Fernando Vallejo „Die Madonna der Mörder“

Im innersten Kreis der Hölle

Pro: Eine Leiche auf jeder Seite… eine Gotteslästerung jedes Kapitel…

Contra: Nichts für zarte Gemüter. Mit den Fäusten geschrieben.

Kartell. Ich bilde mir ein, dass ich über einen fundierten Sprachschatz verfüge – wozu es natürlich auch gehört, dass man die Bedeutung der benutzten Worte kennt. Aber es erstaunt mich dennoch regelmäßig, wenn ich bei einem Wort zur Kenntnis nehmen muss, dass es in meinem Kopf spontan ein völlig anderes Bild erzeugt, als ich es, der Bedeutung des Wortes gemäß, erwartet hätte. In diesem Falle wunderte ich mich, wie sehr bei mir das Wort Kartell mit der (ehemaligen) Hauptstatt des Verbrechens, Medellin/Kolumbien, besetzt ist (siehe *1). Vielleicht ergeht es ja nur mir so, da ich mich, intensiver als andere, mit Lateinamerika beschäftige…

 

Süffisanterweise halte ich des Wortes eigentliche Bedeutung für ebenso wenig fein, wie die Tätigkeiten von Drogenbaronen: Kartelle sind Vereinbarungen rechtlich und wirtschaftlich selbständiger Unternehmen, mit dem Ziel, durch Absprachen z.B. von Preisen (also dem stillschweigenden Verzicht auf Konkurrenz), die Märkte zu schröpfen. Nach dem Kartellgesetz sind in der BRD Wettbewerbsbeschränkungen durch Verträge (insbesondere über Mindestverkaufspreise) verboten. Von diesem generellen Kartellverbot gibt es, dank dem eifrigen Bemühen bestimmter Lobbyisten und dem wirtschaftsfreundlichen Wirken der FDP, jedoch zahlreiche Ausnahmen. Erlaubt sind beispielsweise: Konditionskartelle, Rabattkartelle oder Spezialisierungskartelle.

 

Die fortschreitende Konzentration der Wirtschaft und die damit verbundenen Wettbewerbsbeschränkungen konnten mit gesetzlichen Mitteln nicht verhindert werden, da durch Widerstände von Interessengruppen im Gesetzgebungsverfahren zum Kartellgesetz bis 1973 jegliche Überwachung verhindert und bis heute eine nur ungenügende Überwachung zugelassen wurde. Darüber hinaus entziehen sich natürlich die weit verbreiteten sog. unverbindlichen Absprachen der Unternehmen (Frühstückskartelle genannt) weitgehend der Kontrolle durch das zuständige Bundeskartellamt; was oft – aber nicht nur – an den Zapfsäulen der Tankstellen spürbar ist. Hinzu kommt, dass dieselben Leute, die eine effektive Überwachung verhinderten, seit Jahren durch fortgesetzte Forderung nach Privatisierung großer öffentlich/rechtlicher Strukturen (z.B. Bahn, Post etc.) neue Großunternehmen schaffen. Das Argument: Private können das besser und die Leistungen in Konkurrenz zu anderen zu stellen, verbillige für die Verbraucher die Preise…

 

Die neoliberalistischen Groß-Kapitalisten loben uns, gleich einer tibetanischen Gebetsmühle, die Konkurrenz als das Beste für uns Verbraucher… und schämen sich nicht dabei. Aber wie die berühmten Wasserprediger, trinken sie am liebsten Wein… und schaffen sich gerne Konkurrenz mit allen Mitteln vom Hals; wenn nötig auch mit den illegalen Mitteln der Kartellbildung. Schon längst ist durch Konzentrationen im Einzelhandel, bei Banken und Versicherungen oder Unternehmen der Energieversorgung von Konkurrenz nicht mehr viel übrig – darüber hinaus werden von großen Unternehmen, sozusagen unterhalb der Reizschwelle des Bundeskartellamts, Einkaufskooperationen gebildet, was ebenso wie ein direktes Kartell zu marktbeherrschenden Strukturen und einer monopolartigen Preispolitik führt; wie wir leicht an Energiekosten oder Medikamenten bemerken.

