Gabriel Garcia Marquez „Cartagena und Barranquilla“

Die ungestüme Jugend

 

Pro: Engagement, Beobachtungsgabe, Witz, Originalität, Frechheit und Polemik des Autors

 

Contra: Editorische Sucht nach Vollständigkeit, sammelt auch schlechte Texte



Ärgernis. Viele Menschen plagen sich mit Ärgernissen herum und es ist erstaunlich, was die Leute als Ärgernis empfinden; das reicht von der berühmten Fliege an der Wand bis zum noch berühmteren bösen Nachbarn. Dabei ist die Größe oder die Geringfügigkeit der Ursachen von Ärgernissen, leider kein Maß für ihre Intensität. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass Ärger – welcher das Ärgernis hervor bringt – eine spontane, emotionale Reaktion ist  (und insofern ganz und gar subjektiv), die sich auf andere Personen, Situationen oder sogar auf sich selbst beziehen kann. Je nach Tagesform, Persönlichkeitsstruktur oder zusätzlicher Belastungen, können sogar bei identischen Anlässen unterschiedliche Grade des Ärgers empfunden werden; von Unbehagen und Missmut, bis hin zu rasender Wut.

 

Ärger, so sagt es die Wissenschaft, sei immer ein Hinweis darauf, dass die Verärgerten etwas verändern möchten, mindestens jedoch darauf, dass sie die entsprechende Ursache überwinden wollen. Insofern könnte man auf den Gedanken kommen, dass Ärger eigentlich gar nicht so schlecht ist. Und in der Tat, bei nüchterner Betrachtung, entpuppt sich der Ärger als feiner Seismograph für innere Erschütterungen, bei denen rechtzeitiges Entgegenwirken größeres Ungemach verhindern könnte. Dazu wäre es dann aber erforderlich, die anfängliche emotionale Reaktion in eine rationale Kategorie zu überführen, damit sie bearbeitbar wird und letztlich eine Lösung herbeigeführt werden kann. Gewiss, das ist leichter gesagt als getan… besonders dann, wenn man sich so richtig herrlich in seinem Ärger eingerichtet hat.

 

Mein Ärgernis ist, unter anderem natürlich, das, was man entweder spöttisch, hämisch oder gar bösartig, Journaille nennt. Ursprünglich ist der Begriff Journaille ein französisches Wort für die verantwortungslose, sensationshungrige Tagespresse, das aber leider nicht nur in Frankreich vielfältige Verwendungsmöglichkeiten findet und deshalb auch bei uns gebräuchlich ist. Das Wort entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und geht auf das Wort Kanaille zurück, das wiederum, aus der lateinischen Wurzel „canis“ (Hund) wuchs. Journaille ist also das Synonym für unlautere, korrupte oder lügende Journalisten (und damit meine ich keineswegs nur die Skandal-Journalisten der sog. Regenbogen-Presse), das dafür verantwortlich ist, dass eine ganze Berufsgruppe in Verruf gerät (lt. einer relativ aktuellen Umfrage aus Dezember 2005, stellt das Institut für Demoskopie Allensbach fest, dass das öffentliche Prestige von Journalisten an 21. Stelle rangiert… noch nach Offizieren und Managern – was mich persönlich noch ärgerlicher macht).

 

Gerade hier in Deutschland, wegen der Erfahrungen mit der Nazi-Diktatur, die durch die sog. Gleichschaltung der Medien ja auch eine Meinungs-Diktatur war, haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes den Medien, insbesondere den Journalisten, Freiheiten eingeräumt und ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Staat ist garantiert. Die Aufgabe von Journalisten (überhaupt von Medien) ist es, die Öffentlichkeit über Sachverhalte oder Vorgänge, die von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung sind, umfassend und kritisch zu informieren und so zum Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung in der Gesellschaft beizutragen. Zugleich macht sie die Unabhängigkeit vom Staat zu einer Kontrollinstanz der Gesellschaft, um eventuelle Vertuschungen von Skandalen zu verhindern und entsprechende Missstände und Fehlentwicklungen aufzudecken (Vierte Gewalt).

