Francisco Coloane „Feuerland“

Für mich gibt es Worte, die in unserem Alltag schon fast als verlorene Worte gelten… eines davon ist das Wort Abenteuer. Dabei meine ich natürlich nicht das was in der Oberflächlichkeit der heutigen Zeiten mit eben jenem Wort belegt wird, was man so alles mit diesem Wort bezeichnet… wie zum Beispiel einen schnöden Seitensprung… nein, ich meine das was der Ursprung dieses Wortes ausmacht: Die Suche nach wunderbaren Begebenheiten, das sich einlassen auf ein gewagtes Unternehmen oder das meistern unerwarteter Erlebnisse.

Allenfalls im Urlaub scheinen sich Räume voller Abenteuer aufzutun… aber auch diese Gelegenheiten lassen die meisten urlaubmachenden Menschen allzu oft ungenutzt verstreichen… die Zeit wird minutiös verplant, auf ausgetretenen Wegen zertrampelt oder ihre Gestaltung gleichgültig Animateuren überlassen und in abgeschlossenen Anlagen verbracht. Dabei ist es einigermaßen erstaunlich, dass dieselben Menschen – würde man sie fragen – ganz sicher angeben, dass sie abenteuerlustig seinen und sich in stillen Stunden ihre ganz persönlichen Abenteuer träumen.

Diese Sehnsucht, dieses Begehren… was wären das für wundervolle Triebfedern, uns mit ihnen hinaus ins Leben katapultieren zu lassen! Aber vielleicht sind da Bedenken, Ängste gar, welche viele Menschen hindern… vielleicht traut man sich nicht, einmal links und rechts der ausgetretenen Wege nach dem Wunderbaren, dem Fremden, dem Gewagten zu schauen. Gewiss, die meisten unter uns sind keine Helden und ich möchte auch nicht so tun, als sei ich einer jener fabelhaften Abenteurer… vielmehr gestehe ich, dass ich höchstens die kleinen Abenteuer suche… von den wirklich großen Abenteuer aber will ich dennoch nicht lassen… also lese ich von ihnen.

Ein Mensch den man getrost als einen jener, so selten gewordenen, großartigen Abenteurer unserer Zeit bezeichnen kann, ist der Chilene Francisco Coloane, von dessen Buch „Feuerland“ in dieser Besprechung die Rede sein soll. Hierzulande ist dieser Schriftsteller, der immerhin zu den berühmtesten und obendrein meistgelesensten Autoren Lateinamerikas zählt, kaum bekannt… irgendwie ist er zwischen all den lateinamerikanischen Literatur-Nobelpreisträgern und schreibenden Berühmtheiten nie besonders aufgefallen. Dabei schreibt er seine Geschichten genau so, dass er einem breiten Publikum zugänglich sein könnte… von Kindern und Jugendlichen bis hin zu „großen lesenden Kindern“ oder gar Leuten wie mich, die sich in ihrem Urlaub auf das Angenehmste unterhalten, sich aber dennoch nicht von geschriebenen, erdichteten Idyllen die Zeit stehlen zu lassen wollen.

Wer ist nun dieser Francisco Coloane (FC)? Er ist alt, sehr alt sogar… 1910 wurde er als Sohn eines Walfänger-Kapitäns auf der Insel Chiloé im Süden Chiles geboren und wuchs dort unter Seeleuten, Fischern, Walfängern, Robbenjägern, Tauchern und Schatzsuchern auf. Als Kind schon hörte er am wärmenden Feuer die Geschichten, sah er die Lebensumstände und Bräuche der Tehuelche-Indianer, der Yaghans, der Onas und Alakalufs. Sein Vater lebte ihm die Abenteuerlust vor und als Kapitän auf einem der Fangboote, unterwies er seinen Sohn in allen Techniken der traditionellen Fischerei.

Später fuhr er selbst auf einem Walfänger zur See… was ihn zum überzeugten Gegner des Walfangs machte und ihn mir, als Greenpeacer der ich bin, besonders sympathisch macht. Über seine Schulbildung und Ausbildung ist so gut wie nichts zu erfahren… was vielleicht auch als Zeichen dafür gewertet werden kann, dass seine Ausbildung das Leben selbst war. FC arbeitete in allen möglichen Jobs und Funktionen… er war Verwalter auf einer großen Schaffarm, Matrose, Mastwächter auf einem Schulschiff der chilenischen Marine, Forscher in der Antarktis, er leitete Erdölbohrexpeditionen, befuhr alle Weltmeere und zeichnete, als besonders engagierter Kenner dieses fernen Teils der Welt, Seekarten der Meeresstraßen rund um Kap Hoorn (wie aus dem Vorwort zu diesem Buch, für das der berühmte Luis Sepúlveda zeichnete, hervor geht).