 

Aber ich schweife ab. Eigentlich will ich ja eine Rezension über ein Buch schreiben und habe auch bereits den Romanort im ersten Absatz schon erwähnt: Medellin/Kolumbien. Nun, wie meist bei meinen Besprechungen, handelt es sich bei dem hier vorzustellenden Buch nicht um ein Sachbuch oder einen Reisebericht, sondern um ein Stück Lateinamerikanischer Literatur. Genauer gesagt handelt es sich um einen Kriminalroman: „Die Madonna der Mörder“ von  Fernando Vallejo. Ab hier gibt es aber mindestens zwei Problemchen: erstens ist Kriminal-Literatur fast überall in Lateinamerika nicht das was es zu sein vorgibt (dazu später mehr) und, zweitens, ist der Autor kein Krimi-Autor. Diesem Problemchen will ich abhelfen, in dem ich den Schriftsteller kurz vorstelle:

 

Fernando Vallejo (FV) wurde am 24.10.1942 in Medellín/Kolumbien geboren und wuchs auch dort auf. Noch ist das Land stabil und die Verhältnisse sind von sozialem Ausgleich geprägt. Doch schon bald sollte sich das (eigentlich) für immer ändern. Am 9.4.1948 wird der liberale Bürgermeister von Bogota, ein sehr beliebter Mann, ermordet und ein Aufstand legte die bittere Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen offen… die Stadt glich einem Schlachtfeld und aus dem Aufstand heraus, entstand die sog. Violencia, der bis 1962 über 300000 Menschen im ganzen Land zum Opfer fielen; wie es halt so ist, wenn eine rechte Regierung mit dem Instrument des Völkermords Ruhe und Frieden herstellen will. Bis heute trägt das Land an dieser Last, da die rechtlosen Zustände im Land – und auch in Medellin –  aus dieser rechtlosen Zeit resultieren.

 

FV studierte ein Jahr eben an jener Bogotaner Universidad Nacional, an der auch Marquez einst studierte, Philosophie und dann an der Universidad Javeriana Biologie – in beiden Fächern wird er ohne Abschluss bleiben. Seine Berufung ist eine andere: er studiert an der renommierten „Cinecittá“ in Rom Regie. Nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland, gleich nach seinem Abschluss, kehrte er nach Kolumbien zurück. Sein erstes Filmprojekt sollte ein Film über die Gewalt in Kolumbien sein. Kolumbianische Behörden machten der Produktion des Filmes jedoch so große Schwierigkeiten, dass sich FV dazu entschied, den Film in Mexiko zu drehen. Das fertige Werk konnte aber nicht in Kolumbien präsentiert werden, da der nationale Fernseh- und Kinoausschuss den Film als „Gewalt provozierend“ erklärte und zensierte.

 

Nach diesem Fall fasste FV den Entschluss, Kolumbien ganz zu verlassen. Seit 1971 lebt er in Mexiko und arbeitete weiter als Regisseur (in den 70er Jahren drehte er zwei weitere Filme über Kolumbien). Hier nun begann er auch seine Laufbahn als Schriftsteller; wobei er zunächst allerdings als Autor von Sachbüchern in Erscheinung trat: einer Grammatik der literarischen Sprache, drei kritischen Essaybänden über Biologie, Physik und die katholische Kirche, sowie zwei Biographien bekannter kolumbianischer Dichter. Nach und nach begann er sich dem Teil seines Werkes zu widmen, dem wir hier in dieser Besprechung begegnen können; insgesamt schrieb er bis heute neun Romane. Im Jahr 2003 erhielt er den renommierten Literaturpreis „Rómulo Gallego“. Im April 2007 erteilte ihm die mexikanische Regierung die Staatsbürgerschaft und im Mai 2007 gab er die kolumbianische Staatsbürgerschaft auf.