 

Freiheit ohne Verantwortung kann es nicht geben! Wenn man diesen Satz für richtig hält, dann müsste man auch für richtig halten, dass das Maß an Verantwortung gegenüber der Gesellschaft um so höher sein muss, je höher die Freiheitsgrade sind, welche die Gesellschaft eingeräumt und garantiert hat. Zu dieser Verantwortung im journalistischen Bereich gehört es ohne Zweifel, zum einen die gewährten Freiheiten nicht zu missbrauchen, der Aufgabe in objektiver Weise gerecht zu werden und sich den Grundsätzen unserer Verfassung zu verpflichten, die eine pluralistische Ordnung vorsieht. Leider wird die Freiheit von Journalisten vor der Einflussnahme gesellschaftlich mächtiger und zahlungskräftiger Kräfte nicht geschützt… und leider sind die Preise für Menschen oft nicht sehr hoch; manchmal genügt es, einem Menschen das Gefühl zu geben, dass er am Tisch willkommen ist, damit dieser Mensch seine wirkliche Meinung für sich behält, ganz zu schweigen davon, was der selbe Mensch alles sagt, wenn erst einmal viel Geld winkt.

 

Es besteht auch ein weiteres Problem: Die journalistischen Aufklärungsaufgaben sind quasi auch ein journalistisches Monopol, was zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass die Medien zunehmend ebenfalls konzentriert und obendrein kommerzialisiert werden. In dieser Konstellation fällt es schwer, daran zu glauben, dass sich Journalisten selbst kontrollieren (können)… oder gar, dass Geld womöglich Geld kontrollieren kann/will. Zudem ist in den letzten Jahren eine Erosion der Arbeitnehmerrechte festzustellen, die auch nicht spurlos an den Journalisten vorbei gegangen ist. In den Medien, ganz gleich ob öffentlich-rechtliche oder private, wurden feste Anstellungen, zugunsten unsicherer Stellen, abgebaut. Mehr den je, müssen Journalisten freiberuflich arbeiten und die Zahl der Journalisten die von der Hand in den Mund leben ständig zu. Nun will ich bestimmt nicht den Eindruck erwecken, dass deswegen alle diese Journalisten käuflich wären, aber materielle Not macht es sehr, sehr schwer, Unabhängigkeit zu wahren.

 

In seiner Arbeit benutzt der Journalist unterschiedliche Darstellungsformen. Grob dargestellt sind es drei: reine Vermittlung von Fakten (die klassische Nachricht), Vermittlung von Fakten, einschließlich persönlicher Wertungen (Reportagen und Features) und schließlich die ausschließliche persönliche Wertung eines Sachverhaltes (ernsthaft im Kommentar, zuspitzend in der Glosse). Die Benutzung dieser Formen garantiert, dass die Leserschaft klar erkennen kann ob sie nun lesend Fakten oder Meinung „zu sich nimmt“ und dies garantiert obendrein, dass man sein Recht auf Meinungsbildung selbstbestimmt wahrnehmen kann. Leider sind heute Information und Unterhaltung, Information und Meinung oder Informations- und Wertevermittlung nicht mehr klar zu unterscheiden – ich führe das auf die oben genannten Ursachen zurück, denn immer noch soll gelten: Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing. Und so beteiligen sich leider auch die ach so stolzen Journalisten an der Verbreitung genau der Meinung, die z.B. der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (eine Kreatur und finanziert von dem Arbeitgeberverband Gesamt-Metall) passt; Alternativen werden nicht angeboten oder vorsorglich von vornherein als nicht existent bezeichnet.

 

Nun, das musste mal gesagt werden, damit ich meinem Ärger Luft machen und ihn in eine rationale Kategorie überführen konnte, damit er bearbeitbar wird und eine Lösung gefunden werden kann – allein mit der Rechtzeitigkeit des Entgegenwirkens wird es wohl nichts werden. Dennoch, um Fehlentwicklungen entgegenzuwirken ist es nie zu spät… höchstens der zu betreibende Aufwand wird größer. Ich bilde mir nicht ein, dass ich das System das solche Zustände schuf überwinden kann, und der Artikel ändert auch nichts an der Lage der bedauernswerten Journalisten, aber vielleicht kann ich ja quasi eine (kleine) Bewegung „von unten“ erzeugen und wer weiß, wenn wir Kunden der Medienkonzerne… Als ein Mittel zur Lösung des Problems könnte es sein, anhand eines guten Beispiels zu zeigen, wie es besser gemacht werden kann. Dieses Beispiel, finden wir womöglich in der journalistischen Arbeit eines untadeligen Journalisten, der sowohl seine Unabhängigkeit immer bewahrt hat (trotz sehr harter Zeiten) und eben auch immer seiner Verantwortung gerecht geworden ist: Gabriel Garcia Marquez (kurz GGM).

