht einen Freund, den er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Dieser Freund leidet unter – wie der Mann meint – ehr unbegründeten Ängsten. Als er ihn das letzte Mal besucht hatte, war dieser Freund in eine Situation geraten, die sein Leben entscheidend veränderte.

Eine Spinne krabbelte ihm innen das rechte Hosenbein hoch. Er war vor Angst (alle Spinnen sind giftig) plötzlich wie gelähmt und außerdem glaubte er zu wissen, dass die Spinnen nur dann beißen, wenn sie sich bedroht oder gestört fühlen. Also blieb er erst mal fünf bis sechs Stunden reglos stehen und hoffte darauf, dass das Tier einfach verschwände wie es gekommen war.

Aber nichts da, das Tier fühlte sich offenbar so wohl, dass es sich in seiner Kniekehle häuslich einrichtete. Alle Versuche und Vorschläge der Familie und seiner Freunde das Tier loszuwerden, lehnte der Ängstliche mit der Begründung ab, dass es ihn dabei erwischen könne und er lieber warten würde, bis die Spinne von selbst ginge.

Zweiundzwanzig Monate später, man hatte den Angsthasen mittlerweile mit einer stützenden Mauer umgeben, versuchte der Erzähler, seinen Freund davon zu überzeugen, dass die Spinne doch in der Zwischenzeit verstorben sein…

Das Ganze und der Teil

An einem 25. Juli bemerkte ein an einer Schreibmaschine arbeitender Mann, dass am kleinen Finger seiner linken Hand eine flache Warze gewachsen war. Am 27. erschien sie ihm größer geworden und am 3. August stellte er mit Hilfe einer Lupe fest, dass die Warze die Form eines Elefanten hatte. Dieser winzige Elefant hing mit seinem Schwanzende an seinem kleinen Finger.

Die Freunde die ihm rieten einen Arzt aufzusuchen, wurden sofort gemieden und stattdessen, sorgte der Mann dafür, dass sich der Elefant entwickelte. Der Elefant wuchs und wuchs, bis das ehemals kaum zu bemerkende Teil größer war, als das ehemalige offensichtliche Ganze. Die Verhältnisse hatten sich verkehrt…

Die Lämmerjustiz

Ein Mann erklärt uns, dass – wie aus vertrauenswürdigen Quellen zu erfahren sei – in verschiedenen Vierteln Buenos Aires die Lämmerjustiz immer häufiger auftrete. Wie aus dem Nichts sollen fünfzig Lämmer auftauchen, die ein offenbar vorher feststehendes Opfer in wenigen Sekunden mit haut und Haaren verschlingen. Viele Menschen seien wegen der Lämmerjustiz in Sorge und wünschten, dass es die Lämmerjustiz gar nicht gäbe. Doch der Mann bezeichnet diese Besorgten als einfach strukturiert, wenig intelligent und als unfähig zum Nachdenken.

Durch Nachdenken – meint er – käme man nämlich darauf, dass dem Verhalten der Lämmer ein System zu Grunde läge. Er hatte die ersten hundert Fälle analysiert und durch Befragung der Verwandtschaft der Toten festgestellt, dass diese es irgendwie hatten kommen sehen. Dann war er sich sicher, dass es alsbald seinen ausbeuterischen Auftraggeber treffen würde…

Nach Recht und Gesetz

Ein der Großstadt überdrüssiger Mann zieht in ein Dorf. Dort führte er ein zwar karges, aber doch einigermaßen zufriedenes Leben. Auch wenn er als Puppenmaler für eine Spielzeugfabrik ein nicht gerade üppiges Gehalt bezog, so hatte er doch ein relativ unabhängiges Leben. Eines Tages bekam er Besuch von zwei Männern, die offenbar mächtige Leute im Dorf waren, denn sie ernannten den Protagonisten der Erzählung kurzerhand – sogar gegen seinen Willen – zum Generalrichter; dass er dafür ein fürstliches Gehalt bekommen sollte, milderte seine ursprüngliche Abneigung gegen das Amt und ließ es ihn schließlich annehmen.

Lange Zeit passierte im Dorf einfach gar nicht und er bekam sein Gehalt offenbar für den Müßiggang. Doch eines Tages musste er den einfachen Fall eines Erbschaftsstreits schlichten, der ihm allerdings klar vor Augen führte, dass er keine Ahnung vom Richteramt hatte und es eigentlich abzugeben hatte; er hielt aber an ihm fest…nicht zuletzt auch deswegen, weil diejenigen die ihm das Amt übertragen hatten, sehr zufrieden mit seiner Entscheidung waren.

Dann erzählt uns dieser Generalrichter von seltsamen Vorkommnissen, von eigenartigen Entdeckungen in der Umgebung, einem Erlebnis mit seinem Vorgänger im Amt und schließlich einem sehr eindeutigen Fall von Diebstahl… der ihm letztlich zu einer Art Verhängnis wird, wie er es sich hätte nicht vorstellen können.