 

FV ist bei seinen Landsleuten weit weniger bekannt, als es seine Bücher sind. Mittlerweile wird er auch schon mal „Kolumbiens literarischer Geist“ genannt. Das ist offenbar nicht nur kein Problem für ihn, sondern scheint ihm sogar zu gefallen. In einem Interview gab FV zu Protokoll, dass er gerne glauben wolle, dass Bücher von Geistern verfasst würden, da er selbst ja auch schreibe, um Leute zu verstören und fragt gleich: „ist das nicht fast die einzige Daseinsberechtigung für Literatur?“. Um es gleich vorweg zu sagen, das Buch kann wirklich verstörend wirken… oder wie in der Zeitung Le Monde zu lesen war: „FV schreibt mit den Fäusten, und seine Sätze treffen einen dort, wo´s weh tut“

 

Wenden wir uns nun dem andern Problemchen zu: Kriminal-Literatur in Lateinamerika. Wenn man ganz allgemein davon spricht, dass in anspruchsvollen literarischen Werken oft nicht das zu lesen ist, was Autorinnen und Autoren eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, dann nehmen wir das als eine Selbstverständlichkeit hin. Das trifft gerade bei der Krimi-Literatur nicht zu – meist nehmen wir sie als reine Unterhaltung. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren aber eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.

 

Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Tatsache ist, dass ich – im allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser – in dieser Form des Geschichten-Erzählens, ebenso anspruchsvolle Literatur entdecken kann, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Vielleicht ist das nicht einmal mehr typisch für Lateinamerikanische Literatur, weil es in anderen Literaturen ebenfall solche Tendenzen gibt… aber das sollen dann andere Rezensenten aufarbeiten.

 

Dieses Buch ist – ehe es ein blutrünstiger Krimi ist – vor allem ein großartiger Roman. Sein Ort ist – wie ich oben schon andeutete – die ehemals gewalttätigste Stadt der Welt: Medellín in Kolumbien. Obwohl das Hauptthema dieses Werkes (vordergründig) die blanke Gewalt ist,  ist es nicht einfach ein weiteres Buch über die oben schon genannte kolumbianische „Violencia“, die in vielen zeitgenössischen Werken (siehe auch Gabriel Garcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“ – auch hier bei Ciao vorgestellt) verarbeitet wurde. Und obwohl aus jeder Zeile Blut zu tropften scheint und auf jeder Seite jemand tot liegen bleibt, ist das Werk weder gewaltverherrlichend noch ein Aufruf zur Selbstjustiz, zu welcher der nahe liegende Gedanke, Gewalt gegen Gewalt, leicht führt. Aber eben gerade das ist das kolumbianische Problem: Recht wird mit der Waffe ausgeübt… und es gibt kein weiteres Recht und keine weitere Rechtssicherheit.

 

Wenn ich jetzt schon sagte was das Werk nicht ist, sollte ich damit beginnen zu beschreiben, was es (für mich) ist. Aber das ist alles nicht so einfach. Wieder einmal stellt sich heraus, dass die Biographie des Autors untrennbar mit seinem Werk verbunden ist, bzw. man sein Werk über das Wissen um die Biographie besser verstehen kann, denn der Roman trägt ganz eindeutig autobiographische Züge; ohne jedoch ein autobiographisches Werk zu sein. Das Buch ist auch eine Liebeserklärung an Medellin, auch wenn es schwer fäll, hinter all den beschriebenen Unzumutbarkeiten das zu finden, das sich zu lieben lohnt; vielleicht trifft es die Formulierung ein schockierendes Porträt am besten. Überspitzt könnte ich auch sagen, dass es sich bei diesem Roman um ein Stück Moral-Literatur handelt, auch wenn der Autor in diesem Werk scheinbar gänzlich ohne Moral auskommt. Aber in einer Welt, in der Viele Mitwisser von legalen und illegalen Gräuel sind, könnte Medellin ein Modell für die Welt sein… die in Gewalt untergeht.