 

Sehr viele lesende Menschen kennen und schätzen GGM seiner großartigen Romane wegen, für die er (wie ich finde) zu Recht 1982 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Doch er ist nicht nur einer der großen Romanciers der Gegenwart, sondern auch – was wenig bekannt ist – ein bedeutender Journalist. Diese Seite seines Schaffens, wurde hierzulande schon vor über 20 Jahren (genauer 1984/85) vom KiWi-Verlag dokumentiert und das journalistische Schaffen wurde in Form ausgewählter Reportagen in drei schmalen Bänden veröffentlicht:

 

„Die Giraffe aus Barranquilla“ – Journalistische Arbeiten 1948 – 1952

„Der Beobachter aus Bogota“   – Journalistische Arbeiten 1954 – 1955

„Zwischen Karibik und Moskau“ – Journalistische Arbeiten 1955 – 1959

 

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch entschloss sich im Jahre 2000 den Versuch zu wagen und GGM mit aktuelleren Reportagen zu veröffentlichen und brachte den Titel „Frei sein und unabhängig“ – Journalistische Arbeiten 1974 – 1995 (auch hier bei Ciao vorgestellt) heraus. In diesem Band waren die journalistischen Arbeiten des angegebenen Zeitraums nun nicht mehr auszugsweise, sondern vollständig versammelt und abgedruckt. Da dieser Versuch auf lebhaftes Interesse des Publikums gestoßen ist, entschloss man sich offenbar, den alten Faden wieder aufzunehmen und nun, nach und nach, das journalistische Gesamtwerk herauszubringen. Man hielt sich an die Struktur der KiWi-Titel und brachte demzufolge nun sozusagen den Band I

 

„Cartagena und Barranquilla“ – Journalistische Arbeiten 1948 – 1952

 

Ich sagte eben, dass viele lesende Menschen GGM kennen und schätzen. Dennoch möchte ich auf eine kurze biographische Einführung nicht verzichten, da gerade im Falle GGM so deutlich wird wie bei kaum einem anderen, wie sehr die Ereignisse uns Menschen prägen und Auswirkungen auf unser Leben nehmen. Das Leben eines Menschen besser kennen, bedeutet auch sein Handeln besser zu verstehen – was in diesem Fall bedeutet, das Werk von GGM besser zu verstehen. Zur Vorstellung benutze ich die Kurzbiographie, die ich schon anderweitig verwendete und zitiere mich selbst: GGM wurde am 6.3.1928 in Aracataca/Magdalena, einem kleinen unbedeutenden Dorf an der kolumbianischen Karibikküste geboren und wuchs bei den Großeltern auf. Sein Vater, ein kleiner Telefonist, und seine Mutter, die Tochter aus dem Hause eines verdienten Obersten. Er genoss eine liberale Erziehung, besuchte die Dorfschule und später das Jesuiten-Kolleg in Barranquilla. Als Kind musste er die blutige Niederschlagung eines Streiks der Bananenarbeiter miterleben, was sein Leben prägen sollte. Ab 1940 besuchte er, mit einen Stipendium des Jesuiten-Kolleg ausgestattet, das er wegen seiner guten Leistungen erhalten hatte, die höhere Schule in Zipaquirá, einer Stadt nahe Bogota. Ab 1947 ist er eingeschriebener Jurastudent an der Universität von Bogota und in der Zeitung, bei der er später selbst arbeiten wird, erscheint seine erste Erzählung; der Herausgeber lobte sich damals schon, einen großen Schriftsteller entdeckt zu haben.

 

Am 9.4.1948 wird der liberale Bürgermeister von Bogota, ein sehr beliebter Mann, ermordet und ein Aufstand legte die bittere Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen offen. Die Stadt glich einem Schlachtfeld und aus dem Aufstand heraus, entstand die sog. Violencia, der bis 1962 über 300.000 Menschen zum Opfer fielen; wie es halt so ist, wenn eine rechte Regierung mit dem Instrument des Völkermords Ruhe und Frieden herstellen will. Angesichts der Gräueltaten, der Gewalt, verlässt GGM Bogota und studiert in Cartagena weiter. Hier jedoch vollzog sich eine Wandlung… er wird nie Jurist werden, da er Journalist geworden ist.