Die Geschichte von Jose Montilla

In dieser Erzählung geht es darum, wie ein Mann an seiner Halsstarrigkeit zu Grunde geht, obgleich er über Alternativen hätte verfügen können. Andere Menschen, die diese Möglichkeit erst gar nicht haben, gehen dennoch nicht unter…

Aufzeichnungen des Ingenieurs Sismondi

Diese Erzählung hat nun wieder einen Ich-Erzähler. Er erzählt uns von einer Stadt, die überall auf der Welt offenbar sehr bekannt ist, denn er macht sich über die Touristen lustig, die sehr viel Geld für die Besichtigung dieser Stadt ausgeben. Doch obwohl er sich darüber lustig macht, nütze er die Gelegenheit, als er gerade in der Nähe war, die Stadt zu besuchen.

Schon aus der Beschreibung der Anlage dieser Stadt, schlich sich mir ein seltsames Gefühl in den Geist und ich fühlte mich ein wenig an Kafkas Prozess erinnert. Und in der Tat, so geht die Geschichte auch weiter… wenn natürlich auch sehr viel skurriler und (noch) einigermaßen amüsant…

Mit FS ist dem deutschen Lese-Publikum ein Schatz gehoben worden und mit der Sammlung seiner Erzählungen in „Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren“ präsentiert uns der Hainholz-Verlag einige Juwelen aus diesem Schatz. Ich fühlte mich jederzeit köstlich unterhalten und konnte mit diesem Lateinamerikaner mit dem klaren, so gar nicht typisch lateinamerikanischen Stil, einen Vertreter der Zunft kennen lernen, dem es scheinbar mühelos gelingt, mich in seinen Bann zu ziehen. Gleichzeitig ist dieses Buch eine wunderbare Einführung in das Schaffen eines zeitgenössischen argentinischen Schriftstellers, der wahrlich aus dem ominösen Rahmen fällt.

Der skurrile Erfindungsreichtum, die Hintergründigkeit, die Sarkasmen, die Ironie, gepaart mit der meisterhaften Beherrschung der literarischen Form der Erzählung, machte für mich  das Lesen dieses Erzählbandes zu einem kurzweiligen und dennoch anspruchsvollen Vergnügen. Auch wenn (oder gerade weil…) FS seine Themen aus den Eitelkeiten und den Dünkeln der Mitmenschen gewinnt, kam mir so manches seltsam bekannt vor, ohne dass jedoch seine Erzählungen ihren Überraschungseffekt verloren. Die oft wiederkehrenden Beispiele von der Mittelmäßigkeit des Alltags und der lähmenden Stumpfheit denkfauler Mitmenschen, wurden zwar köstlich der Lächerlichkeit preisgegeben, aber ohne diesen Leuten die Gelegenheit zu geben, auf den Autor böse sein zu können.

Schließlich möchte ich nicht verhehlen, dass mich diese sehr spezielle Art – auf den ersten Blick nicht zu erkennenden – politischen Texte oft haben schmunzeln lassen; schmunzeln, ob der Borniertheit und der geistigen Trägheit der ehemaligen argentinischen Militär-Bürokratie, die nicht erkennen konnte, mit meisterhaften Frechheit FS gegen sie anschrieb. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Gewalt gegen Humor eigentlich nicht ankommen kann, dann läge er mit „Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren“ vor. Dabei ist für mich das Buch sehr viel mehr als eine Sammlung lustiger Geschichten. Indem FS uns mit seinem Humor in die Irre führt, lässt er uns auch gleichzeitig einen Blick auf das werfen, was wir von der Wirklichkeit oft nicht sehen (wollen oder können): Die Mechanismen der Macht.

Allerdings stellt das FS so dar, dass es sozusagen immer in der Blickrichtung von unten nach oben zu sehen ist. Er macht mit diesem schmalen Auszug aus seinem umfangreichen Werk klar, wie er die Wirklichkeit sieht. Erst wenn wir eine Situation als unabänderlich akzeptieren, ermöglichen wir denjenigen die Herrschaft, die diese Situation herbei führten oder anstreben. Wo sich niemand unterwirft, entsteht auch keine Macht. Lesen wir also das Buch so… und lachen wir über die dürren Versuche, den menschlichen Reichtum aus Witz, Mitmenschlichkeit, Solidarität und Lebenslust in ein System aus Kostenrechnung und Rentabilitätsphantasien zu pressen. Lachen wir also über solche, die uns mit großer Ernsthaftigkeit und scheinbarer Seriosität versuchen ihre Welt für die unsere zu verkaufen.

Wilfried John

Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren

Fernando Sorrentino

159 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Hainholz – Aus 2001
ISBN: 3-9326-2277-4

15,- Euro

Weitere Infos zum Medienkartell:

www.gesteuerte-demokratie.de

und

www.attac.de