 

Der Protagonist heißt – wie der Autor auch – Fernando. Auch der Roman-Fernando kommt nach 30 Jahren in Mexiko nach Medellin zurück, wo er seine Kindheit verbracht hat. Er möchte die Stadt seiner Kindheit wieder sehen (siehe auch die Biographie des Autors) und sehnt sich nach all den schönen Plätzen seiner Kindheit. Doch anders als erwartet, findet er die Stadt von Barbaren geschändet. Es tut ein Übriges, dass FV den Roman in der Ich-Form erzählt und so gerät das Werk in eine zornige Anklage und Abrechnung… so zornig, dass es mich beim lesen schmerzte.

 

Fernando ist gebildet, zynisch und schwul (ebenso wie der Autor) und weil man in Medellin für Geld wirklich alles kaufen kann (was diese Stadt leider nicht zur Ausnahme macht), kaufte er sich einen schönen Jüngling namens Alexis, um wenigstens in dieser Hinsicht nicht von der Wiederkehr enttäuscht zu sein. Er gerät an einen jener Sicarios, wie die jungen Männer aus den Elendsvierteln genannt werden, die vom Leben nie viel mehr erfahren haben, als dass man morden muss, um sich die schönen Dinge leisten zu können. Die Sicarios sind – wenn man das so sagen kann – religiös, katholisch obendrein; wie die weitaus überwiegende Mehrheit in Kolumbien und ganz Lateinamerika. Wenn diese jungen Killer einen Auftrag ergattern können, gehen sie traditionell in die Kirchen der Stadt und beten zu Jungfrau Maria dafür, dass sie ihr Ziel nicht zu verfehlen… um eventuell kurz danach von anderen gedungenen Mördern vor der Kirchentür erschossen, erstochen oder sonst wie ums Leben gebracht zu werden.

 

Alexis, das Produkt der Stadt, ist der einzige Überlebende einer Bande, die dem berühmt/berüchtigten Drogenbaron Escobar diente und hat schon „zehn Aufträge erledigt“. Seit dem Tod seines Herrn ist er sozusagen arbeitslos. Alexis ist jung und schön und Fernando verliebt sich offenbar in ihn… oder vielleicht redet er sich das auch nur ein, denn eigentlich können wir nicht lieben was wir nicht als ebenbürtig achten. Wie dem auch sei, die zwei, in jeder Hinsicht, ungleichen Männer bleiben sieben Monate zusammen. Es scheint als zögen sie, unentwegt auf der Suche nach Irgendwas, ziellos durch die Stadt und ihr Weg wird mit Leichen gepflastert. Das erste Opfer ist ein Nachbar, der den beiden durch laute Punkmusik „die Nacht verdorben“ hatte. Nur weil Fernando sagte, dass er den Nachbarn dafür umbringen könnte, erledigte das Alexis; wohl um seinem neuen Herrn zu gefallen.

 

Von nun an geht es so weiter. Ihrem Weg durch die Stadt könnte man mühelos auf der Blutspur folgen, die sie hinterlassen haben. Es ist Alexis offenbar, im wahrsten Sinn des Wortes, gleichgültig, wer, durch welches Verhalten auch immer seinen Patron irgendwie stört… es ist das Todesurteil: Nachbar, Taxifahrer, drei Soldaten, eine Serviererin, ein Passant und immer so weiter. Fernando gibt zu Protokoll, dass er, als Alexis bei hundert angekommen war, endgültig die Übersicht verloren hat. Über all die Enttäuschungen im Leben zynisch geworden findet Fernando nichts dabei, dass Alexis mordet. Seine Schlussfolgerung: Es gibt eh zu viele Arme, die eben auch wieder nur noch mehr Arme erzeugten. Und je mehr Elend es gäbe, desto mehr Mörder und desto mehr Tote gäbe es eben.

 

Diese amoralische Argumentation entbehrt natürlich jeder Logik; aber es ist auch nicht der Sinn des Buches logisch zu sein. Ebenso wenig wie es die Absicht des Autors zu sein scheint, uns mehr an Handlung zu bieten oder uns von Menschlichkeit zu sprechen. Nur einmal scheint so etwas wie Mitleid auf, als  Fernando den Jungen bittet einen schwer verletzten Straßenköter zu erlösen, doch Alexis sich weigert und, über den geschundenen Körper gebeugt, weint. Tags darauf, wird Alexis in der Avenida La Playa getötet. Am Ende des Romans erzählt uns FV lakonisch, dass Fernando in einen Bus einsteigt, der ihn irgendwo hin bringen wird.