 

Es ist für GGM ein langer Weg, zu dem zu werden, den wir heute kennen… zu einem der größten Schriftsteller der Welt. Nach dem Abbruch seines Jurastudiums schreibt Marquez, wie gesagt, zunächst für eine liberale Zeitung in Bogota Reportagen und Filmkritiken. 1955 wird er als Korrespondent nach Genf, Paris und Rom entsandt. 1959 kam dann eine Einladung aus Kuba: Fidel Castro bittet GGM, über die siegreiche kubanische Revolution zu berichten; was dieser auch tut. Dabei werden die beiden Männer persönliche Freunde. Bei GGM ist es auch nicht so einfach, Literatur und Journalismus klar zu trennen, denn seiner Meinung nach soll die Literatur ein Abbild einer Wirklichkeit sein; wie eben der Journalismus auch. Sein erster Roman erschien 1955, nach dem ihm ein berühmter spanischer Kritiker empfohlen hatte, sich besser mit etwas anderem zu beschäftigen (!) Das war der Beginn einer einzigartigen Schriftstellerkarriere, in deren Verlauf dann irgendwann der große Wurf kommen sollte – „Hundert Jahre Einsamkeit“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) erschien 1967. Und schließlich wird ihm 1982 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Neben seinem literarischen Schaffen ist GGM bis heute auch politisch aktiv, engagiert sich gegen Korruption, Ausbeutung jeglicher Art (von Sextourismus bis Kinderhandel) und Drogenkriminalität. In seiner Heimat gilt Marquez als moralische Instanz, er lebt und schreibt allerdings seit vielen Jahren vor allem in Mexiko City und auf Kuba.

 

Während auf der Titelseite des Einbands „Cartagena und Barranquilla“ lediglich mit dem Untertitel „Journalistische Arbeiten 1948 – 1952“ bezeichnet wurde, finden wir auf dem Innentitel den Hinweis darauf, dass wir es wohl mit der Fortsetzung einer Reihe von Veröffentlichungen zu tun haben, die mit „Frei sein und unabhängig“ – Journalistische Arbeiten 1974 – 1995 sozusagen rückwärts begonnen hatte: hier heißt der Untertitel „Journalistische Arbeiten I  1948 – 1952“. Dieser Band I der deutschen Edition des kompletten journalistischen Werks, umfasst annähernd 800 Seiten – mit einem ausführlichen Vorwort über den Werdegang des Autors und einem umfangreichen Glossar wurden es 880 Seiten – denen noch viele Seiten folgen werden, da diese Edition des journalistischen Werkes von GMM, das über ein halbes Jahrhundert widerspiegelt und einen größeren Umfang als seine literarische Produktion hat, ist (analog der berühmten Edition von Jacques Gilard) auf fünf Bände angelegt.

 

Dass das journalistische Werk von GGM so vollständig dokumentiert ist und somit nun zu dieser Edition verarbeitet werden kann, ist im Wesentlichen dem eben schon erwähnten Mann zu verdanken: dem französischen Literaturkritiker Jacques Gilard. Er hatte offenbar schon sehr früh erkannt, welches Talent mit GGM in der Öffentlichkeit erschienen ist und war zur rechten Zeit am rechten Platz. Vielleicht haben ihm die Texte einfach auch nur gefallen… wie dem auch sei, jedenfalls haben wir es seiner Sammler-Arbeit zu verdanken, dass sämtliche journalistischen Texte, die GGM namentlich gekennzeichnet veröffentliche, vorliegen; darüber hinaus sind ihm – besonders aus seiner frühen Zeit als Journalist – viele weitere Texte zuzuschreiben, die allerdings entweder anonym oder unter dem Namen anderer Kollegen aus den Redaktionen erschienen und daher nicht aufgenommen wurden.