So wie er als Kind schon die Geschichte und Geschichten jenes vergessenen Landstrichs von den dort lebenden Menschen hörte, so begann er selbst seine Geschichte und Geschichten zu erzählen… 1940 veröffentlichte er sein erstes Buch, den Roman „Der letzte Schiffsjunge der Baquedano“. Als 1956 (meinem Geburtsjahr…) der Erzählband „Feuerland“ erschien, war FC bereits einer der bekanntesten Schriftsteller seines Landes… ja gar einer der bekanntesten ganz Lateinamerikas. 1964 wurde er mit dem „Premio Nacional de Literatura“, dem großen Literaturpreis Chiles, ausgezeichnet und befindet sich damit in solch illustrer Gesellschaft mit Schriftstellern wie z.B. dem Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda. Bis heute haben seine Bücher… allein in Lateinamerika… eine Gesamtauflage von weit mehr als zwei Millionen Exemplaren erreicht. Und er schreibt immer noch… wobei er allerdings in den letzten Jahren das Publikum mit Reiseberichten und Reportagen unterhält.

Im Erzählband „Feuerland“ sind Geschichten von dieser „Welt am Ende der Welt“ zu lesen, die man mysteriös oder aber auch seltsam exotisch nennen kann. Die Geschichten spielen alle dort, wo der Autor herkommt, lebt und arbeitet… der berühmt/berüchtigten Gegend namens Feuerland. Das Buch ist fast so etwas wie ein schriftliches Denkmal zu Ehren dieses magischen Landstrichs… und diese Landschaft prägt die im Buch enthaltenen Erzählungen vollständig. FC kann offensichtlich aus dem Vollen schöpfen… die Sehnsüchte und Träume, Kämpfe, Siege und Niederlagen seiner Helden oder Antihelden, die alle vom Feuerland „gemacht“ wurden. Und so beschreibt uns FC in diesem Buch aber andererseits auch eine vielleicht schon nicht mehr existierende Welt… oder vielleicht auch doch nicht? Was wissen wir schon von der Wirklichkeit im äußersten Süden…