 

„Die Madonna der Mörder“ ist mit seiner eigenartigen Mischung von Gewalt und Poesie ein skandalöses Buch, wobei man aber hinzufügen muss, dass nichts skandalöser sein kann, als die Wirklichkeit, an die dieser kurze, sehr intensive und stilsicher erzählte Roman anlehnt. Hier komme ich auf meine Bemerkungen zur Kriminalliteratur aus Lateinamerika zurück… vielleicht kommt die Bezeichnung Krimi auch nur deswegen zustande, weil dieser Text sich irgendwie zu weigern scheint sich kategorisieren zu lassen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mit dermaßen grotesken Übertreibungen den alltäglichen Zynismus überbietet und was andere als Mangel an Moral bezeichnet haben, ist – bei Lichte betrachtet – das Gegenteil, ohne jedoch die Haltung des Autors in den Vordergrund zu stellen.

 

Bei solchen sich sträubenden Texten sind Rezensenten recht flott bereit, Werke anderer Autoren, die man seit langem bequem schubladisiert hat, als Referenzpunkte heranzuziehen. Ich will das nicht gelten lassen und habe nichts dagegen, ein Werk ganz eigenständig in den Wind der Welt zu stellen. Lediglich den im Klappentext gezogenen Vergleich zu Quentin Tarantino kann ich gelten lassen, da FV, schon lange bevor er Bücher schrieb, als Filmschaffender Kino gemacht hat. Vielleicht hat er beim schreiben dieses Romans auch schon an einen Film gedacht und so geschrieben, dass sich die Geschichte in ein Drehbuch verwandeln lässt. Aber es wäre ebenfalls zu kurz gesprungen, den Text mit der Erwähnung Quentin Tarantinos auf die Attribute seiner Filme zu reduzieren. FV macht nicht nur Effekthascherei und der Zynismus soll nicht über die verhärteten Hirne und Herzen springen, um im Gemüt sensationsgeiler Actionjunkys zu wühlen.

 

Der Text ist nicht das was er zu sein scheint: oberflächlich. Im Gegenteil. Dieser kurze Roman ist mehrere Stockwerke tief. Zunächst gibt es das erste Untergeschoss; die gesellschaftlichen Ebene. Oft werden in diesem Werk untätige, sensationsgierige oder flüchtende Passanten beschrieben und FV lenkt sehr klar den Blick auf den alltäglichen gesellschaftlichen Umgang mit Gewalt: Man schenkt ihr allenfalls noch eine kurze Aufmerksamkeit, man geht ungerührt seiner Wege, man befriedigt seinen Voyeurismus, man nimmt das Ergebnis des letzten Autorennens wichtiger als z.B. fremdenfeindliche Überfälle. Diese Gleichgültigkeit ist mit der Gleichgültigkeit des jungen Alexis verwandt und schadet einem gesellschaftlichen Sozialwesen ebenso wie die Gewalt.

 

Darunter liegt eine politische, fast könnte man sagen weltanschauliche Ebene. Vielleicht ist es etwas übertrieben und überinterpretiert, wenn ich das Buch als einen aufklärerischen Roman bezeichne. Für mich handelt es sich aber in jedem Fall um einen radikalen, anarchischen, politisch Text. Nimmt man die darin enthaltene Kritik etwas allgemeiner, dann kennzeichnet die Straflosigkeit nicht nur ein Prinzip in Kolumbien, sondern sie ist weltweit dort zu finden, wo straflos Umwelt zerstört, Menschenrechte missachtet oder wo im Namen des Profits ganze Kulturen zerrüttet werden (siehe auch Eduardo Galeano „Die Füße nach oben“ – auch hier bei Ciao vorgestellt). Wecken nicht auch hierzulande rechte Parolen wie die Forderung nach unbarmherziger Bestrafung von Verbrechern, nach der harten Hand und nach Selbstjustiz klammheimlich Sympathie? Nun, daraus entstand letztlich die „Violencia“ in Kolumbien und hierzulande kühlen sich eben die (auch im Geiste) Schwachen ihr Mütchen an den noch Schwächeren. Der Roman wirbt, ohne es zu sagen, für das Gegenteilige, für eine andere als die heutige Politik.