 

Wie wir im Memoiren-Buch „Leben, um davon zu erzählen“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) von GGM selbst erfahren können, traf er im Mai 1948 zufällig den Schriftsteller Zapato Olivella, der ihn in die Redaktion der Zeitung El Universal mitnahm. So begann die journalistische Karriere eines Mannes, der nicht nur zu einem der größten Schriftstellers, sondern auch zu einem der produktivsten Journalisten des 20. Jahrhunderts wurde. Nun, ich will nicht in die Lobhudelei mancher Kollegen verfallen, die GGM als den besten Journalisten spanischer Sprache preisen (da gibt es auch andere, z.B. Eduardo Galeano – auch hier bei Ciao vorgestellt), aber GGM gehört bestimmt zu den lesenswertesten. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass für GGM die beiden Bereiche seines Schaffens immer zusammen gehörten und in einem Interview gab er einmal zu Protokoll, dass für ihn (Zitat) „Roman und Reportage Kinder ein- und derselben Mutter“ seien und er sein Handwerk als Schriftsteller, in den Redaktionen als Reporter erlernte. Ein Blick auf sein erzählerisches Werk kann das auch bestätigen, wenn wir z.B.: „Chronik eines angekündigten Todes“, „Bericht eines Schiffbrüchigen“ oder „Das Abenteuer des Miguel Littín“ betrachten, wird schnell klar, dass sich in ihnen journalistisches und schriftstellerische Arbeit nicht nur ergänzen, sondern sogar bedingen, da ohne gründlichste Recherche, mit dem Blick auf jedes Detail und den Gesamtzusammenhang, wären diese als Romane kaum zu schreiben gewesen und man könnte sagen, dass sie eigentlich glänzend geschriebene Reportagen sind, die als journalistische Lehrbücher jungen Berufsanfängern vermitteln könnten, wie Journalismus geht.

 

Aber nicht nur theoretisch oder rhetorisch bekundet GGM diese Zusammenhänge, sondern er lässt das auch ganz praktisch werden, in dem er – der durch seine literarischen Welterfolge reich geworden ist – immer wieder Zeitungen gründet und Aus- und Weiterbildung von Journalisten zu fördert, wie etwa die berühmte und von GGM finanzierte Fundación para el Nuevo Periodismo Iberoamericano, eine Schule des Journalismus, die nach seiner Meinung unbedingt erforderlich ist, da er den Journalismus seit den neunziger Jahren weltweit in einer Krise sieht, seit private und/oder internationale Nachrichtenagenturen und -sender, ihr Publikum mehr desinformieren, denn aufklären. Nun, das sind eigentlich genug Belege dafür, dass GGM eine integere, moralische, dem Journalismus verhaftete Instanz ist, dennoch möchte ich noch einen Satz zitieren, der uns GGM weiter erklärt und dieses Buch in einem besonderen Lichte erscheinen lässt: „Der Journalismus“, schreibt er, „ist meine eigentliche Berufung. Er erlaubt mir, den Kontakt mit der Wirklichkeit aufrechtzuerhalten.“

 

Vielleicht findet sich unter meinen Leserinnen und Lesern noch welche, die, wie ich, die 1984er KiWi-Ausgabe haben und die sich vielleicht fragen, ob es denn dann erforderlich sei sich „Cartagena und Barranquilla“ anzuschaffen. Nun, wie ich oben schon erwähnte, wurde damals nur eine Auswahl journalistischer Texte angeboten und wer sich damals dafür interessierte, wird nun die vollständige Sammlung der Texte aus dem Zeitraum von 1948 bis 1952 vorfinden. Um das mal etwas plastischer vor Augen zu führen: Während in der KiWi-Ausgabe gerade mal 89 Texte zu finden sind, versammelt „Cartagena und Barranquilla“ 435 Texte, die damals veröffentlicht wurden und obendrein 2 weitere Texte, die bisher unveröffentlicht waren. Wer zudem den Band „Frei sein und unabhängig“ kennt und zu schätzen weiß, wird überrascht sein. Denn es ist doch klar, dass in diesem Band das journalistische Schaffen von GGM sozusagen vom Ende her aufgefächert wird und darin seine Meisterschaft dokumentiert ist. In „Cartagena und Barranquilla“ nun, ist der frische, freche und direkte Journalist zu finden, der, im Rückblick, die Entstehungszeit dieser Arbeiten, als die fruchtbarsten seines Lebens bezeichnet.