Es ist von Goldsuchern, Schmugglern, Walfängern die Rede… aber auch von gestrandeten Matrosen oder forschenden Wissenschaftlern… und FC schreibt, beschreibt, als wäre es die Landschaft, als wäre es diese vergessene Gegend, die gerade diese Abenteurer und Gestrandete oder Flüchtlinge und Glücksritter anzöge. FC sagt von sich selbst: „In meinen Romanen und Erzählungen versuche ich, die Seele des chilenischen Menschen zu schildern, vor allem die der Feuerländer und der Bewohner der Insel Chiloé, die im täglichen Kampf mit dem Meer stehen, umgeben von den Klippen der Kordilleren, die vor Jahrtausenden von den gewaltigen Gletschern des Südpols geschliffen wurden und heute vom wildesten Ozean der Welt umspült und zerklüftet werden. Vor dieser grandiosen Kulisse lebt ein Mensch, einmal schwach wie eine Briese, einmal gewaltig wie der Westwind…“
Ganze neun Erzählungen stehen in diesem schmalen Band… aber sie haben es, im wahrsten Sinne des Wortes, in sich! Hier eine kurze Übersicht über diese neun Erzählungen mit einer sehr kurz gehaltenen Inhaltsangabe… wenn die längste Erzählung gerade mal vierzig Seiten hat, wäre länger darüber zu schreiben schon fast die Erzählung vorweg genommen:
Feuerland
Hier geht es um ein paar Goldsucher, die im Konkurrenzkampf untereinander und mit der Natur stehen… die aber auch in der Konkurrenz den Zusammenhalt lernen und von der unbezähmbaren, wilden Natur so etwas wie Menschlichkeit. Und die letztlich von der Natur einfach so mit dem belohnt werden, wonach sie mit so viel Entbehrungen suchten und nicht fanden.
Wie der Chilote Otey ums Leben kam
Die Erzählung beruht auf einem tatsächlich stattgefundenen Ereignis… einen Arbeiteraufstand in Patagonien. Es geht um den verzweifelten Versuch einer Schar versprengter Rebellen, sich vor der anrückenden Armee zu retten… aber dennoch nicht ihre Ziele zu verraten.
Fünf Matrosen und ein grüner Sarg
Die erwähnten Matrosen sollen einen toten Kameraden beerdigen… kommen allerdings auf ihrem Gang zum Friedhof zu einer Kneipe, an der sie leider nicht vorüber gehen können…
Kurs auf Puerto Edén
In dieser Geschichte ist von der Fahrt eines kleinen Schiffes das in den Wassern der Magellan-Strasse kreuzt, um die Fänge von verschiedenen Miesmuschelfang-Schaluppen zu übernehmen und die Beute an die Küste zu bringen. Durch die Nachlässigkeit des Koch, der nicht genug Proviant eingekauft hatte, ist der Kapitän gezwungen, unplanmäßig einen berüchtigten Hafen anzulaufen…
Vergessenes Land
Was ist einem Menschen passiert, dem „eine von der Natur hervorgerufene Desintegration“ bescheinigt wird? Ein Beteiligter der Erzählung sagt: „Zuerst wird man von der Natur desintegriert, dann integriert sie einem wie eines ihrer Elemente. In der ersten Phase löst man sich scheinbar auf, manche gehen dabei zugrunde, und in der zweiten Phase wird man mit neuer Kraft wiedergeboren.“ Wie mag eine Landschaft aussehen, die etwas derartiges vermag? Welche Menschen machen sich zu Fuß auf, diese Natur zu durchqueren?
Eisberg unter Wasser
Es geht um einen Menschen, der, da wo er ist, keinerlei Zweck für sich sieht und an einem jener Tage, an dem solche Menschen einfach auf einem Schiff anheuern, um irgendwohin zu fahren…
Die Schnapsflasche
Eine Begegnung zweier Reiter auf der weiten Pampa des Südens… Erinnerungen, Phantasien und Träume… und ein Abschied, der Vergessen nicht zulässt.
Der Leuchtturmbauer
Einsamkeit… nichts als die Arbeit lenkt einen ab. Ein Mann und eine Frau leben hier… seit langem. Plötzlich kommt ein Boot und mit ihm ein junger Mann…
Auf dem Pferd der Morgenröte
Ein Pferd kehrt in der Morgenröte reiterlos zurück… und dann erinnert sich ein Mann an den vermutlichen Reiter des zurück gekehrten Pferdes… der von jenem anderen „Pferd der Morgenröte des Lebens“ erzählte, das Wissenschaftler, die er auf einer Forschungsexpedition begleitet hatte, im wilden Patagonien ausgegraben hatten… und wohl als ein Vorfahr aller Pferde gilt.
Francisco Coloane, erzählt in einer klaren, schnörkellosen Sprache… und wurde – wie es leider sehr üblich geworden ist – mit Joseph Conrad oder Jack London verglichen; Hauptsache es gibt eine Schublade, die auch nur einigermaßen passt, da spart man sich doch die Mühe die Eigenart des Autors untersuchen zu müssen. Viele haben sich gefragt, woher der Erfolg dieses doch scheinbar so lakonisch erzählenden Autors ausmacht… Ich behaupte, dass dies ziemlich einfach zu beantworten ist: Der Autor weiß von was er spricht… er hat all dies selbst erlebt, durchlitten, genossen… nichts von dem von ihm erzählten Leben ist ihm fremd… Sein Stil ist von seinem Leben, seiner Landschaft geprägt… und es ist nun mal nicht der Stil geworden, den die Herren in den literarischen Zirkeln pflegen. Er braucht keine Metaphern… die Gestalten seiner Abenteurer, die desintegrierende Einsamkeit von Feuerland und die Gewalt des südlichen Pazifik nahe an der Antarktis wirken für sich… sind sozusagen Metapher genug.
Gerade weil dies so ist, und gerade weil FC nur wirklich von dem schreibt was er kennt, sind seine Geschichte auch keine Legenden (siehe die zweite Erzählung). In den Geschichten ist nichts von Begeisterung für seine Protagonisten oder gar eine Heroisierung dieser Gestalten zu lesen. Kritiker meinten, „er hielte sich mit der Poesie, der halluzinierten Gewalt dieser Vision nicht auf“, doch in seinen Geschichten ist mehr davon enthalten, als in vielen sogenannten großen Romanen die ich gelesen habe; einfach deswegen, weil die Themen und Situationen seiner Geschichten schon Poesie sind.
Es ist mir, als würde FC von seinen Freunden zu berichtet… und mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich lese: „Ich habe einen Fischer gesehen, der sein Essen jeden Abend ins Meer warf, genau an jener Stelle, wo seine Frau ertrunken war. Als ob er die Hoffnung hegte, sie wieder auftauchen zu sehen, als ob es für ihn außer Frage stände, dass er dem geliebten Mund zu essen gäbe.“ So einfach ist es… und doch so tief. Er versetzte mich in eine Welt, in der ich nie gereist oder gar gelebt habe, die mir aber dennoch, eigenartigerweise, seltsam vertraut vorkam. FC hielt sich vielleicht ziemlich ungekünstelt an die Wirklichkeit… und schrieb dennoch großartige Literatur, die spannend und direkt erzählt, die unkompliziert und von unerhörter Kraft und Poesie ist. Wenige Seiten genügten mir um dem Autor still für ein unvergessliches Lesevergnügen zu danken und zu einem Fan von ihm zu werden… und so kann ich nun sehr gut verstehen, warum er in Lateinamerika so beliebt ist. Ich wünschte, er würde es hierzulande ebenso werden.

Wilfried John

Feuerland
Francisco Coloane
199 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unions Vlg., Zürich – aus 1996
ISBN: 3-2930-0231-5
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