 

Ein Stockwerk tiefer finden wir eine kaum verborgene Sozialkritik; was in der Gegenwartsliteratur – auch in der lateinamerikanischen – schon nicht mehr selbstverständlich ist. Die Darstellung der Armut als Ergebnis ungleicher Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum ist sozusagen ein alter Hut, aber sie als das zerstörende Element aller sozialen Beziehungen zu beschreiben ist fast schon prophetisch und wir sollten es uns zu Herzen nehmen. Und es ist schierer Sprengstoff, dass hier deutlich die Vergänglichkeit von allem beschrieben ist. Nichts ist von Dauer… nicht die Kindheit und nicht die Jugend, nicht das Leben. Nicht einmal die Gewalttätigen sind von Dauer, da sie im nächsten Moment von anderen Gewalttätern getötet werden. Wozu sich also über Gebühr abstrampeln? Wozu sich für den Moloch krumm legen? Wozu mehr arbeiten, als dafür, anständig leben zu können?

 

Eine Etage tiefer finden wir einen tüchtigen Schuss Kulturkritik. Wie anders soll man es bitteschön verstehen, wenn Mörder die Madonna anbeten, damit sie ihnen beim morden hilft? Die höchste christliche Heilige gleich nach dem dreifaltigen Gott, sorgt für jene, die das fünfte Gebot des höchsten christlichen Gesetzes mit Füssen treten. Eigenartig, dass sich die Kirche hierzulande nicht wegen der darin enthaltenen Gotteslästerung beschwert hat… sonst sind die doch in ähnlichen Fällen mit dem Schrei nach Zensur schnell bei der Hand. Oder ist das vielleicht kein Tabubruch mehr, über den sich aufzuregen lohnt? Wenn es so wäre, dann sagt das Vieles über die heutige Funktion und Bedeutung von Religion in der Gesellschaft… nicht nur der Lateinamerikas.

 

Noch eine Etage tiefer bin ich endlich an der Sohle des Privaten, Persönlichen angelangt, auf der dafür geworben wird sich selbst zu prüfen und zu überdenken. Wie oben schon angedeutet, bedeutet das was ich in „Madonna der Mörder“ lese gerade das Gegenteil für mich: Den Mangel an Moral kann nur jemand beschreiben, der im Besitz eines soliden individuellen moralischen Fundaments ist. Die poetisch eindringliche Darstellung von Gewalt, kann nur dem gelingen, der in seiner Gewaltablehnung niemals in die Gefahr gerät sie zu verherrlichen. Die pessimistische Perspektivlosigkeit kann nur jemand beschreiben, der einen Begriff von Perspektive hat. Und der Maßstab zur Beschreibung des Hässlichen, bildet nun mal das Wissen um die Schönheit in der Welt.

 

Leider ist das Buch nach 150 atemberaubenden Seiten schon ausgelesen. Aber vielleicht haben meine geneigten Leserinnen und Leser bemerkt, wie lesenswert es für mich gewesen ist. Der Roman ist für mich eines der lesenswertesten und ungewöhnlichsten Bücher der aktuellen Lateinamerikanischen Literatur – und womöglich darüber hinaus. Und das liegt nicht nur daran, dass ich in vielen tiefer liegenden Schichten eine zwar unbequemen, aber mir dennoch gemäße Weltsicht finde, es liegt auch an der sprachlich poetischen Dichte und Atmosphärik, die ich selten so gelesen habe.