 

In manchen, dem Autor wohl nicht sonderlich wohl gesonnenen Kommentaren las ich, dass man ihn aufgrund seiner damaligen etwas lotterhaften Lebensführung nicht sehr ernst nehmen sollte. Nun gut, vielleicht tat sich GGM nicht den größten Gefallen, als er in „Leben, um davon zu erzählen“ zu Protokoll gab, hin und wieder in einem Puff zu übernachten, aber die angesprochenen Kommentatoren sollte doch bitteschön auch erwähnen, dass dies aus Geldmangel geschah, da der junge Journalist schlecht bezahlt wurde. Dass er dennoch nicht aufgab und weiter seiner Linie treu blieb, ist doch wohl eher ein Argument dafür, den Autor gerade deshalb durchaus ernst nehmen zu können. Auch gegen die Beharrungskräfte älterer Kollegen, die dem Neuling nicht so ohne weiteres ihre Pfründe überlassen wollten, hielt der junge GGM stand und entwickelte ein Gespür für alltägliche Vorfälle, die bisweilen von komisch bis grotesk oszillieren. Das war seine Lehre… die er in kürzester Zeit mit Bravour bestand.

 

Bald konnte er über das aktuelle Tagesgeschehen berichten und sogar Leitartikel schreiben. Nun, gewiss war GGM damals ein unbequemer Mensch, den man ob seiner Selbstgewissheit und seine Erfolge, seiner Boshaftigkeiten und scharfen Kommentare für arrogant halten konnte, doch seine zupackende Art des Journalismus war immer auch mit sprachlichem Esprit gepaart und die Hintergründe gut recherchiert. Natürlich sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass auch in Kolumbien kein Meister vom Himmel fällt und eine Gesamt-Edition die Schwäche hat, dass uns Lesenden auch manch ein unbeholfener oder holpriger Text präsentiert wird, dass wir Zeugen von Aufregungen werden, die heute vielleicht der Autor selbst nicht mehr nachvollziehen kann oder wir müssen uns durch Texte quälen, deren Sinn sich uns nicht mehr erschießt; was besonders am Anfang von „Cartagena und Barranquilla“ der Fall ist. Des weiteren findet man natürlich spezifisch kolumbianische Themen oder eben Themen aus den Städten Cartagena und Barranquilla, die Namensgeber für diesen Band sind, doch wer sich – wie ich – für das Leben in Lateinamerika im Allgemeinen und in einzelnen Ländern wie Kolumbien im Besonderen interessiert, wird fündig.
Neben feinsinnigen Beobachtungen zwischenmenschlicher Beziehungen, in denen der zukünftige Autor von großen Romanen aufscheint, fallen Glossen über Literatur, Filme und ihre Macher auf, die für mich am interessantesten zu lesen sind. Auch dabei ist er nicht zimperlich und operiert bisweilen mit einer Chuzpe, die ich seinem jugendlichen Ungestüm anrechne (er ist zu der Zeit zwischen 21 und 25 Jahre alt), wenn er z.B. Thomas Mann oder Hermann Hesse attackiert; ersteren vergleicht er mit einem altbackenen Brötchen (was ich nachvollziehen kann), letzterem spricht er gar ab, den Literatur-Nobelpreis verdient zu haben (was ich für gewagt halte). Nun, zum journalistischen Handwerk gehört sicher auch die Polemik – zumal sie als Glosse ja sozusagen mit offenem Visier daher kommt und man sie nehmen kann wie immer man will – und GGM beherrscht sein Handwerk. Die oft fehlende Originalität dieses Jungen wird doch auch mit (damals) fast hellsichtigen Aussagen ausgeglichen, z.B. wenn er schon 1950 über Hemingways Selbstmord 10 Jahre später nachdenkt oder 1952 Sartre als zukünftigen „existenzialistischen Papst“ bezeichnet, den er als einen Mitarbeiter des französischen für Fremdenverkehrs-Ministeriums bezeichnet, der für amerikanische Touristen in Pariser Cafés stundenweise als Philosoph posiert..

 

Aber neben all den Berichten über große oder kleine Begebenheiten und den bereits angesprochenen einzelnen schlechten Texten, halte ich seine Kommentare und Glossen insgesamt doch auch für ein großes Lesevergnügen; z.B. die Glosse über die Absage Einsteins, dem die Präsidentschaft in Israel angetragen wurde, und in der GGM den Wissenschaftler recht liebevoll als den kauzigen Professor portraitierte, der so herrlich alle Klischees über kauzige Professoren erfüllt. GGM ist selbstverständlich nicht nur der groben Polemik fähig, von der ich oben schrieb, er zeigt uns auch feinste Ironie; z.B. wenn er den Besuch des (damaligen) niederländischen Prinzen Bernhard in Kolumbien aufs Korn nimmt. Und natürlich darf und will ich nicht unerwähnt lassen, dass selbstverständlich auch der politische GGM zu finden ist. Meine Lieblingsgeschichte ist vom 17.5.1950 „Versuch über den Regenschirm“: Die Regenzeit setzte ein und mit ihr die alljährlichen Überschwemmungen, Erdrutsche, die Zerstörung von Ernten und das Elend der ohnehin Besitzlosen. Die Regierung weiß das natürlich und ist mit dem Zustand insoweit zufrieden, als die Opposition ihr das Wetter nicht in die Schuhe schieben kann. Sie, die Regierung, beschließt aber, in diesem Zusammenhang dringliche, Maßnahmen. Der wichtigste Beschluss betrifft die Bestimmungen zur Kontrolle der Wechselkurse, mittels der die unbeschränkte Einfuhr von Regenschirmen erlaubt wird…

 

Natürlich braucht selbstverständlich niemand „Cartagena und Barranquilla“ wie ein Prosa-Stück von der ersten Seite an zu lesen. Das Buch ist so recht zum Stöbern geeignet und für mich lag ein besonderer Reiz darin, da alle 437 journalistischen Texte nach dem Erscheinungsdatum geordnet sind, bestimmte, mir bekannte Daten zu suchen und nachzulesen, über was GGM an diesem Tag wohl geschrieben haben mag; und ich bin schon auf den nächsten Band gespannt, weil ab dann die Daten meines Lebens zu finden sein werden. Man kann auch je nach Lust und Laune diese meist kurzen Texte lesen, wenn man einmal wirklich nur ein paar Minuten übrig hat und sich etwas unterhalten will. So wie der Autor damals den Alltag bearbeitete und ihm manchmal erheiternde, manchmal gar bezaubernde Momente abgerungen hat, so kann das Buch auch uns Heutigen den Alltag etwas besser machen. Seit mir GGM bekannt ist, habe ich in vielen Artikeln, Interviews oder Reden von ihm immer wieder vernehmen können, dass er sich immer auch an der Macht, den Machthabern und ihren Steigbügelhaltern gerieben hat – diese Sammlung zeigt mir, dass das selbst für junge Journalisten möglich ist und wie sie es anstellen können.

 

Schon in meiner Besprechung des ersten Bandes der journalistischen Arbeiten (also dem Band 5 der Edition), zitierte ich GGM mit dem Satz: „Der Leser muss das Gefühl haben, selbst am Schauplatz der Ereignisse zu sein“. Und wie in der Besprechung des eben genannten Bandes muss ich auch bei „Cartagena und Barranquilla“ bestätigen, dass er schon in seinen frühen Jahren sein Motto hat umsetzen können. Dabei finde ich und möchte zu Protokoll geben, dass mich die Frische seiner ungestümen Jahre wirklich gut unterhalten haben und noch unterhalten. Zugegeben, ich befinde mich politisch nicht im Widerspruch zum Autor und so mag es mir etwas leichter fallen als anderen, mich seinen politischen Ausführungen zu überlassen. Doch auch den Leserinnen und Lesern sei das Buch an Herz gelegt, die keine politischen Präferenzen mit dem Autor verbinden, da sein Engagement, seine scharfe journalistische Beobachtungsgabe, die stilistischen Mittel, sein Witz, die fesselnde Sprache, seine Originalität und selbst seine Frechheiten und seine Polemik zumindest sehr unterhaltsam sind. Ich bin sicher, so wie ich, wird auch das geneigte Publikum das Motto des Autors als eingelöst betrachten.

 

 

 

Wilfried John

 

 

 

Cartagena und Barranquilla – Journalistische Arbeiten 1948 – 1952

Gabriel Garcia Marquez

880 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Kiepenheuer und Witsch – Aus 2005

ISBN: 3-4620-3454-5

34,90 €