 

FV ist offenbar über sein Filmschaffen hinaus, ein brillanter Autor und ein beispielhafter Stilist geworden; das bleibt, was nicht immer selbstverständlich ist, auch in der Übertragung ins Deutsche nachvollziehbar erhalten. Ich bin Ästhet und las einen Ästheten, der die Hässlichkeit in poetischen Bildern präsentiert, ohne sie schön zu reden. Er bleibt mit seiner Sprache in einer Art vorzüglicher Einfachheit. Sein lakonischer Ton und seine (im buchstäblichen Sinne) treffenden Darstellungen sind bei nicht als bloßen Effekthascherei angekommen. Zwar erschien mir manchmal, dass mir im Roman so etwas wie Kälte entgegen strömte und, dass der Autor voller Hass provoziert, das lag aber eher an mir, da ich ob der Faszination oft allzu überhastet las. Hinter all der der Kälte, hinter dem Zynismus fand ich einen zarten Menschen, den seine Heimat maßlos enttäuschte… was ihn mir mehr als sympathisch macht.

 

Ich kann nicht verhehlen, dass ich FV, dem Autor vieler Drehbücher, unterstelle, dass er beim schreiben dieses Romans an einen zu drehenden Film dachte (siehe auch *2). Zu offensichtlich sind Teile der Erzählung, als seinen sie mit der Kamera eingefangen (oder schon als Anweisung für eine Kamerafahrt geschrieben). Aber das muss ja kein Mangel sein, sondern hilft vielleicht sogar denjenigen Leserinnen und Lesern, die ansonsten lieber ins Kino gehen oder sich zuhause eine DVD anschauen, das Buch in ihren Kopf zu bekommen. Und vielleicht hilft es ja auch FV seine Leserschaft zu erweitern… was wünschenswert ist, da sich dann die Verlage bereit finden könnten, sich auch um sein restliches Werk zu kümmern und mir die Freude zu machen, mehr von diesem Neu-Mexikaner lesen zu können.

 

 

 

Wilfried John

 

 

 

Die Madonna der Mörder

Fernando Vallejo

165 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag Zsolnay – Aus August 2000

ISBN: 3-5520-4988-6

17,90 €

 

 

*1 Nachsatz: Seit langem galt Medellin als gewalttätigste Stadt der Welt. In der Millionenstadt existieren 5000 registrierte Banden und pro normalem Wochentag werden fünfzehn Morde verübt (das Doppelte an Sonn- und Feiertagen); fast alle bleiben ungesühnt. Dazwischen verüben das Militär und die Guerillas der FARC bei Razzien oder Überfällen weitere Gräueltaten. Es wundert schon fast nicht mehr, dass eine andere kolumbianische Stadt Medellin den (zweifelhaften) Rang abgelaufen hat: Buenaventura. Diese südkolumbianische Stadt gilt als wichtigster Hafen an der gesamten pazifischen Küste Lateinamerikas und hat somit geostrategische Bedeutung. Das macht die Stadt zur umkämpften Zone… für die Drogenmafia ebenso, wie für das Militär. Die Gewaltrate ist schwindelerregend hoch.

 

Informationen zum Thema organisierte Kriminalität in Medellin, den Verstrickungen der Regierung und weitere aktuelle Artikel über die Lage in Kolumbien, unter: http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/1127.html

 

 

*2 Informationen über den Film: Der Film zum Buch, eine französisch-kolumbianische Co-Produktion, lief im September 2000 mit Erfolg auf dem Festival in Venedig. Der Film, so sagte man mir, sei sehr nahe am Buch… und er sei nichts für zarte Gemüter. Leider kam er hierzulande nie ins Kino.

 

Madonna der Mörder

 

Originaltitel: La Virgen de los sicarios

 

Produktion

Regie: Barbet Schroeder

Buch: Fernando Vallejo

Kamera: Rodrigo Lalinde

Musik: Jorge Arriagada

 

Darsteller

Fernando: Germán Jaramillo
Alexis: Anderson Ballesteros
Wilmar: Juan David Restrepo
Alfonso: Manuel Busquets

 

Filmverleih: Frenetic Films

 

Kolumbien 2000

Länge: 98 Min.

Zu beziehen über: http://roman-film.de